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I
5.fd
PARMENIDES
UND DIE GESCHICHTE
DER GRIECHISCHEN
PHILOSOPHIE
VON
KARL REINHARDT
1916
VERLAG VON FRIEDRICH COHEN IN BONN
PARMENIDES
UND DIE GESCHICHTE
DER GRIECHISCHEN
PHILOSOPHIE
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VON
KARL REINHARDT
1916
VERLAG VON FRIEDRICH COHEN IN BONN
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Alle Rechte vorbehalten.
Copyright 1916 by Friedrich Cohen, Bonn.
Ohlenrothsche Buchdruckerei
Georg Richters
Brfort.
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INHALT
Seite
Einleitung , i
I. Parmenides
1. Das Verbindungsglied zwischen den beiden Teilen
des Gedichts e 6
2. Der zweite Teil 10
3. Der erste Teil 32
4. Archaische Komposition 51
5. Verhältnis der beiden Teile 64
n. Xenophanes
1. Die doxographische Überlieferung 89
2. Die Fragmente 112
3. Kpicharm 118
4. Xenophanes in Blegien und Sillen 125
5. Xenophanes im I^ehrgedicht 145
6. Verhältnis zu Parmenides 152
III. HerakHt
1. Die überlieferte Chronologie 155
2. Die Quelle des Hippolytos 158
3. Weltbrand 163
4. Weltperioden und Kreislauf der Geburten 183
5. Verhältnis zu den Bleaten 201
6. Relative Chronologie 221
IV. Schulzusammenhänge
1. Der Philosoph P3rthagoras 231
2. Heraklit, Alkmaion, Pythagoreer 236
3. Protagoras und die Herakliteer 241
V. Logik und Mystik 250
Register 259
• «. • • »
* •
Seitdem die historische Forschung mit dem Klassizismus
aufgeräumt, die Urteile des Altertums beiseite gelegt und
selbst das Fragen und Prüfen in die Hand genommen hat,
hat sie zum alten Ruhme des Parmenides wenig hinzugeft^
und viel von ihm genommen. Die Ehrwürdigkeit der Person,
die ihm durch Piatons Dichtung zugesprochen war, der
Glanz, der ihn als ältesten Verkünder der Ideenlehre zu
umgeben schien, erwiesen sich, je. länger je mehr, als seinem
Wesen fremd, und seit am Ende auch die klassizistische
Wertung seiner Kunst, die sich am längsten noch gehalten
hatte, durch Diels glückHch umgestoßen ist, gestehen wir
uns, daß nicht einmal der Dichter an ihm echt sei, daß der
feierliche Mantel allzu fadenscheinig sei, um über die Dürft^-
keit und Nüchternheit seines poetischen Gebarens auf die
Dauer zu täuschen. Was man ihm für diese Einbußen zu
geben hatte, war eine feste Stellung und Bedeutung in der
philosophischen Entwicklung. Was man ihm nicht nehmen
koimte, war der Name des ersten Metaphysikers. Freilich
nur eines halben und noch dazu nicht einmal ganz originellen.
Aus dem Pantheismus oder Monotheismus des Xenophanes,
so stellte man fest, habe er den reinen Seinsbegriff heraus-
gezogen, mehr gesondert und gereinigt als gefimden oder
geschaffen. Dabei sei es ihm nicht übel gelungen, Gott
aus diesem Begriffe hinauszubringen, aber die Materie sei
ihm unversehens daringebUeben, habe das reine Sein erdrückt
und in der Gestalt der alles umfassenden Weltkugel sich
selber an dessen Stelle gesetzt. So sei das Werk auf halbem
Wege stecken geblieben, über die Entseelung des ursprüng-
Reinbardt, Pannebides. 1
9 '
• ■ »
•• - % • •
2 —
lieh göttlichen All-Einen sei es nicht hinausgediehen. Rechne
man außerdem die fruchtbare Bekanntschaft mit dem
Pjrthagoreertum und die nicht minder fruchtbare Gegner-
schaft mit HerakUt hinzu, so habe man der Voraussetzungen
übergenug, um dies System historisch zu erklären; aller-
dings ein seltsam eigensinniges, eckiges, einförmiges System,
für seine Starrheit und Begrenztheit unbegreiflich schlecht
gewachsen; und als ob es mit der bloßen Seinslehre, trotz all
ihrer unverbrüchlichen Gewißheit, doch noch nicht genug sei,
wird dem I^eser oder Schüler noch zu guter Letzt ein über-
langer Anhang dreingegeben, wo denn der Philosoph, des
trocknen Deduzierens endlich müde, aus seiner engen Wahr-
heit in die weite Welt des Scheins hinausspaziert, als habe er,
über dem All-Einen spekulierend, dem Versucher Menschen-
wahn nicht widerstehen können, der ihm rings umher
die schöne grüne Weide zeigte. Gibt man so zu ver-
stehen, daß es mit der absoluten künstlerischen und philo-
sophischen Leistung des Parmenides nicht allzu weit her sei,
so ist man um so bereitwilliger im Anerkennen seiner ge-
schichtlichen Bedeutung: daß er als Gegner der HerakHteer,
im Kampfe für das unbedingte Sein gegen das unbedingte
Werden, eine Spannung. und Dissonanz in die Naturphilo-
sophie gebracht habe, aus der als Lösungen nacheinander die
drei größten Schöpfungen ionischer Wissenschaft hervor-
gegangen seien: die Systeme des Empedokles, Anaxagoras
und Leukipp. So scheint Parmenides augenbUcklich außer-
halb der Fragen, jedenfalls der großen Fragen in der Wissen-
schaft zu stehen, denn das einzige, was bei ihm noch proble-
matisch scheint, sein schattenhaftes Pjrthagoreertum, würde»
auch wenn es wirklich einmal greifbare Gestalt gewinnen
sollte, doch an seiner Einschätzung m'chts ändern und ihn
jedenfalls nicht aus dem historischen Rahmen lösen, woreia
die Forschung ihn von oben und unten emgespannt hat.
Und doch gäbe es noch Fragen genug zu stellen, Fragen
freilich, die man zu allererst an diese Forschur^ selbst zu
richten hätte; als zum Beispiel: ob diese historischen Ver-
bindungen und Verknüpfungen, an sich betrachtet, so natür-
— 3 —
lieh und von selbst gegeben seien, wie die Philosophiegeschichte
es uns gerne glauben machen möchte? Ob man sich, zum
Beispiel, je genügend klar darüber geworden sei, was es
heiße, in Xenophanes den Lehrer des Parmenides zu er-
bUcken? Müßte nicht der Meister wenig Freude an ihm
erlebt haben, der Schüler einen sonderbaren Eigensinn
gehabt haben, sich die Gedanken seines Lehrers alle einzeln
anzueignen und dabei den Ausgangspunkt, den Zweck des
Ganzen hartnäckig zu leugnen, ja nicht einmal zu bekämpfen,
sondern sich zu stellen, als habe er sein Lebtag nichts der-?
gleichen je gehört ?^ Man mag sich mancherlei Möglichkeiten
ausdenken, ein theistisches oder pantheistisches Weltgefühl
mit dem begrifflichen Denken zu bewältigen: daß aus einem
solchen Denkprozeß die Philosophie der Eleaten hervor-
gehen konnte, müßte unbedingt als Rätsel empfunden werden,
^ Hier die bisherigen Antworten auf diese Frage: ,,Wir brauchen
daher nicht anzunehmen, daß ihn religiöse Scheu oder Vorsicht ab-
gehalten habe, sich über das Verhältnis seines Seienden zu der Gott-
heit zu erklären (Brandis comm. el., S. 178). Die Antwort liegt
näher: er tat es nicht, weÜ er ein ganzer, plastischer Phflosoph war,
seine Philosophie aber zur Aufstellung theologischer Bestimmungen
keinen Anlaß gab". Zeller I*. S. 516,3. „Bei XenQphMies, der mit
Recht als sein Vorgäoger iiiL Dichten und Denken betrachtet wird,
ist Gottheit und Welt eins, das Theologische herrscht in seinem etwas
engen Pantheismus sogar vor. Bei Parmenides fällt mit der ir^chen
Welt, deren Wirklichkeit er leugnet, "auch das transzendente Gegen-
stück die Gottheit fort. Es ist doch offenbar Abgeht, daß er in seiner
ermüdend vorgetragenen Charakteristik des All-Binen den Namen
QatteaLvermeidet. Br fürchtete durch Einmischung des den Men-
schen nie rein faßbaren Gottesbegriffes die hehre Majestät seines
■ewigen lEjin zu gefährden. Daher wohl auch die bei einem Hellenen
unbegreifliche Schemenhaftigkeit seiner göttlichen Gestalten." Diels
Parmenides, S. 8. „Was von Xenophanes mehr nur als ein religiöses
Postulat hingestellt worden war, die Einheit und Einzigkeit der mit
der Welt identischen Gottheit, wird von Parmenides als eine me-
taphysische Theorie aus rein begrifflichen Untersuchungen ent-
wickelt. Derjenige Begriff aber, welcher dabei in den Mittelpunkt
gerückt wird und schließlich den Umkreis aller übrigen verschlingt,
ist der des Seins." Windelband-Bonhöffer, S. 47. Mir scheint diese
Erklärung eher die Schwierigkeiten zu verschleiern als zu lösen.
Ebensowenig zu folgen vermag ich Gomperz, Griech. I Denker, S. 146.
1*
— 4 —
hätte man nicht allzu sehr schon sich an die historische Kon-
struktion gewöhnt; um von noch ganz anderen Rätseln vor
der Hand zu schweigen. Aber solche allgemeinen Betrach-
tungen haben ein starkes und begründetes Mißtrauen gegen
sich, denn die historische Notwendigkeit hat sich, wie billig,
immer erst aus der Zufälligkeit der Tatsachen zu ergeben.
Also beginne ich Ueber mit diesen. Und um es gleich vorweg
zu bekennen: es liegt mir auch gar nicht so viel an einer neuen
historischen Einreihung als vielmehr daran, daß Parmenides
einmal zu Worte komme, daß ich ihn zum Reden bringe
Ich gestehe, eine Vorliebe für ihn zu haben und zu glatfben,
ihm zu seinem Rechte verhelfen zu müssen. Und vielleicht
hat er auch wirklich ein besonderes Recht darauf, einmal für
sich allein gehört zu werden, ohne Rücksicht auf den Streit
der Schtden und den Fortschritt des Gedankens. Denn er
erklärt sich schwer, und manches, was in seine Verse nicht
hinüberkonnte, was in seinen Gedanken stumm zurückblieb,
will noch zwischen den Worten und Zeilen und selbst zwischen
den Teilen seines Gedichtes gelesen sein.
I
Die Stelle, an der Parmenides das Verhältnis zwischen
Sein und Schein bestimmt, mit anderen Worten das Gelenk,
das beide Glieder seines I^ehrgedichts zusammenhält, ist
auffallend unscheinbar und schwach entwickelt im Verhält-
nis zu den widerstrebenden Massen, die es zu verbinden und
in ihrer wechselseitigen Beziehung zu bestimmen hat. Man
kann es übersehen und dann glauben, ein bloßer Zufall
habe zwei Systeme anemandergefügt, die ebenso gut ge-
trennt sein könnten. Aber noch mißUcher ist, daß gerade
an dieser Stelle die Worte selbst so dunkel sind, daß sie bald
mehrere, bald gar keine Erklärung zuzulassen scheinen
(Fr. 1, 28 Diels) :
XQ£^ ^i <^^ Ttdvxa nvQiaOai
riljhf aXrjdeirj^ evTCvxldo^ dtgeibte^ ijrog
ridk ßgorcov dö^a^, xal^ ovx Ivi nlaxi^ äXrjdij^.
äXX^ Ijnm]^ xal xaiha fjaOTJaeaiy c5^ rd doxovvta
XQfjv doxlfjujD^ elvai dta navxo^ ndvxa Jiegajvra.
Wie ich hier die Worte getrennt habe, und wie sie sich
in der Tat bei weitem am natürlichsten zu trennen scheinen,
stehen sie zwar nicht zu lesen in Diels Sammlung der Frag-
mente, aber haben dafür in Wilamowitz ihren Fürsprecher
gefunden (Hermes XXXIV, S. 204). Wilamowitz nimmt
bei seiner Erklänmg Fr. 8, 60 hinzu, die Stelle, wo die[ Göttin
den Übergang zur dö^a macht: „Das nennt sie", erklärt er,
„einen dtdxoa/jov iotxöra Jidvxa, wie mich dünkt, nicht ,eine
Weltordnung ,ganz wie sie erscheint', ;sondern ,eine, die
ganz scheinbar ist', die zwar nur eine Meinung, also trüglich
ist, aber eine in sich geschlossene und durchaus wahrschein-
— 6 —
liehe, ,so daß kein Sterblicher mit seiner yviofjirj dir den
Rang ablaufen kann'; wie oft operieren alle Sophisten mit
dem iotxöra iiyeiv. Dem entspricht es, daß rä do>covvta dta
navrd^ ndvra TtsQcbvra sind, daß sich jeder Satz durch das
ganze lyehrgebäude hindurch bewährt, daß neben die Wahr-
heit die in sich geschlossene konsequente Hjrpothese tritt.
In diesem Falle rä doxovvxa doxi/buo^ icncl rotaiha, oder besser
in der Rede des Eleaten doxi/Mo^ Saxi, die Hypothesen haben
in einer probehaltigen Weise Realität."
Wenn Diels sich dieser Erklärung und Kritik verschloß,
wenn er trotzdem glaubte an seiner früheren Auffassung
festhalten zu müssen, daß in doxl/Mo^ die Verbalform
doxi[Mba((u) stecke, wenn er das sonderbare Wort^ und die
starke metrische Härte in solcher Nachbarschaft ertrug, so
tat er das, nicht um aus diesen Worten selbst den nächsten
besten Sinn heraus zu lesen, sondern um den Sinn des Ganzen
einigermaßen zu retten. In der Tat, sobald wir der be-
gründeten, der probehaltigen Hypothese Einlaß geben,
dringt damit eine Tendenz in das Gedicht ein, die mit den
klarsten und entschiedensten Erklänmgen des Dichters un-
vereinbar ist. Wozu dann noch hervorheben, daß diese
do^a lyUg und Trug ist ? daß sie ßqor&v dö^a ist, geschaffen
von den Sterblichen (und man erinnere sich, mit welcher
Geringschätzung Parmenides dies Wort in den Mund nimmt),
daß sie leerer Schall und Name ist, dem keine Spur von
Wesenheit und folglich keine auch noch so bedingte Wahr-
heit oder Wahrscheinlichkeit zugrunde liegen kann ? Sollen
wir also zu Diels zurückkehren und mit ihm übersetzen:
„Doch wirst du trotzdem auch das erfahren, wie man
bei gründlicher Durchforschung annehmen müßte, daß sich
jenes Scheinwesen verhalte ?" Denn eins von beiden, scheint
es, müssen wir wohl in den Kauf nehmen, die Unge-
reimtheit entweder im Großen oder im Kleinen, entweder in
der gesamten Konzeption oder im Ausdruck eines einzigen
^ öoKlfimiu: Ö09C& xal otofjuu Hesydi. So steht es bei Sappho
zweimal, Fr. 37, 69. öom/x&acu = doxi/idaai nur in der Imitation des
Pherekydesbriefes Laert. I, 122.
— 7 —
Satzes. Aber es gibt einen Einwand, der sich gegen beide
Erklärungen zugleich erheben läßt : das Wörtchen XQ^^- Bei
der einen wie bei der anderen müßte man dies Wort in einem
. Sinne fassen, der ihm sonst im älteren Griechischen durchweg
fremd ist. Es müßte dazu dienen, einen Fall zu setzen, eine
Möglichkeit zu eröffnen, einer Annahme in Geds^nken Raum
zu geben, während es sonst gewöhnlich eine Anklebe, sei es
an das Schicksal, sei es an die Menschen einleitet: wie etwas
hätte geschehen sollen oder noch geschehen sollte, während
es in Wirklichkeit nicht so geschehen sei. Daneben gibt es
Fälle, wo es sich so weit verfeinert oder abgeschliffen hat, daß
es der gröberen Bedeutung nach mit XQ'^ zusammentrifft.
Doch dieser abgeleitete Gebrauch darf zur Erkläruiig unserer
Stelle noch viel weniger herangezogen werden als der ausge-
sprochene Irrealis. Es kann mitunter vielleicht höflich sein,
von etwas Möglichem und selbst Erwartetem zu reden, als
ob es unausführbar wäre, aber eine solche Höflichkeit wäre
doch nur da am Platz, wo eine Aufforderung an eine zweite
Person zu richten ist. So findet sich, soviel ich sehe, dieser
Irreal der Höflichkeit, wenn man ihn denn so verstehen
will, auch nur in solchen Fällen wie im Plutos, v. 406: BX,
oifxovv laxQov eladyeiv ixQV'^ rem; Xq. xl^ &f\x' laxQÖ^ iaxi vvv
iv xfl 7i6Xbi; oder v. 487 äXX ijdrj XQV'^ ^e kiyeiv v/m^, oder end-
lich, um auch das von Diels (S. 59) gewählte Beispiel anzu-
führen, im Gorgias, S. 458 B : laoo^ fiivxoi XQW ^oelv xal xo
x&v Ttagövxcov (xQf}v BT PF). Freilich, um die Wahrheit zu
gestehen, gerade bei ihrer Vergleichung rufen diese Fälle
denn doch einen starken Zweifel wach, ob ihre Deutung auf
lauter Höflichkeiten auch die richtige sei. Weshalb z. B. setzt
der Megarer in den Achamem in der Aufforderung das
Imperfektum statt des Präsens? Schwerlich doch aus Höf-
lichkeit, V. 778: qxovei dij xi> xaxico^ axotqiov' ov XQV^^^ aiyfjv,
& >caxun äjtokovfiivou^ Es ist wohl möglich, daß der spätere
^ Ähnlich steht das Tempus der Vergangenheit bei Aufforderungen
in Frageform: Plato Prot. 310 A Tl oi^ od ditiyiiaco ^fjiXv n^v (wovalop;
ndvv fih oih. 317 D Tl oih <yö Kai IlQÖdtxov xal *l7mlav bcaUcafiBv;
IJdvv ixh oih.
— 8 —
viel allgemeinere Gebrauch des Imperfektums idei, X9V^ 0^^
Strabo, Philo usw.) sich aus der Aufforderung entwickelt hat; J
doch wie dem auch sei, aus der älteren Sprache ist mir ^
jedenfalls kein Fall bekannt, wo XQV^ zum Ausdruck einer
Regel diente. Im Hippolytos, v. 467, sind wir gewiß mit i.
Recht gewohnt zu lesen: ovd' ixnoveiv roi XQV ß^^'^ ^^'«^
ßqoxo'd^ (XQij LPZ: XQV^ MA V), Und vollends gänzlich anders
will der Anfang der hippokratischen Schrift Tteql äyfMov beurteilt
sein. Der lautet allerdings: ^XQV'*^ ^^r IrjTQov rwv ixTtxaxjloyv xe
xai xaxrjy/juitcov cog' idvtaxa TtoielaOai rä^ xaxaoxdaiai^, doch
braucht man nur weiterzulesen, um zu merken, daß der
Verfasser gegen die Praxis seiner Berufsgenossen protestiert: ,^
ixSxri yoQ ij dixcuoxaxri qröoi^' fjv di xi iyxkivrj fj xfj fj xfj, inl
xd TtQfive^ giTteiv' iidaacov yoQ tJ ä/üuiQxä^ f\ enl xo vjtxiov, ol
ßiiv O'öv fjLtjdh TtQoßovXevovxai, ovdev i^afjUXQxdvovaiv &^ inl xd
TtoX'A . . ol de ItjXQol aoq)iI^6fievoi dfjOev eaxiv ot ä/LuiQxdvovaiv,
dv€tyxdCo/jUii de nXeico yqdfpeiv Tieql avx^^, öxi olda lijCQoif^ aoq)oi>^
döSavxoL^ elvai djto axrifmxfov x^^^^ ^^ inidiaeiy 09?' &v d/jodda^
aöxo'ö^ iXQ'^v doxeiv elvai . dXkd ydg noXkä oüxo) xwixYj^ xfj^ xix'^^
xQivexai. — Aber selbst gesetzt, der Irrealis könnte eine Höflich-
keit bedeuten und die Göttin des Parmenides hätte ihrem
Jünger gegenüber eine Anwandlung zu einer solchen Höflich-
keit verspüren können, ohngeachtet ihre Worte allgemeine
Gültigkeit beanspruchen : so wäre doch, was sie sagt, damit um
nichts verständhcher geworden. Denn mag der IrreaUs noch
so höflich sein, er kann doch nimmermehr zum Potentialis
werden. Und doch ist es gerade das Bedingte, Hypothetische,
was ihren Worten, nach der allgemeinen Auffassung, nicht
fehlen darf. Sind wir also schon entschlossen, aus XQV'*^ ^i^^
Bedingung herauszulesen, so muß diese notwendig irreal
sein. Danach müßte sich also nach Diels lycsung (denn die
andere schiede dann von selber aus), der Sinn ergeben: „wie
man den Schein sich hätte vorstellen müssen, wenn man ihn
gründHch untersucht hätte." Also ein Protest gegen die
herrschende Philosophie, nicht weil sie die Wahrheit sondern
den Schein verfehlt hätte? Aber darüber ist kein Wort
weiter zu verUeren. Sollen wir es also, der vortrefflichen
-„-,...*J*;V
— 9 —
Überlieferung zum Trotz, mit X6^ versuchen? Oder, was
dem Sinne nach auf dasselbe hinauskommt, aber der Sprache
wegen noch weit mißlicher wäre, sollen wir XQV'*' behalten
und ihm die Bedeutung von XQV unterlegen, wie Euripides
vielleicht sich an zwei Stellen ein reJ XQ^'*'^ erlaubt hat^?
Sollen wir demnach übersetzen: „wie man den Schein sich
vorzustellen und nach allen Regeln zu erklären hat?" Oder
nach der anderen Worttrennung: „wie der Schein beschaffen
sein muß, um stand zu halten und sich in jedem Satze durch
das ganze Lehrgebäude zu bewähren ?" Aber sobald das Hypo
thetische wegfällt, wird der Widerspruch des einen Satzes zum
gesamten Gedicht soninerträglich, daß man einen solchen Aus-
weg kaum schnell genug wieder aufgeben kann. Und doch muß
Parmenides mit diesen Worten etwas haben sagen wollen, und
ihr Sinn muß um so wichtiger gewesen sein, je mehr er sich
verbirgt. Und in der Tat gibt es noch eine MögHchkeit, die man
bisher ganz außer Acht gelassen hat: das XQ'^'*' nach seiner
einfachsten Bedeutung zu verstehen, ohne bedingenden Neben-
sinn, ledighch von einer Notwendigkeit, die einmal da war;
also nach dem Beispiel aus Herodot I, 8: XQV'^ Y^Q Kavöad^rj
yevdaOcu xaxa>^. Übersetzt würden dann die Worte lauten:
„Wie der Schein, die Vorstellung zu Gültigkeit gelangen
sollte un4 das Weltbild ganz und gar durchdringen." Diese
I/ösung hätte vor der Dielsschen, wie mir scheint, den
Vorzug größerer Ungezwungenheit und Leichtigkeit; sie
wäre aber noch aus einem anderen Grunde vorzuziehen: es
müßte schon ein sonderbarer Zufall walten, wäre der be-
griffliche Kontrast der beiden stammverwandten Wörter
ÖOTtelv und doxljbuo^ nicht mit Fleiß gesucht (vgl. Wilamo-
witz). Dasselbe Wortspiel, nur noch sinnfäUiger hervor-
gekehrt, kehrt wieder bei Heraklit Fr. 28: doxdovra yäg 6
doxifjulnaxo^ yivioaxei. Es wäre schon dieses Anklangs wegen
bedenklich, das doxljbuo^ bei Parmenides zu ändern. Wie
aber steht es um den Sinn? Der zweite Teil des Parme-
nideischen Lehrgedichtes eine Geschichte des menschlichen
* S. Wilamowitz, Herakles II zu v. 311,
— 10 —
Irrtums ? Weder Eristik noch Hypothese, sondern der Nach-
weis, daß der Irrtum seinen Grund habe, die Erklärung, auf
welchem Wege er in die Welt gekommen ? Und nicht nur das
Altertum hätte Parmenides im allergröbsten mißverstanden ?
Und das Gedicht wäre in Wahrheit einheitlich, in einem
Grade, wie wir es nie bisher geahnt hätten ?
Das Hauptstück des zweiten Teils, »von dem wir einige
Kenntnis haben, ist die lychre von den Himmelskränzen.
Was Aötius darüber berichtet, macht den Eindruck großer
Zuverlässigkeit, weil es auf jede Ausdeutung verzichtet;
offenbar hat er es aus Theophrast. Die Worte lauten (Fr.
A 37; Dox. 335): IlaQfxevi&ri^ oxeq>dva^ elvcu TteQUteTzXeyfiivoi^,
inaXXijXov^, ktt/v /ülsv ix xov twhvov, rijv di ix xov ägaiov, xal
n6Xiv>^ rijv jülsv ix rov ägcujov, riyr di ix xov twxvov' jMxta^
de äXkai^ ix qxjord^ xal axörov^ fxsxa^ rovtoDV, xal w nsQiixov
di 7zdaa4 reixov^ dlxriv oregedv indQXSiv, iq>'4> Tivgoyötj^ axeq)din]9
xal ro fieaalraxov naaöyv arsQeöv, neql S (Boeckh; tieqI Sv F,
Ttegl (5r P, vq>' ^ Diels) TtdXiv 7WQd>dri^ [sc. (n€q>dvji], r&v de
avfjLfjuyöyv rijv fxeaavtdxriv dndaai^ <aQXijv: Diels nach SimpHc.>
re xal <ainav> xivijaeco^ xal yeveaeco^ ijioQxeiv ^^vtiva xal dai/wva
xvßeQvfjriv xal x^ijdovxov inovo/juiCei Aixrjv re xal ^Avdyxrjv.
Um zu bestimmen, was Parmenides sich unter diesen Kränzen
vorgestellt, wie er sie geordnet und ineinandergelegt gedacht
hat, müßten wir vor allem wissen, ob er das Weltgebäude,
so wie es ist, in einem Sphärenbau hat unterbringen wollen.
Von mir ergänzt. Es läßt sich nicht bezweifeln, daß die Kränze,
die im zweiten und dritten Satz ausführlicher beschrieben werden,
dieselben sind wie die im ersten Satz genannten; den Worten x&v da
av/A/uy&p im dritten Satz entspricht im ersten fwctäg öi dWog.
Folglich müssen sich auch die näorn in der ersten Aufzahlung voll-
zählig wiederfinden, aber dann sind hier zwei zu wenig. Dazu kommt,
daß auch der Ausdruck TteQUieTtXeyfjiÄvag, imd^^vg nicht zu passen
' cheüit, wemi darauf nur zwei Kränze folgen.
.>,^. ^^*«w*>;.'*;^^'*&K^-ä25Säif'
— 11 —
oder ob er eine Ordnung hat beschreiben wollen, die der
gegenwärtigen Weltordnung vorausging, oder endlich, ob
die Kränze ihm der bildliche, symbolische Ausdruck der
Gesetze und Gegensätze waren, die er im Himmel und auf der
Erde sich wirkend und waltend dachte. Da uns die Über-
lieferung auf diese Fragen keine gerade Antwort gibt, bleibt
uns nichts übrig, als die Konsequenzen, die sich aus einer
jeden dieser Annahmen ergeben, mit dem Wortlaut des Be-
richtes zu vergleichen und auf ihre Wahrscheinlichkeit zu
prüfen.
Setzen wir den ersten Fall, so wird im Text die Änderung
notwendig, die Diels vorgeschlagen hat; denn einen Feuer-
ring um die Erde gibt. es nicht, die Erde muß das Feuer in
sich bergen: v^' & TtdXiv 7tvQ(odrj^. So ergeben sich fünf
Sphären in folgender Ordnung: als äußerste das Firmament,
die feste Schicht, die alle übrigen umschließt, darunter ein
Ring von ungemischtem Feuer, dann eine Anzahl Ringe, in
denen Feuer und Dunkel sich mischen, also offenbar die
Sphären der Gestirne, dann, mit Überspringung der I^uft,
der harte Erdmantel und darunter wiederum, wie unter dem
Firmament, ein Ring von reinem Feuer. Diese Interpretation
ist klar und scharf, aber sie ist gewaltsam; sie hängt ab von
Theophrast und setzt sich über Theophrast hinweg; denn
wenn wir negl S in iq)* 4* ändern, korrigieren wir keinen
Schreiber, sondern den Aötius selber. Hätte der das Feuer
als den Kern der Erde, die Erde als runde Kruste um das
Feuer sich gedacht, so hätte er nicht die Erde ein fieacUxaxov
7iaa(bv (!) aregeov, im Neutrum, und das Feuer eine axefpdvrj
genannt; denn jeder Kranz ist hohl und legt sich um ein
anderes herum; und noch viel weniger hätte er die beiden
Sätze: xai ro negUxov dk 716/004 axegeöv — xal ro fieoaixaxov
Ttoja&v axegeöv so mustergültig klar einander entgegengesetzt.
Dazu kommt noch ein weiteres Bedenken : hätte Parmenides
wirklich die feurige Beschaffenheit des Erdinnem geahnt oder
erschlossen und aus diesem Grunde die Erde in zwei konzen-
trische Sphären eingeteilt, so stände er damit allein unter
allen griechischen Philosophen. Denn sie alle kennen die
- 12 - .
Erde nur als Einheit, wohl mit mancherlei unterirdischen
Feuer-, Wasser- und I^uftadem durchzogen, aber als Himmels-
körper einheitlich wie Sonne und Mond. Und Parmenides
sollte seinen Himmel bis unter die Erde hinab beschrieben
haben, sollte unter dem Festen und Schweren einen zweiten
Himmel, gleichsam einen Erdhimmel, aus lycichtem und
Dünnem angenommen haben? Und überdies, wo bhebe die
Athmosphäre ? Halten wir dagegen am überUeferten Wort-
laut fest, so begegnen wir bei Aetius sicherUch keinem Wider-
spruch; das TtdXiv steht durchaus zu recht, wenn von der
Mitte wie vom Rande der Welt gerechnet, sich die gleiche
Reihenfolge der Elemente ergibt: die ungemischten Sphären
an den Enden, die gemischten in der Mitte zwischen diesen.
Diese Erklärung schafft auch, wie mir scheint, die einzige
Möglichkeit, die bei Simplicius überUeferten Verse mit'Aetius
in Einklang zu bringen (Fr. 12) :
Ol yäq axeivöregai nXfjvro nvqo^ äxQijrou),
al d*e7zl xal^ wxrö^, fisxä de q>koyd^ lexai alaa'
SV dk fji4a(p xovxoyv dai/Mov ij ndvra xvßegva'
ndvxa yäg <fj> axvysQolo röxov xal fu^io^ ^QX^f'
nifjuiova ägaen 6f}lv fjLiyfjv rö x ivavxlov aiki^
ägaev OrjkvxeQO),
In seiner Erklärung gibt Simplicius (Phys. 34,14), ab-
weichend von Theophrast, der Göttin ihren Sitz nicht in
der mittleren Region des Himmels, sondern in der Mitte des
Alls. Das ist besonders darum wichtig, weil es zeigt, daß in
den folgenden Versen jedenfalls die Erde nicht mehr vorkam,
daß vielmehr die Aufzählung mit der Beschreibung der
Göttin schloß. Ob Simplicius oder Theophrast im Recht ist,
läßt sich, wie es scheint, nach der Gewichtigkeit der Zeugen
nicht allein entscheiden; Diels hat dem Simplicius zuge-
stimmt (Kommentar, S. 107). Ich würde dagegen gewiß
nicht wagen, mich auf Theophrasts Autorität zu berufen,
wenn ich nicht die Empfindung hätte, daß bei jeder an-
deren Erklärung Kraft und Schönheit dieser Verse oder viel-
mehr des Gedankens verloren gingen; denn die Gewaltige,
Unerbittliche, die allenthalben der weherfüllten Geburt
— 13 —
und Mischting waltet und das Weib dem Manne und den
Mann dem Weibe zur Gattung sendet, kann doch wohl an
keinem anderen Orte thronen, als wo Nacht und Flamme
durcheinanderfahren und sich pa^^n und mischen. Und
wir werden uns hüten, sie der Sonne oder der Erde gleich-
zusetzen, sie, die Lebensschafferin und Weltschöpferin, die
das Entgegengesetzte zwii^ und bindet, Nacht und laicht,
das Männliche und Weibliche und wohl auch Freude und
Schmerz. Hatte aber die Göttin ihren Sitz inmitten der
gemischten Kränze und schloß die Aufzählung der Sphären
mit der Göttin, so folgt daraus notwendig, daß Parmenides
bei der Einteilung des Alls gleichzeitig von dem äußersten
wie von dem innersten Kreise ausgegangen war, das heißt
auf beiden Seiten vom Begrenzenden und Festen. Denn
Kreis und Kugel haben, nach pythagoreischer Anschauung
(Aristot. de caelo 293 a, 30), zwei Grenzen {nigata), Mittel-
punkt und Peripherie. Seinen Standpunkt wählt er nicht
in dem konzentrischen Mittelpunkte sämtlicher Kreise,
sondern mitten zwischen Zentrum und Peripherie, dort wo
er sich auch die Göttin thronend denkt. Dann liegen zu
äußerst die beiden begrenzenden Festen, daran schließen sich,
der Mitte zu, auf beiden Seiten je ein näherer, ein „engerer"
Kranz aus reinem Feuer — daß es nur zwei Feuerkränze
waren, sagt ausdrücklich Aetius — endlich folgen die ge-
mischten Sphären {cd d'inl xal^), und die Göttin in deren
Mitte macht den Schluß. Das ist genau dieselbe Reihenfolge,
die auch Aetius in seiner Beschreibung inne hält. Ich sehe
keine andere Möglichkeit, die Verse zu erklären; denn ver-
steht man unter inl die Richtung von der Peripherie zum
Mittelpunkt, so müßte auf den zweiten Feuerkranz, den
Diels in die Mitte der Erde verlegt, wieder ein ganzes Bündel
gemischter Kränze folgen,' und wo die Göttin dann h fxiato
ToikcDV bleiben sollte, Heße sich nicht einsehen.
Aus alldem ergibt sich, daß die Kränze eine rein kosmo-
gonische Konstruktion sind und mit dem Weltbilde des
Parmenides nicht verwechselt werden dürfen. Der erfahrene
Theophrast ist viel zu vorsichtig und einsichtig dazu, um
— 14 —
den geringsten Versuch zu irgendwelcher Ausdeutung zu
machen; er redet mit Bedacht vom Dichten und Festen,
Feurigen und Dunkehi, kurz nicht von den Himmelskörpern,
sondern den Elementen; denn die beiden Gegensatzpaare
fallen für Parmenides in einen einzigen Gegensatz zusam-
men, den der Urelemente Licht und Finsternis. Und was
die sorgfältige Wahl der Worte bei Theophrast besagen will,
lehrt mit der gewünschten Deutlichkeit die zweite Hälfte
seines Berichtes: xal rfj^ fxev yrj^ oJtöxQiaiv slvcu rov aiqa d(ä r^v
ßuujoxiqav avzfj^ i^ax/üuaOdvta mkrjaiv, xov di nvqo^ dvcurtvoiiv rdv
ijXiov xal rov yaXaSlav xvxkov* avfjL/uyfj d'^l äfxq)oiv elvcu x'qv
aeXijvriv, rov rädgo^ xal rov tzvqö^' TtsQundvto^ d^ävandto)
ndvrcov rov alQiqo^ in am(b ro TWQcöde^ vnorayfjvai rovS*
ÖTtBQ xexkTJxa/biev ovgavöv, vq>* (5 i\&ri rä Ttegiysia. Die Worte
lassen keinen Zweifel, daß wir uns inmitten einer Kosmo-
gonie befinden; nicht der fertige Zustand, sondern die
Entstehung wird geschildert. Es wäre vergebUche Mühe,
wollte man den Äther oder die Gestirnswelt oder die Erde
unter den Kränzen der Elemente unterbringen; wenn Aetius
beides streng getrennt hat, dürfen wir es nicht vermengen.
Und die Erde ist ja erst durch ein Zusammensinken und
Zusammendrängen alles Schweren aus den Ringen der
Elemente entstanden: [Plut.] Strom. 5 (Vors. 18A22) Uysi
de rrjv yfjv rov twxvov xaxaqQvivxo^ l&iqoi delevi^] yeyovivau
Das eine gehört dem Kosmos an, das andere dem Chaos.
* digog möchte ich streichen, weil xd tivkvöv ein fester Terminus
ist und außerdem A€tius sagt, Parmenides habe die Luft für eine
ändxQiatg r^g yrjg gehalten. Ich weiche in ' der Erkläfung ab von
Diels (Parmenides, S. 99), der beide Angaben zurecht bestehen
läßt und ihren Widerspruch damit beseitigt, daß er voraussetzt,
auch Parmenides habe, wie vor ihm Anaxünenes, die Heraklitische
öödg ävcD nAtm, den beständigen Wechsel der Elemente gelehrt.
Ich habe dagegen einzuwenden, daß erstens Heraklit in seiner Ble-
mentenlehre, wie ich glaube, als der schroffste Gegner aller ionischen
Physik auftrat (Näheres darüber imten), und zweitens, daß es dem
Doxographen um die Kosmogonie zu tun ist, und daß jede Kosmo-
gonie, auch die des Anaztmenes (vgl. Fr. A 6), an eine bestimmte
Reihenfolge in der Entstehung der Weltkörper gebimden war.
— 16 —
Zwischen beiden ist wohl, ähnlich wie bei Empedokles,
ein Zustand chaotischer Mischung anzunehmen, aus dem
das lycichte allmähUch nach oben gedrängt, das Schwere
nach der Mitte gezogen wurde. Dann fanden von oben und
unten Ausdünstungen statt: unter dem Himmelsfeuer ent-
stand die Milchstraße, darunter aus den festeren Feuer-
teilen die Sonne, aus noch schwereren in tieferer Region der
Mond^. Umgekehrt stieg aus der Erde Wasser und I^uft
empor. Im Monde trafen beide Ausdünstungen zusammen,
er ist gemischt aus Feuer und lyuft. IIvxvöv nnd dgaiöv be-
deuten, wo sie auch vorkommen, die Elemente oder die
Aggregatzustände des Urstoffs, nicht die Himmelskörper
und nicht die Himmelsphären, sie sind kosmc^onische,
nicht kosmographische Begriffe. Das Parmenideische Chaos
ist nun freiUch ein geordnetes Chaos, aber darum nicht
weniger ein Chaos als der Sphairos des Empedokles; ja es
vereinigt in sich die beiden chaotischen Zustände, die Empe-
dokles periodisch aufeinander folgen läßt: noch liegen an den
beiden Enden sich die Elemente feindlich in getrennten
Ringen gegenüber, während in der JMitte schon die Göttin
mit dem Werke der Mischung und Verbindung und der Welt-
schöpfung beginnt: Tidvra xvßegv^. Ich kann die zugrunde
Hegende Vorstellung nicht besser anschauHch machen, als
indem ich sie aus ihrer Umgestaltung in den Worten des
Empedokles hervorzuziehen suche (Emped. Fr. 35) :
iTtel Neixo^ [asv eviqraxov Ixexo ßdvBo^
ölvrj^y iv dk fiiafi OiXöxri^ axQOipaXvyyi yhrftai,
iv rfj dij rdds ndvxa owiQxezai Sv fjLovov elvai,
ovx äipoQy aXkä BeXripA avvundfxev* äkXodev äXXa'
Tiöv di x€ fxiayo/xivojv %eIx SOvea fivqla Ovrjrdyv*
TtoXXä S" äfiewx Sarrixe xegaiofiivoiaiv ivcdkd^,
8aa hl Neixo^ iqvxe /bterdgaiov ' ov yäg äiJiefX(pi(o^
r(bv Ttäv iSdarrjxev in eaxccta xiqfjuxta xvxXov,
äXXä rä /j4v r ivifu/xve, fieXioyv xä öd r i^eßeßijxeL
^ Fr. A 43 UaQ/ievldrjg t6p rjliov xat rifv o^kfynf» ix xov yaXailov
xvxlov änoxQidfjvai, idv fih dnd tov dQcuoriQov /jUypunog (S di) deg/xtSv),
xifv di änd tov nvxvatiqov (öneg yfvxgd»).
— 16 —
Sobald der Streit von außen in den Sphairos eindringend
die unterste Tiefe, also doch wohl den Mittelpunkt des
Wirbels erreicht hat und die I^iebe in der Mitte der Kreis-
bewegung angelangt ist, da schließt sich zur Einheit alles
rings um sie zusammen, aber gemach und nicht auf einmal,
denn allmählich erst weicht der Streit und räumt der nach-
dringenden I^iebe das Feld. So lagern an den Enden noch die
Stoffe unvermischt und unvereinigt nebeneinander, indessen
in der Mitte schon die Weltkörper im Werden sind. So
kommt Empedokles auch mit dem Grundgedanken seiner
Physik ganz überraschend nahe an Parmenides heran. Die
beiden haben in der Tat weit mehr miteinander gemein als
seinerseits Parmenides mit Anaximander. Der Vergleich
der Kränze mit den Stemrädem Anaximanders hat dem
Verständnis nur im Wege gestanden. Die areqxivai können
schon um ihres Namens willen mit den Gestirnen nichts zu
tun haben. Alles Rätselwesen, alles was die Alten yQiq>o^ nann-
ten, ist dem Parmenides so fremd wie dem Empedokles und
Ileraklit geläufig. Fällt es uns schwer ihn zu verstehen, so
Jiegt das an keiner gesuchten Dunkelheit; er nennt die
Dinge überall bei Namen. Und wie deutlich redet er vom
Äther und Olymp und Bummel und den Himmelskörpern
in dem zehnten und elften der Fragmente! Soll er un-
mittelbar nach dieser klaren Einleitung dieselben Dinge
im Orakelton besungen haben? Ich denke, fing er alsdann
von Kränzen an zu reden, die aus dünnen und festen Stoffen
umeinander geflochten seien, so stand eins von vom herein
fest: daß er nicht den Himmel und nicht die Sterne meinte.
So hätte sich denn der erste der drei Wege, zwischen
denen wir die Wahl hatten, als ungangbar erwiesen, und
der zweite hätte uns so glatt ans Ziel gebracht, daß wir
nach dem dritten nicht mehr zu fragen brauchten. Aber mit
den Rätseln dieser Kosmc^onie sind wir damit noch nicht
am Ende. Was will sie nur ? Denn als Ergebnis reinen, unbe-
fangenen Nachdenkens über die Stoffe der Welt, wie es die
Kosmogonien eines Anaximander und Anaximenes gewesen,
sein mögen, konnte gewiß ein so seltsames Gebilde wie dieses
— 17 —
Chaos nicht zustande kommen. Es ist ein Ausdruck, zweifel-
los ; aber ein Ausdruck wofür ? Für solche, die vor dieser Frage
ausweichen und zu den Pythagoreem ausfluchten möchten, sei
bemerkt, daß diese lychre ein völHg in sich geschlossenes, in
sich selbst ruhendes Ganze ist und nirgends auch nur mit
einer Fingerspitze aus ihren Gedankenkreisen hinaus auf die
I/ehrmeinungen anderer Sekten hinweist. Nur aus dem
Ganzen kann das Einzelne, nur aus der Seinslehre die Kosmo-
gonie verstanden werden;
Einen guten Schritt der Lösung entgegen führt uns
zunächst die Göttin selber. Man hat bisher ein wichtiges
Zeugnis über sie nc)ch nicht ausgenutzt, das Zeugnis Ciceros
de nat. deor. I, 11, 28 (Fr. A 37): „Nam Parmenides
quidem commenticium quiddam: coronae simile efficit
(Stefanen appellat), continente ardore lucis orbem, qui
cingit caelum, quem appellat deum; in quo neque figuram
divinam neque sensum quisquam suspicari potest, multaque
eiusdem .<modi> monstra: quippe qui Bellum, qui Dis-
cordiam,^ qui Cupiditatem ceteraque generis eius-
dem ad deum revocat quae vel morbo vel somno vel
oblivione vel vetustate delentur". Unter diesen sonder-
baren Worten stecken doch offenbar die Gestalten Gdvaxo^,
"Ynvo^, AijOt], ri]Qa^, eine aus Sage und bildender Kunst
uns wohlvertraute Schar, als Kinder der Nacht allsamt auf-
gezählt in Hesiods Theogonie (v. 211ff.):
Nv^ d'hexev oxvyeQÖv re Mögov xal KrJQa fiiXaivav
xal Oävarov, rixe d'^Ynvov, htxts ök q>vXov ^OveiQiov - . .
rixre de xal Nd/bieaiv, Tvqfjia dvrjftolai ßgoxoTat,
NvS oXo'^ ' /letä xiiv 6' *An6xriv rixe xal O06xYjfta
FfiQa^ X "'ovXö/jsvov, xal "Eqiv xixe xaQxeQÖOvfjiöv,
avxoQ *'Eqi4 axvyeqri xixe fiev IIövov äXyivöevxa
AijOriv xe Aifiov xe xal ^Akyea daxQVÖevta . . .
Es ist ausgeschlossen, daß Gcero sich diese Gestalten
aus den Fingern gesogen hätte, sie müssen bei Parmenides
genannt gewesen sein, und zwar, wie Cicero bezeugt, zur
Gottheit in Beziehung gesetzt ; das heißt doch wohl, die Göttin
hatte sie geboren, wie sie auch das Gegenteil dieser vier
Reinhardt, Parmenides. 2
— 18 —
Mächte der Zerstörung, den "Eqcd^ geboren hat. Daß ''Eqojc
an der Spitze einer ganzen Generation von Kräften stand,
ergibt sich ohnehin aus Simplidus phys. 39,18 (Fr.) 13):
tct&tfiv (sc. Tfiv6alfwvd)xai Oecov ahiav elvcU (priai ifycov^Ttgdjxiarciv
fjikv "EgcDta Oe&v firixlaaxo Ttdvxcov. Und die I^iebe
•; u fordert ihr Komplement. So stehen einander gegenüber
V . \ , auf der einen Seite die Mächte der Zeugimg, des Gedeihens,
^ ''^ des Wachstumes, des Friedens, auf der anderen Seite Schlaf
und Tod, Vergessen und Altem, Krieg, Welken und Unter-
gang. Und die Göttin gebietet nicht nur übcx die Stoffe,
sondern auch über die Kräfte, die in ihnen wirken, über
die Erscheinungen und wechselnden Gesichter und Be-
deutungen des I^ebens, die in ihnen zutage treten und
wieder in die Nacht versinken. Sie ist der Mittelpunkt, in
dem alle Gegensätze sich wie die Radien eines Kreises treffen.
Und tmter den Gegensätzen sondern sich zwei Gruppen,
hier die räumHch rings um sie gelagerten Stoffe der Welt,
das I^eichte und Schwere, Dünne und Feste, dort die geistig
ihr entsprungenen Kräfte des Entstehens und Vergehens.
Aber es gibt einen durchgehenden Gegensatz, der beide
Gruppen umfaßt : der Gegensatz des leichtes und der Finster-
nis, und all die unzähligen Kontraste, die die Natur uns
zeigt, sind nur Abwandlimgen und Differenzierui^en jener
beiden Urformen der Erscheinung. Das I^eichte und Dünne
ist gleichsam eine Fortentwicklung aus dem Feurigen und
Hellen, wie das Schwere und Feste aus dem Dunklen, "^^cd^
eine Erscheinungsform des Lichtes, wie ödrorog', ''Ynvo^, F'^Qo^y
ArjOri Elinder der Nacht.
Ein solches Denken hat mit ionischer Physik nichts
mehr gemein. Parmenides ist in der Tat kein Physiker,
und seine Kosmogonie birgt etwas anderes als Kern, als
was die konventionelle Hülle auf den ersten Blick vermuten
läßt. Man merkt, so physikalisch er sich auch mitunter
noch gebärdet, es kam ihm doch im tiefsten Grunde nicht
darauf an, das Weltgebäude durch Verdünnung und Ver-
dichtung, Steigen und Fallen der Grundstoffe, nach den
Regeln ionischer Physik so einwandfrei wie möglich zu er-
— 19 —
m
klären; mag er sich in physikalischen Einzelheiten an diesen
oder jenen Vorgänger gehalten haben: das war für ihn nur
Nebensache. Aber zu den Hauptsachen gehörte für ihn, was
*öeine eigenste und geistreiche Erfindung war, sein Chaos:
eine Art Hilfskonstruktion, die es ermöglichte, alle Be-
standteile der Welt und Einzelunterschiede auf den letzten
alles in sich begreifenden Hauptunterschied s^urückzuführen,
den Kontrast des Lichtes und der Finsternis. Man hätte,
um dies zu verstehen, ihn nur beim Worte zu nehmen
brauchen; Senn er erklärt ausdrücklich (Fr. 9), alle Dinge
samt und sonders seienLicht und Finsternis benannt und diese
beiden seien nach ihren Kräften allen Dingen zugeteilt.
Daher also die ineinandergeflochtenen Kränze, daher das
ganze seltsame Gebilde: es sollte eine Art Urtypus dar-
stellen, der sich im gesamten Kosmos wie in jedem Einzelding
unendlich abgewandelt wiederhole. Was ich sehe, ist zu-
sammengesetzt aus laicht und Schatten, was ich fühle, aus
Lockerem und Festem. Die Prinzipien sind rein phänomienolo-
gisch — man bedenke, was es heißen mußte, in einer Gesell-
schaft radikaler Physiker wie Anaximenes und Anaximander
Licht und Finsternis, das Alleräußerlichste, Oberflächen-
hafteste. Unmateriellste an den Dingen für deren Wesen und
Grundstoff zu erklären — die Prinzipien, um es zu wieder-
holen, sind rein phänomenologisch, aber es wird mit diesen
Prinzipien umgegangen, als seien es physikalische Substanzen.
Sollte hier vielleicht ein Mißverhältnis walten zwischen Sinn
und Form, ein Ringen sich verbergen nach Inhalten, für die
ein Ausdruck noch nicht da war, hinter der scheinbaren Ruhe
ein unterirdischer, verworrener Kampf im Gange sein zwi-
schen zwei Denkweisen, die weder sich vereinigen noch klar
sich von einander trennen und scheiden konnten ?
Werfen wir zuvor noch einen Blick auf die Psychologie.
SimpUdus fügt dem Verse, der über die Geburt des "'Egw^
handelt, folgende Bemerkung bei : xal rä^ y^vxä^ Tiifuieiv Tiori
fiev ix rov ifjupavov^ el^ rd asvSi^, noxk dk ävdjwXlv q>riaiv
(sc. Ti)r dalfiova). Bei der Erklärung dieser Worte können wir
auf eine Parallele aus Hippokrates de victu (VI, 474 L) nicht
— 20 —
»
verzichten — Diels hat sie zuerst herangezogen, Kom-
mentar S. 109: vofM^etcu de vno x&v dvOgcoTtcov ro [mbv i^ didov
i^ q>do^ av^rjdev yeviaOai, ro de ex rov (pdeo^ i^ äi&qv /bteuodh
anoXiaOai " ocpdcdfMiai yäq nunevovai fmkXov ^ yvcofirj, ovx l>cavolc
iovaiv ovöe neql roov ogeo/üLevcov XQivai'eyd) de rdde yvco/ifj iSrjyiofjuu.
Einen geschichtlichen Zusammenhang zwischen den beiden
Stellen anzunehmen, eine Annahme, die Diels, vielleicht in
allzu großer Vorsicht, nicht als notwendig betrachtet hat, hat
möghcher Weise dennoch seine Berechtigung. Denn über-
raschend ist es doch, daß dem schriftstellernden Arzte q)do^
und di&rj^ so geläufig sind als philosophische Benen-
nungen, daß er es wagen kann, mit diesen Namen der volks-
tümlichen Vorstellung entgegenzutreten, die irrtümlicher
Weise von Vergehen und Entstehen rede, wo in Wahrheit
bald ein Wachstum aus dem Unsichtbaren in das Sichtbare
vor sich gehe, bald ein Abnehmen aus dem Sichtbaren in
die Unsichtbarkeit. Ähnlich Kap. 5: ndvra ravrä xal ov
Tct aörd' (pdo^ Zrjvl, oxoxo^ ^Äidfj, (pdo^ ^^(drj, axoxo^ ZrjvL
Eine andere Frage wäre, ob er diese Bezeichnungen, wie
seinen Stil überhaupt, von HerakUt entlehnt habe; es ließe
sich immerhin einiges dafür anführen; wogegen die Ähnlich-
keit mit Anaxagoras, Fr. 17, oder Empedokles, Fr. 9, nichts
weiter als die Theorie betrifft, nicht das, worauf es hier
ausschließlich ankommt, die Terminologie. Aber woher diese
Ausdrucksweise auch kommen mag, die Ähnlichkeit mit dem
Parmenidesfragment liegt auf der Hand. Und doch besteht
ein großer Unterschied: denn was für den Verfasser de victu
und vielleicht auch schon für Heraküt nur eine Geziertheit
mehr war, war für Parmenides das Wesen. Wir brauchen,
um seinem Gedanken nähef zu kommen, weder an orphische
Geheimlehren noch an volkstümliche Vorstellungen zu
denken, sondern es genügt, sich an sein eigenes System zu
halten. Dieselbe Göttin, welche die Seelen aus dem laicht
ins Dunkel und aus dem Dunkel wiederum ins laicht sendet,
thront selbst inmitten von Licht und Finsternis und hat aus
Licht und Finsternis alle Dinge geschaffen. Das Licht ist
mit dem Entstehen, mit der Bejahung, mit dem Sein ver-
— 21 —
wandt, die Dunkelheit mit dem Vergehen, mit der Ver-
neinung, mit dem Nichts; Geborenwerden tind Sterben — es
zeigt sich darin derselbe Gegensatz, kraft dessen diese ganze
Welt der drff a für uns Sterbliche Realität ist.
Auf demselben Gnmdgedanken ruht auch die Erkenntnis-
theorie, von der uns Theophrast das Wesentliche gerettet
hat, de sensu 1 (Fr. A 46) : noQfxevldri^ fikv yäq 8ixo^ ovdh
äq)(i>Qi9cev äXi.d fwvbv Äti dvoiv ovxoiv axoixeloiv xaxä xd ineQßdXXov
iaxlv ?} yvüHJiC - iäv yoQ vtibqcUqji xd Oeq^ov fj to tpvxQov, älXrjv
ylveadai rijv didvouiv, ßeXxlo) de xal xadagcordgav dia tö deg/buiv'
ov firfv aXkä xal ravti^v deladaC xivo^ avjULfjLetQia^. Nur wenn
Theophrast vom Warmen und vom Kalten als den Ele-
menten der Sinneserkenntnis reden zu müssen glaubt,
ist er möglicher, ja wahrscheinlicher Weise in demselben
Grundirrtum über die Prinzipien der Parmenideischen dSSa
befangen wie Aristoteles. Sie beide nämlich setzen als Ele-
mente imbedenklich den ihnen geläufigen Wärmestoff und
Kältestoff, während in den Fragmenten selbst ausschUeßlich
Feuer und Finsternis, Licht und Nacht, das Leichte, Dünne
und das Schwere, Feste als elementare Gegensätze erscheinen.
Nichts wäre verkehrter, als wollte man diesen Unterschied
der lückenhaften Überlieferung zur Last legen. Die wört-
lichen Zitate standen an viel zu wichtiger, hervorgehobener
Stelle im ' Gedicht, ?l1s daß die Worte hätten fahrig und
ungenau sein dürfen. Es handelt sich vielmehr bei dem
Warmen tmd dem Kalten lediglich um eine peripatetische
Interpretation. Und Spuren einer solchen erklärenden Über-
setzung zeigen sich noch deutüch bei Aetius, Dox. 349 (Fr.
A 43) : noQfjLevl&Yj^ rdv ijliov xal rrjv aeXrjvriv ix xov yaXa^iov
k6xXov oJtoxQtß^vai, rdv fjiiv änd xov äqaioxiqov juiy/juno^, S d^
OeQjLiov, xijv de äjto xov nvxvoxegov, öneq tpvxQov. Ahnlich be-
richtet Aristoteles über den Ursprung der Geschlechter, de
part. anim. B 2 (Fr. 52) : nagfievldtj^ xä^ yvvaixa^ x(bv dvögcbv
QeQfMxiQo^ elval (prjai, wo der genauere Aetius sagt (Dox. 419;
Fr. 53): xä ixkv nqo^ xal^ äqxxoi^ äqqeva ßXacnfjaai (xov yäq
nvxvov fiExixeiv nXelovo^), xä di nqo^ xal^ fiearjfjißqlai^ OrjXea
Ttaqa xipf ägaiöxi^xa. Damit soll keineswegs geleugnet werden.
— 22 —
daß Parmenides nicht auch den Gegensatz der Wärme und
Kälte in dem Unterschiede von Nacht und I/icht, twxvöv und
äQcuöv habe mitbegreifen wollen, aber das Warme und Kalte
war nicht das, wovon er ausging, nicht das Wesen, sondern
bestenfalls das Akzidens des Lichten imd des Finsteren. Und
wenn er die Männer im finsteren kalten Norden, die Weiber
im hellen warmen Süden erstehen ließ, die einen aus dichte-
rem, undurchsichtigerem Stoff, die anderen aus leichterem,
hellerem, so besagt das in seiner Sprache, daß der Unter-
schied der Geschlechter letzthin auf demselben Gegensatz
beruhe, der sich in Nacht und Licht an allen Dingen offen-
bare; die Göttin, deren Sitz inmitten der gemischten Kränze
errichtet ist, gesellt zum Manne das Weib und zum Weibe
den Mann, wie sie Finsternis mischt mit Flamme. — Um zur
Wahmehmtmgstheorie zurückzukehren: wir werden auch hier
nichts Ungebührliches tmd Unerhörtes tun, wenn wir anstatt
des Warmen und Kalten lieber Licht und Finsternis oder
das Dichte und Dünne als Elemente der Erkenntnis gelten
lassen möchten. Und daß wir dazu einiges Recht haben, be-
weist das folgende : rd yäß aiaddveadai xal ro q)qovelv &^ xairtd
liyei' did xal rrjv fivrjfiriv xaX ti)v XriOriv dno zoikcDV ylveaOcu
dia TTJ^ xqdaeco^' äv d'ladCcoai xfj fu^eiy noxeqov Sarca (pQovelv
1} ov, xal xl^ ^ öudäeai^y ovdkv hi öuhqvxev. dxi di xal t<j> havxl(o
Tiaff avxo noiel xiiv atadriaiv, (pavegov iy 0I4 (prjai xov vexgdv
qxoxo^ fikv xal Oeg/jov xal q)a)vfj^ oix alaOdveaOcu diä ti)v
ixi^eixptv xov Tzvqo^y fpvxQov di xal auoTtfj^ xal xd>v havxloyv
aladdveaOoL xal öho^ di Tiäv xo Sv Sxeiv xivä yv&aiv. Also ist
in jedem Dinge zugleich ein Nichts und Ichts enthalten,
ein Gegensatz, kraft dessen es uns erscheint, zugleich Licht
und Schatten. Da nun Gleiches nur durch Gleiches er-
kannt wird, muß auch unser Erkenntnisvermögen aus den-
selben Gegensätzen gemischt sein. Je mehr Feuer- imd
Lichtteile in dieser Mischimg enthalten sind, desto genauer
erkennt der Geist und desto besser hält er in der Erinnerung
fest, was er erkannt hat; denn die Erinnertmg ist ein Posi-
tives, das Vergessen ein Negatives, und wie das eine durch
das Licht geschieht, so das andere durch die Finsternis; AijOrj
— 23 —
ist nicht umsonst mit Bdvaxo^ und T^^o^ ein Kind der
Nacht. Der Leichnam, in dem das Licht erloschen ist, er-
kennt gleichwohl noch durch die Finsternis, die in ihm
überhand genommen hat, doch er erkennt von nun an nur
das Negative; er hört, er sieht, er fühlt nicht mehr: das heißt,
er sieht nur noch das Unsichtbare, die Finsternis, er hört
das Unhörbare, die Stille, er fühlt das Unfühlbare, das Tote,
Kalte. Wie das Sterben ein Hinübergehen der Seele in die
Finsternis ist, Geborenwerden ein Auftauchen ins Licht,
jenes einer Verneinung, dieses einer Bejahung gleich kommt:
so ist auch das Erlöschen der Erkenntnis ein Übei^ang aus
dem Licht ins Dunkel, aus der Bejahung in die Verneinung.
Dabei ist alles durchaus körperlich gedacht (Fr. 16) :
d>^ ycLQ ixdaror Ix^i.xQäaiv /bieXdcov noXvnXdyKtcDV,
rct)C v6o^ avOgcoTtoiai naQunätai • xo yäg avrö
iativ ÖTtBQ q>Qoviei fjsXdcov (fiai4 avBqibnouaiv
9cal Tcäaiv xal navxl ' xo yäq nXiov iart vötjjüui.
Wie sich diese schwankende, irrtümliche, weil aus Gegen-
sätzen aufgebaute Erl^enntnis zu dem Logos verhalte, durch
dessen Kraft er selbst zur Wahrheit durchgedrungen sei,
darüber hat Parmenides an dieser Stelle sich nicht ausge-
sprochen; hätte er es getan, so würde schwerlich Theophrast
darüber schweigen. Aber wenn ihn seine Göttin, wie er er-
zählt, davor gewarnt hat, dem Bück dem ziellosen und dem
Gehör dem brausenden tmd der Gewohnheit überhaupt zu
trauen, wenn sie ihm abgemahnt hat von dem Wege der
Doppelköpfe, denen in ihrem schwankenden Sinn Sein und
Nichtsein für dasselbe gelte und doch nicht für dasselbe
(wie sich später zeigen wird, ist das ein Ausdruck für die
Welt der döSa), so ist wohl klar, daß seine Erkenntnis
von anderer, höherer Art ist,' daß sie über das Hin und Her
der Gegensätze im Erkennenden wie im Erkannten gleich
erhaben ist.
, Es gibt wohl keine zweite Stelle, wo das Rätselwesen der
do^a so durchsichtig und imverhüllt zum Vorschein käme,
wie in der Psychologie: ihr Wesen und Geheimnis ist die
— 24 —
völlige Verqtdckung des Begrifflichen mit dem Stofflichen
Alle Dinge nach der Reihe hat Parmenides durchmustert,
alle haben sich ihm aufgelöst in Nacht imd Licht, oder viel-
mehr, da Nacht und Licht auch nur Symbole sind, als Wesen
aller Dinge sprang ihm überall der Gegensatz heraus. Und
er begnügte sich nicht, dies allgemeine Gesetz im allgemeinen
auszusprechen, sondern er versuchte, die Gegensätze aus-
einander abzuleiten imd genealogisch zu verknüpfen. Wäre
das begriffliche Denken damals schon erfunden gewesen, er
hätte vielleicht leichtere Arbeit gehabt; aber die Begriffe
waren von den Dingen noch ungesondert. Und welche Mühe
hat es gekostet, sie aus ihnen herauszuziehen! Welche Ent-
deckerfreude noch bei dem jugendlichen Piaton, wo es gilt
einen Begriff herauszupräparieren, einen Begriff, ein ganz
neues, merkwürdiges Ding! Woher sollte Parmenides der-
gleichen kennen ? Kaum daß das abstrakte Denken, sich an
einem einzigen Worte, dem ov, ein wenig versucht hatte. Und
doch, wie weit ist das Parmenideische öv noch von einem Be-
griffe entfernt! Wo man aber ableitete, verknüpfte, Viel-
heiten auf Einheiten zurückführte und umgekehrt, da ge-
schah es entweder in Form von M3rthologie oder Physik.
Beider Formen hat Parmenides sich bedient, aus Not; weil
er kein anderes Ausdrucksmittel hatte, ließ er die Gegensätze
sich verdichten und verdünnen wie die Stoffe oder von ein-
ander abstammen wie die Götter. Ja, es ist als hätten die
Begriffe selber sich verkannt und sich irrtümlicher Weise
für Substanzen oder Mythologie gehalten.
Unleugbar hat auch hier die Not ihr Teil getan. Die
ddSa wäre nie erfunden, nie die Welt der Sinne aus diesem
Augenpunkte betrachtet worden, hätte nicht die äXrjOeta so
schroff allem bisherigen Denken widersprochen, daß eine
genaue Auseinandersetzung mit dem Weltbilde der „Sterb-
lichen" nicht zu vermeiden schien. Was es mit dieser Ab-
leitung der Gegensätze auf sich hat, wird daher erst klar,
wenn man den transcendenten Ausgangspunkt der Par-
menideischen Naturphilosophie ins Auge faßt. Ich setze
i_f -'-^H
aOAi
— 2B —
die Verse her, um das, was ihrer üblichen Erklärung wider-
spricht, aus ihnen selber sprechen zu lassen (Fr. 8,50) :
^Ev t4> 001 naöo) nundv l6yov rjdi vdtjjüui
äfAxpl^ älrjOelrj^' 66^04 d'äjto rovde ßQOxelaC
fidvdave xöafwv ifubv iTidcov ojiaxrildv axo'öcov.
fju>Qq)dji yäq xaxiQevxo Mo yvd)fjua^ övo/jui^eiv,
r&v (juav ov xqedyv iariv (iv 4> nenXavYifjJvoi elalv).
xävxia d'ixQlvavTO ddfjxx^ xal arjfjm SOevto
Xo>qI^ OTi cM^^eov, tfj fiev (pXoyo^ aiBiqvov twq,
fjTtuov 8v, fjLtf \djq(u6v\ iXaq>Q6vy iamto) ndvxoae rcovröv,
Tip d^eidgip jLiij tcdvtöv' axäg xaxelvo 9cax^ amo
rävtia, vöxz' äda^, Jtvxivov difia^ ifxßqißi^ xe.
x6v aoi iyd> öuvcooßjov eoixöxa Ttdvta qxxtlCa),
&^ ov jj/^ noxi xl^ ae ßgox&v yv(bfjiri TtoQeXdaafj.
Ich gestehe, daß es mir schwer fällt zu begreifen, wie
man angesichts dieser Worte von Hypothese reden kann. Der
herrschenden Auffassung zufolge hätte Parmenides zu sich
gesagt: gesetzt die Scheinwelt hätte ihre Berechtigung,
so müßte sie zweifellos auf dem entgegengesetzten Prinzip
beruhen wie die Wahrheit (ein merkwürdiger Schluß!), also
da es in Wahrheit nur das allem Gegensatz entrückte Eine
gibt, so hätte man, immer vorausgesetzt, daß die Scheinwelt
Wahrheit wäre, bei ihrer Erklärung auszugehen von der
Zweiheit. Ich würde den Widersinn einer solchen Überlegung
mit Schmerzen aber in aller Geduld hinnehmen, wenn sie
aus den Worten des Parmenides unabwendbar sich ergäbe.
Aber es steht ja kein Wort davon da! Er redet ganz und
gar nicht hjrpothetisch, sondern so apodiktisch wie nur
möglich, was er kündet, ist die volle Wahrheit, Worte seiner
Göttin, über deren Lippen kein Falsch kommt. Wie kann die
Wahrheit eine Hypothese vortragen? Wirklich, wenn die
Göttin ihren Auserwählten über die Wahngedanken der
SterbUchen belehrt und ihrer Worte trügerischen Bau ihn
hören heißt, so sollte, dächt' ich, doch wohl einleuchten, auch
wenn das Folgende es weniger deutlich zeigte, daß die Falsch-
heit nicht in dem steckt, was sie lehrt, sondern in dem,
worüber sie lehrt; sie bringt Wahrheit über den Wahn,
— 26 —
sie zeigt, wie er entstanden ist und weshalb er entstehen
mußte ; sie stellt keine Forderungen, sie gibt nicht an, wovon
man auszugehen hätte, sondern sie redet wie von einer Be-
gebenheit der Vorzeit, einer Art Sündenfall der Erkenntnis,
der alle anderen Irrtümer unserer Vorstelltmgen mit Not-
wendigkeit nach sich gezogen habe. Und sie erklärt, weshalb
es in dieser Welt mit solcher Folgerichtigkeit und Augen-
scheinlichkeit zugehen müsse : rövooi iycbduixoa/ju)vioiH6xa7tdvta
fpaxll^o}. Haben wir uns von der bisherigen Auffassimg der
do|a losgesagt, so brauchen wir auch iotxdxa nicht mehr mit
scheinbar zu übersetzen, wozu wir höchstens dann ein Recht
hätten, weim es einem älrjd^ gegenüber stände, sondern wir
dürfen wohl verstehen, daß die Göttin den dubcoa/uio^ der
Sterblichen in aller Ausführlichkeit und Folgerichtigkeit ent-
wickeln wird, um ihrem Auserwählten alles zu offenbaren.
Geben wir den Gedanken an die Hypothese auf, so
tritt alsbald eine andere Auffassung der dö^a an
ims heran, die sich in allem als der ersten Gegenteil
erweist: begründet, überlegt, vor allem aus der Inter-
pretation herausgewachsen, möchte sie an Stelle der
Hypothese die Eristik setzen. Das ist die Ansicht, die
Diels in den Philosophischen Aufsätzen für Zeller zuerst
vorgetragen imd in seinem Parmenides, S. 63 und 100,
wiederholt und tiefer begründet hat. Nach Diels wäre der
zweite Teil des Gedichtes mchts als eine kritische Über-
sicht über die strittigen Ansichten der bisherigen Denker,
eine Doxographie, die wie im Peripatos lediglich den pro-
pädeutischen Zwecken der Schule [dienen soll*. Was mich
hindert, dieser Meinung beizutreten, sind vier Gründe.
ErstHch glaube ich die Worte yvdifm^ xaxdOevro wörtlicher
verstehen zu müssen, als Diels sie in seiner Übersetzung auf-
faßt: „Denn sie haben gemeint zwei Formen benennen zu
müssen". Fvdiixriv tiOeadcu oder xazaxlOeaOai heißt seine
Meinung, seine Stimme abgeben^, und weim die Menschen
1 Z. B. Herod. III 80.6. Theognis, v. 717: dUä xe^ ndvtag yiff&fMpf
xa&njv xaxaBiaBai, fOQ nXoihoQ Ttkdfnrj» näaiv ix^ övva/uy, Audi hier
ist an eine Abstimmung gedacht.
— 27 —
alle zttsammen (denn ich kann ßqoxol nicht für gewisse
Sekten oder gar HerakHteer halten — aus welchen Gründen,
hoffe ich bald zu zeigen — ) ihre Stimmen vereinigen, so
ttin sie das, nach griechischer Anschauung, um einen vdfwc
zu sanktionieren. Zweitens: ist die örffa der Widerlegung
philosophischer Lehren gewidmet, so bleibt unverständlich,
wie Parmenides sie mit den Worten ankündigen konnte : &^ xä
doxovvxa ;if^v doxlfuo^ elvcu; denn selbst wenn wir doxifjuboat
in der Bedeutimg donifjudacLi gelten lassen, so könnte es doch^
mit einem elvcu verbunden, nur heißen, „wie man etwas
prüfend hätte bestimmen imd bestätigen müssen". Aber das
wäre das Gegenteil von dem, was stehen müßte : d)^ rä doxovvta
XQ'^ xpevdT] elvoL Drittens: da die dö^a eine höchst originelle
Schöpftmg ist und überall dasselbe geistige Gepräge zeigt, so
sieht sich Diels gezwungen, in ihr eine heimliche Übertreibung
und polemische Verzerrung fremder f^ehren zu erkennen, von
einer so raffinierten, so wahrhaft Platonischen Ironie, daß sie
das Falsche so vollkommen wie nur möglich in der Form
darbiete. Ich halte es für bedenklich, etwas so Persönliches
und Eigenes wie die Platonische Ironie bei Werken der
Literatur archaischer Zeit vorauszusetzen. Und Parme-
nides müßte schon das Spiel so weit getrieben haben, wie es
Plato nie getan hat: bis zur völligen Unverständlichkeit.
Aber für solche Gedanken scheint mir überhaupt das Pathos
des Gedichtes zu ernst und groß^ Die Vision zu Anfang
steht doch nicht von ungefähr, sondern hat ihren sehr
tiefen Sinn. Mit dem Gespanne, das ihn trug, soweit
sein Sinn begehrte, ist Parmenides zum Hause der
Göttin aufgefahren, jenseits aller bisherigen Erkenntnis
ist er gelangt, in Reiche, die kein Menschengeist auch
nur geahnt hat; imd die Göttin hat ihm aufgemacht
und ihn empfangen tmd ihn über das unwandel-
bare Eine wie über den Sinnentrug der Sterblichen
belehrt, auf daß kein Wahngedanke ihn künftig über-
holen könne. Ich halte es für eine Täuschung über
den Ton, den Stil, die Stimmung, glaubt man aus
ihren Worten Eristik, Ironie, Polemik und den ganzen
— 28 —
schlecht verhehlten Ärger eines angegriffenen Schulvor-
stehers herauszuhören^.
. Man wäre wohl auch nicht so leicht auf solche Gedanken
verfallen, schiene nicht die Welterklärung, die sie folgen
läßt, so ausgesprochen physikaUsch, daß sie, gegen den
ersten Teil gehalten, sich zunächst wie etwas völlig Fremdes,
Unverträgliches, ja Feindliches ausnehmen muß. Aber
hier gilt es, nicht nach den Begriffen unseres wohlge-
schulten, fester Bahn gewohnten Intellekts zu urteilen. Es
hilft auch nichts, die alten Gedanken hin und her zu drehen,
bis sich irgendeine Verwechslung oder Übertreibung, irgend-
ein psychologisch interessanter Mißgriff auftut, ungefähr
so, wie der alte Rationalist Palaephatus sich die Kentauren
und Chimären entstanden dachte — in der Philosophie-
geschichte hat besonders Gomperz diese Methode ausge-
bildet — sondern wir haben zu allererst von allem später
Kommenden zu abstrahieren, alles Frühere uns nach Mög-
lichkeit lebendig vorzustellen und bei allem zu bedenken, daß
* Über die Alternative zwischen H5rpothese und Polemik ist man
seither nicht hinausgekommen. Auf Seiten der H3rpothese stehen
Zeller I*, S. 533, Ueberweg-Praechter, S. 58. Windelband, S. 47,
Arnim, Kultur der Gegenwart I, Abt. V, S. 106; und wenn man ihn
beim Worte nimmt, auch Gomperz, Griech. Denker I, S. 148; denn
das „tiefinnerliche Schwanken", das er in der Seele des Dichter-
Denkers voraussetzt, kann doch wohl nichts anderes bedeuten.
Auf Seiten der Polemik oder Widerlegung stehen Bumet, Early
Greek Philosophy, S. 212; Patin, Jahrb. f. kl. Philol., Suppl. 25, 1899,
S. 491ff.; Kinkel, Gesdi. der Phüos. I, S. 151. Was da wieder-
legt oder zum Aus^iingspunkt genommen wird, darüber gehen eben-
falls die Meinungen stracks auseinander. Im Gedanken an die Pytha-
goreer treffen sich Arnim und Bumet, andere denken an Herakliteer,
noch andere an beide zugleich. Nach Patin hätte Parmenides den
wissenschaftlichen Dualismus Heraklits mit dem volkstümlichen
in eins gesetzt, aus beiden ein System gemacht, und in diesem Systeme
beide widerlegt; so hätte er in der Ö6(a die durch seine eigene Lehre
überwundene Weltanschauimg niedergelegt. Gegöiüber dieser Fülle
von Erklärungen gibt es nur einen Rat: an nichts zu glauben, was
nicht dasteht, und am allerwenigsten an Mystifikationen. Was
die Piatonforschung überwunden hat, bleibt der Parmenides-
forschung noch zu überwinden.
— 29 —
die alten Philosophien Schöpfungen sind und daß der schaf-
fende Mensch nicht rational zu machen ist. Zu Parmenides
Zeit war die Kjritik der reinen Vernunft noch nicht geschrieben ;
das vorstellende Subjekt war für das Denken ebenso unfaß-
bar wie die Spiegelfläche für das Auge. Und doch hat Par-
menides den Versuch gewagt, die Vorstellungen auf Ursprung,
Wahrheit und Zusammenhang zu imtersuchen. So wenig
man bisher die Lösungsich hat deuten können: daß er die
Aufgabe ins Auge gefaßt, daß er die ganze in der dö^a
niedergelegte Denkarbeit nur ihr gewidmet hat, ergibt sich
aus dem einfachsten und wörtUchsten Verständnis dessen,
was er sagt. Weil aber, wie gesagt, das Denken nur an
seinem Objekte, dem Gedachten, faßbar war, das wissen-
schaftHche Denken der Zeit ausschließüch auf Physik aus-
ging, so hat die 66^a jenen physikalischen Anstrich ange-
nommen, der schon Aristoteles irregeführt hat. Mochte auch
Parmenides noch so entschieden sich mit seinen eigenen
Worten gegen die Verwechslung wehren, es half ihm nichts,
er paßte nun einmal nicht hinein in das, was man für denk-
und menschenmöglich hielt, und folgHch rückte itnan an seinen
Gedanken hin und her, bis sie mit dem zu harmonieren
schienen, was man von einem griechischen Philosophen
glaubte erwarten zu können. Wer bemüht ist, ihn in
seiner ganzen Kühnheit und Gebundenheit zugleich aus
seiner historischen Bedingtheit zu verstehen, wird zunächst
feststellen müssen, daß der Eine große Mißstand, unter dem
für uns die do^a leidet, daß sie das erkennende Subjekt nicht
greifen kann und bei den Dingen selbst sich Rats erholen
muß, daß dieser Mißstand für Parmenides kaum sehr emp-
findlich war, vielleicht kaum überhaupt von ihm empfunden
wurde. Er faßte den Satz, daß Gleiches nur durch Gleiches
erkennbar sei, so wörtlich und anschaulich auf, daß er nicht
anders dachte, als das wahrnehmende Organ und das Objekt
beständen nicht nur aus denselben Stoffen, sondern seien
auch denselben Formen und Gesetzen imterworfen. Die
Denkvorgänge in der Seele erschienen ihm nicht als Über-
tragungen, sondern als genaue Wiederholungen der Außen-
— so-
weit. Was für das Denken Gesetz war, mußte auch für die
Dinge unbeschränkte GeTtühg haben. Geriet die Natur mit
dem Satze des Widerspruclis selbst in Widerspruch, so war
sie eben falsch und nicht vorhanden : oihe yäg äv yvolrj^ x6 ye
^il idv (oi yoQ dworrfv^ oike <pQdacu^ ' to yäg a^d voetv
eaxlv xe xal elvai (Fr. 4. 5). Umgekehrt gestattete jede Be-
schaffenheit der Außenwelt den Rückschluß auf das mensch-
Hche Erkennen. Ja, sieht man genauer zu, so läßt sich eine
Scheidimg zwischen Denken und Sein (oder Schein tmd Vor-
stellen) in den Fragmenten schlechterdings nicht durch-
führen. Parmenides beginnt die dofa damit, daß er erzählt
(Fr. 8, 53), die Menschen seien übereingekommen, zweierlei
Gestalt mit Namen zu benennen, aber er entwickelt nicht,
was man erwarten sollte, wie sie aus beiden Gestalten sich
ihr Weltbild schufen, sondern das Gedachte gewinnt alsbald
selbständiges Leben, Dunkel und Licht vereinigen sich und
bilden die Welt, aus der Erkenntnistheorie erwächst, zu
unserer Überraschung, eine Kosmogonie, was nichts als
Name, Satzung, dvo/ma war^ geht physikalische Verbindungen
ein und erzeugt zuletzt auch noch den Menschen selbst
samt seinen Erkenntnissen. Das ist für unsere Begriffe
allerdings ein starkes Stück; wir können, um es zu begreifen,
nur aufs neue uns die Regel vorsagen, die einem Parmenides
in Fleisch und Blut saß : ro yäg ai5ro voelv iarlv re xal elvcu»
Weil diese Welt durchgängig sich aus Licht und Finsternis
zusammensetzt und überall dasselbe und dodi wiederum
nicht dasselbe ist (Fr. 8, 58; 6, 8), weil Widerspruch das
Wesen aller döSa ist, muß diese ganze Welt notwendig falsch
sein, das heißt subjektiv sein, griechisch ausgedrückt, sie
kann nur vöfjuo und nicht (föaei existieren. Dieser Schluß
wird freiUch nicht bei jedem Satze wiederholt, mitunter will
es sogar scheinen, als lasse der Kritiker und Vemeiner sich
vom breiten Strome der Menschenmeinungen ein Stück
weit ruhig tragen, ja als bringe er selbst Entdeckungen bei
seiner Kritik noch unter, auf die er sich etwas zu gute tue;
denn da der Schein durchaus nicht aller Vernunft und Folge-
richtigkeit entbehrt, so läßt er sich wohl auch erforschen:
— 31 —
daß er darum um nichts weniger, als Schein, dem obersten
Denkgesetze, der alleinigen Gewähr der Wahrheit, wider-
spricht, ist in zwar knappen aber scharfen Worten zweimal
an entscheidender Stelle gesagt, zu Anfang und am Schluß
des zweiten Teiles. Ob dazwischen noch weitere Hinweise
an denselben Grundgedanken erinnerten, wissen wir nicht,
aber die beiden, von denen wir wissen, sind vollkommen
genug. Wie durch einen dicken Rechnungsstrich getrennt,
so stehen unter dem Ganzen die Worte, die aus allem Ge-
sagten die Summe ziehen (Fr. 19) :
o'Sza) xoi xaxä dö^av iqyv xdde xat wv Saai
Tcal fjLsxinea and rovde reXetrnjaovai rQaq>dvra'
xol^ d^SvofjL ävdQCDTtoi xaxddevT^ iniarjibiov ixdartp,
i/La^ es dem Philosophen mitunter ähnlich ergangen sein
wie dem Dichter der homerischen Schildbeschreibung, dem^
ja auch das Bild an sich etwas UnfaßUches ist, durch das er
wie durch Glas die Dinge selbst sieht, wie sie leiben und
leben, so daß er immer wieder sich zum Bilde zurückruft,
um sich nicht im Wirklichen zu verlieren: daß auch Parme-
nides gleichsam ein Bild und nicht die Dinge an sich, daß er
den vöfia^, nicht die qyöai^ meint, läßt sich bei einigem Nach-
denken, wie ich glaube, nicht wohl verkennen. Zumal das
Schlußwort, das den einleitenden Gedanken wieder auf-
nimmt (/M)Q(pa^ yoQ xaxiOsvxo &6o yv(ofia^ övofjuiCeiv), kann
überhaupt nur so verstanden werden : die Menschen haben sich
ein Gesetz gemacht, die Welt ist eine Konvention, aus einem
sanktionierten Irrtum folgerecht entwickelt, 'ßc rä doxovvta
XQfjv doxCjbuo^ elvai: Anfang und Ende, Sinn und Grammatik,
alles stimmt aufs beste überein, sobald wir nur die Hypo-
these imd Hristik los sind. Und was dia navxoc Ttdvxa TteQwvta
heißt, wer könnte das besser erklären als Parmenides selber ?
aöräg iTceiA^ Ttdvxa q>do^ xal vö^ dvöfMunat
xal Tct xaxä afpetiga^ dvvdjbisi^ inl xolal xe xal xol^,
Tiav nXiov iaxlv öfiov (pdso^ xal wxxo^ äfpdvxov
tacov djüiqfoxdQcoVy inel oddetdQCfi fiha firidiv (Fr. i9).^
* „Aber da alles Weht und Nacht benannt ist und diese beiden
nach ihren Kräften (d. i. nach ihren mannigfaltigen Bedeutungen)
— 32 —
Man darf nur nicht die Folgerungen des ersten Teils ver-
gessen haben, sondern muß sich in diese Gedankenwelt
soweit hineingefunden haben, um zu empfinden, daß ein
Ding, in dem zugleich zwei Elemente enthalten sind, die
nichts miteinander gemein haben, aus deren Mischung sich
das Phänomen erklärt, daß ein und dasselbe Ding bald so,
bald anders erscheint, für diese Philosophie ein Ding der
Unmöglichkeit ist, ein ravrdv xal ov ramöv, daß somit die
angeführten Worte den allerstärksten Widerspruch ent-
halten, und nicht nur enthalten, sondern auch zum Aus-
druck bringen, den es für sie geben kann; der Zusatz iTtel
ovderdQw fjiha juLridiv wird überhaupt erst dann verständ-
Hch, wenn wir Licht tmd Dunkel nicht als -Stoffe, sondern
als Begriffe fassen; denn da es das wesentüche Merkmal dieser
Lehre ist, daß sie Stoffe und Begriffe ständig ineinander
übergehen und überfließen läßt, als überhaupt erster Versuch
begrifflichen Denkens, so haben wir auch bei den Stoffen
ebenso sehr an ihre begriffliche Bedeutung mitzudenken wie
bei den Begriffen an das Stoffliche.
Es hat dem Verständnis sehr zum Schaden gereicht,
daß man die beiden Teile des Gedichtes nur getrennt,
als gänzUch unvereinbar und selbst unvergleichbar zu
betrachten sich gewöhnt hat. Für Parmenides ist keiner
der beiden ohne den anderen denkbar, und zusammen
erst ergeben sie ein Ganzes. Und zwar liegen die Ver-
klammerungen zum Teil offen und klar im Text zutage.
Ich muß, um mich deutlicher zu erklären, die ganze erste
Hälfte von neuem analysieren.
Wenn das Prooemium als Zitat so vollständig erhalten
ist, so liegt das lediglich daran, daß einer der Gewährs-
jedem beliebigem Dinge innewohnen, so ist alles zugleich mit Lidit
und unsichtbarer Nacht erfüllt, die beide einander gleich (d. i. ent-
sprechend, parallel) sind, denn keins hat an dem andern Teil."
- 33 —
mätrner des Sextus sich in einer neuen und Aufsehen er-
legenden Interpretation gefiel. Wer der Philosoph gewesen
ist, der so stark unter dem Eindruck des Platonischen Gleich-
nisses vom Wagenlenker stand, daß ihm die apokalyptische
Wagenfahrt des Parmenides als Bild der Seelenkräfte er-
scheinen koimte, mag ein andermal entschieden werden; wie
ich glaube, war es Posidonius; aber es genügt, daß es nicht
Sextus selber war. Es kam dem Interpreten darauf an, im
Gegensatz zur stoischen Orthodoxie ein zwiefaches Erkennt-
nisvermögen im Menschen nachzuweisen, die alaOTJaeig und,
von diesen unabhängig, die Vernunft, 6q66^ ^^o^ als
oberste Instanz. Bestätigung erbringen ihm die alten Phy-
siker, die sich ihm sämtUch zu ^derselbien Überzeugtmg zu
bekennen scheinen; so auch Pa r mcnidco *^' (adv. math. VII,
111): 6 dk yvcbgifio^ avvov IldQ/Mevldfi^ xov fiiv doicunov
X6yov xaxiyvü}, (prifü de xov aaOevel^ ixovxo^ vnoXi^et^, tdv
S'iTtiavrjfJOVixöv, rovritni xov ädidjtxanov, iTtddexo xQOiJQiov,
oTtoaxä^ xal <avxd^> xfj^ xcov aiaOi^aecDV maxeco^. Um seine
Auffassung zu rechtfertigen, schlägt er zwei Wege ein:
er deutet erstens das Prooemium als Allegorie auf die er-
kennende Seele, das Gespann ist ihm ein Bild der äXoyoi
ÖQ/Mt, die Straße die Methode, die Begleiterinnen die Sinne,
die Heliaden das Gesicht, die Räder das .Gehör, die Göttin
Dike die untrügHche dtdvoux, die zwischen dem Wege des
Wissens und des Meinens sicher zu scheiden gelernt hat;
zweitens läßt er auf die Allegorie nach Allegorikersitte ein
Zitat folgen, in dem derselbe Gedanke ohne Einkleidung sich
wiederholen soll; es sind dieselben Verse, die auch in den-
doxographischen Handbüchern zu stehen pflegten und infolge-
dessen häufiger überUefert sind: hcu inl xdXet jtQoaöiaaa^pel
To fx^ öelv xal^ alaOijaeai nqoaixeiv aXka xcp Xöyq^' fiii ydQ oe,
4p7ia(v, SOo^ TtoX'ÖTteiQov oddv xdxa xrjvöe ßidaOcJ vcofiäv äaxoTiov
ifxfjux xal '^x^eaoav äxov^v xal yX&aaav, xglvai d^ Xöycp jtoXijneiQov
lleyxov iS i/idOev ^rjOhrta. Beide Texte sind der Interpretation
vorangestellt, durch keine Zwischenbemerkung voneinander
geschieden, als sollten siej als Ganzes hingenommen werden. So
stehen wir vor der Frage ^\Sind es zwei Zitate oder ist es nur ein
Reinhardt, Pärmenidea. \ ^
— 34 —
einziges ? Für das Erste spricht, daß bei Simplicius atif die Verse
28 bis 30, also genau in dem fr^lichen Einschnitt, noch zwei
weitere folgen, die bei Sextus fehlen (vgl. oben S. 6). Da-
gegen hat freilich Diels, um an der EinheitUchkeit der Vers-
reihe festhalten zu können, darauf aufmerksam gemacht,
daß gerade die fehlenden Verse leicht auch zufällig aus-
fallen konnten, da sie mit demselben Worte wie der folgende
Abschnitt, mit einemldAAd beginnen. Trotzdem will mir eine
Lücke nicht wahrscheinlich scheinen. Das Zitat läßt sich an
seiner Paraphrase kontrollieren, und die schHeßt mit folgenden
Worten: rjri^ a&cov inode^afxivri iTtctyydXXerai &6o ravra diSdieiv,
^^f^ixiv dXriQelri^ eÖTtstßio^ axgefii^ '^oq^, ÖTteg imi xo xfj^
inumjjjrj^ äfiexaxlvrjftov ß^fia, Itegov de '^ßgotcbv dö^a^, ral^ o'öx Svi
jäatig akrfiri^^ xovxiaxi x6 h 66^ xelfjLevov Ttäv, 8xi fjv äßdßcuov.
Also auch hier von den zwei Versen, die doch schwer genug
verständlich waren, nicht die Spur! Und warum sollte auch
der Interpret sie anführen, da sie für seinen Zweck nichts
hergaben und seine Interpretation viel eindrucksvoller war,
wenn sie fehlten ? Also müßte man schon schließen, daß die
Lücke berechnet war; aber das hieße wiederum die Ein-
heit des Zitats in Frage ziehen. Umgekehrt läßt sich kein
äußerer Grund auffinden, der uns hinderte, die beiden
Versgruppen zu trennen; ihre Vereinigung braucht tmter
keinen Umständen vom Dichter herzurühren, sondern kann
sehr wohl in einer Interpretationsmethode ihren Grund
haben. So hätten wir denn freie Hand; aber bewiesen ist
damit noch nichts; der Sinn allein entscheidet- Wozu rät
der Sinn?
Die Göttin hat die beiden Hälften ihrer Verkündigung
genannt: „So sollst du deim alles erfahren: der wohlgenmde-
ten Wahrheit imerschütterliches Herz und der SterbHchen
Wahngedanken, denen verläßHche Wahrheit nicht inne-
wohnt. Doch wirst du trotzdem auch das erfahren, wie der
Schein sich mußte bewähren und alle Dinge erfüllen." Ist
es möglich, daß sie auf diese Worte eine Warnung folgen
läßt, daß sie dem Jünger einschärft, sich um alles in der
Welt vor diesem zweiten Wege zu hüten, den sie ihn noch
— So-
eben selbst zu gehen geheißen hat ? Es wäre wohl verständ-
lich, wenn sie ihn vor Mißverständnissen und falscher Er-
wartung warnte, aber davon kein Wort; sie warnt vor jeg-
lichem Betreten. Zweitens: sie verlangt: mißtraue den
Sinnen; mit dem Verstände allein 'entscheide die vielum-
strittene Prüfimg, die ich dir sagte {xglvai di My(p noX6driQiv
eXeyxov ii ifiddev ^Oivta). Aber wo wäre ein SXeyxo^ bis-
her geliefert oder auch nur angedeutet ? Denn die summari-
sche Ankündigung kann doch bei dem besten Willen nicht als
Prüfung angesprochen werden. Vielmehr können sich die
Worte nur auf einen fertigen Beweis beziehen, der bereits
voraui^ng. Und endlich, um zur Hauptsache zu kommen,
unter einer odd^ diCijoeio^ kann Parmenides unmöglich seine
Darstellung des Scheins verstanden haben. Was in Wahrheit
dieser Ausdruck zu bedeuten hat, darüber geben die Frag-
mente eine sehr bestimmte Auskxmft. Allerdings bedarf es,
um sie überhaupt dahin zu bringen, daß sie Rede und Ant-
wort stehen, erst einer Interpretation, die ihre Aufgabe
darin erkannt hat, in den Bruchstücken die Spuren des ver-
lorenen Systems zu finden, aus den Gedankentrümmem den
gesamten Aufbau wieder herzustellen.
Zwischen zwei „Wegen der Forschung" muß sich der
Wahrheit Suchende entscheiden: so fordert es das vierte
Fragment. Der eine Weg führt über den Satz : das Seiende
ist, xd Sv itni; das ist der Weg der Überzeugung. Der
andere sagt: das Seiende ist nicht; aber das ist undenk-
bar. Der Beweis dafür ist ausgefallen, aber auch nicht mehr.
Ein neuer Beweisgang fängt im sechsten Bruchstück an, zu
dessen Begiim das Vorige kurz wiederholt wird: „Nur vorgt
Seienden läßt sich sagen, daß es ist, denn nur das Seiende
kann existieren, das Nichtseiende hat keine Existenz. Das
heiße ich dich beherzigen ; es ist der erste Weg der Forschung,
vor dem ich dich warne. Dann aber auch vor dem, worauf
die nichts wissenden SterbHchen, die Doppelköpfe, umher-
irren. Denn Ratlosigkeit lenkt ihren schwankenden Sinn.
So treiben sie dahin, taub zugleich und bUnd, ein Volk von
Gaffern, dem es an jeder Unterscheidung fehlt; dem Sein
8*
— 36 -
und Nichtsein für dasselbe gilt und doch nicht für dasselbe,
dem jeder Weg zur Umkehr wird." Also ergeben sich im
ganzen drei „Wege der Forschung" : 1. to 6v lariv 2. xd dv
ovx iariv 3. to 6v xal iaxi xal ovx iativ, oder anders aus-
gedrückt: 1. TÖ Sv iariv ' 2. to fiij Sv Sari (Fr. 7 oi yoQ fi'^noxe
tovTO da/ifj elvcu fiij iövra) 3. xal to Sv xal td fj/fi 6v Sariv.
Es kann kein Zufall sein, daß sich derselben Dreiteilung auch
Gorgias in seiner Schrift negl xov [xii övxo^ bedient hat,
Sext. adv. math. VII, 66 (Fr. 3 Diels) : 8xi fih o^v o'böh
laxiv, indoylCexai xdv xqötcov xovtov' el yäq ioxi <xi>, fjftoi xd
Sv iaxiv i\ xd fxii Sv, ij xal x6 Sv laxi xal xd fiij Sv, Gorgias
hat nicht nur die Anregungen zu seiner Schrift von den
Eleaten empfangen, er hat auch die Gedanken unter fort-
währendem Hinblick auf eleatische Lehrsätze zusammen-
gefügt. Es ist ein bloßer Zufall unserer Überlieferung,
wenn uns seine Dreiteilung aus ihm allein und nicht auch
aus Melissos und Xenophanes bekannt ist. Denn der anonyme
Verfasser der Exzerpte aus Xenophanes MeHssos Gorgias
übergeht bei allen dreien absichtHch die grundlegenden Be-
weise über die Möglichkeit des Sv und fxii Sv, um sich sofort
den Folgerungen zuzukehren, die sich auf dieser Grundlage
für die Natur des Sv ergeben. Er würde also, hätte er auch
den Parmenides widerlegen wollen, die drei Wege fortgelassen
und sich allein an das gehalten haben, was im achten Frag-
ment vereinigt steht. So hat er auch aus Gorgias zuerst das
aufgezeichnet, was sich über Entstehen und Vergehen, Ein-
heit und Vielheit ihm entnehmen ließ, hat dann nachträglich
den besonders paradoxen Beweis über das /irj Sv aufgenom-
pien, aber um alles übrige sich nicht gekümmert. Einen
Überblick hat er nicht geben wollen. Hätten wir nicht den
Sextus daneben, könnten wir nicht ahnen, daß bei Gorgias
mit drei Möglichkeiten des Seins gerechnet war. So scheint
die Überlieferung in der Tat dafür zu sprechen, daß die
\ Dreiteilung ein Erbstück eleatischer Schultradition ge-
wesen ist.
Ich muß gleichwohl versuchen, das Verhältnis zwischen
Gorgias und den Eleaten noch genauer und mit anderen
=rT-ng*«KaE=s
— 37 —
Mitteln zu bestimmen. Die Schrift Ttsgi xov (xii övxo^ liegt,
wie schon bemerkt, in doppeltem Auszuge vor, und zwar ist
der Anonymus zur Kontrolle des Sextus unentbehrlich. Wie
man beide auseinander zu ergänzen hat, mag folgende
Gegenüberstellung zeigen:
[Aristot.] de Gorg. p. 31
Diels. fiexä rrjv TtQdnrjv Idiov
avTOV änodeiiiv, iv ff Xiyei Sri
<td ^iri €lv(u> ovx Saxiv oüte
elvcu oOte /jLtj elvcu ' el fxev yäq
To fxii elvcu San fj/fi elvai, oidh
äv fßxov xd /j/fj 6v xov ovxo^
elrj ' x6 xe yäq /xrj dv Saxi
/lij öv xal xd 6v 6v, &cxb
ovdsv fjuaXkov elvai ij ovx elvai
xä TtQdyfjLota}
el d^SfjUO^ xd fxri elvcu iaxiy
xd elvcu, q)rjaiv, o'öx iaxiy x6
ävxixei/xevov * el yäg x6 (xii elvai
laxiy x6 elvai /lij elvai nQoarjxei '
&axe ovx äv oikw^, qy^jatv, ovdev
äv eil], el fxri xavxöv iaxiv elvai xe
xal fiii elvai' el de xaixoy xal
oikoD^ ovx äv eltj ovdh ' x6 xe
yoQ ixij Sv ovx äoxi xal xd öv,
ineiTieq ye xairtd xcp //?) Swi'
0^0^ (JLev o'öv 6 TZQohoc loyo^
ixeivov.
Sext. adv. math. VII, 67.
xal dri xd /jiiv fii} 8v <oike iaxiv
oike> ovx Saxiv. el yoQ xd /lij
Sv </i^> Smiv, laxai xe ä/jo. xal
ovx Saxai* ff fxev yäq ovx Sv
voeixai, ovx iaxai, fj de Saxt
fiil Svy näXiv Saxai' navxeld)^
de äxoTzov xd elvai xi ä/jui xal fii}
elvai' [ovx äga Saxi xd (xii öv\.
xal äXXo)^, el xd /j/fj Sv Icxi,
xd Sv ovx Saxai ' havxia ydg
iaxi xavxa äi}.i]Xoig, xal el x^
firi Svxi avfißißriTce xd elvai, t4>
övxi av/jißijaexai xd fjiii elvai'
ovxl di ye xd Sv ovx ioxiv,
Kxoiwv suppl. Bekker> o'öde xd
fiij Sv iaxai.
* Dasselbe Epicheirem, vom äv auf das iv übertragen, begegnet
im Platonischen Parmenides, S. 161 e: T^ öi} ivi fxii övxi, c5^ foixc, xal
la&nftoQ Sv fÄezelf) xai fieyiOovg xcd OfwcQÖrrftog. "Eoixe, Kai jj^ijv xcd
aöaio/Q ye de* a'öxd fuzixeiv jvjj, U&g Öifj; "Ex&v a^6 dei oihcag d>g
Xiyofjuv * el yäq jj^if oikcog ix^i, oöx Sv dXtidfj Xiyoifiev ^fJLeiQ XiynvxeQ xd
h fAij elvai • ei öi dXtidrj, &jXov &zi Svta a'öxd Hyofiev • rj aöx oikcog; Q&tco
fiiv oi5v, *EneiSii di ipafiev dXrjOfj Xiyeiv, dvdyxri ^fxiv <pövai xal 6vxa
Xiyeiv, *Avdyxrj. "Ecnv äga, d>g iome, xd h työx Sv • el ydg fi^ Stnai
fjL'^ Sv, d}M 7VQ xov dvai dvif^aei nqdg x6 i^ii elvai, &dBi>Q iaxai Sv usw.
Eine Analyse und Vergleichung dieses Dialoges mit den Überresten
— 38 —
Ich habe mich nicht gescheut, mit Klammem nachzu-
helfen (sie rühren alle von mir her), auch wo dem über-
lieferten Text dadurch Gewalt geschieht. Sie sollen vor
allem zeigen, daß die genauere Wiedergabe durchweg bei
dem Anonymus zu finden ist. Ich lege Wert darauf, die un-
bedingte . Zuverlässigkeit seiner Notizen auch an diesem
Beispiel zu erweisen; aus welchem Grunde, wird sich später
zeigen. Sextus hält sein Augenmerk aufs Ganze gerichtet,
in den Einzelheiten ist er tmgenau und unvollständig; die
Haarspaltereien überträgt er ins Verständüche und Grobe.
Folgen wir ihm allein, so ist schwer einsehen, warum Gorgias
volle zwei Beweise und noch dazu so schwierige Beweise
aufgewandt haben sollte, um die einfache Behauptung zu
erhärten, daß das Nichtseiende nicht sein könne. Das hatten
die Eleaten längst bewiesen. Aber Gorgias überbietet, über-
trumpft, karikiert^Sle : 'das Nichtseiende soll weder sein
noch nicht sein können; folgUch ist die Wahrheit bei dem
Anonymus und seinen zwei entgegengesetzten Thesen,
Sextus hat die Stelle um ihren Witz gebrachte Nicht gerade
falsch aber mangelhaft ist, was er vom zweiten Beweis be-
richtet. Gesetzt, das Nichtseiende sei, war der Gedanke, so
könnte man das Sein entweder als entgegengesetzt dem
Nichtsein oder beides als dasselbe auffassen; im ersten Falle
gibt es überhaupt kein Sein und f olgUch auch kein Sein des
Nichtseins — Sextus hat dem Schluß auch hier die Spitze
abgebrochen mit seiner groben Wiederholung: odx^ di ye tö
Sv ovx ecrtiv — im zweiten Falle wird das Seiende dem
NichtSeienden gleich und folglich wiederum alles Sein un-
möglich. Zerlegt man diese Beweise in ihre Elemente, so
bleibt nicht ein Bestandteil übrig, der nicht eleatisch wäre;
in der barocken Verbindung und Verschnörkelung eleatischer
Sätze liegt die Kunst und liegt der Witz. Man hat neuerdings
die Ansicht ausgesprochen^, Gorgias habe mit dieser Schrift
der eleatischen Philosophie (wozu selbstverstandlidi noch einiges
mehr gehört als die Fragmente der Bleaten) wäre gewiß sehr nützlich
imd würde zumal für Zeno wohl noch manches ergeben.
^ Heinrich Gomperz, Sophistik und Rhetorik, S. 24ff.
— 39 —
die Allmacht des Logos offenbaren wollen, der die Gedanken
lenken könne, wie es ihm gefalle. Es fällt mir schwer zu
glauben, daß ein Kreis von Zuhörern, der solche Sät^e an-
hörte, sich sonderlich sollte gelenkt und wunderHch affiziert
gefühlt haben, imd denke mir lieber, die I^eute hätten die
Köpfe geschüttelt und sich gesagt, daß dieser Logos doch
ein rechter Taugenichts sein müsse, wenn er nach allen
Regeln der Ktmst so verrückte Sprünge zu wege bringe.
Auch die aufgegriffene, stark karikierte Erkenntnistheorie,
mag sie auch inhaltHch uns heute noch so wichtig sein, darf
nicht darüber täuschen, daß das Ganze eine Farce ist. Die
Eleaten hatten sich überlebt; im regsamen Sizilien lachte
man über sie.
Daß Gorgias sich mit Zeno und MeHssos berühre, sagt
ausdrückHch der Anonymus S. 31 Diels: 3n <oiSv> ovx Icrtiv
oOte Sv oike jcoXXd, oüte äyhvrjxa oüte yevofievoy xä fih &^
MiXiaao^y xä de &^ Zijvoov imxeiQet deixvöeiv. Wir können
freilich nicht mehr feststellen, ob er mit diesen Worten nur
die Fragestellungen im allgemeinen meinte oder auch an
Einzelheiten dachte. Was dagegen Gorgias mit Parmenides
verbindet, ist so greifbar, daß es Wunder nimmt, wie man
nicht längst schon auf den Gedanken gekommen ist, den
einen aus dem anderen zu erldären. Ja, an einer Stelle
bringt uns sogar Gorgias über eine Textverderbnis Klarheit,
die das achte Parmenideische Fragment bis zur Sinnlosigkeit
entstellt f
5 ovöi nox ^v ovo' Sarai, iTzel vvv Scrtiv ö/jlov Ttäv,
iv, avvexi^' xlva yäq yiwav di^ijaecu aöxov;
Ttfj ndBev av^Oiv; oi/t ix /lij iövxo^ idaaco
(pdaOcu a o'odk voelv ' ov yoQ <paxdv ovde vorjxöv
ecrtiv ÖTCct}^ ovx Icrti ' xl ö'äv fjLiv xal XQ^^^ 3>Qaev
10 üateQov ij TiQÖaOev, xov firjdevd^ ÖLQSd/jievoVy (pvv;
o'Sxo)^ i\ ndfjmav TteUvm XQ^<^ icxiv 1j o\)xL
o'ödi nox' ix fxri iövxo^ iq>ijaei nlaxio^ loxfi^
ylyveadcU xt naq avxö* xov elvexev oike yeviaOau
oW dXlvadcu äv^xe dtxrj ;^aAd(Ta(Ta jzidjjaiv,
— 40 —
15 dXX* Ix^i • ij d^ xQiai^ Tzegl rcy&ccov h rqtd* iativ '
icxiv fj ovx Scrtiv* xixQtxcu d* (yövy &ö7t€Q ävayxj],
Ti)v fjih iäv ävörjTov ävdiWfiov (ov yoQ äXrjOij^
ieiiv 666^), xiiv d^&crte TziXeiv 9cal hijtvfwv elvcu'
n(b^ d^äv Snena TiiXoi xo iöv; 7w>^ d*äv xe yivoixo;
20 el yoQ fyevx\ ovx i(n(i)y ovd' ei noxe fiiXlei iaeadai'
TO)^ yiveat^ (xh ändaßecrtai xai dnvaxo^ öXeOgo^.
In diesen Versen hat von jeher der mit oike eingeleitete
Satz (V. 7) Anstoß erregt. Man forderte ein zweites negatives
Glied und schlug zwei Wege ein, um es zu finden. Die älteren
Interpreten, Karsten,* Stein und Brandis, hielten sich an das,
was dastand, also an Vers 12, und suchten aus ihm durch
Beseitigung des /m^ den geforderten Gedanken zu gewinnen,
der eine, indem er ovdi nox Ix ye iövxoc las, der andere o'vdi
nox* ix xov iövxo^, der dritte oiöd nox' ix ye niXovto^. Aber
diese Konjekturen gelten für abgetan, seit Diels den-
selben mit ov&i beginnenden Abschnitt für ein an tmd
für sich vortreffliches Korollar erklärt hat, das man der
vorausgesetzten dilemmatischen Beweisführung zu Liebe
nicht willkürlich ändern dürfe. Diels selber sucht den Fehler
in Vers 7, vermutet eine Lücke hinter avSrjOiv und ergänzt:
KoW ix xev iovxo^ lyevx* äv äXXo yoLQ äv nqlv hiv>. Aber
die Zerreißung eines an sich einwandfreien Verses ist tmter
allen Umständen mißlich, und ob Parmenides die weit-
aus schwierigere der beiden Fragen mit so wenigen, so
überaus dürftigen Worten konnte erledigt glauben, wo er
bei der zweiten um so viel leichter widerlegbaren Möglich-
keit so lange verweilt — ich glaube man braucht sich diese
Frage nur ernstlich vorzulegen, um sie zu verneinen^. Schlagen
wir dagegen den Sextus auf, so finden wir denselben zwei-
gliedrigen Beweis, der bei Parmenides verstümmelt scheint,
bei Gorgias vollständig erhalten (Sextus, adv. math. VII, 71) :
xad fiijv ovde yevYjxov elvai &6vaz(u xd Sv ei yäg yiyovev, ijxoi
* In der Verwerfung der Dielsschen Ergänzung stimme ich überein
mit Wüamowitz, Hermes XXXIV, S. 204; nur wenn Wilamowitz
ohne zweites Glied glaubt auskommen zu können, muß ich wider-
sprechen.
— 41 —
iS övzoi i\ hc fjiii övtog yiyovev ' 6Xk* oike ix xov övxog yiyovev '
el yoQ Sv iativ, oi yiyovev äXX* Smiv ijdrj' oike ix xov fiii
dvTOQ ' ro yoQ fjiii Sv ovdi yewfjaai n dvvcctai dtä tö iS ävdyxrj^
dq>eiXeiv iTtägieoDg fxexixeiv x6 yewrftixöv xivo^. Aber zu unserer
Überraschung findet sich dasselbe dialektische Verfahren,
wodurch Gorgias ein Entstehen aus dem Nichts bestreitet,
bei Parmenides ganz unverkennbar wieder in dem vermeint-
lichen KoroUar V. 19: tuo^ d'äv xe yivotto • ei yoQ lyevx* ovx
iax(i), ovo* el noxe jbiiXlei iaeaOai = äkX' oike ix xov Svxog
yiyovev ' el yäg Sv icrttv, ov yiyovev äXX' laxiv ijörj. Wie ? Sollten
am Ende die alten Erklärer doch im Rechte gewesen sein,
als sie das /iij vor iövxo^ in V. 12 tilgten? Ja, man darf
fragen, welchen Sinn soll überhaupt der ganze Abschnitt
von Vers 12 bis 21 haben, wenn er nicht dazu dient,
ein Werden aus dem Seienden zu widerlegen? Welcher
Sinn kann, um beim Ersten anzufangen, in den Worten
yiyvecOcU xt Ttaq avxö (V. 13) liegen, wenn das avxö selber
ein fiijdiv ist, also nicht einmal ein Etwas sondern ein un-
aussprechliches, undenkbares Nichts? Was soll das heißen,
zu behaupten, daß es außer einem solchen Nichts kein anderes
Ding mehr geben könne. ^ Zum Glück sind wir nicht genötigt,
diesem Unding von Gedanken lange nachzugrübeln, denn
Parmenides erklärt sich selber in V. 36: ovdiv yäg <fj> icrtiv rl
icrtoi äXXo ndgei xov iövxo^. 'Dazu kommt, daß auch Vers 15
erst verständlich wird, wenn man erkannt hat, daß die Frs^e,
die hier zur Entscheidimg steht, die Frage ist, ob sich ein Sv
aus einem anderen Sv entwickeln könne. Denn es leuchtet ein,
daß in Vers 13 und 14 der Satz: xov elvexev oike yeviaOat oin
SXkvaOai ävfjxe ölxrj xaX&aaaa niStjaiv <UA' ix^i nicht als neuer
und selbständiger Gedanke, sondern in Parenthese tu ver-
stehen ist, als eingeschoben nach derselben altertümlichen
Manier, die in Vers 53 wiederkehrt: die parenthetische Wieder-
holung der Hauptthese sollte in Erinnerung bringen, daß der
* Wenn Diels übersetzt: „auch kann ja die Kraft der Über-
zeugung niemals einräumen, es könne aus Nichtsdendem irgend-
etwas anderes als eben Nichtseiendes hervorgehen", so muß ich
bezweifeln, ob man das nagd üi diesem Sinne fassen darf.
— 42 —
neue Abschnitt nur ein neues GKed desselben umfangreichen
und kunstvollen Beweisganzen bedeute^. Der Gedankengang
ist also folgender: „Kann ein dv aus einem Sv entstehen ? Die
Entscheidung liegt in der Beantwortung der Frage : ist es oder
ist es nicht. Die Frage ist bereits entschieden, der zweite Fall
widerlegt; folglich läßt sich ein öv nur in der Gegenwart vor-
stellen; denn was wurde oder in Zukunft sein wird, kann kein
dv sein, weil es nicht ist." Kein Zweifel, das gesuchte zweite
Glied des dilemmatischen Beweises ist gefunden: es steckt
in den Versen 12 bis 21. Daß Parmenides das leichtere
Problem, die Frage nach der Möglichkeit des yiyveaOm ix xov
ixi\ SvTo^, vorweg nimmt, kann nicht Wtmder nehmen; wer
machte es heute anders ? Und Parmenides folgt selber dieser
Regel, wenn er bei der Prüfung der drei „Wege" den „gänz-
hch unauffindbaren", ergebnislosen „Weg" vorausnimmt
und dem anderen voranstellt, der zu den Irrtümern und
Widersprüchen der SterbHchen hinführt. So büebe denn nur
noch die Frage übrig, welchen Text wir in V. 12 herzustellen
hätten, um die sinnwidrige Negation hinauszubringen. Und
da mag der nächste Weg wohl auch der beste sein: anstatt
des jbii] ein rov zu lesen, wie denn dieselbe Wortverbindung
an derselben Versstelle noch einmal wiederkehrt*, Fr. 8, 37.
1 Ein auffallendes Beispiel dieser Technik ist Melissos Fr. 8; der
Gedankengang ist folgender: 1. „Wenn die Welt der Sinne wahr
wäre, so müßten dieselben Eigenschaften, die wir einmal an den
Dingen wahrgenommen haben, ihnen unveränderlich verbleiben.
2. Nun aber scheinen uns alle Dinge sich fortwährend zu verändern.
3. Also liegt hier ein Widerspruch: wir behaupten eine Vielheit
ewiger, bestimmter Dinge und trotzdem nehmen wir überall Ver--
änderung wahr. 4. Polglich trügen unsere Sinne, und die Vielheit, die
sie uns vorspiegeln ist eine Täuschung, denn wären, die Dinge wahr, so
dürften sie sich nicht verändern." Das ist ein durchaus einheitlicher»
fest in sich geschlossener Beweis, und doch wird das Ergebnis in
der Mitte schon eiomal vorw^genommen : zwischen 2 und 3 finden
sich die Worte eingeschoben : &<ne avfißahuv /jn^e öqov fM/jre rd ^a
ytpdfaxeaf, gleichsam als bedürfe der schon allzu lange in der Schwebe
gehaltene Gedanke in der Mitte einer Unterstützung.
* Vgl. auch V. 33, wo gleichfalls fälschlicherweise ein /miJ einge-
drungen ist: [/lii] idv d^äv navtdq ideho.
— 43 -
Aber was man auch einsetzen mag — nicht undenkbar wäre
z. B. auch die I^esung oidä [lev Sx nox* iövxo^ — der Text
bleibt doch nur Nebensache im Verhältnis zum Gedanken,
und den hoffe ich erreicht zu haben, nicht zum wenig-
sten durch den Vergleich des Gorgias. Der Gewinn, der
nebenbei für die Gesamtauffasstmg des Parmenideischen
Gedichtes abfällt, ist auch nicht zu unterschätzen: die Er-
kenntnis, daß diese Fragmente keine Notizzettel und Aphoris-
men sind, die man nach Willkür und Belieben aneinander-
reihen dürfte, für die jede und wäre es auch die schlechteste
Verbindtmg immer noch gut genug wäre, sondern daß ein
Systematiker aus ihnen redet, dem selbst seine Verse, statt
hervorzuströmen, in derselben strengen Gliederung er-
starren, durch die seine Gedanken gebunden und zum Ganzen
gefügt sind.
Wenn ich nach diesen Proben für wahrscheinlich halte,
daß die drei Wege bei Parmenides dasselbe sind, was die drei
Möglidftketten des Seins bei Gorgias, so bestärkt mich sehr
in meiner Zuversicht die Art, wie Gorgias mit der dritten
seiner Möghchkeiten umgeht. Ganz als ob es selbstverständ-
lich wäre, rechnet er damit, daß Sein und Nichtsein ein-
ander ausschUeßen^ wie daß sie in eins zusammenfallen
könnten*, und wie geläufig ihm der Gedanke ist, ließ sich
besonders deutlich aus dem Anonymus erkennen, der, ge-
nauer als Sextus, auch für das /m^ 8v beide Möglichkeiten
offen ließ: el fiii ravtöv icrtiv elvai xe xal /j/rj elvcu. So
1 Dem entspricht es. wemi er neben dem Beharren und Werden
auch noch einen dritten Zustand, worin beides vereinigt ist, als
denkbar hinstellt. Auch das ist schwerlich bloße Caprlce, sondern
ursprünglidi ernst gemeinte Dialektik. Ähnlidi scheidet audi Melissos
zwischen unbeschränktem und beschränktem Werden (Fr. A 6 Diels) :
drs yäg äncofta yiyovev ähe fiij Ttdvxa, dldia djj>g>OftiQO)g * i( addev^ yäg
yevioBcu d» a^d yiyvd^uva * ändytaw re yäg yiyvojuiivojv trödiv Öv nQOi}-
ndQxemß * M dvxow rivcov äel hega nQoaylyvono, nliov d» xal fieiCw xd
b9 ytyotfkna, Parmenides rechnet mit dieser Möglichkeit noch nicht;
wahrscheinlich ist es erst Bmpedokles gewesen, der auf sie aufmerksam
gemacht hat durch die Lehre, daß die Welt zugleich in ewigem Be-
harren imd in ewigem Werden begriffen sei.
— 44 f—
drängt alles zu dem Schluß, daß Gorgias diese Dreiteilung
nicht aus sich selber, sondern nur aus einer festen Tradition
hat schöpfen können. Und nun vergleiche man die For-
mulierung, die er der dritten Möglichkeit gegeben hat (Sextus
§ 75) : ön di ovdk d/jupörega Icrtiv, x6 re Sv Tcai rd fxii dv, edeni'
XdyunoV elneq yäq x6 /j/^ Sv iatiy ravtov icrtai reo dvri rd /lij
Sv 8aov knl reo elvcu' xal 6ia xovxo oidhegov aördiv Icrtiv. Die
Worte werfen in der Tat ein überraschendes Licht auf den
Gedanken des Parmenides. Es kann kein Zweifel sein, seine drei
„Wege der Forschung" sind zunächst und waren ursprünglich
lediglich ein logisches Fachwerk : entweder das Seiende oder das
Nichtseiende oder das Seiende und das Nichtseiende zugleich
{elvai re xal ov%l : Fr. 8, 40) . Gab man das letzte zu, so fielen das
Seiende und das Nichtseiende zusammen, sofern beide im Sein
identisch waren, zugleich aber waren und blieben sie als Gegen-
sätze unvereinbar. FolgHch mußte man in diesem Falle Sein
üud Nichtsein für dasselbe gelten lassen und doch wiederum
nicht für dasselbe : 0)4 x6 7t£ktiv re xal ovx elvai rairov vevö-
fucrtai xov ravröv. Die Folge war das Ende aller Konsequenz.
Um es zu wiederholen: die drei Wege waren zunächst nichts
weiter als ein Schema; zu einem Systeme konnte das Schema
erst in dem Augenblick werden, wo die Welt der Sinne mit dem
dritten Wege gleichgesetzt wurde. Doch wie das kam und
was das zu bedeuten hat, darüber später.
Daß drei Wege unterschieden waren, ist auch dem
Simplicius nicht entgangen, den sein reges Interesse für
den Parmenideischen „Piatonismus" wenigstens insofern
einem richtigen Verständnis näher brachte , als es ihn davor be-
wahrte, über dem Einzelnen das Ganze zu vergessen. Simpli-
cius schreibt, Phys., S. 78, 2: iiefxxpdfievoc yäq rolc rd Sv xal rd
fiij Sv cv/jLq)iQovöiv iv reo vorjftc^ 'ol^ rd niXeiv re xal ovx
elvai ravröv vevö/xiarai xoi ravröv (Fr. 6, 8. 9) xal
AnoarQhpaj^ rfj^ odov rfj^ rö fxii Sv ^ijroiiari^ ^äXXä ai> rf\a6*
&(p* Ö60V di^i]aio^ elgye vöri^a (Fr. 7, 2), iTzdyei ^fiovvo^
d*lri fivdo^ ööolo Xelnerai &c loriV ravrxj d'inl aij/xar'
iaci noXXä fxdXa (Fr. 8, 1) xalnaQadldcoaiXoutövrärovxvQico^
övxo^ arj/jtela. Aber leider hat man gerade diese Worte in einer
— 45 —
Weise aufgefaßt, als ob die „Wege" in einem heillosen Wirrwarr
durcheinandergelaufen seien, so daß eine strenge Scheidung
weder möglich noch auch nur erlaubt wäre: man glaubte sie
nämUch so verstehen zu müssen, als ob sämtliche in ihnen an-
geführten Verse genau in derselben Reihenfolge sich zu einem
einzigen, zusammenhängenden Fragment zusammenschließen
müßten. Aber damit hat man die Absicht des Simplicius,
wie mir scheint, verkannt, dem es ersichtlich nicht um ein zu-
sammenhängendes Zitat zu tun war, sondern um den Inhalt.
Wenn er dabei in Parenthese, bei der Erwähnung der zwei
ersten Wege, ein paar losgetrennte Verse einstreute, so tat
er das, um seiner Inhaltsangabe ein paar Belege beizufügen,
und den Inhalt wiederum gab er an, um das nachfolgende aus-
führliche Zitat in den gehörigen Zusammenhang zu rücken.
Folglich liegt derselbe Fall vor, wie z. B. bei dem großen
Melissosbruchstück SimpUc. de caelo, S. 568,19 (Mel. Fr. 38):
el7tQ)v yoQ [Mel.] Tzegt xov övxo^ Sri xal Sv iati xal äyiinjtov
xal äxlvrjtov xal fii^devl xevm disdrj/jLfidvov, äU.' ä}.ov iavzov
nX'^Qe^, indyei * '/utSyicrtov fiev oüv arj/LLelov oiro^ 6 Xöyo^, Sit
iv fxövov Scrtiv ' äxäg xal rdde arifiela xzX. Auch hier bildet das
Zitat den Anfang eines neuen Hauptteils, und um das zu
markieren, wird der Inhalt alles Vorhergehenden in ein paar
kurzen Worten zusammengedrängt; auf Genauigkeit der
Reihenfolge kam es dabei nicht an. Ebenso folgen bei Parmenides
auf die ödol, den ersten Hauptteil, als zweiter die Prädikate des
Seienden. Ich kann Diels nicht beistimmen, wenn er aus dem
Worte indyei folgert, Fragment 8 müsse sich, womögHch un-
mittelbar, an Fragment 7 angeschlossen haben, zwischen diesen
beiden könne nur ein Halbvers fehlen, etwa die Worte ovdi ydg
icrti (paxöv. So gewiß Simplicius die drei Wege schildert, so gewiß
ist, daß die drei Zitate so nicht nebeneinander stehen können.
Sie vertragen sich schlechterdings nicht; weder die Worte
greifen ineinander, noch ergibt sich ein Gedanke, der in sich
zusammenhielte, geschweige denn einer, der sich dem
Gesamtplan, dem so klaren Aufbau der Beweise fügte.
Daß der dritte Weg dem zweiten folgte, unterliegt
keinem Zweifel; folghch ist Fragment 7, als zum zweiten
~ 46 —
Wege gehörig, vor den dritten Weg, d. h. vor Fragment 6
zu rücken.
Aus dem Gesagten ergibt sich, daß ein jeder der drei
Wege nach der Absicht des Parmenides sich scharf von den
anderen scheiden sollte und daß es ein Mißverständnis
wäre, wollte man den zweiten mit dem dritten in eins
zusammenfallen lassen.* Es verschlägt nichts, wenn an einer
späteren Stelle nur zwei Wege genannt sind. Fr. 8,15: ^ di
xQiai^ Tzegl ro'&ccov iv rq)d' 'i&civ' laxiv i\ oix Saxiv. Denn
wie wir bereits sahen, handelt es sich hier um die be-
sondere Frage, ob ein Seiendes aus einem Seienden ent-
stehen könne. Um das zu bestreiten greift die Göttin auf
ihren ersten Beweis zurück, sie mahnt den Jünger an den
Scheideweg, wo sich das Sein vom Nichtsein trennte; hier
auch noch den dritten Weg zu nennen, lag kein Grund vor.
Aber ebenso gewiß, wie daß die Wege scharf sich vonein-
ander schieden, ist der Schluß, daß eben diese Wege alle
Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Seins in sich be-
fassen und erschöpfen sollten, daß es neben ihnen keinen
anderen Weg mehr gab — und damit haben wir die Antwort
auf die Frage, von der unsere Untersuchung ausging: bildet
das Proömium, so wie wir es in den Ausgaben zu lesen ge-
wohnt sind, wirklich nur ein einziges, zusammenhängendes
Fragment oder sind die sechs letzten Verse als besonderes
Bruchstück von den übrigen zu trennen. ? Wenn die Göttin
auch in diesen Versen wiederum vor einem „Wege der For-
schung" warnt, so kann kein Zweifel sein, wogegen sich ihre
Warnung richtet: daß sie mit dem Gedanken des Proömiums
nichts zu schaffen hat, darüber bedarf es, nach allem Ge-
sagten, keines Wortes mehr; in die Beweisführung über das
^ Die öödg noX^qfti/wg des Proömiums fj xazd ndvr' äatrf q>iQet
eiööta q>oofta steht für sich wie überhaupt das ganze Proömiiun.
Was dabei heraus kommt, wenn man bliadlings hin und her ver-
gleicht, zeigt der absurde Aufsatz Güberts, Arch. für Gesch. der
Philos., 20 (1907), S. 25 ff. — Das „zweifelhafte" Fr. 20 wird bei Dids
doch wohl nur darum weitergeführt, damit man über seine Zweifel-
haftigkeit nicht mehr im Zweifel sein könne. Vermutlich .stammt es
aus Bmpedokles Katharmen; vgl. Emp. Fr. 120 und 128.
— 47 —
ovx iaxi kann sie schon darum nicht gehören, weil das fxii Sv
ja unauffindbar ist und man nicht erst davor zu warnen
braucht; so bleibt als einziger Weg, der noch verboten werden
kann, der dritte. Damit stimmt der Wortlaut auf das beste
Überein, denn weim die Göttin auf ihren Beweis zurück-
blickend {noX'ödriQiv iXeyxov i^ i/nddev Qtjdivta) schlußfolgernd
bemerkt: juSvo^ d'hi jülvÖo^^ oöoio XelTiexm <d)^ i(niv>, so
leuchtet ein, daß sie mit dieser Gewißheit dann erst reden
konnte, wenn sie die beiden anderen Möglichkeiten, die des
o'bx icniv und die des xal Sari xal oix, Icrtiv erfolgreich wider-
legt hatte. So stellt sich das Fragment von selbst, durch
seinen bloßen Wortlaut, an den Schluß des dritten Weges,
also unmittelbar vor das achte. Und der Zufall will es
— wenn man hier von Zufall reden mag — , daß eben das
achte mit denselben Worten beginnt, mit denen das vorige
schUeßt: jiövo^^ d'hi /ivOo^ ödoio XeiTzerai &^ iariv. So ver-
wächst das Ende mit dem Anfang, die getrennten Stücke
schließen sich zum Ganzen. Die Warnung vor dem Sinnes-
trug kommt da zu stehen, wo sie die größte Wirkung übt,
als Vorbereitung auf das Wtmderbare, unmittelbar bevor
sich aus den Prädikaten des 8v die ungeheure Vorstellung
der Seins-Kugel entwickelt*. Und nicht minder ausgezeichnet
* Überliefert ist Bviiöq ödoio, dagegen 7,1 fAvOog ööoiSo, Dielsgibt
zu, daß dies auch an der ersten Stelle gestanden haben könne;
ich halte das für gewiß, oder viehnehr, idi halte beide Zitate für
identisch. Bv/AÖg und fivOog werden oft verwechselt: Schol. Apollon.
Rhod. II, 1219 M Ovjli^ yganriop * yQdq>ex€u ök xal fAi5$(p. „So bleibt
allein die Rede (oder Lehre : vgl. den Sprachgebrauch des Bmpedokles)
von dem Wege, daß es ist". * Oöoio wg icrt zu verbinden wie in Fr. 4.
Bas ist sehr anschaulich : der fivdog, der als der einzige übrig bleibt,
ist derselbe, den Parmenides zuvor, als er den ersten Weg beschrieb,
entwickelt hat; drei Wege gibt es, aber nur Ein /xvBog bleibt. Der
Ausdruck wird sofort verständlich, wenn man diese Verse von dem
Proömium trennt.
» /idwg Simpl. phys. 142 D, B, F; 145 F: /wvvog 145 D E.
' Damit kehre ich zur alten Reihenfo^e zurück, die Karsten zu*
erst hergestellt und neuerdings auch Patin wieder verteidigt hat
(Jahrb. f. kl. Philol., Suppl. 25 (1899), S. 489ff.); nur in der Be-
gründtuig weiche ich von beiden ab.
— 48 —
ist der Anschluß an das Vorige, an Fragment 6, denn die
TUßXpol Sfico^ xv(pXol re, xeOriTtöre^, Sxqaa (pvXa sind eben die,
welche ihr Urteil nach den Sinnen und nicht nach dem Xoyo^
richten. So hat auch Empedokles das Wort reOriTtd}^ auf die
sinnliche Erkenntnis angewandt. Fr. 17, 21: 0d6rTi^ . . xijfv
ai> v6q> diQxev, firjö' o^fjuiaiv fjao zsOriTtd}^. Die Sinnesmenschen
sind in Wahrheit blind tmd taub: wie das gemeint ist, lehrt
die Wiederholung in der Warnung: v(o/jäv äaxonov öfifm
xal Yjxrieaaav axovrjv. Oder noch deutlicher der Eleaten-
Verspötter Epicharm: .
vov^ ÖQfj xal vov^ axovei, xäXXa xa>q>ä xal xvq)Xd^
(Fr. 12, Diels).
Aber noch sind wir mit der Neuordnung der Bruchstücke
nicht am Ende. Liest man nach der hergestellten Reihenfolge
beides, die Ankündigung des Irrwegs (Fr. 6) und die War-
nung (Fr. 1, 33 — 38) hintereinander weg, so wird sich schwer-
Hch die Empfindimg einer I^ücke einstellen. Das bürgt wohl
für die Einheit des Gedankens, aber keineswegs läßt sich das
Maß seiner Ausführlichkeit danach bestimmen. Es ist sehr
wohl denkbar, daß Parmenides noch länger bei dem Sinnen-
trug verweilte, ja erwägt man, daß er zurückblickend in
Fragment 8,40 die Begriffe Werden und Vergehen, Sein und
Nichtsein, Ortsveränderung und Farbenwechsel nebenein-
ander aufzählt, so ist der Schluß fast unabweisbar, daß er
über dieselben Fragen schon einmal gehandelt hat. Und in
der Tat bleibt noch ein Bruchstück übrig, das noch in
denselben Zusammenhang zu gehören scheint. Fr. 2:
Xevaae d'S/jM^ aneovxa v6q> naqeovxa ßeßalco^'
ov yäq aTtox/biij^ei xo eov xov iovxo^ Ix^adai
oihs axvbvdfievov Ttdvxtj ndvxco^ xaxä xocfiov
ovxe ovvundjLievov.
Man darf sich nur den Blick nicht trüben lassen durch
das haltlose Gerede, womit Clemens sich bemüßigt sah die
Verse zu umgeben, nur um das so kostbare Zitat nicht um-
kommen zu lassen (Strom. V, S. 335 St.). Clemens hatte sich
^ Über Epicharm und die Bleaten siehe unten S. 119 ff.
^mm
— 49 —
nämlich in den Kopf gesetzt, die christliche iXni^ durch
heidnische Parallelen zu erläutern, und da er nichts Passendes
dazu finden konnte, so hat er, nach bewährtem Brauch,
zur Deutung, zum awooceiovv gegriffen. Dabei ist ihm eine
philosophische Ekloge unter die Hände geraten, die nicht ein-
mal mit der Jenseitsvorstellung, geschweige denn mit der Hoff-
nung, irgend etwas zu tun hat. Voran steht eine Stelle aus
£mpedokles: ^v ai> vöcp diqxsv iir\b' Sfifjuiaiv fjao reOrjTui)^,
es folgen die angeführten Verse des Parmenides, darauf,
wenn man die Zusätze des Clemens streicht, die Worte:
et xolwv (pa/jih n elvai dlxcnov, tpa/iiv di xal xaXöv, äXXä xal
dXrfieiAv xi XfyofxeVf oidiv de Tuhnoxe x(m xoi(y6x(ov xol^ dtpOaX-
fjjol^ eldofiev aXk' i\ fji6v(o xco v^ . , im äqa dewqtftd^ 6 Xöyo^.
Demnach handelt es sich in Wahrheit um ein Kapitel Er-
kenntnistheorie, tmd rein erkenntnistheoretisch ist denn audh
der Inhalt des Parmenidesfragments: levaas vötp wie v6q>
biqxev: „gebrauche den Verstand statt deiner Augen und
sieh das noch so Feme gleichwohl mit dem Verstände
sicher gegenwärtig^; denn er wird das Seiende nicht aus
seinem Zusammenhange, seiner Einheitlichkeit loslösen,
weder durch einen Zustand kosmischer Expansion noch
Kontraktion*". An sich betrachtet könnte dies Frs^ment
zur Not wohl auch in das Kapitel über das öv gehören, aber
die übrigen Frs^mente tmd die Führung des Gedankens
machen das unmöglich. Glücklicherweise ist die Stelle er-
halten, wo Parmenides zum ersten Male die Wege der For-
schung naimte. Fr. 4 : el ö' äy iycjv igdco, xöfuaai di ci> /ivBov
ax(y6aa4, alneq ödol fxovvai diiijatö^ elai vofiaai* ^ fiev Stuo^
icfxi ml. Vor diesen Worten kann er über das 8v ausführlicher
* Die Stellung des v<5q) erklärt sich nicht aus Versnot, sondern
dient der Hervorhebung ; ähnlich 8, 53 : fWQ<päg ydQ xaxidevto di5o
yvd^fiag'dvofidC&v. Hier liegt aller Ton auf ovo.
* Ich fasse dnotfAi^Set als dritte Person, wie es audi Diels in
den Vorsokratikem, abwddiend von seiner früheren Erklärung
(Parmenides. S. 64). übersetzt hat. Ähnlich Fr. 8,12: oMi . . itff^aei
nlmiog lox^ ylyveoBal ti naq' a^6. Der Sinn kommt nur heraus, weni^
tovg Subjekt wird: wo Augen und Ohren nur getrennte Dinge wahr-
nahmen, erblickt der Verstand ein h awsxig (Fr. 8, 6).
Reinhardt. Pannenides.
— 60 —
noch nicht geredet haben; aber er geht alsbald zum //t) 8v
über, dann zum ravrdv xal ov raöröv und kehrt dann erst zum
8v, zum emzig wahren Weg zurück. Die Schilderung, die er
darauf vom Seienden entwirft, ist lückenlos erhalten. Folglich
läßt sich hier das fragliche Fragment nicht unterbringen, es
bleibt nur noch der Abschnitt über das ravröv xal ov ramöv, wo
es gestanden haben kann. Und bei genauerer Prüfung zeigt sich
auch, daß dies der Platz ist, wo es sich am vorteilhaftesten
und besten in das Ganze einfügt. Wenn ich in meiner tJber-
setzung von der Dielsschen abgewichen bin, so tat ich das be-
wogen durch die Bedeutung und Geschichte des Wortes xöa^ot;,
die sich mir in einem andern Lichte gezeigt hat, als es
bisher üblich war^. Hier mein Ergebnis, vor der Hand noch ohne
die Belege: niemals, auch nicht in der Sprache der ältesten
Milesier hat dies Wort das „Weltgefüge" oder den „Bau der
Welt" bedeutet, vielmehr redeten die Alten von den xöofxoi
in der Mehrzahl und verstanden darunter die verschiedenen
Phasen, die nach ihren Theorien der diaxoc/xo^ zu durch-
laufen hatte. Koa/jtoi waren beispielsweise die abwechselnden
Zustände äußerster ägcUcoai^ und nvxvwai^ bei Anaxi-
menes. Und gegen Anaximenes tmd seine Kosmogonie ist
in der Tat die offenkundige Polemik, die in jenen Versen
steckt, gerichtet — Heräklit als Gegner scheidet aus ge-
wissen später darzulegenden Gründen aus. Waren aber die
Worte nicht dazu bestimmt, dem wahren Seienden zu allem
übrigen noch eine neue und besondere Eigenschaft hinzu-
zufügen, sondern sollten sie die Sinneswahmehmung und die
auf sie gegründete Physik als dem Verstände widersprechend
in das Reich der logischen Unmöglichkeiten verweisen, so
bedarf es keiner weiteren Erklärung, weshalb sie bei der
wahren Erkenntnis, in dem Abschnitt über das Seiende, kein
Unterkommen finden konnten und mit Fug und Recht ein
Teil der Warnung sind, die gegen die Sinnlichkeit und die
* Diels übersetzt: ,,Denn er (der Verstand) wird ja das Seiende
^nidit aus dem Zusammenhange des Seienden abtrennen, weder so,
daß es sich in seinem Gefüge überall gänzlich auflockere, noch so,
daß es sich zusammenballe."
— 51 -
ihr eigene contradictio in adiecto, das ramov xai ov xavxöv
gerichtet wird.
Auf welche Weise der Begriff des physischen Geschehens
und überhaupt jede stoffliche wie zeitliche Unterscheidung
auf jene Formel gebracht war, liegt auf der Hand: setzte
man hier ein Seiendes und dort ein Seiendes, so waren beide
durch Raum oder Zeit getrennt und unterschieden und doch
ihrem Wesen nach dasselbe, also ravtov xal ov xavxöv^
Und daß wirklich von dergleichen einfachsten und primitiv-
sten Folgerungen das Denken der Eleaten ausgegangen ist,
dafür ist mir der sicherste Beweis der Satz über die Unmög-
lichkeit des Unterschiedes in der Zeit, Fr. 8, 20: el yäg Syevx'
ovx SaxfOf ovo' el noxe fiiXkei SaeoOcu. Es wird sich uns noch
späterhin bestätigen, wenn es auch manches Überzeugung
widerstreiten mag: am Anfang des begrifflichen Denkens,
bei Parmenides wie Sokrates, steht allemal das Wort, der
Glaube an das Wort, und was davon untrennbar ist, die
Wortklauberei.
Aber besteht nicht gegen diese ganze hier geübte Art, mit
den Fragmenten umzugehen, ein grundsätzliches Bedenken ?
Muß nicht eine Anordnung, die sich auf Folgerichtigkeit und
Klarheit gründet, von Grund auf verfehlt sein, wenn, wie
anerkannt, die Dichter dieses Schlages wie Parmenides und
Empedokles sich um die logische und künstlerische Ge-
staltung ihrer Werke wenig kümmerten, sorglos und planlos
nur dasselbe wiederholten und nur aufhörten, um wieder von
vorn anzufangen ? Ich kann so wenig diesen Einwand gelten
lassen, wie ich eine solche Auffassung vom Wesen dieser
Poesie für wahr erachten kann. Die Versuche, klarzustellen,
wie man komponiert hat, wie sich mit der Zeit die An-
sprüche geändert, die Formen einander abgelöst haben,
stehen in den ersten Anfängen, und es ist darum noch lange
nicht gesagt, daß da, wo wir mit unseren Augen noch nichts
— 52 —
zu sehen vermögen, auch nichts zu finden ist. Symmetrie
und Rhythmus einer archaischen Frieskomposition verfangt,
um empfunden zu werden, auch erst eine Fähigkeit und Lust
am konzentrierenden Zusammenfassen, wie sie von tms durch
Übimg erst gelernt sein will. Und daß im Zeitalter der
Giebelfelder und des strengen Stils auch ein xöajüu)^ iTÜrov
nicht ohne feste Gestalt und Gliederung sein durfte, ist für
mich so selbstverständUch, daß es sich für mich nur um die
Frage handelt, wie diese noch unbekannten Gesetze archai-
scher Komposition zu finden sind. Von Empedokles be-
sitzen wir nur Bruchstücke, die noch dazu fast alle so ge-
brochen sind, daß sie die Einschnitte imd Übergänge nicht
erkennen lassen, deren Reihenfolge selbst nicht durch die
Art der ÜberUeferimg fest bestimmt ist. Um so gewichtiger
ist, daß in dem einzigen umfangreicheren Fragment, das
wirkHch einmal eine Fuge aufweist, die Wiederholungen so
wenig einem Unvermögen oder einer Nachlässigkeit ent-
springen, • daß sie im Gegenteil als Kunst, als Mittel der
Gliederung und Rhythmisierung des Gedankens, ganz bewußt
gehandhabt werden. Wie Parmenides, so hat auch Empe-
dokles sein Lehrgebäude auf einer Anzahl von Axiomen auf-
geführt, und wie zur eleatischen Wahrheit die drei „Wege
der Forschung" führen, so eröffnet sich die I^hre von den
vier imvergänglichen Elementen erst nach einer Reihe von
Beweisen über Sein imd Nichtsein, über das I^ere, über die
Unmöglichkeit des Werdens aus dem Nichts und des Ver-
gehens, über Mischung und Zersetzimg, Liebe und Streit als
den Ursachen der Veränderung, kurz lauter I^hrsätzen, die
durch Gedanken wie FormuHerung gleich stark an Parme-
nides erinnern. Wenn gleichwohl die Elemente gleich zu
Anfang, tmvermittelt, ohne Erklärung, nur als rätselhafte
göttliche Vierzahl einmal auftauchten und wieder ver-
schwanden, so war das eine Vorankündigung, die ihren Grund
haben mochte, vor der Hand ein Rätsel sein zu wollen. Das
ändert nichts daran, daß die grundlegenden Beweise sich in
ihrer Fassung keinerlei Beschränkung auferlegten hinsichtlich
der Zahl und der Beschaffenheit der Urstoffe: denn so und
— 53 —
tmtit anders wollte es die Lehre von den Elementen, die
gldchsam ihren Ehrgeiz darein setzte, daß sie als reine
Konsequenz, ohne Makel tind Überreste der Willkür, aus den
dätgelegten Denknotwendigkeiten wie von selbst hervor-
ginge, mit derselben Pünktlichkeit und Sicherheit, mit der
die Wege der Forschung bei Parmenides zur Welt der Wahr-
heit tmd des Truges führten. Ob das ihr wahrer Ursprung
war, ist freilich eine andere Frage; aber das geht uns hier
^ehts an. Nur soviel, als gesagt ist, war vorauszuschicken,
um das 17. Fragment, dessen Betrachtung wir uns jetzt zu-
wenden, in den notwendigen Zusammenhang zu rücken :
dmX' igicD ' tot^ fiev yäg h rjiSi^ /ji6vov elvm
ix nXsdvtov, roxi d'aS didtpv TtXiov ü hd^ ehm.
doiij di QvTjfToyv yiveoi^, doiij d'änöXeiy)!^'
tijv jj^v y&Q Tidrtcov aiivodo^ xlTctei rSXixei re,
5 ij d^ jtdXiv dta<pvofiiva)V OQ€(pdeiaa didnti] .
xal Tovr' äXXdaaowa dutfuteqk^ oidafm Xiqyeiy
äkXore fxkv OiXoxrßi aweqxöfjLeva el^ Sv änavray
äXXore d'ofö 61% ixoma (pogeiifjieva Nelxeo^ Sx^ei,
<o'ßra)C fj fiev Sv ix nXeövcov /Lie/juiOrpce (piieaOai>
10 ^06 ndkiv duiip^vto^ ivo^ nUov ixxeXiOovat,
xji jbiev ylyvovxat re xal oü atputiv S/junedo^ almv'
fl di duiXXdaaovra dutfuieQ^^ o^öda/btä Xijyei,
rct&tfi 6* aih iaaiv axlvritoi xatä xAxXov.
Soweit der erste Teil: ein kunstvoller Beweis, scharf
abgesetzt und sorgsam aufeinander eingepaßt die Glieder.
Zu Anfang stehen die Prämissen: 1. Einheit wird zur Vielheit,
Vielheit wird zur Einheit; 2. Werden und Vergehen beruhen
auf Trennung und Vereinigung von Teilen in fortwährendem
Wechsel. Daraus die Folgerung : Entstehen und Vergehen
hat nur statt, sofern man die Erscheinungen unter den Ge-
sichtspunkt iEinheit oder Vielheit rückt; faßt man dagegen
ihre Kontinuität ins Auge, so haben die Stoffe ewige Dauer.
Mit welcher Berechnung, welchem Wohlgefallen an ge-
zirkelter und zwingender Form das Ganze gefügt ist, zeigen
vor allem die Wiederholungen : den Worten h ix TtXeövov . .
diiq>v nXiöv iS ivd^ elmi in V. 1 und 2 entsprechen in der
— 64 —
Schlußfolgerung V. 9 : Sv in nXe6v(ov . . öuaqyAvxo^ hd^ tzUov
ixteXiBovaiyVeis 6 kehrt beinahe unverändert wieder als Vers 12^
die Konsequenz soll gleichsam in die Ohren fallen, und wie
kunstvoll Vers 11 und 13 aufeinander berechnet sind, braucht
nicht gesagt zu werden. Der ganze Beweis war, wenn uns über-
haupt ein Schluß erlaubt ist, auch nach rückwärts fest
verbunden. Werden und Vergehen waren schon zuvor ein-
mal zur Sprache gebracht, hier ist das Thema nicht mehr
neu, es dient nur noch als Glied der Kette, aber zum ersten
Male erscheinen offensichtlich die Begriffe Einheit und Viel-
heit, die im folgenden noch eine bedeutende Rolle spielen
sollen. So fügt sich Neues in schon Bekanntes ein, oder viel-
mehr das Bekannte wird durch' Neues präzisiert, erweitert,
in Zusammenhänge gerückt, und Ausdruck der Verbindung
ist die Wiederholung. Dieser Satz empfängt seine Bestätigung
gleich durch die zweite Hälfte desselben siebzehnten Fragments :
äil^ äye fxiOoiv xXvBi ' jbiddrj ydg xoi q>Qiva^ aö^ei *
15 d)^ yaQ xal jiqiv eeuta 7ti(pavaxa)v Tielqaxa /jtiiOcov,
btnV igico * tot^ jbLev yaQ Sv i]vSijdrj fxdvov elvai
ix TcXeövoDv, rote S*a5 6iiq)v nXiov i^ evo^ elvai,
nvQ xal {fdcoQ xal yala xal ti^qo^ äjtXerov 'Sipo^,
Neixo^ rovXöfjsvov dixa x(ov, axöXavxov aTtdvxfj,
20 xal Odoxri^ iv xolaiVy Iotj fjifjxö^ xe nXaxo^ xe.
Hier steht die Wiederholung gleich zu Anfang so auf-
fälHg wie nur möglich, und doch wäre nichts voreiHger, als
wollte man daraus schließen, die Gedanken rückten nicht
vom Fleck. Wir hören, daß die vorangegangenen Verse nur
die Grenzen für die Untersuchung steckten, nur den Rahmen
darstellten, der sich mit Inhalt füllen soll; das Neue, was erst
jetzt hinzutritt, ist die Einführung der einzig mögUchen
vier Grundstoffe. Im. Vorangegangenen hätte diese nur die
Konsequenz beeinträchtigt; so aber werden in die allgemeine
Gleichung feste Größen eingesetzt, und Aufgabe der Unter-
suchung ist zu zeigen, daß die Rechnung stimmt. Wie
Empedokles sich dieser Aufgabe entledigt hat, darf über-
gangen werden. Aber wenn er in Fragment 26 die fünf
Schlußverse des allgemeinen Teils, die nelQoxa fiföBcDv, un-
,-^- i-'-
— 55 —
verändert wiederbringt, jetzt aber nicht mehr auf beliebige
Grundstoffe, wie vormals, sondern auf die einzig möglichen
vier Elemente angewandt — avrä ydg iori xavxOf di äXX'^kDV
di ddovxa yivoyr(ai) ävOgconol te xai äXkov SOvea Oijqcdv . . elaÖTcev
iv avfxffdvxa xo näv vnivegOe yivrpcai — so ist das keine
müßige Wiederholung, kein Symptom gedanklicher Zer-
fahrenheit, sondern ein hörbarer Abschluß, der besagt, daß
das gewollte Ziel erreicht ist. Mit den Begriffen Naivität,
Dilettantismus, primitiver Ktinstübung ist hier kein Weiter-
kommen. Auch die eingestreuten Selbstbetrachtu:^en des
Dichters über die eigene Technik lassen viel eher auf eine
bewußte, überlegte Kunst in der Gedankenführung schUeßen,
als auf Naivität und primitive Unbefangenheit. Wenn
er sich beispielsweise rühmt, Spitze an Spitze fügend
nicht nur einen Weg der Lehre zu vollenden (Fr. 24)^,
wenn er, um Neues anzuknüpfen, frühere Thesen wieder-
holt mit der Begründung, daß, was recht sei, nach dem
Sprichwort sich zweimal gesagt gehöre (Fr. 25), wenn er
nach einem Exkurs „aufs neue anhebend wieder einbiegt in
die Straße der Gesänge, die er zuvor verkündet hat, stets
einen Xoyo^ aus dem anderen herleitend", so dürfen, wie
mir scheint, dergleichen Wendungen am allerwenigsten zu-
gunsten einer Auffassung ausgelegt werden, die am lieb-
sten in diesem Gedichte nichts als eine Improvisation er-
blicken möchte. Diese vielen ,,Ichs", die stets beflissene,
fast aufdringliche Mitteilsamkeit hinsichtlich der Gedanken-
führung erinnert fast schon an die Formelhaftigkeit der
Übergänge in archaischer, besonders hippokratischer Prosa
— wie tinendUch weit von dieser neuen Kunst entfernt ist
doch die alte Art Hesiods! — nur daß freilich auch eben
das, was der prosaischen Gliederung ihr eigentümliches
Gepräge gibt, die typische Form des Übergangs dem philo-
sophischen Lehrgedicht, soweit wir es aus seinen Resten
■
^ KoQvq>dg hiQog hiQf^ai Ttgoadmcov fii&Bm» /jLij reXieiv dxQctTtdp juCav ,
MOQvqxxi gleich 9cs<pdkua wie bei Pindar Ol. VII 68 : xeXeikadev öi iöycov
xoQVipad iv äXaBelq. JtexoXacu, Pyth. III 80 el öi Xöyoyv awifisv xoQvq>öv,
*IiQ(üv, ögSöv irUmq,,
— 66 —
kennen, fremd ist, und soviel wir schließen dürfen, unter
allen Umständen fremd sein mußte. Die prosaische Form
des Übergangs hat zur Voraussetzimg, daß die Gedanken in
gerader Richtung fortschreitend kapitelweise ihrer Erledi-
gung entgegengehen ; Besonderheit des philosophischen I^hr-
gedichtes ist es, daß es Komplexe bildend imd selbständige
Einheiten gruppierend in jede Teileinheit zugleich das Ganze
mit hineinziehen möchte; darum seine Umschweife" und
Wiederholungen. Es gibt, soviel ich weiß, nur eine Prosa-
schrift, die sich hinsichtlich ihrer Komposition mit dem
Empedokleischen Gedicht vergleichen ließe, aber auch diese
Ausnahme bestätigt nur die Regel; ich meine die Hippo-
kratische Schrift de victu. Der Wert dieser Schrift für uns
beruht darauf, daß der Verfasser, ein Eklektiker im Stil
nicht weniger als in der philosophischen Überzeugung, stellen-
weise HerakUtisch oder überhaupt archaisch wirken will.
Bei solcher Neigung kann es nicht mehr überraschen,
wenn wir auch bei ihm derselben Art von Wiederholungen
begegnen, freilich mit dem Unterschied, daß hier als ange-
quälte, übertriebene Manier erscheint, was einmal die natür-
liche imd vom Gedanken selbst geschaffene Form war.
Darin unterscheidet sich der Nachahmer von seinem Vor-
bild. Aber das Prinzip der Gliederung, die Eigenart der
paarweis nebeneinander laufenden Gedankengänge, die sich
äußerlich zu wiederholen scheinen tmd doch stetig fort-
schreiten imd Neues brii^en, ist trotz allein treu bewahrt.
Es kann nicht wundernehmen, wenn das Opus etwas ungleich-
artig ausgefallen ist; das „Heraklitisieren" ließ sich schlecht
durchführen, wo der Arzt etwas zu sagen hatte, um so
leichter ging es, wo der Philosoph zu Wort kam, um über
die letzten Gründe zu orakeln; also wo es galt, die Vorgänge
im menschlichen Körper mit den Weltgesetzen in Zusammen-»
han^ zu bringen, oder wo immer sich ein willkommener Aus-
blick auf das große Weltgeheimnis auftat. So setzt denn
überall, wo der Gedanke allgemein wird, auch das „Herakliti-
sieren" ein, als eine mühsam angelernte Kunst, die sich nur
in beschränktem Maß verwerten ließ. Man hat das falsch
— 67 —
gedeutet und den Autor, wie mir scheint, ein wenig übel
zugerichtet, indem man glaubte, einen „Physiker", und
einen „Herakliteer" aus ihm herausschneiden zu müssen,
und da man nun noch einen dritten brauchte, um die Ver-
einigung der beiden anderen zu erklären, so erfand man sich
dazu noch einen „Kompilator"^. Das ist annehmbar, sobald
man es nicht wörtlich nimmt; es mögen immerhin so etwas
wie drei Seelen, drei Nachahmerseelen in desselben Mannes
Kopf gehaust haben. Daß aber nur ein einziger Verfasser
am Werke war, dafür bürgen, scheint mir, nicht zuletzt die
Ähnlichkeiten in der Komposition, die sich bei dieser Schrift
und bei Empedokles beobachten lassen. Wäre Fredrichs
Hypothese richtig, so beruhten diese Ähnlichkeiten alle nur
auf einem reinen Zufall, auf der bloßen Willkür seines Kom-
pilators. Aber «wie wenig wahrscheinlich ein solcher Zufall
wäre, mag ein Beispiel zeigen:
VI. rä de äXla ndvxa xal [yv^^]* ävOgcoTtov xai aa>(jua oxolov
<d>ii rpvxii duvcoofjteixaL ioignei di i^ ävOgconov /jidgea
fxeqioiv, SXa SXwv, S^ovra cöyHQi^aiv tivqo^ xal üdaro^,
rd jbtev Xritpöfxeva rd di dwoovra, xal tä jbtiv Xa[ißdvovxa /jsiov
jzoiel, tä de diSövra JtXiov, JtQiovaiv ävOgcoTioi ^'öXov' 6 fiev
eXxei, 6 öd d)del, xo dd avro xovxo noiiovai * fjtelov dk
noUovxe^ nXdov jtoUovai ' xoiovxov qj'öoi^ ävOgionov ' x6
fikv diOel x6 öi iXxei ' xd fiev didcooi, xd di Xa/xßdvei ' xal tö>
fjisv didcoai, xoao'&tq) TtXiov, o'ö de Xa/xßdvei, xoao'6xq> fieiov"
XcoQrjv de exaxnov q>vXdaaei xijv iayoxovy xal xä jjiv im xd fj£lov
* Fredrich, Hippokratische Forschungen (Philol. Untersuch.^
hrsg. von Kießljng und Wilamowitz, XV, 1899), S. 89 ff. Sachliche
Unterschiede zwischen dem Herakliteer und dem Physiker aus-
findig zu machen, ist Fredrich trotz allem Bemühen nicht gelungen.
Wenn in c. X das Feuer als lebenschaffendes und körperbildendes
Element erscheint, so steht das keineswegs im Widerspruch mit der
vermeintlichen Theorie des Physikers, denn auch ihm ist das Feuer
xd xivovv, das Flüssige rd rgdtpov (c. IX toiktov öi öndtegov dv tijxtj iXdov
Hol x^xil ^ff dQfjUJvlag, i^ygdv idv xiveircu t^jtd xov nvqdq • xiveöfjLSvov 6k
CcoTtvQetxai xtX), Bei der Körperbildung ist das Flüssige gleichsam
die Materie für das bew^ende, das feurige Element.
■ Die Klammem sind von mir; xä d'ä^a ndvxa, xai yfvx^jv övBqdmov
xal a&fia öfiolwQ, i} y>vxh öiaxoafieixai Fredrich.
— 68 —
lövra duvcQivetai i^ tiqv iMaoova %c6^r, rä di int t6 jj^Cov
TtoQevöjbieva avfifxutyöixeva i^cdXdoaei i^ xrpf jbiiCo} taiiv, xä de
(eiva xal fxii ofuoTQona wßelxai ix xo>Q7}^ aXkoxQlri^.
hcdcmj dk y>*oxq fiiCco xal iXdaao) ixovaa neQupoctq. xä fjuoqia
xä icDVX^^y oike nqoaBiau)^ oike aqxuqiauo^ deofAivrj x&tf /biegicov '
xaxä dk avStjaiv xcbv vnaqxövxoyv (seil, fiegicov) xal jLielcoaiv
deofjUvrj %c6^^, Sxacxa dtajtQi]aaexaiy i^ ijvxiva äv ^A6^/ xal
6ix^<^^ ^o ^^QoamjTtovxcL
ov yäg dvvaxai xo fiif ofudxQonov iv xolaiv acv/jupögoiai
XcoQioiai ijLtfjiiveiv . . , 3«x xovxo ävOgcoTtov ipvxtj iv dvOgtoTtw
aü^exai, iv äXixp di ovdevc' xal <ljri suppl. Heidel> x&v äXXcov
^(pwv x(bv fieyakcDV dyactöxco^, 8aa di <aja'6^<poQa>^y äXkoc an äXXcov
vTto ßirj^ ajioxqivexau
'VII. tcsqI fjLEV otv xcbv älX(üv f ft)ft>r idow, tzsqI di dvOqdyTiov
örjXcbaoy' iaignei yäg i^ ävOgionov xpvx^y tcvqo^ xal
vdaxo^ a'öyxQtjaiv ^;i^ov(Ta, (JLolqav di acbfxaxo^ dvdqm-
nov ' xavxa de xal OrjXea xal äqaeva noilä xal navxola
xqiq>erai xe xal aü^exai diaixrj xfj neq ävOqmjto^ ' dvdyxrj di xä
jbtiqea ix^iv ndvta xä ioiovxa' oihivo^ yäq /jirj iveirj fuolqa i^
äqxfj^, ovx äv av^Oelri, ovxe noXX^^ xqoipfj^ inioiiori^ oike
dXlyri^ ' ov yäq exei xo nqoaavSavöjbtevov ' Sx^'^ ^^ ndvxa aü^exai
^ Da ich über den Sinn dieser Worte anderer Ansicht bin als
Diels (Herakleitos von Ephesos, 2. Aufl., S. 57 — 59; vgl. Vorsokr.
12 C 1 cap. 6), so muß ich sagen, wie ich sie verstehe. Das Problem
für den Verfasser ist, wie jede Binzelseele aus dem allgemeinen
Seelenstoff herstammen und von ebendorther ihr Wachstum haben
kann, imd doch sich ihrem Wesen nach von jeder anderen Seelen-
gattung imterscheidet. Diese Frage löst er durch die Theorie, daß
jeder Seele eine ganz bestimmte Zahl von Seelen teilen eigen sei,
die sich bei keiner anderen wiederfinde; um zu wachsen und sich zu
bewegen, bedürfe sie weder einer Vermehrung noch einer Verminde-
rung dieser ihrer Zahl, sondern indem die in ihr vorhandenen
größeren und kleineren Teile zunähmen und abnähmen, bedürfe sie
der Raumveränderung und übe sie ihre Punktionen aus, in welchen
Raum oder Körper sie immer eingetreten sei, und gliedere sich die
ihr zuströmenden Teilchen an. — Ergänzt braucht nichts zu werden,
wenn man nur anders interpungiert.
* Von mir ergänzt; Öaa öia^Maaei dn' d^Xow Diels (in den Vor-
sokratikem versehentlich zu Zeile 16 statt 17 notiert); öaa dXXoia
dn* avTÖv Wilamowitz.
— 69 —
iv x^QTi W ^f^y^ov ixacxov, rgoip'^^ inio'öai]^ äjtd ü&axo^ ti]QOv
xal Twqdc vyqov xal tä fj^v loa) ßuxC6/j£va rä di i^co ' &aneq ol
tdxTove^ td ^Xov ngiovaiv ' 6 fxkv SXxei, 6 di(h6el,za)VTd
Ttoiovvxe^' xdto) de nieCdvTcov äv(o CQTtei ' öv yäg äv nagadixotto
xdx(o Uvcu ' ijv di ßidCijtai, navxd^ ä/jLOQTijaetai ' roiovrov
XQO(pri dvOQa)7U>v' ro fikv SXxei, ro de d)Oei' ioo) di ßiaCo-
fjiivov l^(o iQTtei * ^v di ßv^ai Ttagä xcuqöv, navxd^ ajcox&d^exau
Wie • genau die beiden Kapitel einander entsprechen,
liegt vor Augen, aber sie könnten nicht parallel sein, wenn der
Inhalt nicht verschieden wäre ; so handelt das erste von der
Seele, das zweite von der Nahrung, und der enge innere Zu-
sammenhang der beiden findet seinen Ausdruck in einer
Art strophischer Gliederung. Statt des Überganges steht
die Wiederholung, an die Wiederholung erst kann sich das
Neue ansetzen, mit den Worten XQiq>exal xe xal av^exai ist
erst der Gedanke auf den Weg gebracht, auf den er kommen
sollte. Ähnüch hegt der Fall im dritten und vierten Kapitel:
xavra de avvafxtpoxeqa avxoQxed iaxi xolai xe äXXoiai Ttäai xal
älXijXoiaiv , . . iv jj^gei di ixdxegov xqaxel xal xgatelxai i^ x6
/M^xiaxov xal iXdxioxov &^ dwaxov . . , x6 /btiv o^v nvq xal x6 vdioq,
waneg eiQi]xal fuoiy avtdqxed icxi Ttäai dvd Jiavxd^ ig xd fxrixiaxov
xal x6 iXdxicfxov waavxcog. (IV.) xcyöxcov de Ttqdaxeixai ixatigcp
xdde. Das ist Nachahmtmg archaischer Technik — denn der Ver-
fasser kann viel einfacher und fortgeschrittener schreiben —
einer Technik, die uns bei Empedokles begegnete und, wenn
auch unentwickelter und weniger bewußt, schon bei Par-
menides zum Vorschein kommt. Bezeichnend ist für diesen,
welches Umschweifes er dazu bedarf, um zu seinem dritten
Wege der Forschung zu gelangen: um den systematischen
Zusammenhang des Ganzen klar zu machen, kann er diesen
Weg nicht einführen, bevor er nicht die andern beiden eben
erst beschriebenen Wege nochmals aufgezählt hat (Fr. 6):
XQ'^ xd Xiyeiv xe voeiv x idv ifxfjtevai' eaxi ydg elvai,
fj^div d^ovx icxiv ' xd a iyo) (pQd^eaOai ävcoya.
Tzqdnrig ydq a d<p* ödov xa&cri^ dv^'/jatjog <elQy(o>,
avxoQ iTten and x^g, fjv dtj ßqoxol elddxeg ovdiv
TiXdxxovxai . .
— 60 —
Dabei fällt auf, wie fest in sich geschlossen und für sich
gepr^ das erste Verspaar ist, als Einheit auch durch den
Hesiodischen Versschluß charakterisiert, (vgl. Erga v. 367),
und wie das übrige so scheinbar äußerlich hinzutritt.
Bei Empedokles wie bei dem Hippokratiker bemerkten
wir die Neigung, gerade derlei Kopfstücke zu wiederholen.
Dürfen wir einen Rückschluß wagen? Sollte vielleicht die-
selbe Sentenz schon einmal vorgekommen sein? Vielleicht
gewinnt der Einfall an Wahrscheinlichkeit, wenn man be-
denkt, daß ja Parmenides das Seiende als sein Problem
gleich anfangs irgendwie hat nennen müssen, und daß er
das kaum konnte, ohne das notwendige Prädikat des Seien-
den, das Sein, und seinen notwendigen Gegensatz, das Nichts,
gleich mitzunennen. Und zwar muß das vor der Unter-
scheidung der drei Wege geschehen sein. So mögen denn,
vermutungsweise, jene beiden Verse an die Spitze rücken,
und an ihre programmatische Erklärung mag sich Fragment 3
anschließen: ^vvdv 6i fuol iariv, onnodev äg^co/mi ' roOi yäQ
TidXiv Uofxai atJfleg. Denn in der Tat beschreibt die Unter-
suchung einen Kreis: sie geht aus vom Seienden tind
kehrt zum Seienden zurück, und jeder der drei Wege, wie
man es auch anfängt, führt zum Ausgangspunkt zurück:
TÖ dv ScfTiv,
So hätten wir denn mit Hilfe des Hippokratikers erwiesen,
daß die Wiederholungen im alten philosophischen I^ehr-
gedicht am allerwenigsten als Zeichen der Kunstlosigkeit
gedeutet werden dürfen, daß sie im Gegenteil von einem
stark entwickelten Bewußtsein der Systemzusammenhänge
Zeugnis ablegen. Ja man mag versucht sein, ai^esichts
der kompositioneilen Übereinstimmung, eine Entwicklungs-
linie von Parmenides über Empedokles zum Hippokratiker
zu ziehen. Aber da bliebe der Hauptfaktor vergessen, der
große Unbekannte : Heraklit. Es hilft uns nichts, wir kommen
um die Frage nicht herum: wie hat er komponiert? Gehört
er überhaupt in diese mutmaßliche Entwicklungsreihe hin-
ein? Und wenn er nicht hineingehört, wie haben wir ein
Recht, seinen Nachahmer, den Hippokratiker, mit Empedok-
— Bl-
ies zu vei^leichen ? Eins ist freilich leicht erwiesen : daß auch
Heraklit die parallele Gedankenf ührimg angewandt und sogar
reichlich angewandt hat. Schon die ersten beiden Bruch-
stücke, die einzigen übrigens, von denen feststeht, daß sie
aufeinander folgten, zeigen Responsion: 1. rov de Xöyov rovd*
iövTO^ äel dfiJrfiroe ylyvovxai ävOqionoi ... 2. rov Xöyov de iövro^
iwov l^diovaiv Ol TtoXXoi c&c Idlav Ixovze^ (pQÖvrjaiv» Jedes
dieser beiden Themen war durch mehrere Sätze durchgeführt
imd variiert (vgl. Fr. 34; 17). Das Werk begann also mit zwei
einander entsprechenden wuchtigen Paradoxien: „Dies Denk-
gesetz besteht, und bleibt doch ew^ den Menschen unverständ-
lich." ,J)as Denigesetz ist allgemein, es gilt schlechthin, und
doch leben die meisten, als ob sie ihre besondereEinsicht hätten. ' '
Man kann die Spannung, worauf diese Sätze hinwirken, den
Ton der Offenbarung, worauf jedes Wort gestimmt ist,
nicht ärger mißverstehen, als wenn man Fragment 50 an
die Spitze stellt: ovx i/jov äXXä rov Xöyov äxo'öaavra^ ofuoXoyelv
aoipöv icrtiv Sv Ttdvxa elvai — ganz davon abgesehen, daß dieser
Einfall gegen alle Methode geht. Auch der Hippokratiker mit
seinen /Ltigea fiegdaiv, 8Xa SXcdv will durchaus nicht gleich ver-
standen werden, sondern den Leser vor den Kopf stoßen und
erst allmähUch ihn dahinter kommen lassen, um was es sich
handelt. Läßt man Heraklit den Inhalt seiner Verkündigimg
gleich vorwegnehmen, so hat man allerdings erreicht, was man
wohl möchte : daß das Rätselhafte, Vieldeutige und in der Tat
höchst Raffinierte seines Einganges plan imd platt geworden
ist. Aber wozu dann überhaupt noch dieser Anfang ? Nein,
der Hörer soll sich in diesem Gedankenlabyrinth verirren,
soll nicht wissen, wie er sich diesen Xoyo^ deuten soll, der
zwischen Rede, Philosophenweisheit, Denknotwendigkeit zu
schillern scheint, so soll sich die AbgründUchkeit dieses Tief-
sinns vor ihm auftun. — Fernere Beweise paralleler GUede-
rung erblicke ich in der Wiederkehr derselben Bilder und
Symbole. Aus einem psychologischen Zusammenhang ist
Fragment 12 genommen: norafioim xolaiv avxolaiv i/jißaivovaiv
ixeqa xal ixeqa üöaxa iniQqel' xal ipvxal de and rcbv 'öyQcov
avaßvfJuwvtoA. Dasselbe Gleichnis, allgemein auf Werden und
— 62 —
Vergehen angewandt, begegnet in Fragment 49a: Ttoxafiolg
ToiC aÖTOi^ i/xßaivo/iiv re xal ovx ifxßaivofiev, eljLiiv re xal oi>x
€l/j£v. Das Bild des Weges, der krumm und gerade, hinauf und
hinab derselbe ist, erscheint in Fragment 59 und Fragment 60
usw^. Soweit also würde auch HerakHt sich unserem Schema
unterordnen. Und doch werden wir gerade hier gegen uns
selber mißtrauisch: sind nicht die Wiederholungen bei
HerakHt im Grunde etwas gänzlich anderes als bei Empe-
dokles? Dort waren es I^hrsätze, hier sind es allermeist
Bilder und Symbole, dort standen sie im Dienst der Über-
zeugungskraft, der Klarheit und Eindringlichkeit der I^ehre,
hier sind sie ein Wiederklingen stets derselben rätselvollen
Grundtöne. Mit einem Wort, es spiegelt sich in den Wieder-
holungen der ganze Gegensatz der beiden Philosophien, ja
mehr noch, zweier philosophischer Grundtjrpen. Die einen,
wie Empedokles, Parmenides und, wenn wir schließen
dürfen, auch Xenophanes, wollen um jeden Preis beweisen,
mit ihrem unfehlbaren XöyoQ, ihrer Wort- und Denkmethode,
ihrer lyOgik, wollen sie der Sinnenwelt zu Leibe gehen, um sich
d^n Weg zur Wahrheit zu erzwingen. HerakHt bHckt auf
dergleichen Anstrengungen mit dem Gefühl unsägHcher Er-
habenheit herab; sein Xöyo^ spottet aller Beweise, seine
Wahrheit liegt, wo niemand sie vermutet, auf die Suche
nach ihr gehen wäre Dummheit*; sie erklärt sich nicht.
1 Bezeichnend ist, was Gomperz, Wiener Sitzungsber. 1886,
S. 1004, über Herakl. Fr. 32 und 41 bemerkt (32: iv x6 aotpdv /liovpov
Xiyeadai o^ idilei xal iSiXei Zipfdg övo/ml 41: iv xd oo<p6v, iTtlataaOai
yp<o/jLipf, 6tiri hcvßiQvtiae, Ttdvza ötä növzojv): ,, Angesichts dieser zwei
Bruchstücke drängt sich mir die folgende Frage auf. Ist es glaublich,
daß ein Autor innerhalb einer nicht allzu umfangreichen Schrift nicht
nur etwa dasselbe Wort, sondern genau dieselbe Phrase in so gnmd
verschiedenem Snm angewendet hat, wie das hier der Fall sein
müßte?" Ich dächte, das wäre ein unschätzbarer Wink für das
Verständnis Herakhtischer Kunst. Die beiden Stellen werden schon
einander entsprochen haben.
• Fr. 18 : idv fiii ihzrjtai ävikuaicv, oföx iSevQijoei, dveSegeihnjtcv idv
xal äjtoQov. Das ist, wie ich glaube, nicht Mysterienhoffnung, sondern
Erkenntnistheorie : man muß schon das Unverhoffte hoffen, sich auf
— 63 -
kaum daß sie sich in Worten wiedergeben läßt : sie offenbart
sich, sie gebraucht Symbol und Gleichnis, wie der Herr des
delphischen Orakels: der sagt auch nichts und verbirgt auch
nichts, sondern er deutet an (Fr. 93). Sicher ist Heraklit
die ungleich kompliziertere, an sich betrachtet, spätere Er-
scheinung. Seine Eigenart, mehr noch sein Wissen um seine
Eigenart und seine sehr ausführHchen, sehr selbstbewußten
Betrachtungen darüber zeigen, daß er die andere Art wohl
kannte. Aber wie läßt sich das Gerade, Einfache aus dem
Komplizierten, Überfeinerten herleiten? Setzen wir bei
Parmeiiides Bekanntschaft mit dem Werke HerakHts vor-
aus, so haben wir doch für eine Ableitung der Wieder-
holungstechnik imd ihrer beiden Spielarten nicht das geringste
damit gewonnen. Wollen wir schon einen Schnittpimkt
beider Richtungen erreichen, so müssen wir, wohl oder übel,
höher hinauf, wer wöiß? zu Xenophanes oder gar, so un-
wahrscheinlich das auch wäre, zur ältesten Prosa, zu Anaxi-
menes, zu Anaximander? — falls wir nicht vorziehen, auf
das Konstruieren zu verzichten. Denn wer wird es wagen,
den entgegengesetzten Fall zu setzen und einem bloßen
Schema, einer Konstruktion zuliebe die bewährte und nie
angetastete Chronologie, imd sei es auch nur versuchsweise,
das Unmögliche gefaßt machen, um ,,es" (wahrscheinlich xd (JO(pöv)
zu finden, so unauffitidbar ist es tind unzugängHch. Die Worttrennung,
die Gomperz gibt (Wiener Sitzungsber. 1886, S. 999), scheint mir die
eiazig mögliche. IShteaQm dvikruatw sprichwörtlich, wie xwelv rd
dxlvTjfta, ursprünglich in tadelndem Sinne. So begegnet es in den
„goldenen Sprüchen" der Pythag. v. 53 (dies Beispiel wie das folgende
aus Gomperz) : &ate ae fii^e äebvt* ikrU^ew fjLijxe xi hfiBeiv, Dagegen
wendet sich der Vers des „Linos" Stob. Vc. 46, 1: BstBoQm XQ^
ndvt* iTtel of&x i<n* ofödh öehttw. Ähnlich Kuripides Fr. 761: äehnov
oijöiv, Ttdvxa ö^ihd^eiv XQ^^' Archilochos Fr. 74: XQ^f^^^ äeknxov
oOdh usw. Heraklit hat seinen erkenntnistheoretischen l4eblings-
gedanken auch noch in andere Sprichwörter hineingedeutet, Fr. 34 :
dS'^exoi dxoiiaavxeg xoxpoiaiv iobcaai * qxki^ a&totaiv /juiQXVQei JtaQedvxag
dneivcu. — Mit Fr. 18 dem Sinne nach verwandt ist Fr. 108: öhöocdv
köyovg fptovaa, ovöelg dq>txvelx<u ig xovxo, &axe voeiv, Sxi ao(p6v iaxi
n6v%<a» xexfoQia/jiivov, Man könnte fast versucht sein. Fr. 18 hier an
anzuschließen. Ähnlich auch Fr. 86.
— 64 —
in Frage zu ziehen? Es müßte denn gerade sein, daß diese
Chronologie aus anderen Gründen fraglich würde. Aber
gibt es solche Gründe ? Wie ich glaube, allerdings. —
Daß die vielzitierten Verse des Parmenides über die
Doppelköpfe, „die taub und blind zugleich und urteilslos auf
ihrem Wege dahinschwanken", in Wahrheit ein nur allzu
leicht verhüllter, leidenschaftlicher Ausfall seien, der sich nur
gegen Heraklit imd seine Schule richten könne, diese zuerst
von Jacob Bemays (Ges. Abhandlungenl S. 62) ausgesprochene
Überzeugung ist allmählich zu so starker Geltung und Ge-
walt gelangt, daß sie am Ende die gesamte Auffassung der
älteren griechischen Philosophie bestimmt und von sich
abhängig gemacht hat. In der Tat muß diese Beobachtung,
wenn sie denn wirklich richtig ist, die weittragendsten Folge-
rungen nach sich ziehen; nicht nur, daß hier ein Punkt ge-
geben scheint, von dem aus sich der Fortschritt und Verlauf
der philosophischen Entwicklung mit urkundlicher Genauig-
keit bestimmen läßt : beinahe noch wichtiger ist, daß dieselben
Verse wie durch einen Riß hindurch uns einen Einblick in
das innere, das wahre Leben jener Zeit imd ihres Denkens zu
eröffnen scheinen: durch die feierliche Steifheit und Selbst-
genügsamkeit des literarischen Gebarens blicken wir in
einen unerwartet regen Schulbetrieb hinein, da gibt es
Schüler, die zu diesem und zu jenem I^ehrer reisen, und da
gibt es I^hrer, die vortrefflich auf dem Laufenden sind, sich
gegenseitig ihre neusten Erscheinungen herunterreißen und
herüber und hinüber streiten, daß der Osten wie der Westen
vom Echo ihrer Worte widerhallt^. Aber so einleuchtend
oder tmwahrscheinlich all das an sich sein mag, damit ist
die Frage noch nicht aus der Welt geschafft, ob Bemays
wirklich ein Recht hatte, die Verse, losgelöst aus allem Zu-
^ Im Ausmalen solcher Züge ist wohl am weitesten gegangen
Low im Archiv für Gesch. der Phüos., 1911.
— 66 —
sammenhang, nur auf den ersten und gewiß frischesten Ein-
druck hin für eine Invektive zu erklären. Wir haben bereits
erkannt, daß die drei „Wege der Untersuchung" das natür-
liche Ergebnis Einer Fragestellung sind und daß der dritte
Weg, derselbe, auf dem die Doppelköpfe wandeln, ebenso
notwendig in das System hineingehört wie die beiden andern.
Wem dafür der Nachweis, den wir hauptsächlich aus Gorgias
jtEQi xov ^71 ovxoc zu führen suchten, noch nicht genug ist,
mag sich vielleicht lieber durch die Inder belehren lassen;
Mändükya-Kärikä 4, 83 (Deussen, Sechzig Upanishads des
Veda, S. 602) :
„Er ist!" „Ist nicht!" „Ist und ist nicht!"
„Er ist nicht nicht!" so denkend ihn
Unstät, stät, zwiefach, neinsagend,
Verbirgt sein Wesen sich der Tor.
Oder er mag sich von der Natürlichkeit der logischen
Dreiteilung vielleicht durch Philolaos überzeugen lassen
(Fr. 2) : aväyxa xä iövra elfxev ndvxa fj TtsQcUvovxa fj äjuiga ij
Tteqalvovxd xe xal äneiga ' öneiqa da jliövov <ij negalvovxa fjudvov
suppl. Diels> o-ß xa elri ' inel xolwv (palvexax oik' ht tismuvövxcdv
7UXVXCDV iövxa oüx* If oTteigcov Ttdvxcov, dfjXov xäqa öxi ix tisqoivövxcov
xe xal äjteiQODV 8 xe xoafjLO^ xal xä iv avx(p avvaQ/jiöxßri. Nur wolle
er lieber nicht den Schluß ziehen, der freilich der neueren
Forschung sehr gelegen käme, daß sich auch in dieser
Ähnlichkeit der pythagoreische Einfluß zeige, unter dem
Parmenides herangewachsen sei. In Wahrheit ist das Be-
weisschema des Philolaos nur ein Abklatsch des eleatischen;
an die Stelle des obersten logischen Gegensatzes ist ein6
geometrische Unterscheidung getreten, das heißt: überhaupt
kein eigentHcher Gegensatz — ein solcher wäre, nach der
pythagoreischen Tafel der Gegensätze, äjteigov xal TteTtegaa-
liivov — sondern eine Kausalbeziehung: das Begrenzende
und das Begrenzte^. (Unbegreifhch ist mir, wie man ein so
^ Diels in der neusten Auflage der Vorsokratiker, S. 309: ,, Grenze
(Farm) und Unbegrenztheit (Stoff) sind die Prinzipien der wirklichen,
d. h. sichtbaren Dinge, die diurch die Zahl erfaßt werden." Ich weiß
nicht, ob es nicht irre führt, negcdtfona mit „Begrenztem", zu über-
Reinhardt, ParmenidM. 5
— 66 —
spätes, abgeleitetes System ins sechste Jahrhundert hinauf-
datieren kann, als ob dieselbe Stetigkeit, die für die religiö-
sen Vorstellungen gilt, auch für die wissenschaftliche Erkennt-
nis ^älte!) War aber jene Dreiteilung die Grundlage der
eleatischen Spekulation, so kann nicht gleichzeitig der dritte
Teil zur bloßen Abwehr einer fremden I^ehre gedient haben»
am allerwenigsten der Heraklitischen — oder wo hätte
Heraklit gelehrt, daß Sein und Nichtsein nicht dasselbe
wäre ? Tatsächlich deutet denn auch nicht ein einziges Wort
bei Parmenides auf etwas Fremdes, Außenstehendes, Nicht-
Eleatisches hin. Wenn von den Sterblichen, ßgoroi, die
Rede ist, so muß vor allem daran erinnert werden, daß dies
alles nicht Parmenides, sondern die Göttin spricht, und daß
diese von den Sterblichen nicht anders redet als wie es die
Götter im Epos eben zu tun pflegen: olov drj w Oeo\>c ßqoxol
ahuioDvrai. Sie kann also nur die Gesamtheit, keine besondere
Klasse von Querköpfen im Sinn haben. Auch ist es weder
das einzige noch das erste Mal, daß sie das Wort gebraucht,-
sie wendet es recht häufig an, in Fr. jl, 30; VIII, 39, 51;
XIX, 3^ und zwar in so bestimmter Weise, daß es einen
philosophischen Terminus zu ersetzen scheint. Die Wahr-
heit und die Sterblichen, das sind die beiden Pole, um die
sich ihre Gedanken drehen. Und wie das Wort äXijOeta,
weil alle Wahrheit transzendent ist, auch den Begriff der
Transzendenz ausdrückt, für den es einen anderen Aus-
druck noch nicht gab, so werden auch die „Sterblichen"
in dieser urwüchsigen Philosophie zum fest umgrenzten
philosophischen Begriff, sie stehen für die Welt, in der wir
leben, wahrnehmen und fühlen; denn auch dafür hatte die
setzen ; neQcUvev intransitiv, mit ngög xi, heißt an etwas grenzen, aber
nidit begrenzt sein. Unter den neQolvovta mag Phik)laos Punkt,
lyinie wid Fläche verstanden haben, miter äjceiga die Linie, Flache
und den Raum, sofern diese an sich unendlich sind und durch Punkt,
Linie und Flache beliebig sich bestimmen lassen. Bedeutete xä
enegabfona „das Begrenzte", so wäre der Beweis TteQolvovxa ßdvw ^ xa
tri unverstandlich, denn die Vorstellung von lauter begrenzten Räumen
oder Körpern birgt in sich noch keinen Widerspruch.
— 67 —
Sprache noch kein Wort, — Die mythologische Einkleidung
des Ganzen ist weit mehr al? eine Allegorie und vollends
etwas Grundverschiedenes von einer leeren Pose oder Kon-
zession an die poetische Konvenienz: sie ist, streng genom-
men, überhaupt gar keine Binkleidui^, denn da gibt es
nichts, was |in abstracto formuliert nachträglich erst mit
einer künstlichen und transparenten Körperlichkeit um-
kleidet worden wäre, sondern gerade die abstraktesten Ge-
danken konnten ihren Weg zur Mitteilung (wie sich versteht,
in literarischer Form) nur durch die alte mythologische
Ausdrucksweise finden, weil für die direkte Verdeutlichung
die Mittel der Sprache noch versagten. Welche Worte hätten
auch hinreichen können, um von einer Höhe einen Begriff
zu geben, von der aus betrachtet die gesamte Erfahrungs-
welt rein in ein Nichts zusammenschwand? Die ungeheure
Kluft, die zwischen diesem Jenseits und dem Diesseits lag,
ließ sich nur mit dem Unterschiede zwischen Gott und
Mensch vergleichen. War das, was es zu verneinen galt,
nichts weniger als die gesamte Welt des Menschen, so war es
zum mindesten kein überflüssiger und kein schlechter Ein-
fall, das Verdammungsurteil einer Göttin in den Mund zu
legen. So betrachtet erscheint die Form der Offenbarung
als die natürliche Hülle und Haut für diese radikalste aller
Philosophien; sie schmiegt sich leicht und ungezwungen
allen ihren Teilen an und nirgends zeigt sich ein Mißverhält-
nis oder ein Widerspruch. Doch damit ist zugleich gesagt,
daß hier das Mythologische auch nur die äußere Erscheinung
bildet, nur als Ausdrucksmittel verwendet, wenn man will,
mißbraucht wird, und darum aus eigenem Trieb ein eigenes
I^ben nicht entfalten kann. Die Gestalten sind, als Mytho-
logie betrachtet, wesenlos und schemenhaft, und das aus
keinem anderen Grunde, als weil sie ausschließlich Ausdruck
der Gedanken sind, und die Gedanken wiederum können es
zu einer kräftigen imd lebendigen Personifikation nicht
bringen, weil sie nur mit dem Verstände und nicht aus den
Bedürfnissen des Gefühls gewonnen sind. Daher der Ein-
druck des Gemachten und der Kälte. Wer von wahrer
6*
— 68 —
Mythologie herkommt, dem muß das, was er hier sieht, wie
eine frostige Allegorie vorkommen; wer auf umgekehrtem
Wege von der späteren Philosophie ausgeht, dem muß das-
selbe wie ein lästiges Verharren in altmodischer, hieratischer
Form erscheinen. Beide Eindrücke sind falsch, weil sie an
fremden Maßstäben gewonnen sind und mit der archaischen
Gebimdenheit der Sprache und ihrer natürlichen Feind-
seligkeit gegen das emanzipierte Denken zu wenig rechnen.
Man versuche nur, sich in archaischer Prosa all das aus-
gedrückt zu denken, was die poetische Form tatsächlich
leistet — und das ist weit mehr, als es zunächst den Anschein
hat: die Ableitung der Sinnenwelt z. B. würde Parmenides
wohl schwerUch ix xov Iblov TtgoacoTiov so zu geben ge-
wagt haben — und man wird zum mindesten die Ökonomie,'*
die Kürze und Prägnanz dieses „Gedichts" bewundem und
die alte Frage ein gut Teil weniger wichtig nehmen, ob das
nach den übUchen Begriffen auch noch Poesie sei oder nicht
vielmehr die bare Prosa: Aristoteles in allen Ehren, aber,
man verzeihe mir, ich halte seine Unterscheidui^ in diesem
Falle für viel zu plump, als daß sie mit einer so schwierigen
und einzigartigen Erscheinung fertig werden könnte. —
Doch ich wollte von den Doppelköpfen reden. Daß dieser
Name keine Schmähung sein soll, zeigen die übrigen Bezeich-
nungen, mit denen er zusammen steht: xoxpol ö/m^ wiplol
ze, xe&rjTtöxeQ. Wir sahen bereits (S. 48), daß man hinter
diesen Worten durchaus keine Gereiztheit oder persönliche
Gegnerschaft zu suchen braucht, vielmehr erwiesen sich
dieselben Worte in nicht viel späterer lyiteratur als übliche
und festgelegte Bezeichnungen für die rein sinnliche Er-
kenntnis; als Polemik wären sie ohne Beispiel^. Warum
aber die Menschen, die den Sinnen folgen, Doppelköpfe
heißen, erklärt das folgende :
1 Diels Parmenides. S. 69, veigleicht Herakl. Fr. 34: dS^pexoi
ÖMOfioopreg xcDg)otg ioixaai, aber das ist etwas ganz anderes; da handelt
es sich um ein mitgeteiltes Wort, mid die, denen es gilt, vernehmen
es sehr wohl, aber sie gleichen den Tauben. Die beiden Stellen
stehen wohl außer aller Beziehung.
— 69 —
ol^ To TtiXeiv re xal ovx elvai ravröv vevöjtumcu
xov ravröv, TidvxcDV de TtaXivrQonög iari xiXevOo^.
Das sind aber genau dieselben, die auch in Fr. 8,38 er-
scheinen; hier einen Unterschied zu machen, wäre Willkür:
Ttt> TtdvT* övofx Sarai
8aaa ßqoxol xaxiOevxo TUTwißöreg elvai aXrjdfjy
yiyveaOai re xal SXXvaOai, elvai re xal ovxh
xal rönov dXkdaaeiv dtd re xq6a (pavdv djbielßeiv.
Folglich kann nur die Gesamtheit aller Menschen gemeint
sein. Dem vevö/uarai entspricht das 8aaa xaxiOevro: die
Menschen haben sich einen vö/lio^, ein Gesetz gemacht,
indem sie sagten: Sein und Nichtsein soll für uns dasselbe
sein. Und dies Gesetz ist wiederum kein anderes als das,
was den Gegenstand des ganzen zweiten Teils, der dofa
bildet :
lJU)Q<pci4 yoLQ xaxiOevro ovo yvdifwj^ övo/Lid^eiv.
Folglich ist es falsch zu sagen, das Gedicht fiele in zwei
Teile auseinander; die dö^a hängt aufs engste mit der
dX^Oeux zusammen, sie wird beständig mit ihr kontrastiert,
sie ist nichts anderes als der dritte Weg der Forschung, und
der Dichter hat sein Möglichstes getan und nichts versäumt,
um diesen Zusammenhang ins lyicht zu rücken. Der Be-
ginn der öö^a selbst ist nur die genauere Ausführung und
Bestätigung dessen, was er über den dritten Weg und sein
Zusammentreffen mit der Sinnenwelt andeutend gesagt
hatte (Fr. 8, 53) :
fiOQipaj^ yoLQ xaxißevxo &6o yvöifwj^ ovo/Lid^eiv,
xwv fdav ov XQ^^ ioriv (iv 4) TzenXavrfjbidvoi elaiv),
rdvria d*ixQivavro difxa^ xal arjijm Idevro
XcoqI^ otz dilijX(oi\ rfj fiiv tpXoyoQ alOiqvov nvq,
rjniov 8v, fiiy' [dgaiov] ilatpgöv, ecovrco ndvroae roovröv,
To> d' irigcp /biij rcovröv ' dxdg xdxeivo xar avro
rdvria, vüxx ddafj, nvxivdv dijbux^ ifxßqSi^ re.
„Denn sie kamen überein, zwei Formen 7^vi benennen,
von denen man die eine nicht benennen darf: das ist ihr
Irrtum; sie schieden gegensätzlich beider Körper und sonder-
ten ihre Merkmale voneinander: hier die Flamme des Äther-
— 70 —
feuers, die milde, gar sehr leichte, sich selbst überall gleiches,
dem anderen ungleiche; doch stellten sie auch jenes andere
für sich allein, auf die entgegengesetzte Seite, die lichtlose
Nacht, einen dichten und schweren Stoff." Diels hat er-
kannt, daß rävTia adverbial steht wie rävaviia bei Thuky-
dides VII, 79: xävavxla duxmcb/jLev. Ich ziehe daraus den
Schluß, daß Tcaxä nicht mit rävrla zu verbinden ist, daß
also avro nicht Apposition zum Adverbium ist, sondern daß
xoci:' avro soviel wie „allein", „für sich" bedeutet. Wie
mir scheint, gewinnt bei dieser Auffassung der ganze
Satz an Konzinnität. Zwei Formen werden einander ent-
gegengesetzt, eine jede für sich; es sind die beiden stärksten
und durchgängigsten Gegensätze, die Parmenides in der
'. Wdt der sinnlichen Erscheinung finden konnte, Finsternis
'. und I/icht. Jede dieser Vorstellungen oder Stoffe — denn er
hisit kein Mittel zwischen beidem zu unterscheiden — ist für
sich betrachtet ein Tavrov, sie leidet weder eine Steigerung
noch eine Schwächung, sie ist einheitlich und ohne Unter-
schied ; aber sofern sie Gegensatz ist und durch ihr Gegenteil
überhaupt erst zustande kommt, ist sie zugleich ein ov ravtöv,
das heißt, sie ist tmd ist doch wiederum nicht. Der Fehler
dieser Weltanschauung ist, daß sie zwei Formen setzt statt
einer; womit keineswegs gesagt ist, daß eine der beiden,
etwa das laicht, dem wahren Wesen näher stände als die
Finsternis; die Worte r6)v fuav ov x^ec&v emiv sollen den
Hörer vor keine Entscheidtmg stellen, auch das laicht wird
mit dem Augenblicke, wo es seinen Namen erhält und
Körper wird, der Sphäre des reinen Seins entrückt und in
dieselbe trügerische Scheinbarkeit gebannt wie sein Gegenteil.
Wie aber beide Gestalten als Elemente unserer Vorstellungen
{övö/Mna) und unserer Welt zugleich aufs schroffste von-
einander geschieden sind und niemals ineinander übergehen
können, so gibt es doch kein Ding, in dem sie nicht als Mi-
schung beide gleichzeitig enthalten wären, und die ganze
Mannigfaltigkeit der vorgestellten Welt beruht nur auf un-
zäh%en Mischungsunterschieden. Das ist der Fortschritt
des Gedankens vom achten Fragment zum neunten. Man
— 71 —
errät unschwer hinter dieser scheinbar physikalischen Ent-
wicklung das bekannte dreigeteilte Schema, das der öe-
dankenbildung überall zugrunde liegt: zwei Gegenteile und
als drittes ihre Mischung: lariv, ovx lariv, San re xal ovx
eoTiv. Und bücken wir von hier aus auf das Chaos, das
Gebilde der Stoff-Kränze zurück, so Hebtet sich jetzt auch
das letzte Dunkel, das noch darüber zu lagern schien:
es ist nichts anderes als eine Übersetzung der drei logischen
Kategorien ins Räumliche: an beiden Enden die beiden un-
vermittelten Gegensätze, laicht und Finsternis, und in der
Mitte ihre Mischung. Wenn die Gegensätze gedoppelt er-
scheinen, so geschieht das lediglich in Rücksicht auf die
räumliche Symmetrie; und wenn sie als Kreise und Kränze
und nicht als Striche und I/inien erscheinen, so mochte gleich
sehr daß ästhetische Bedürfnis wie die Vorstellung der Welt-
kugel dahin gewirkt haben, daß Parmenides sich seine Stoffe
lieber in sich selbst zurückgebogen als ins Unendliche sich
verHerend dachte. So gelangen wir zu der Einsicht, daß
selbst die Kosmogonie mehr , logischen als physikalischen
Ursprungs ist; der Widerspruch, der seither zwischen dem
Physiker und lyOgiker Parmenides nicht wegzuleugnen schien,
löst sich, befscharfer und zusammenfassender Interpretation,
in schönste Harmonie und Wohlgefallen auf.
Es ist eine Regel, die so einfach ist, daß man sich scheut,
sie auszusprechen, und doch ist sie vergessen worden: die
Regel, daß man Parmenides zuerst aus sich selbst, zu zweit
aus seiner eigenen Schule zu erklären hat. Statt dessen erklärt
man ihn aus HerakUt und dem ganz unbekannten Pythagoras.
Hätte man, statt der vermutlichen Lehre des Pytha-
goras, die sicher bezeugte des Melissos zum Vergleiche
herangezogen, so hätte man, statt Luftschlössern in
den Wolken, festen Boden unter den Füßen gewonnen.
Auch Melissos Schrift zerfiel in zwei Teile; der erste ent-
wickelte die Prädikate des Seienden, entsprach also den
Parmenideischen aij/tiaxa xov övxo^, der zweite handelte über
die Welt der Sinne und muß sich folglich ebenso notwendig
aus der Parmenideischen dof a entwickelt haben wie der erste
— 72 —
atts der dXifßeuL Wir verdanken unsere Kenntnis von der Schrift
und ihrer GHederung dem Simplicius (de caelo S. 558, 16) :
elmhv yäq (MeUssos) neql xov övxo^ 8u Sv eari xai dyevrjxov
xal axlvfjrov xai jutjöevl xevcp diedrjjtiibLdvov, äXX' Slov iavrov
TtX'^Qe^y indyei ' *fiiyi(nov fiiv oiv arifielov oixoc 6 i.6yo^, 8u
Sv fjtövov Sariv * azäg xal xdde atifieia ' el yog ijv noXkd, roiaika
XQ'fl avrd elvai, olöv neq iy(b (praxi x6 Sv elvai' ei yäq San yfj
xal "SdcoQ xai äfjQ xal tvvq xal ai&rjQO^ xal %ßv<yo^, xal tö /biev
^(pov xd de xeOvfjxö^, xal jtiiXav xal Xevxov xal xä äXXa,
8aa (paalv ol ävOgoDTtoi elvai aXriBf\ (= Parmenid. Fr. 8, 39:
8aaa ßqoxol xaxidevxo nenoiOoxe^ elvai aXrjOfj, yly-
veaOai xe xal dXXvadai, elvai xe xal oixh ^ xönov äXXdaoeiv
did xe XQ^^ tpavov djtielßeivl), el eJi) xavra Saxi, xal ^fxei^
öqOco^ ÖQmjbiev xal axo^öo/biev, elvai xQfh ^^«(xrov xoioikov,
olöv Tteq xd Ttqanov Ido^ev T^jbuv, xal jbirj fiexoTziTtteiv firjÖk
yiveaOai hegolov, dXXa äel elvai Sxaaxov, olov Tteg iaxiv * vvv di
q)afiev ögOco^ ögäv xal axo'öeiv xal avvidvai ' doxei de 'fjfuv x6 xe
OeQfjLov xpvxQov ylveaOai xal xd tpvxQdv Oeg/Lidv xal xd axXrjgdv
fuddaxöv usw. Und mußte nicht die eleatische I^ehre von
Anbeginn notwendig aus zwei Teilen sich zusammensetzen?
Forderte die Entdeckung einer übersinnHchen Erkenntnis nicht
von selbst zi^leich eine Kritik der Sinnenwelt ? Durfte und
konnte man es unterlassen, nachdem man erst das Kriterium
für die Wahrheit in seinen Besitz gebracht hatte, nun auch
damit den Trug und Widerspruch aus allen Erscheinungen
dieser Welt hervorzuziehen und an den Tag zu bringen?
Wenn uns die Art, wie Melissos sich dieser Aufgabe entledigt
hat, nicht unverständlich dünkt, dagegen die döia des Par-
menides so voller Schwierigkeiten für uns steckt, so ist der
Gnmd vornehmlich darin zu erblicken, daß Parmenides
um so viel mehr gewollt hat als Melissos : er begnügte sich
nicht damit, den Widerspruch in aller Erscheinung fest-
zustellen und der Formel: elvai xe xal ovxi zu unter-
werfen — wie Melissos am Schlüsse des angeführten Beweises :
^v de /lexajcdaij, xd jbiev edv aTKoXero, xd de ovx idv yiyovev —
sondern er sucht darüber hinaus nach einer dgx:iy nach
einem Urgrund, gleichsam Urstoff aller Gegensätze, um
— 73 —
den didxoofxo^ der Sterblichen zu entwickeln. Melissos stellt
drei Kategorien von Gegensätzen unvermittelt nebenein-
ander: 1. Wasser, Feuer, I^uft, Erde, Gold, Eisen, mit einem
Worte die Aggregatzustände: Oeqfjuiv xpvxQov, &q(u6v tcvxvöv,
fuddoHÖv axXtjQÖv (denn die Metalle sind das Härteste, wie
Wasser das Flüssigste), 2. das I^ebendige und das Tote, ST/jJlav
xal levxöv, Schwarz und Weiß als Elemente aller Farbigkeit
und Sichtbarkeit. Parmenides verbindet und verknüpft
dieselben Gegensatzpaare zu einer Kosmogonie; an Stelle
des Lebendigen und Toten stehen bei ihm die Mächte des
Zerstörens und Gedeihens; Hell und Dunkel, Wärme und
Kälte, Leichtigkeit und Schwere, Härte und Weichheit
schließen sich ihm in einen einzigen, alles in sich begreifenden
üi^egensatz zusammen, den des Lichtes und der Finsternis
— wie schon ein alter Eleatenschüler sich am Rande seines
Exemplares angemerkt hat, Simpl. phys. 31,3: xal eJi) xal
xaxaXoyditjv /jsvaStt tcöv iTtwv ifjL(p6qexai xi ^aeidiov &c avtov
HaQfxevidov Sx^v oiko^ ' 'im x&di imi rö dgaidv xal ro deg/bidv
9cal TÖ q)do^ xal ro fmkOaxov xal xd xovq>ov, inl de reo nvxvö
d)v6fjuz(nai ro ipvxQov xal rd Co<po^ xal axlrjQov xal ßagv '
xama yoQ äTtexgldrj ixaxSQCDQ ixätega: ich muß in Anbetracht
der Terminologie, der Sprache und nicht zuletzt auch des Ver-
ständnisses, von dem die Worte zeugen, dieses SchoHon, wie
gesagt, für echt eleatisch halten^. Licht und Finsternis bedeuten
in der Tat in der Parmenideischen Kosmogonie der Gegen-
sätze als Temperaturen Warm und Kalt, als Aggregatzustände
Locker imd Fest, als Körper Himmel und Erde, als Energien
Zeugung und Zerstörung, als Farben Schwarz und Weiß — und
welche Wichtigkeit die Farben, als die Ursache der Sichtbar-
keit, für Parmenides gewonnen hatten, lassen die Worte erraten :
dui re xQdcL <pavdv afjLelßeiv\ irren wir nicht, so hat die spätere
* Zu beachten ist, daß Simplidus nur von einem einzigen ^aeiöujv
spricht und daß er es als Unikum betrachtet; damit fällt die Er-
klärung, daß er eine kommentierte Ausgabe des Parmenides besessen
hätte oder sein iBxemplar aus einer solchen abgeschrieben gewesen
wäre; auch wußte er doch wohl mit Scholienhandsdiriften Bescheid.
Und Kommentare zu Parmenides hat es wohl nie gegeben.
— 74 —
Schwarweißtheorie hier ihren Urspning^. Alle Eigenschaften,
alle Erscheinungen sind letzthin Mischungen der beiden ersten
Gegensätze, mit denen die Erschaffung der Sinnenwelt begann.
Es mag paradox klingen, aber ich sehe keine Möglichkeit,
der Folgerung zu entgehen, daß der Begriff der Mischung,
die Grundlage aller späteren Physik, ursprünglich auf rein
logischem und metaphysischem Boden gewachsen sein
müsse, um erst nachträghch in die Naturwissenschaft ver-
pflanzt zu werden. So wenig wir von Anaximander wissen
so steht doch so viel fest, daß er bei seinem äjieiQov an keine
Mischung dachte; wenn er, wie es den Anschein hat, von
äTtoxQloei^ redete, so hat er damit wohl weniger ein Sich-
Spalten und Auseinandertreten der verschiedenen Stoffe oder
Aggregatzustände aus der einheitlichen Urmaterie bezeichnen
wollen als die räumliche Abgrenzung verschiedener Welten
innerhalb des Unendlichen: q>i]al de rd ix xov ätdiov yövifwv
OeQjbiov re xai ywxQOV xaxä X'qv yheaiv rovde xov x6a/ju>v ajto-
xQiß^vcu xai xiva ix xovxov <pXoyd^ atpaigav TteQitpv^vcu x(p tceqi
xijv yfjv ädgi dx^ tö> öivöqto q)loi6v (Fr. 10 = Plut. Strom. 2) ;
das heißt: wie die Rinde aus dem Holze herauswächst, so*
wachsen die Stoffe auseinander und aus dem Unendlichen
hervor. Genauer hat erst Anaximenes das Wesen der Ver-
ändenmg zu fassen und zu bestimmen gesucht durch seine
I^ehre von der äQcUwai^ und Ttvxvcoat^. Er teilte dabei die An-
schauung Anaximanders, daß dem Urstoff eine unbegrenzte
Fähigkeit sich zu verwandeln innewohnen müsse. Gegen diese
Voraussetzung, den festen Gnmd und sichere Gewähr aller
bisherigen Erkenntnis der Natur, erhob Parmenides seine
Stimme: er, der große Revolutionär, der dem naturwissen-
schaftlichen Denken ins Gesicht schlug, wo er nur konnte, und
doch für die Naturphilosophie fruchtbar geworden ist wie keiner
^ Theophrast de sens. 59 : 'E/jmeöoxlfjQ di xai Tiegl x6w XQ^/^^"^*
Kol &ti x6 likv Izvxbv xov nvgög, x6 di fxiXa» xov ^öaxog (Fr. A. 69 a Diels). ol
ö'äXloi xoaovtov juiövov &tt x6 xb Xßvxdv xai x6 fiikav äqxcd, xä d*äXka
jueiyvv/jUvcüv ylvexai xoihcov. Über die ältesten Farbenlehren der
Griechen vgl. W. Kranz, Hermes 47. S. 1 26 (auf Melissos und Parmenides
geht Kranz nicht ein).
— 76 —
ihrer Anhänger. Mit seinem Drange nach allem Äußersten und
mit der Gewißheit, die ihm seine eigene, von ihm selbst er-
f imdene Waffe, seine lyOgik, gab, erklärte er : was gegensätzlich
ist, kann nmi mid nimmer ineinander übergehen ; dicht mid
dünn sind Gegensätze, sind in meinem Denken mivereinbar,
imd die Welt ist nur der Spiegel meines Denkens; wenn daher
dasselbe Ding bald dicht bald dünn erscheint,* bald warm,
bald kalt, bald hell, bald wieder dunkel, so kann das einzig
und allein kraft eines Beieinanderseius der unveränderlichen
Gegensätze möglich sein, ins Stoffliche übersetzt, durch
ihre Mischung. So bringt er das Unglaubliche fertig, das, was
nur als Aggregatzustände eines und desselben Stoffes ge-
dacht war, selbst zu Urstoffen zu machen und mit seinen
obersten beiden Gegensätzen, laicht und Dunkel, gleich-
zusetzen, mit einer Verachtung physikalischer Denkweise,
wie sie nur der erste I/Ogiker aufbringen konnte. Aber wie
die Physik alsbald den rein begrifflich formulierten Satz von
der UnvergängHchkeit des Seienden sich zu eigen gemacht
und zur Gnmdlage neuer Systeme umgeschaffen hat, so hat
sie auch den Gedanken der Mischung aufgegriffen und ihn
einer neuen oder vielmehr erst seiner eigensten Aufgabe zu-
geführt: wie denn in Wahrheit beide Gedanken einerlei
Urspnmgs sind und nicht erst von Empedokles vereinigt
werden konnten. Als sichtbare Merkmale und Merkzeichen
des Weges, den der Begriff der Mischung von da ab zurück-
gelegt hat, erscheinen die Konstruktionen vorweltHcher
Mischungszustände, die Kränze bei Parmenides, der Sphairos
bei Empedokles, das fietyfm bei Anaxagoras; die Kränze vom
Standpunkte des Physikers, das heißt als Mischung, noch
höchst willkürlich und unvollkommen, der Sphairos physi-
kalischen Ansprüchen insofern besser genügend, als er eine
einzige, gleichförmige Masse darstellt und die Zahl der ge-
mischten Stoffe von zweien auf vier gestiegen ist, endlich
das fielyfm des Anaxagoras, das den Gedanken bis in seine
letzten Konsequenzen führt.
Aber mit dem Prinzip der Mischung und der eigentüm-
lichen I/Ogik, der es seine Entstehung verdankt, hängt noch
— 76 —
eine andere große Errungenschaft zusammen: die Wahr-
nehmungstheorie. Wir müssen auch auf sie von diesem
neuen Gesichtspunkt aus noch einmal kurz zurückbUcken,
um ihren Ursprung aus der Seinslehre noch tiefer zu be-
greifen. Es kann kein Zweifel sein, weder bei Anaximander
noch bei Anaximenes hat es dergleichen gegeben. Bei dem
starken Interesse, das Theophrast und mit ihm die gesamte
doxographische Literatur den Anfängen entgegenbringt,
wird sein und der anderen Stillschweigen zum zwingenden
Beweis. Der erste nach der üblichen Datierung, der laut
Theophrasts Bericht sich über die stoffliche Zusammen-
setzung der Erkenntnis ausgesprochen hat, ist Heraklit;
aber man wird allmählich wohl erraten haben: dieser üblichen
Datierung fehlt es an Gewähr, und es gibt Gründe genug,
die dazu raten, Heraklit ein paar Jahrzehnte unter Parme-
nides hinabzurücken. Alkmaion von Kroton, mag man se^ne
Zeit bestimmen wie man will, kommt doch für diese Frage
schon deswegen nicht in Betracht, weil er als Arzt die einzel-
nen Organe untersucht hat, ohne sich auf Spekulationen
über das Prinzip der sinnlichen Erkenntnis einzulassen. So
bleibt als erster, der das Erkennen selbst dem wissenschaft-
lichen Denken unterworfen hat, Parmenides. Ich halte das
für keinen Zufall. Mag der Satz, daß Gleiches nur durch
Gleiches erkennbar sei, so tief oder so oberflächlich in volks-
tümUchen Anschauungen wurzeln, wie er wolle: als Theorie
kann er unmöglich älter sein als der Begriff der Mischung;
denn er setzt voraus, daß sich der Unterschied der Dinge
nach dem Grade ihrer Mischung richte, und zieht daraus den
Schluß, daß das Organ oder Vermögen der Unterscheidung
mit der UnterschiedHchkeit der Dinge selber gleichen Wesens
sein müsse. Ob hier überhaupt der populäre Glaube an die
Feurigkeit des Auges mitgesprochen hat (wie er tatsächlich
später, bei Plato zum Beispiel, mitspricht), ist mehr als
zweifelhaft; nach Theophrasts ausdrücklicher Bemerkung
hat Parmenides den folgenschweren Satz in noch ganz all-
gemeiner Fassung vorgetragen, ohne über bestimmte Sinne,
wie Gehör, Geschmack, Gesicht, etwas zu äußern. Daß aber
— 77 —
kein anderer diese Theorie erfunden haben kann, dafür spricht
noch ein weiteres: unter den „alten Physikern" läßt sich
kein einziger namhaft machen, dem auf seinem Wege das
Problem der Erkenntnis auch nur im entferntesten mit
solchem Ernste imd solcher Eindringlichkeit hätte begegnen
können wie Parmenides. Td yoQ avtd voeiv iorlv xe xal elvai :
auf diesem einen Satze beruht seine ganze Philosophie;
und wie ihm die Wahrheit mit dem logischen, abstrakten
Denken in eins zusammenfällt, so hat die körperUche Gegen-
sätzUchkeit im menschUchen Empfindungswesen ihr genaues
Gegenbild ; in beiden Reihen herrscht dieselbe prästabiHerte
Harmonie:
&^ yoQ hcdcTor' Ix^i xQäatv /leXicDV noXvTzXdyxrwv,
Tcb^ v6oc äv0Qd>7zoiai JtoQunaxau' ro yoQ Qxrt6
iisxiv ÖTisQ q>Qovhi /j£Xi(ov (piov^ ävOQwTioiaiv
xal Tzäaiv xal navxl' xd yäq rckiov iaxl vofjiua (Fr. 16).
Wer in diesen Versen, in der geflissentlichen Betonung
menschlicher Erkenntnis, durch den Mund der Göttin,
in der Geringschätzung, die sich im Beiwort TtoXvTtXdyxrcov
ausdrückt, „den vieHrrenden Oiganen" (vgl. nXamdv vöov
Fr. 6, 6, von den Menschen, die den dritten Weg, das
heißt eben die do^a wählen), endlich in der glänzenden
Pointierung, die das letzte Sätzchen auszeichnet: „ein wenig
mehr oder ein wenig weniger in der Mischung der Gegen-
sätze, das ist all ihr Denken, xal Jtäaiv xal navxlV* —
wer in alldem nicht die Berechnung, nicht die beabsichtigte
Gegenüberstellung mit der reinen, aus dem Denken allein
geschöpften Erkenntnis spürt, mit dem will ich nicht streiten.
Beide Erkenntnistheorien setzen einander voraus, ergänzen
einander, und das System hätte ein Loch, hätte Parmenides
nicht auch die sinnliche Erkenntnis aus denselben beiden
Elementen abgeleitet wie die gesamte Welt der sinnlichen
Erscheinung. — Was ist das, was die Menschen erkennen
heißen ? Antwort : eine Beziehung zwischen Mischungen von
Gegensätzen. Aber gemischte Gegensätze gibt es nicht im
Menschen allein, sondern in jedem Ding, das uns die Schein-
welt vorspiegelt. Folglich: — und hier bricht wieder der
— 78 —
prächtige Radikalismus hervor, der diese Philosophie aus-
zeichnet — folgHch, so folgert sie, ist das Erkennen keines-
wegs ein Vorzi^, etwas, was Tier und Mensch vor anderen
Dingen voraushätten; wo immer in dieser Welt zwei gleich-
artige Mischungen aufeinanderstoßen, gibt es auch Er-
kennen. Den I^eichnam nennt man tot und spricht ihm die
Empfindung ab, und doch sieht er nicht schlechter als wir
liebenden; der einzige Unterschied ist der, daß seine Mi-
schung die entgegengesetzte ist; so sieht er das, was wir
nicht wahrnehmen, die Finsternis; und wie es mit dem
Leichnam steht, so steht es mit allen totgeglaubten Dingen
dieser Welt. Mit anderen Worten, die Empfindung ist nichts
Unabhängiges, Auszeichnendes, Richterliches, sondern nichts
als eine Folge, eine Begleiterscheinung; wo es Gegensätze
gibt, da gibt es auch Empfindung, aber beides ist nur Schein,
denn beides kommt nur durch den Widerspruch zustande,
und die Wahrheit duldet keine Widersprechung.
So stehen wir schließlich wieder vor derselben rätselvollen
Fr^e, die am Ende einer jeden Interpretation auf uns zu
warten scheint: was ist der Sinn der Gleichsetzung von
Körper und Begriff? Was steckt dahinter, daß Parmenides
die Welt der Körper ansieht, als genügte eine einzige und
noch dazu irrtümliche abstrakte Formel, um sie aus dem
Nichts hervorzuzaubern und in Raum, in Zeit, in Stofflich-
keit um sich herumzustellen ? Und was steckt dahinter, daß
die Körper diese wunderbare Fähigkeit besitzen zu ver-
duften, Geist, Begriff zu werden und in eine Formel einzu-
fahren? Daß xavxdv xal ov rayrön, elvai xe xal ov%l plötz-
Hch die Gestalt von Nacht und Licht annehmen können, und
daß wiederum alle Dinge dieser Welt gleich jenen beiden Ur-
stoffen zu bloßen Namen sich verflüchtigen können, zu un-
endlich vielen Namen für das eine letzhin jedem Ding zu-
grunde Hegende xmrtöv xal ov xabxdv, elvdi xe xal ovxi^
Was wir bisher auf diese Frage geantwortet haben, diente
nur dazu, das Fremdartige uns näher zu rücken, das Un-
glaubhafte nicht rund von der Hand zu weisen, kurz sich
über die Voraussetzungen zu verständigen, unter denen
— 79 —
deigleichen entstehen konnte. Aber damit erklärt man noch
keine Philosophie, zum mindesten noch kein System. Dazu
bedarf es vor allem der Frage nach dem Zwecke, nach der
Bedeutung und Funktion eines jeden Gedankens: gehört
er in den Aufbau oder in das Fundament, zu den getragenen
oder tragenden Teilen, ist er um des Systems willen da oder
das System um seinetwillen ? Fangen wir mit dem äußeren
Aufbau an. Da stehen am Anfang die drei „Wege", als die
Grundeinsichten, aus denen sich alles Übrige wie von selbst
ergibt; in diesem Teil allein gibt es ausführliche Beweise,
alles Spätere scheint nur Folgenmg. Den Wegen folgen die
Ziele oder Ergebnisse, auf die ein jeder zuführt ; denn es kann
kein Zweifel daran aufkommen, daß streng genommen die
eßxvxlog äX'^Oeui erst mit Fr. 8, 2 beginnt: rct&cfj d' inl
arifjuca Saai noXka /juüol Und wie die „Wahrheit" nur
die Folgerungen darstellt, die sich auf dem ersten Wege
ergeben, so will der „Schein" nichts anderes sein als das,
was auf dem dritten Wege erreicht wird; denn der zweite
Weg fällt fort als unauffindbar, Ttavajtevdi^g, weil er zu gar
keinem Ergebnis führt. Es stehen also dö^a und Mijdeui
im selben Verhältnis zueinander wie der erste und der dritte
Weg ; ihre Beziehung ist rein logisch, wenn auch beide darüber
hinaus durch ihr unbewußt-phantastisches Element als
künstlerische Kontraste wirken imd wohl auch wirken sollten.
Prüfen wir, wie weit die äußere Form mit ihren Behaup-
tungen recht hat. Was die äXi]Oeui betrifft, so ist kein Gnmd
vorhanden zu bezweifeln, daß sie, wenigstens im Großen und
Ganzen, auch das ist, als was sie erscheint: eine Anzahl von
Folgerungen, gezogen aus dem Wörtchen dv, ein Inhalt,
der gesucht wurde, um seine I^eere auszufüllen, durch Zu-
sammentragen solcher Eigenschaften, die seinem höchst
unverträgHchen Wesen nicht zu widersprechen schienen.
Im entgegengesetzten Falle befindet sich die döSa: sie ist
offensichtlich etwas anderes, als was sie scheinen möchte,
keine Folgerung, sondern eine Identifikation. Solche Iden-
tifikationen, die um des Systemes willen vorgenommen
werden, ich wollte sagen: metaphysische Zusammenhänge,
/
t
t
— 80 —
die sich plötzlich offenbart zu haben scheinen, haben sehr
leicht etwas Abenteuerliches. Denn ist es nicht ein Aben-
teuer, was zum Beispiel Schopenhauer mit der Musik oder
was Piaton mit dem Seelenstaate begegnet ist ? I^ange mag
der junge Parmenides vergebüch sich bemüht haben, mit
seinen wenigen logischen Distinktionen die Welt und ihre
Wesenheit zu fangen. Mit dem jungen Plato teilte er das
Schicksal, daß er mit einem überstarken Erkenntnisdrang
und Durst nach Welterklärung auf eine überschmale Wahrheit,
eine Wahrheit, wie es zunächst scheinen mußte, ohne Ent-
wicklungsfähigkeit gestellt war und nicht mehr zurück-
konnte. So wurde er zum Revolutionär, wie Plato. Das
Seiende ist, das Nichtseiende ist nicht: das war für ihn die
einzige standhaltende Gewißheit, nur hier fühlte er noch
festen Boden unter den Füßen. Der Begriff des Seienden,
der sich aus diesem Satze ergab, negierte alles, worauf das
Denken sich seither gerichtet hatte, und für die Weltanschau-
ung mußte diese ungeheure Negation noch wichtiger schei-
nen als das Wenige, was sich über das wahre Wesen sagen
ließ — wie denn die dö^a in der Tat viel umfangreicher aus-
gefallen ist als die oA^öcmz. So forderte die Negation nicht
weniger einen JBeweis als die Bejahung. Mit dem bloßen
Leugnen war es nicht getan; und mochte der Widerspruch
der Welt zum Seienden auch noch so klar zu Tage hegen,
diese Feststellung war nichts, wobei ein ernstes Denken sich
beruhigen konnte. Alles mußte darauf ankommen, das eine
aus dem anderen abzuleiten, oder, wenn das unmögHch war,
doch wenigstens einen Übergang zu finden, eine Brücke über
den Abgrund zu schlagen, der die beiden Reiche trennte.
Wo aber gab es eine MögHchkeit, vom Seienden oder Nicht-
seienden aus der Welt der Erscheinung beizukommen?
Da stieg in ihm der Gedanke auf: wie, wenn das Nicht-
seiende zum Seienden hinzutritt, sich mit ihm verbindend?
dann ergibt sich allerdings eine Formel, der sich alles Körper-
Hche unterwerfen läßt, denn jeder Körper ist ein xaxndv xal
ov ravtöv, elvai re xal ov^L Und vorschnell, wie es der
Radikalismus aller jugendHchen Logik ist, greift er sogleich
SB
— 81 —
zum Äußersten, erklärt Subjekt und Prädikat für wesens-
gleich, kehrt ihr Verhältnis um, xofördv xal oi ra6t6v wird
ihm zur Welt der Körper. Mag man diese Ableitung befremd-
lich finden, die gewaltige Denkarbeit, die hier geleistet worden
ist, soll man nicht unterschätzen : die gesamte Welt als Dualis-
mus ausgelegt, die Gegensätzlichkeit in allen Erscheinungen
entdeckt — denn vorher war es keinem eii^efallen, an der
Einheitlichkeit der Dinge zu zweifeln — der Satz von der
Relativität der Eigenschaften zum ersten Male ausgesprochen,
formuliert als Mischux]^ im vorstellenden Subjekte wie in
den Dingen selbst, die gesamte Erfahrung auf eine einzige
Grundform, eine ontologische Formel reduziert — und da
behauptet man, Parmenides hätte von vornherein darauf
verzichtet, eine Ableitung der Scheinwelt auch nur zu ver-
suchen! In Wahrheit hat er sein alles daran gesetzt, auch
diese Welt mit seiner Formel zu bewältigen, tmd erst als
ihm dies gelungen schien, da konnte wohl das Gefühl einer
Offenbarung über ihn kommen, da erst konnte er seine Wahr-
heit einer Göttin, seiner Göttin in den Mund legen und sie
zur Richterin machen über den Wahn der SterbHchen wie
über das ewig unveränderliche Sein. Denn jetzt erst war aus
der Formel ein System geworden. Wenn trotzdem das Un-
mögliche nicht mögUch werden konnte, die Beziehung zwi-
schen Begriff und Ding von seiner Fragestellung aus nicht zu
erklären war, so lag das am Probleme selbst, nicht daran,
daß er nicht zu Ende gedacht hat. Über die Schwierigkeit
hinwegzuhelfen hat er sichfreilich nur durch einen ungeheuren
Sprung gewußt; aber wo gibt es einen IdeaUsten, der über
dieselbe Frage glatt hinübergekommen wäre?
Wenn das Seiende sich mit dem Nichtseienden verbindet,
so entsteht die Welt des Scheins. Wo aber Hegt die Ursache
dieser Verbindung ? Woher die Vielheit, in der wir leben, wie
konnte das Trugbild sich neben die Wahrheit stellen? Das
war die letzte aller Fragen und die allerschwierigste. Was
Parmenides zu antworten gewußt hat, war und konnte
nicht mehr sein als eine Auskunft: fJU)Qq>a^ yäg xaziOevro &6o
yv6/Mi^ övo/juiCeiv; irgend wann einmal ist eins zu zwei ge-
Reinhardty Pannenides. ^
— 82 —
worden, hat man aus der Einheit einen Gegensatz geschaffen,
und die Menschen haben den Irrtum sanktioniert. Das ist
nun freilich ein Gedanke oder doch zum mindesten ein
Ausdruck, wie er unbehilfHcher, von unserem Standpunkt
aus, und kindlicher kaum sein konnte, und doch bedeutet er
eine Errungenschaft von ui^eheurer Tragweite: wir stehen
' an der Wiege der Begriffe (p'öai^ - vöfw^.
Die wohl herrschende Meinung nimmt für selbstver-
ständlich, daß der Ursprung dieses Begriffspaares injolitisch-
ethischen Tl^ooen zu suchen sei, der Art, wie sie Protagoras
und Archelaos für ihr Zeitalter maßgebend ausgebildet
hätten: aus Beobachtungen über die Verschiedenheit von
Sitte und Gesetz bei den verschiedenen Völkern hätte sich
allmählich der Begriff der Satzung, des contrat social, und
seines Gegenteils, der qyöai^, des Naturrechtes, entwickelt,
beide Begriffe seien dann selbständig geworden, und zur
Formel erstarrt oder zum Schlagwort abgegriffen, hätten sie
mehr und mehr den Bereich ihrer Anwendung erweitert, bis
sie, schon längst feste Termini, zu guter I^etzt auch in
die Erkenntnistheorie gedrungen wären^. Diese Ableitung
scheint selbstverständlich, weil sie die eigentlichen Schwierig-
keiten überhaupt nicht sieht. Beobachtungen über die Ver-
schiedenheit der Sitten sind gewiß sehr alt, und was zum Bei-
spiel Herodot über das Experiment des Darius erzählt
(III 38), reicht sicher in Zeiten hinauf, die von sophistischen
Staatstheorien und Gesellschaftsverträgen noch keine Ahnung
hatten. Was an solchem Material die Aufgeklärten jener
alten Zeit zusammentrugen, kann seiner Tendenz und
seiner Bedeutung nach nicht unterschieden gewesen sein
von den Beobachtungen über die Verschiedenheit der Re-
ligionen, deren Urheber für uns Xenophanes zu sein scheint
(vgl. Fr. 16 Diels). Man verglich und zog sich seine Lehre:
daß die Gesetze und die landläufigen Vorstellungen von
den Göttern nicht verbindlich seien. In den politischen und
religiösen Kämpfen des ausgehenden sechsten und begin-
» Vgl. z. B. Gomperz, Griech. Denker I*, S. 323; Hirzel, Themis.
Dike und Verwandtes (1907), S. 382, 395.
— 83 —
nenden fünften Jahrhunderts war gewiß dieses Verfahren
von keiner geringen Wirkung^, aber schwerlich reichte seine
Bedeutung über die nächsten praktischen Bedürfnisse hinaus.
So wenig ein Xenophanes auf den Gedanken kam, die Man-
nigfaltigkeit der religiösen Vorstellungen auf ihre Grund-
formen zu untersuchen, ihr verwirrendes Nebeneinander in
eine historische Perspektive zu i^ücken, ihre Gültigkeit aus
einem Vertrage herzuleiten, kurzum eine Theorie zu liefern,
wie sie später Prodikos geliefert hat, so wen^ brauchte an
sich ein Antrieb vorzuliegen, die vöfufm ßagßoQtxd zu einer
politischen Theorie zusammenzufassen. Es fehlte auch hier
vor allem noch die Perspektive; denn der Begriff der Kon-
vention, der Satzung, des Kontraktes, war im Worte vöfw^
keineswegs gegeben*. Und selbst gesetzt, es hätte aus der
Empirie die Spekulation erwachsen können, aus der noXvimo-
glri die aoq){r], heraklitisch zu reden — bekanntlich geht
der Weg gewöhnlich umgekehrt — so bliebe doch unbe-
greiflich, wie das politische Schlagwort sich gerade in der
* Daß diese Denkweise in der Tat weit um sich griff, läßt sich
daraus erschließen, daß Bmpedokles in. seinen Katharmoi für nötig-
hielt, g^en sie aufzutreten. Fr. 13ö (Aristot. rhet. A 1373b 6) : xcd
cog 'EjumedoKXfjg Xdyei Ttegl xov fi^ xtelvetv rd l/Atpvxw * roiko ydg od ual
ßjUv d()€aiov ual d*Ofd dixaujv 'äXXä r6 piiv nävtcov vöpLtfiov öid x* ei^gv-
piiöovrog alSigog ^vexdcog ritarai ötd r* änXitov aidy^g*, — Man
konnte die Macht des v6/wg ebenso sehr zugunsten wie zu Ungunsten
seiner Verbindlichkeit und Wahrheit interpretieren : Buripides Hekuba
798:
'HfUig fiiv o^ dovlol tb xäaBeveXg lacog *
dXX* ol Bsol aßivovai %& xelvcov hqox&v
vö/jLog • vöfjLifi yäg rodg Bsodg i^yoi^fieBa
xcd ^(bfjLep Ödoca xai ölxai* ihgiofiivot.
Bin Nachhall dieses Aufklärungsgedankens ist auch das Pinda-
rische Fr. 169: yd^ieog 6 ndvzcüv ßaatXevg Bvatcüv xe xai dBavdtcüv äyei
ötxcu&v rd ßuudzaxov "öne^öxq. x^Q^' Ber vöfiog bringt auch das Ge-
waltsamste und Widersprechendste zustande; freilich beweist er
gerade damit ia den Augen Findars seine Gültigkeit. Man mag
die verschiedenen Interpretationen religiösen Gefühls vergleichen,
die wir heute erleben.
* Vgl. die Stellen bei Hirzel, Themis, Dike und Verwandtes
S. 366 ff.
6*
— 84 —
Erkenntnistheorie so fest und so erstaunlich früh ein-
bürgern konnte.
Wenn Philolaos bei seiner rein mathematischen Welterklä-
rung die Versicherung abgab, daß sie ify6aei xal o'ö vö/up sei
(Fr. B 9), so folgt daraus, daß schon für ihn dieser Ausdruck
einen bestimmten erkenntnistheoretischen Begriff bedeutete.
Wenn der Verfa^iser jteQi ^uurrj^ zur Erläuterung seiner
Heraklitischen Grundthese sich denselben Gegensatz nicht
hat entgehen lassen, so reicht auch für ihn, in diesen Sätzen
wenigstens, seine Bedeutung über das Erkenntnistheoretische
nicht hinaus ; qyöat^ ist für ihn das, was in Wahrheit ist, das
heißt: das in "atlem sich gleichbleibende göttliche Gesetz,
die innere Harmonie, dagegen v6/jog alles, was die Menschen
meinen, die über das Äußere der Erscheinung nicht hinaus-
kommen, und doch mit ihren Gedanken selber nur ein Teil
des Allgemeinen, Göttlichen sind (I, 11): yvco/birjv ix^vxa
äyvdifwva, vTtevavxlo^ 6 xq6no^ ixdarcDV ö/wXoyeö/ievo^* vofwc,
yäq xal (föau^y olai Ttdvra diaJtQTjaaö/ieOa, oix 6/jioXoyelT(u
öfwXoyeö/ieva. vofwv /lev ävögconoi Sdeaav avrol icovroiaiv, ov
yivwüxovze^ tieqI &v Sdeaav, (piaiv ök Ttdvrcov Oeoi diexöofjLTjaav *
rä fxkv oüv ävOqioTioi diddeaav, ovdinoxe xaxä xoyvxo ix^i oike
ögOcb^ oike fjiii dgOcb^ ' 8aa di Oeol didOeaav, äel ÖQßd)^ Ix^i xal
rä ögOä xal rä fiij ögOd ' roaovrov ÖUKpigei.^ Ebenso I 4 : Sx^i
di xal &de ' yeviadai xal änoXiaOai x6 avrö, avfifiiyrlvai xal öia-
XQtSfjvai rd avv6 , . 6 vo/jx)^ yäq rfj (fdoei Tieql rovrojv evavxlo^j
d. h. der vofxoi; widerspricht der wahren Beschaffenheit der
Dinge {(pvau^), sofern er einen Widerspruch herausHest, wo
in Wahrheit Harmonie und Einheit ist^. Vollends fester
^ Anders wäre der Sinn nach Diels» Herakleitos von Ephesos,
2. Aufl., S. 65: ,,Was nun die Menschen gesetzt haben, bleibt sich
nie gleich, weder im Rechten noch im Unrechten : aber was die Gotter
gesetzt haben, das ist immer recht, recht oder unrecht." Aber das
ganze Kapitel gehört in die Erkenntnistheorie und geht die Moral nichts
an. Ebenso verkennt man, wie ich glaube, den Sinn in Heraklits Fr. 1 1 4,
worüber auf S. 215 verwiesen sei. Vgl. auch Kranz Index unter öqB&q,
* Diels übersetzt (Herakleitos von Ephesos, S. 55): ,,Denn der
Sprachgebrauch steht mit der Natur in dieser Beziehimg im Wider-
spruch." Aber hier handelt es sich nicht um den Sprachgebrauch,
— 85 —
Schulbegrif f ist vdfMz in der Erkenntnistheorie der Atomiker :
v6^ XQomfiy yXvx6y ntxQÖv, hefi öi dxofw. xal xevöv (Demokrit
Fr. B 126). Es ist kein Grund vorhanden, der Über-
lieferung zu mißtrauen, die denselben für Demokrit fest-
stehenden Gebrauch auch seinem Vorgänger I^eukipp zu-
spricht, Aerius IV 9, 8 (Leukipp Fr. A 32): ol /liv äXXoi
(pvaei rä ala&ijxdy ÄEvxuzno^ dd, AtijbiöxQirog xal Au>yivri^
(von Appollonia) vöfju^j xovto d'iarl döSf) xal TtdOeai xol^
rifjiSxiQoi/^' jbifjdiv d^ elvai äXrjße^ firjde xaxaXriTttdv ixxd^ rcov
jtQdncüv axoix^iQ)v, dxofjuov xal xevov ' xaika yoQ elvm fiöva q}vaei,
rä d* ix x<y&tüiv Oiaei xal tdiei xal axi^fwxi duupiqovxa äklijixov
avfjLßeßfjxöra. Denn nur aus diesem Gebrauch erklärt es sich,
wenn q)'6ai^ bei den Atomikem schlechtweg zur Bezeichnung
der Atome diente : Aristot. phys. 9 (Demokr. Fr. A 68) :
dia de x6 xevdv xivelaOtd q)aaiv ' xal yäg oitoi xiqv xatä xötzov
xlvriaiv xiveiaOcu ti)v q>7jatv Xiyovaiv. Simplic. z. d. St. 1318, 33
xovxiaxi xä (pvaixä xal ngdka xal ätofMi acojbujxa ' xavxa yäg
exelvoi q>'6aiv ixiüovv, Vergl. auch Diog. IX 44 (Demokr.
Fr. A. 1) : doxel di aikcp xdde * OQxä^ dvai xwv öimv äxö/wv^
xal xev6vy xä 6' äXka ndwa vevofjLtaOai,^ Aber wir kommen
sondern um die menschlichen Vorstellimgen; vorangegangen sind
die Worte vofjU^etai öi ihtd x&v dvOgämcov xd fihf ii Aidov ig qxiog
<xö(ffdiv yeviüBm, x6 öi ix tov qxieog ig 'Ai&rgv /xeicoSiv änoXiaSai * 6q>6cd-
fiotat yäg 7utnei5ovai jnäXlov fj yv{&fifj aöx l^^ovoig iovaiv a^i negl xwv
ÖQeofAiipojfp XQivcu,
1 O'ömg „Ding an sich" auch in dem Berichte Theophrats de sen-
sibus, § 63 (Demokrit Fr. A 135) : negl juiv <o^> ßagiog xal Hovq>ov xal
oxkqQOv xal fMkootov iv Tot^cug dq>OQlCei [Demokrit]. royt' öi ä^cov aladtjr&v
adöevdg dvai 'q>fiaiv*, dXlä ndvxa TtdOtj x^g alaSijaeoDg d^Xotovjuiivfig, ii
^g ylveaßai xifp (pavxaalav • o^i yäg xov y>vxQov xal xov deg/wv '<pvaiv*
^5ndgx^'^> diUd x6 axrj/Jia 'fxexaninxov* iQydCsaSai xal n^v '^/Aexigav dXkoL
€oaiv. Auch hier jspürt man die Schule der Bleaten : über das fjiexa-
nüttew argumentiert sehr ähnlich Melissos Fr. 8. — Kndlich Demo-
krit Fr. 278 (ich verstehe den Sinn wieder anders als Diels) : „Der
Manschen Glauben an die Notwendigkeit, sich Kinder zu erzeugen,
beruht auf ihrer natürlichen Veranlagung und schreibt sich von
einem Urzustände her. Das zeigen auch die übrigen Lebewesen.
Denn sie alle sorgen sich für Nachwuchs vermöge ihrer Natur,
ohne jede Rücksicht auf ihren Nutzen; vielmehr, wenn die Brut da
— 86 -
noch weit höher hinauf : schon Anaxagoras gebraucht vo/jUCeiv,
um die Subjektivität der Vorstellung von einem Werden und
Vergehen der Dinge auszudrücken (Fr. 17): xd di ytvecBai
xal änöUvoOcu ovx ÖQdcb^ vofuCovaiv ol *'^llrive^^; und schon
Empedokles verwendet das Wort vöfwc, in demselben schul-
mäßigen Sinne wie I^eukipp (Fr. 9) : ^^
ol d'dxe fiev xarä (pwfta jüuyivt' ei^ alBiq 7<«covrat>
fl xarä OriQ&v dygorigcov yivo^ fj xaxä Qdfivcnv
r^k Tuxi olcDVQtv, xöre fisv x6 <Xiyovoi> yeviaOcu'
eiz8 d'änoxQivOüXJiy rä d'aü dvadaujbiova nor/Mv'
fj dd/bu^ <ov> xaXdovaiy vö/LKp d'inl<prifjLi xal avxö^.
Daß Empedokles diesen Gebrauch aus staatsrechtUchen
Theorien übertragen haben sollte, ist schon durch die zeit-
lichen Verhältnisse ausgeschlossen. Aber einen gar nicht
mißzuverstehenden Wink über den wahren Urspnmg des
Begriffes gibt tms seine gedankliche Umgebung und Ver-
kettung, denn bekanntlich gründet sich diese ganze er-
kenntnistheoretische Voruntersuchung über die Unmög-
lichkeit des Werdens und Vergehens, über die Scheinbarkeit
der stofflichen Verwandlung auf die Lehrsätze der Eleaten,
und nicht weniger fest steht, daß auch der Grundgedanke
des atomistischen Systems dieselben Forderungen anerkannte
ist, so quälen sie sich und ziehen sie auf, so sorgsam sie nur kömien,
imd stehen Ängste um sie aus, und wenn sie zu Schaden kommt, so
schmerzt es sie. Wahrend aber dies die natürliche Veranlagung aller
Wesen ist, die eine Seele haben, hat sich bei den Menschen darüber
hinaus die Kinbildung entwickelt (vo/juC6/jievcv fjSri nenoltfrcu), daß
man auch einen Genuß an seinem ICinde habe." Nö/wg die subjektive
und willkürliche Interpretation der wahren und natürlichen Be-
schaffenheit der Dinge.
^ Diels übersetzt auch hier: ,,In bezug auf das Entstehen und
Vergehen haben die Hellenen einen imrichtigen Sprachgebrauch".
Das ist wohl richtig, insofern für vorsokratisches Denken Namen-
gebung imd Begrif&bildung in eins zusammenfällt: xotg d* &voia*
ävßQomoi xaxiBevx* inlarj/iov ixdaiqt (Parm. Fr. 19), aber darum ist noch
keineswegs der Ursprung des erkenntnistheoretischen vd/uoc-B^rif£s
bei der Sprachtheorie zu suchen. Sollten wirklich die Sprachtheorien
so alt sein ? Sollten sie das philosophische Denken so entscheidend
beeinflußt haben ?
— 87 —
tmd zu erfüllen strebte, die Parmenides erhoben hatte.
Nebenbei gesagt, ist auch bei Herodot IV 39 derselbe er-
kenntnis>theoretische Ursprung des Begriffs noch gut er-
kennbar: li^ei d'aSTti (seil. ij dxt'q), oi Xijyovaa el f^fj röfMp,
i^ t6v xoXtzov xdv 'Agaßiov. D. h. „wenn ich hier von Auf-
hören rede, so meine ich das nicht im eigentlichen Wort-
verstande, denn in Wahrheit läuft die Küste fort, sondern
wie die Menschen zu reden pflegen." Das deckt sich nahezu
mit dem Empedokleischen vö^up d' inlfprifu xal 06x6^.
So erhebt sich die Frs^e nach der gemeinsamen erkenntnis-
theoretischen Quelle desAnaxagoras,EmpedoklesimdIyeukipp.
Und wenn wir auch sonst von ParnjLenides nichts wüßten, so
hätten wir doch, allein aus diesem Sachverhalt, zu schließen,
daß der Ursprung des Begriffes vö/m)^ nur bei ihm zu suchen
sei. So aber begegnet in der Tat bei ihm zwar nicht der fest-
geprägte Ausdruck vöjüu)^ (obwohl vevöfuaxcu Fr. 6, 8)^ aber,
was weit mehr ist, die Sache selber, nicht der erstarrte
Schulbegriff, sondern der werdende, nach Ausdruck suchende,
lebendige Gedaiike. Was bei den Späteren Voraussetzung
geworden ist, das ist für ihn noch Schluß und Folgerung;
^ I>as Perfekt vevöfuarcu in derselben Bedeutung z. B. bei
Herodot III, 38: oih(o /liv vvp xavta vevöfuaTcu, VI 138 vevdfucioi dvä
tifp 'EViöda xä axttha ndvxa iqya AijfAvui xaHeadai. — Ich kann hier
nicht verschweigen, daß sich Vers 8 in Fr. 6 auch noch anders inter-
pungieren läßt, als ich es oben im Anschluß an Diels getan habe,
nämlich so : cHq rd TtiXuv xe xal oök shai, xceözdv vevößuavai xoö xaöxöv,
Jtdnanf äi TtaXhfxgonög iori HilßvBog, so daß xa/ötdv xoö xaöxöv, statt
Prädikat zu sein, sich als ein zweites koordiniertes Glied dem ersten,
xd nikßw re xai ofÖH elvai, zur Seite stellt. Diese Interpimktion hat vor
der andern sc^ar Vorzüge voraus, die nicht zu imtersdiätzen sind:
wie daß sie die ursprüngliche Bedeutung von void^eiv ( = etwas sich
zu seinem vdfioq machen) zu noch kräftigerer Wirkung bringt, daß
sie drei Glieder herstellt und dadurch das ganze Sat^efüge runder,
voller und gefälliger macht, und endlich, daß sie die Übereinstimmung
mit Fr. 8,40 noch mehr hervorhebt: ylyveoBal xe xal ÖXkvaBai, dvai xe
xal a^xL, xal xdjtov dUdaaeiv dtd xe XQ^ g>apdv äfieißetv. Ich zögere
nicht, aus diesen Gründen, sie der anderen vorzuziehen. Am Sinne
wird übrigens, wie wir auch interpimgieren mögen, nichts Wesent-
liches geändert.
— 88 —
was später Terminus geworden ist, erscheint bei ihm noch
als wesentlicher I^ehrinhalt: der vo/llo^ und die äXijOeui, das
sind die beiden Teile seiner Philosophie. Erst allmählich hat
der jüngere Begriff der 9?i5<t«^ (sc. r&v övxoyv) als des „Dinges
an sich" — nur ja nicht etwa der „Natur" in unserem Sinne:
(pvau^ xQ^TaeaOai q)ikel bei Heraklit ist ein erkeimtnis-
theoretischer Satz — die ältere aXriBeia verdrängt, aber noch
bei iEmpedokles ersetzt die difii4 nur die aXriBeuiy und
Demofcrit noch stellt dem vofio^ die heri gegenüber; wie
umgekehrt vofw^ und do^a auch noch späterhin als Synonyme
erscheinen: Plat. PoUt. 364 A d6^ji d^ juövov xal vöfup aiaxgov
(ij ddtxia); Timon Fr. 32 (Wachsmuth) ix TtaBicov do^^ re xat
eiTtairj^ vo/wOijxrj^. Erst der erkenntnistheoretische Relativis-
mus, den Parmenides ausschließlich für die Welt des Scheines
proklamiert hatte und den Protagoras auf alle Erkenntnis
übertrug — der Homomensura-Satz knüpft offenkundig
an die Eleaten an — erst dieser Relativismus zog den ethi-
schen nach, erst der erkenntnistheoretische vöjlio^ gab dem
politischen von ntm an sein aufklärerisches Gepräge und
trug den Begriff der Satzung und des Vertrages in ihn hin-
ein, und vom poHtischen vöfw^ aus verbreitete sich dann
derselbe Begriff auf Sprache, Religion tmd alle Errungen-
schaften der Kultur. So führt eine doppelte, gleich stetige
Entwicklung von der dö^a oder dem vofw^ des Parmenides
herab zur letzten tind vollendetsten Darstellung ionischer
Wissenschaft, zur I^ehre Demokrits: die eine zum Mixgd^
AtScoofM^^, die andere zur atomistischen Erkenntnistheorie;
tmd umgekehrt bestätigt das Ergebnis der begriffsgeschicht-
Hchen Untersuchung das, was aus Parmenides allein za
schließen war: daß seine dö^a wie sein dritter Weg ein Bild,
ein Ausdruck für die Welt als Vorstellung des Menschen ist,
geschaut von einer Höhe metaphysischer Betrachtung, wo
der Streit der Schulen nicht von fem mehr heraufdrang.
1 Vgl. Hermes XI^VII, S. 492 ff. Was ich dort über Plato ge-
schrieben habe, ist so nicht richtig.
II
Je besser und genauer wir bei der bisherigen Unter-
suchung die fremdartige Sprache dieser Philosophie uns zu
erklären suchten, desto tmabhängiger, in sich geschlossener,
trotziger sind ihre Gedanken für uns geworden und haben alle
geschiclitlichen Verbindungen, in die man sie seither gebracht
hatte, wie Fesseln von sich abgeworfen. Das methodische
Ei^ebnis liegt vor Augen: die gesamte Konstruktion der vor-
sokratischen Philosophie, wie sie durch Bema3^, Zellers
Autorität gefestigt, in den Handbüchern immer aufs Neue
wiederholt, allmählich fast die Geltung eines Gesetzes ange-
nommen hat — eines Gesetzes, über dessen Exegese man
sich freilich streiten kann — diese so dauerbare Kon-
struktion fängt plötzlich an in einer ihrer Grundfesten zu
wanken. Da bleibt keine Rettung als der Sache auf den
Grund zu gehen, und sollte auch das Gebäude darüber zu-
sammenstürzen. Aber bevor wir uns der Frage nach dem
Verhältnis zwischen Parmenides und Heraklit zuwenden,
verlangt eine andere, noch dringendere Frage eine Antwort:
in welchem Verhältnis stand Parmenides zu seinem nächsten
Vorgänger, Xenophanes ?
Bei den Kompromissen mannigfacher Art, bei denen sich
das Urteil über diesen Maim von jeher beruhigt hat, gilt
es zu allererst in einer elementarsten Vorfrage endlich
zur Klarheit zu gelangen, der Frage : wie steht es mit der
Glaubwürdigkeit der Quellen, die uns für Xenophanes zu
Gebote stehen? oder anders ausgedrückt: wie will der Wider-
spruch der beiden Hauptzeugen in dieser Sache beurteilt
— 90 —
sein, des ächten Aristoteles und seines Pseudonymen Doppel-
gängers, des Verfassers der Schrift de Xenophane, Melisso,
Gorgia ? Nehmen wir zuerst den Doppelgänger.
Daß der Verfasser in seinen übrigen Exzerpten allen
Glauben verdient, hat noch niemand bezweifelt. Was die
Auszüge aus Gorgias anbetrifft, so stellten wir schon fest,
daß die Notizen des Anonymus den Parallelbericht des
Sextus an Genauigkeit im einzelnen weit übertreffen. Als
ebenso zuverlässig erweist sich sein Bericht über Melissos;
nirgends ein Hineininterpretieren einer späteren, entwickel-
teren Dialektik, nirgends eine auch noch so unschuldige
freie Phantasie. An mehr als einer Stelle schimmert noch
der originale Wortlaut durch, und das Entscheidende, die
Prädikate des Seienden, sind sämtlich unverändert beibe-
halten. Hier die Belege :
[Aristot.] de Mehsso.
Alövov elvai (pr}atVy et n iaxiv,
eiTisQ fjLi^ ivddx^adai yevdaOai
jüLtjdkv ix firidevö^.
ehe yoQ änavxa yiyovev
ehe fjLfj ndvxüLy äidta äfjxpoxiQO}^ '
i| ovdevd^ yoQ yeviaOcu äv avrd
yiyvöfieva. ändvx(ov xe yäq
yiyvofiivmv ovöh <äv> ngov-
ndqxeiv . . .
äidiov de ov äneiQov elvai,
8x1 ovx ix^i CLQX'^v SOev iyivexo,
ovdi xeXevxiiv el^ 8 yiyvö-
fjLevov ixeXevxtjad noxe.
MeUss. Fr. B 1 (Simpl.
phys.): ^ael fjv 8 xi ijv xai äel
Soxai • el yoQ eyevexo, ävayxälöv
iaxi TtQiv yevdadai elvai fjttjöiv '
el xoiwv fjttjdiv i^Vy ovdafm
ävyivoao oiökv ix fxriöevo^.
Fr. A 10 (Aristot. soph.
el. 5): olov 6 MeXlaaov X6yo^y
8x1 äneiQov xo änav, Xaßibv
xo /lev änav äyivrßovy ix yäq
fjiil 8vxo^ oidiv äv yeviaOau
Fr. B 2 (Simpl. phys.):
^8xe xoiwv ovx iyivexo, Scrxi xe
xal äel i'fv xal äel laxai, xal
ägx'^voixix^iovde xeXevxrjVy
äXa äneiQÖv iaxiv. el (lev yäq
iyivexo, ägx^v äv elxev (ijgSaxo
yaQ äv noxe yevöfievov) xal
xeXevxTjv (ixele'öxrjae yäg
äv noxe yevöfievov) * 8xe de
fi'ffte iJQSaxo fiijte tteX&6xYiaev
— 91 —
asl xe ijv xal äel Iczcu, odx
ixei äQX^v oidk xeXevtijv. oi
yäq &el slvcu äwatöv, 8 ri /biij
Ttäv Sari.
Fr. B 6 (Simpl. de caelo) :
'el yoQ elrjy h elrj äv ' el yäg
d'öo elt], ovx äv &6v(uto
äjteiQa elvcu, äXX^ ^X^^ ^^
nslqaxa nqdc äXXriXcL
Fr. B 7 (Simpl. phys.):
^oik(üC oiv ätduiv iaxi xal
SjteiQov xal iv xal Sfwvov Ttäv
xal ovx' äv oJtoXolaxo oihe
/leiCov ylvoixoy oüxe fxexa-
xoofjiiotxo KoüxB ixegoioixo
supplevi>, oüxe äXyel oüxe
äviäxac ' ei yog xi xovxodv
Tidaxoi, ovx äv ixe Sv elt] '
el yoQ ixegoiovxai, ävdyxtf
xo iov fiii 8/JX}U)v elvcu, aXXä
änöXXvaOai xd nqoaBev iöv,
xo di ovx iov ylveaOai....
äXX' ovde /bLexaxoajüLi^Ofjvai
dwcrxöv . . . ovde äXyel . . . xal
Tteql xov äviäaOai dwxo^Xöyo^
X(p äXyiovxC.
Glänzender, als es hier geschieht, kann sich die Glaub-
würdigkeit eines Zeugen kaum bewähren. Und wenn man
anerkeimt, wie man nicht anders kann, daß der Bearbeiter
sein Material für alle drei Abschnitte derselben Tradition
verdankt und selber durchaus gleichmäßig verfahren ist, so
kann man, nach den allgemeinen Regeln der Methode, ihn
nicht plötzlich für einen Phantasten oder Ignoranten er-
klären, sobald Xenophanes in Frage kommt, zumal es auch
für diesen Abschnitt keineswegs an Mitteln fehlt, die Zuver-
lässigkeit des Ganzen wie deö Einzelnen zu prüfen und zu
bestätigen. Von dem vielumstrittenen Zeugnis des SimpH-
Ttäv de xal äneiqov dv
<iv> elvoA • el yäq d^o ij TtXeio)
eirf, Ttiqax' äv elvai xavxa
nq6^ äXXriXa.
xouyüzov di 6v xd iv ävo)-
övvov xe xal ävdXyijxov iyii^
xe Tcal ävoaov elvcu, oihe fjLexa-
xoofiovjbievov ddaei oiöi
ixeqoto'öfJLevov eldei oihe fu-
yv6fji£vov dXXx^ * xaxd Ttdvxa yäq
Tathra TtoXXd xe xd iv yiyve-
adai xalxd fitj 8v xexvovaOai
xal xo dv (pOeiqeoBai dvay-
xdCeaOcu * xavxa de aMvaxa
elvoL
i
— 92 -
cius will ich dabei ganz absehen, nicht als ob ich es für wert-
los hielte, sondern um zu beweisen, daß auch außerdem
noch Zeugnisse genug übrig bleiben^. Hippol. Ref. I 14
(Xenoph. Fr. A 33) : q>rial di xal xov Oedv elvai 1. äld(ov xal
2. iva xal 3. Sfwiov ndvtr] xal JtsjtsQaafiivov xal 4. aq>aiQoeuStj xal
5. Ttäai xol^ fjLOQloi4 alo6rjxix6v. Das entspricht genau der
1 Simplic. Phys. 22,22: dvdyKri roivw xijv dgx^ rj filav ehai rj ad
idav, xaötdv ö*elneiv nXelovg, xal el ijUav, ijtoi dxlvffzov ij xivovixivrj» * xai
d dxivrjftov, ijzoi äneiQov, <hg Mihatrog 6 JSd/uog öoxeiXdyeiv, ij nenegaoptimpf,
d>Q noQfjLBPtörig ü'öqrftoQ *EXedtrig, od negl q>vaoeov tnotxelov Xiyomeq odto€,
dJiXä negl xov lhxo}Q IhxoQ. fdav öi xiiv ägx^ ifroi ivxd &» 9cal tiöv xal odxe
nsneqaafiivov oüxe änetgov oüxs xivod fxevov oüxt ^gepLOvv
Sevofpövrj» xdv Koloqxhvißv xdv ÜOQfjisplSov ötSdaxaXov thtotlSeaßai qfrjaiP 6
Se6q>Qaaiog öfioXoywv ixigag ehm fwXlißv ij xfjQ Ttegl q>dae(og IoxoqUxq xifp
fAV^firiv xfjQ xodxov ööirig • x6 ydg h xovxo xal nav xdv Ssdv iXeyep 6
Sevoipdvtjg * 6v iva juiv öebevvatv ix xov Jtdvxcov xgöxKnov dvai xxX, Bs folgen
dieselben Bestimmungen , wie bei dem Anon3mius ; die Übereinstimmmig
erstreckt sich teilweise bis auf den Wortlaut. Daraus schlössen
Zeller (Gesch. d. Gr. Phil. I*, S. 475) und Diels (Doxc^aphi 113;
482), SimpHdus habe den Theophrast stillschweigend mit dem Ano-
nymus verquickt, die Worte xal oüxe nenegaa/Aipov oike äneigov oike
.xivodfAsvov oike ^gefwvv, die mit dem Anonymus übereinstimmen, seien
in Parenthese zu setzen imd die Gewährschaft Theophrasts beziehe
sich nur auf die Worte /jUov ti}v dgx^ ijxoi ivx6 dv xal nav. Bin solches
Plickwerk könnte man für möglich halt^« wenn es dem Simplidusnur
darauf angekommen wäre zusammenzustellen, was er im Augenblick
über Xenophanes auftrdben konnte. Aber in Wahrhdt handelt es
sich für ihn um ejne Kontroverse, er rdbt sidi an seinem Vorgänger
imd Rjvalen Alexander; der hatte das Eine des Xenophanes anders»
und wie SimpHdus glaubte, falsch bestimmt: Ntxö^aog öi 6 Aajjüaxrp^dg
d)g äneiQOv xal dsdvrßo» Xiyovxog adtov i^ dgx^ iv xfj Ilegl ßewv
dTto/jaffi/jujvedet/AXiiavÖQog öi wg nensgaofiivov adxd xal aqKUQO&dig -
d3iX 6n fjiiv oüxe äneiQov oüxs nsnsQaa/iivov a&tö öeixvvatv, ixxcop
TtQoei^fiivcüv öfjXoif, Die Strdtfrage betraf also gerade das, was Diels in
Parenthese setzen möchte. Auf der einen Seite stehen Alezander imd
Nikolaus mit ihren einsdtigen, imvoUständigen Bestimmungen des ov,
imd auf der anderen Sdte ? Wir verlangen auch hier einen Gewährs-
mann, und ein Name steht audi da : Theophrast. Theophrast als Zeuge
gegen Alexander tritt noch einmal bei SimpHdus auf, und zwar in
demsdben offenbar ganz und gar nach Theophrast gearbdteten doxo-
graphisdien ÜberbHck, Phys. S. 26:' 'O fiivxoi Siofpqaaxog xodg dUoti^
n^Xüxo^aag 'Tovxoi^ (prialv 'imyev6/uvog nXdxQ)v xß fiiv döSjj xal xQ
— 93 —
Reihenfolge bei dem Anonymus: 1. ddvvaröv q>i]aiv elvcuy ei
XI Sozi, yeviaOaiy xoiho iJyoDV inl xov Oeov . . . didiov fjiv oüv
öia xama elvcu rdv Oböv, 2. ei d'Scxiv 6 ded^ äjcdncov xqdximoVy
iva fpriolv amov TtQoarjxeiv elvcu. 3. Iva d^ßvza d/moiov elvai
TtdvxTj (5. oQ&vxa xot axovovxa rd^ xe äXXcb^ alo6ijaet^ Sx^vxa
ndytrj) ... 4. ndvxri d'SfjLovov övxa a^paiQoecdfj bIvql Eigent-
dvpdfAei, ngdregog, joig öä XQ^votg ^meqoQ . . . iniöcMce» iavtdv xal xöiQ
qxuvo/jiivoiQ dyfd/juvog r^g negl q>iiae(og latOQloQ, iv fj dih xäg dgxäg
ßovXsxüu nouiv xd fiiv i^Tioxelfuvov wg iiXrj», S TtQoaayogsvei navöexdg, xd
öi c5g ahiop xal xwovv d neQidjnei xfj xov Beov xal xß rov dyaSov dxjwifjLeC,
6 fjiivxot 'AXdSavÖQog d>g xgeig Xiyo/moq xäq äqxdg djiofAvrifwve^ei ti)v
Slijv xal x6 noiovv xal x6 TtOQdSeiyfia. Nach diesem Beispiel läßt es sich
schwer vorstellen, wie die Berufung auf Theophrast sich sollte auf etwas
anderes bezogen haben als auf die beiden strittigen Punkte. Dazu kommt
noch ein anderes. Simplidus fängt mit folgenden Worten an: „Be-
kennt man sich zu einem einzigen Prinzip, so kann man dieses ent-
weder für bewegt oder für unbewegt halten; und hält man es für
unbewegt, so kann man es wiederum entweder für imbegrenzt er-
klären, wie Melissos, oder für begrenzt, wie Parmenides". Wie kann er
nach einem solchen Anfang fortfahren : , ,Bin einziges Prinzip aber hat,
nach Theophrast, Xenophanes gelehrt 7" Ich denke, aller Ton muß hier
auf oihe neneQaa/Aivov oiks äjteigo» zu liegen kommen. Wollen wir also
Simplidus so verstehen, wie er verstanden werden wollte, so bldben nur
zwd Möglichkdten : entweder Simplidus hat den Anonymus unter
Theophrasts Namen gekannt, oder der Anonymus hat Theophrast aus-
gesdirieben. Das erste sdieint schon darum ausgeschlossen, weil Sim-
plidus, wo er Theophrast zitiert, nur seine Philosophiegeschichte meint,
g^en das zwdte wüßte ich keinen triftigen Binwand.
Diese Polgerungen würden freiUdi hinfällig, wenn es bewiesen
wäre, was Diels in den Doxographen S. 112f. zu bewdsen versucht
hat, daß Simplidus den Theophrast nidit sdbst mehr in Händen^
gehabt, sondern nur aus Alexanders Anführungen gekannt hätte.
Aber Diels Gründe scheinen mir nicht durchschlagend. Um seine
lieblingsidee, die platonische Auslegung der parmenideischen Ö6$a
gegen andere Auffassungen zu behaupten und ins rechte lyidit zu
rücken, polemisiert Simplidus gegen eine Ausführung bei Alexander,
die unzweifelhaft auf Theophrast zurückgeht (vgl. Alexander in Metaph.
p. 24,6 Bon. = Theophr. Phys. opin. Fr. 6 Diels). Aber folgt daraus,
daß Simplidus den Theophrast nicht kannte? Theophrasts ^-
klärung stammt aus Aristot. Metaph. A 986b 27. Folgt daraus, daß
Simplidus die Metaphysik nicht kannte ? ^t mochte seine Gründe
haben, die Klassiker bd dieser Frage aus dem Spiel zu lassen. Und
— 94 —
lieh ist die Frage schon allein durch diese Überein -
stimmtmg erledigt, denn die dialektischen Beweise über die
einzelnen Bestimmungen vom Wesen Gottes hängen auf das
Engste mit der gesamten Anordnung zusammen, oder ge-
nauer gesagt, die Reihenfolge richtet sich ausschließlich
nach der Dialektik der „Beweise". Und an der Vorzüglich-
keit der Quelle des Hippol3rtos wird hoffentUch kein Zweifel
laut werden. Aber es kommt noch eine Bestätigung anderer
Art hinzu aus den Stromateis des Pseudo-Plutarch c. 4
(Xenoph. Fr. A 32) : ajtoqxüvexai da xal JteQi Oe&v &^ oidefuöi^
YjyeiJiovlac h avrol^ oi5ai]g ' ov yäg Saiov deand^eoBal xiva
rcov Oecov ' inideiaOal re jbLtjdevd^ avx&v fJLrjöiva fJLtjd'
öi.(o^ ' &K(y6etv dk xai öqäv xaBöXov xal /bttj xaxä /j^qo^. Es
läßt sich allerdings wohl kaum bezweifeln, daß diese
Notiz nicht aus dem philosophischen I^ehrgedichte, sondern
den Sillen stammt, nicht aus der Darstellung der eigenen
Lehre, sondern der Polemik gegen die Vorstellungen der
Dichter und der Menge; es weist darauf der unbestimmte
Ausdruck anoqxuvexai di xal tieqI Oecov und mehr noch die
Imitation derselben Stelle, die sich im Herakles des Euripides
findet, v. 1341 :
syd) de xoi>^ Oeoi)^ ovxe XiTaq ä firj Odjbu^
cfxiQyeiv vofiiCco, decfjiA t' i^djtteiv xeqoiv
oW ri^iioaa tuotiox^ oike Tteiao/xai,
ovd^ äkkov älXov deaTtoxtjv necpvxivai'
deixai yäg o Oeo^, etneq iox* öqOö)^ Oeö^,
ovdevö^ ' äolöcov olöe &6axr}voi Xoyoi,
Da die Elegien und Sillen jederzeit bekannter waren als
das Lehrgedicht, das schon sehr früh verschollen sein muß
— einen späteren I^eser als den pergamenischen Grammatiker
selbst wenn er seine Theophrastzitate an vielen Stellen dem Alexander
verdankt, so beweist auch das noch keineswegs, daß er kein eigenes
Bzemplar mehr hatte; auch die Anführungen aus !Eudems Geschichte
der Mathematik sind ia der R^el aus Alexander genommen, und doch
schreibt Simplidus eine lange Stelle aus dem Originale ab, sobald es
sich für ihn darum handelt, die Berichterstattung Alexanders zu
diskreditieren.
— 96 —
Krates können wir nicht namhaft machen, und Krates hat
bekanntlich auch noch andere vorsokratische Raritäten als
Letzter gelesen — so hat es von vornherein die größere
Wahrscheinlichkeit für sich, daß auch Euripides die kürzeren
Gedichte, Elegien imd Sillen, imd nicht das unbekanntere
I^ehrgedicht in dieser Weise nachgebildet habe, zumal sieh
auch in seinem Autolykos, wie schon das Altertum bemerkt
hat (Athen. X 413 C), eine Elegie des Xenophanes paraphra-
siert fand. Dazu kommt, daß in der Imitation die Bestrei-
tung der Vielgötterei aufs Engste und Notwendigste mit der
Anklage gegen die Dichter zusammenhängt, daß ebenso die
Unzucht der Sagengötter in den Sillen des Xenophanes
gerügt war: a< tüsict* itpOiySavto Oeatv ddefjUaria SQyOy xXiTtreiv
fwixB^Biv te xal dXhfiXovg ämxte^eiv, imd daß es überaus tmwahr-
scheinlich wäre, daß Euripides die Vorlagen zu einem so
bündigen, so kurzen imd natürlichen Gedankengange sich aus
Sillen und I^ehrgedicht zusammengetragen hätte. War aber
schon in den Sillen Gottes Allmacht der beherrschende Ge-
danke, war schon in den Sillen dargetan, ein Gott, der göttlicher
Helfer und Diener bedürfe, könne kein Gott sein, weil er dann
nicht mehr allmächtig, sondern inidev^^ wäre, so kann es un-
möglich Zufall und noch weniger der Einfall eines späten
Philosophenschülers, ein Gedanke aus scholastischen Dis-
putationsübtmgen sein, was unser Anonymus den Xenophanes
in seinem Lehrgedichte zum Beweise für die Einheit
Gottes auseinandersetzen läßt: wären der Götter mehrere, so
müßten entweder die einen über die anderen herrschen oder
sie wären einander gleichgeordnet, laoi, wie die Bürger einer
Stadt, beides gleich unmöglich, weil es dem Begriffe der
göttlichen Allmacht widerspräche: el d'Smiv 6 Oeo^ arcdvxojv
xQoxunoVy iva q)tjalv avzdv TtQoaijxeiv elvai ' el yäg &6o fj nXeico
elev, oix äv hi xqdxiaxov xal ßiXxiatov avrov elvac ndvrcov,
ixacrto^ yoQ &v ded^ rcov TtoXXcov 6/JX)t(o^ äv roioihog etr]. xovxo
yoQ Oeov xal deov dvva/bLiv elvai, xqaxeiv, aXkä fiii xQaretaOai,
xal ndncov XQaximov elvau &(ne xaßd /ii) xgeirrcov, xaxä xoaovxov
ovx elvai Oeöv ' nkeiovcov oUv Svtcdv, el fjikv elev xä fikv
dlXijkcDV xqelxxovQ xä di ijxxov^, oix äv elvai Oeo'ö^ -
— 96 —
neq>vxivai yäg ro Oelov /ui) xQarelaOai* tacov de dvxoov,
ovx äv ixsiv Oeov qydaiv, Sv deiv elvcu xQdxiaxov. x6 de laov oike
ßiXxiov oOte x^^Qov elvai xov laov ' cScnr' elTteq eltj xe xal xoiomov
eirj Oeo^y iva fiövov elvai xov Oeöv. oiök yäq ndvxa divaaOat
ävä ßovXoixo nXeiovcov dvxcov. Nach alledem läßt sich kaum
mehr daran zweifeln, daß Xenophanes bereits die Dichotomie
gekannt hat. Was er zu beweisen suchte, war die Einheit Gottes.
Dazu wählte er den Begriff der Allmacht. Daß dieser Begriff
um nichts mehr als der andere an sich gegeben war — denn denu
Volksglauben war der eine wie der andere fremd — fiel ihm
nicht auf oder zum mindesten, es kümmerte ihn nicht ; denn nur
der Einheitsbegriff war dialektisch für ihn faßbar und be-
weisbar, und auf Dialektik kam es ihm vor allem an. Wo eine
Vielheit ist, so folgerte er, da ist das Einzelne entweder ein-
ander gleich oder einander ungleich, also in diesem Falle:
die Einzelgötter sind entweder gleich an Macht, oder der
eine ist dem anderen überlegen: beides ist unmögUch. Hat
man so viel von seiner „Methode" begriffen, so bedarf es
keines Wortes mehr, die Echtheit auch des unmittelbar vor-
ausgegangenen Schlusses zu beweisen: ä&6vax6v (prjaiv elvaiy
ei XI iaxiy yeveaOai, xoiko Xiyiov eni xov Oeov ' avdyxrj yäq ijxoi
«I ofioiov fj e$ ävofxoiov yevdaOai xd yevöfievov ' dvvaxdv de
ovöheQov * oOxe yäg öfxoiov vq?^ öfiolov 7tQoai]xeiv xexvcodfjvcu
fmXXov fj xexvcoaai (xaiha yäq änavxa xol^ ye taoi^ xal ofwico^
vnaqxeiv tzqo^ äXXr]Xa) oih' äv i$ ävofjLolov xävöfioiov
yeviaOai ' ei yäg ylyvoixo i^ aaOeveaxiqov xd iaxvqoxeqov fj ü
iXdxxovo^ xd fieiCov fj ex x^^Qovo^ xd xgelxxov, fj xovvavxiov xä
Xelqo) ix xcbv xgeixxövcov, xd ovx Sv i| dvxo^ <fj xd Sv «f ovx
övxoc suppl. Diels> &v yeviaOai ' ötneq oMvaxov, Auch hier
die Dichotomie auf den Begriff der Gleichheit angewandt
und dann vermittels des Begriffes der Macht auf das göttliche
Wesen übertragen.
Diese Belege reichen allerdings nicht über den ersten Teil
des anonymen Auszuges hinaus, sie fügen sich nur in den
Stufenbau, der auf dem Ewigkeitsbegriffe sich erhebend in
der Vorstellung der Gotteskugel gipfelt. Bei dem Anonymus
folgt auf diese in sich geschlossene Reihe eine Art Anhang,
— 97 —
der dazu bestimmt ist, daizutun, daß Gott bei dieser Be-
schaffenheit weder begrenzt ncx:h unbegrenzt, weder bewegt
noch unbewegt sein könne. Diese ferneren Bestimmungen
überraschen; sie scheinen nachzuhinken und sich mit dem
Vorhergehenden nicht zum besten zu vertragen. Aber gegen
ihre Echtheit ist das noch kein Grund, und irgend etwas
Zwingendes, Stichhaltiges läßt sich, soviel ich sehe, gegen sie
nicht aufbringen. Trotzdem will ich vor der Hand von ihnen
absehen, um mich allein auf das zu beschränken, was durch
die gesamte doxographische Tradition fest überliefert ist.
Denn darauf kommt es doch vor allem an, die doxographischen
Berichte als eine Einheit zu erfassen, .diese Einheit mit
Aristoteles zu vergleichen und für beide die richtige Ein-
schätzung zu finden^.
^ Man könnte einwenden tmd hat eingewandt : 'wenn Xenophanes
sich so bestimmt über die Frage der Bewegimg mid Begrenztheit
hätte vernehmen lassen, so könnte die doxographische Überliefenmg
sich nidit in diesen Pmikten widersprechen. So aber stehen ein-
ander gegenüber auf der einen Seite Cicero und Nikolaos, die beide
in ihren Werken über die Götter das All-Bine als ein Unbegrenztes,
infinitam, hinstellen (Nikolaos außerdem als Unbewegtes), auf der
anderen Seite Alexander, Hippolytos und Pseudo-Galen, die es als
jteneQaoiiivov bezeichnen. Aber diese letzte Bestimmung scheint nur
eine Folgerung aus der Krei^estalt zu sein: Alexander: nejugaafUpw
avrd Mal aqxuQoeMs; Hippolytos: neTtegaafjLhov xal atpcugoetdij; tmd
schwerlich wird es auf einem Zufalle beruhen, daß in dem Traktate
über Melissos Xenophanes Gorgias gerade diese Bestimmung fehlt,
während die übrigen bei Hippolytos angezahlten samtHch wieder-
1s:ehren; s. oben S. 92 f. Dagegen mußte sich die Unendlichkeit des
Alls aus Fr. 28 und A 41a ergeben, wenn man, wie die Stoiker
(vgl. Fr. A 37), das All-Bine mit der Welt gleichsetzte. Die Unbe-
wegtheit ließ sich aus Fr. 26 erschließen (tmd ist offenbar auch von
Nikolaos daraus erschlossen), von dem es unbestimmt ist, ob es zu
den Sillen oder dem Lehrgedicht gehörte. Auch konnte das Prädikat
dxlvfßw sehr wohl in doppeltem Sinne gebraucht sein ; vergessen wir
nicht, das ähnliche Widersprüche auch bei Parmenides vorkommen,
der das Seiende in Fr. 8,4 äxiXßaxov, dagegen in demselben Fragment
V. 42 Tstekßoiihw nennt. Und endlich, wo gäbe e^ einen alten Philo.
i3ophen, bei dem in der doxographischen ÜberHeferung nicht einige
Unstimmigkeiten unterUefen ?
Reinhardt, Parmenides. •
— 98 —
naQjjevldrj^ fiev yäg ioüce xov xaxä xov Xoyov evd^ äyfaadai,
MiXiaao^ di xov xaxä xrjv 'öXtiv ' dio xal 6 fjih jisTteQaa/jidvov,
6 d* SjieiQOV qyyjaiv elvcu avxö * Sevoipdvrjg de tcqcoxo^ xovxcdv
hlaaj^ (6 yäg IIoQ/bievldi^Q xoikov liyetm yeviaOm fwdfp:ijc,)
ovdh dieaaipijviaev, ovde xfj^ (f/öaeo)^ X(y&t(ov oidexiga^ Soixe
Oiyeiv, äXX* ei^ xov SXov ovgavov dmoßXiyxj^ x6 iv elvai (prim xov
Oeöv. Arist. Metaph. A 986b 18. Es ist atiffallend, mit welcher
Heftigkeit sich Zeller (I*, S. 478) an diese Worte, und nicht
einmal an ihren Text, sondern an seine eigene Interpretation
des Textes angeklammert hat, nur um ein Mittel zu gewinnen,
den so lästigen Anonymus los zu werden. Das dieaa(p'^via£v
soll, nach Zeller, nur bedeuten können, daß Xenophanes die
Frage nach Begrenztheit oder Unbegrenztheit des All-
Einen noch überhaupt nicht aufgeworfen habe, woraus folge,
daß ein Bericht, der ihm dergleichen Bestimmungen unter-
lege, gefälscht sein müsse. Eine unbefangene Erklärung, die
vom Satzbau ausgeht, kann nur folgenden Sinn feststellen:
,,Denn Xenophanes, der zuerst von diesen die Einheitslehre
aufgebracht hat, hat überhaupt noch nicht genauer unter-
schieden^, nämlich zwischen dem materialen und formalen
Einen (d. h. Aristoteles konnte von seiner Fragestellung aus
nichts mit ihm anfangen) , aber offenbar dachte er (unbewußt)
auch weder an das eine noch an das andere, sondern im Hin-
blick auf den gesamten Himmel kam ihm der Gedanke: das
Eine ist Gott." Was Aristoteles mit diesen Worten geben
will, ist eine philosophiegeschichtliche Konstruktion; am
Anfang steht für ihn die uiigeldärte, ahnungsvolle Anschau-
ung, aus der sich mit der Zeit die einzelnen Begriffe sondern.
Und so wenig er sich scheut, Melissos und Parmenides mit
offenkundiger Gewalt in seine eigene Denknotwendigkeit
hineinzuzwingen, so wenig hat er die Charakteristik, die er
* oi^no) dieaaq>eixo von noch unentwickelter logischer Unter-
scheidung bei Budem Phys. Fr. 11 Spengel: nagjiAevtöov (Fr. A, 28)
fjih QÖv <o(h€ dv suppl. Diels; dyaaOeiri tiq dvaSumlazoiQ dxolovdijaanog
Xöyotg xal i^nd roioikoov dJtccttiddvxog, ä oi^nco x6xe öieaaq>eixo ' oike
yäQ x6 7toXXax&Q iXeyev työöelQ, dXkdi HX&tfov ng^og xd öiaadv elaif^yayev,
oike x6 9cad* cahd xcd xaxä avfißtßrpcdQ.
— 99 —
von Xenophanes entwirft, aus der Lektüre seines lyehr-
gedichtes gewonnen. Dieser Xenophanes, der aus der an-
dachtvollen Betrachtung der Gestirne und der ganzen Welt-
ordnung zum ersten Male sich zu einer reinen und geläuterten
Gottesidee erhebt, zeigt nur das typische Bild des ReUgions-
stifters, ein Bild von solcher Macht der Tradition, daß
es seit Demokrit die Griechen nicht mehr los geworden
sind. Und Aristoteles selber hat sein gut Teil dazu bei-
getragen, es zu verbreiten tmd zu verherrlichen, am meisten
wohl in seinem Protrepticus: Sextus adv. math. IX 22
(= Aristot. Fr. 10 Rose): Qeaadfxevoi yog fxeff 'fjfjLiqav fih
'^Xuov TisQuioXovvxa, vAxtcoq di ri)r eikaxtov rcov äXXcov datiQcov
xivfjaiv, ivöfuaav elval xiva Oedv tf\i rout&cti^ xivijaeü)^ xal
€VTa£ia^ cäriov. Doch auch Metaphys. A 1074 a 38: eU äga
ovQovd^ /juivog * TzaQadidoxcu de Tiaqa xibv &Qxalo}v xal Ttafjma-
Xaiwv h ßjfdOov axijfjuni xaxaXeXeififjiiva xol^ üaxeQov öxi Oeoi
x'eialv oikoi xal TtsQidxei xd Oelov ti)v SXtjv qydaiv, Oder endlich,
um das beste Beispiel anzuführen, Sextus adv. math. IX 26:
&a7ieQ yäq et xi^ inl xr\^' Tgcoücrj^ xaOeCöfievo^ "I^^ icoQa xijv
x(ov 'EXXifjrcDv axgaxelav fxexä noXkov xöofiov xal xdieoo^ xoig
TtedioiQ nqoauovaav, . . . o'Sxo)^ ol nq&xov elg o'ögavdv äva-
ßXiipavxe^ xal Oeaadfievoi ijXiov fxkv xoi>^ and dvaxoXrl^ f^XQ^
&6aea)^ ÖQÖfwvg ata&is6ovxay amdgcav dk evxdxxov^ xivd^ X^Q^^^>
iTteCijxow xdv di^/uovQyov xxX. Man hat von vornherein die
Frage falsch gestellt, wenn man auf Grund der aristotelischen
Charakteristik über Theismus oder Pantheismus des Xeno-
phanes streitet und dabei der Intuition zuliebe über den
Dialektiker Xenophanes hinweggeht, als wäre er in der Über-
lieferung nicht vorhanden. Auch wird die Sache um nichts
gebessert dadurch, daß man sich auf Timon glaubt berufen
zu dürfen (Fr. 69 Diels) :
ÖTtTtij yaQ ifjtdv vöov elQ^aaifu,
ei^ iv xavxö xe Ttäv dveX'Aexo ' Tzäv d'iov alel
Ttdvxfi dveXxöfievov filav ei^ (fdaiv tataO' 6fjU)li]v.
Denn Timon glossiert mit diesen Worten nur vom Stand-
punkte des Skeptikers die Formel Sv xd näv, und diese
Formel ist für die eleatische Philosophie so falsch und irre-
7*
— 100 —
leitend wie die Formel Ttdvza ^et für Heraklit. Die Griechen
schon des vierten Jahrhunderts haben ihre alten Denker durch
ebenso starke Brillen gesehen wie andere Zeiten auch, und
diese beiden Sprüche zumal sind um nichts verbürgter als
die Sprüche der sieben Weisen; wer da verlangt, sie müßten
mit denselben oder doch mit ähnlichen Worten in den
Schriften HerakHts tmd der Eleaten zu lesen gewesen sein,
dem wird es auch nicht schwer fallen, in Solon den Urheber
des Sprichworts ^oAeTra rä xcdd zu erbUcken. Wir müssen
scheiden lernen zwischen antiken Auffasstmgen und antiken
Zeugnissen, und nur auf letztere ist Verlaß,
Die ÜberUeferung zwingt dazu, an Stelle des Mystikers
Xenophanes den Dialektiker zu setzen. Man wird hoffent-
Uch nicht einwenden, der Beweis an sich, zumal der dialek-
tische, widerstreite der Natur des Lehrgedichtes. Bei Par-
menides wie bei Empedokles gibt es ausführüche Beweise,
und je leichter das Versemachen dem Rhapsoden fallen
mußte, desto ungebundener konnte er seiner Dialektik freien
Lauf lassen. Und wer so umständUche physikaUscheTheorien,
wie die über die Sonnenbahn (Fr. A 41a), in Versen darzu-
stellen unternahm, der brauchte sich als Dichter auch vor
dialektischen Beweisgängen nicht mehr zu scheuen. Es
ist nur unser Vorurteil, das sich dagegen sträubt, dem Dichter
und Propheten einen so wenig dichterischen und propheti-
schen Geschmack zuzutrauen, ein Vorurteil, das man im
Altertum, wo man ihn las, nicht kannte. Oder wie hätte
Aristoteles auf den Gedanken kommen können, auch über
diese Philosophie in einer besonderen Schrift zu handeln,
wie er über die Pythagoreer, über Alkmaion und Archytas,
Gorgias, Zeno und Melissos in besonderen Schriften gehandelt
hat, wenn ihn nicht das BegriffUche und Spektdative an ihr
angezogen hätte ?
Geben wir den Mystiker zugunsten der Dialektik preis.
Was aber wird, nach dieser Zurechtrückung, aus dem Ver-
hältnis zwischen dem Lehrer und dem Schüler? Ging der
Schüler nicht vom Seienden aus? Und hatte der Lehrer,
von rechtswegen, nicht von der Gottheit auszugehen ? Aber
— 101 — . . :.- --•
dem widerspricht einstimmig die gesamte Überlieferung:
Miav de ti)v äßx^ ^oi iv x6 8v xal Tiäv . . Sevoqxtytjv rdv
KoXoqxbvtov rdv üagfAevidov diAdaxaXov vTtoxlQeaOal q)7jaiv 6
Oeö(pQaato^ o/wXoywv higa^ elvat /läXXov ij Tf\^ tzsqI (piaew^
laxoqloj^ xi^v /jivijfiriv xf\^ xo'öxov do^g ' xo yäg iv xovxo xal
näv xdv Oedv iXeyev 6 Eevoq)dvri^. Simplic. Phys. 22, 22.
— Unum esse omnia neque id esse mutabile et id esse deum
neque natum umquam et sempitemum, conglobata figura.
Cic. Acad. II 118. — Tum Xenophanes qui mente adiuncta
omne praeterea quod esset infinitum deum voluit esse.
Cic. de nat. deor. I 11, 28. — Sevoqxtvrjv fxkv neql ndvxwv
^TtoQTjxöxOy doyfwxlaavza dk fiövov xd elvai ndvxa iv xal xovxo
vjtdgx^^f^ '^^^ 6c Jy, TtcTieQaa/jidvov, Xoyixöv, dfiexdßXijxov. Galen
bist. phil. 7. — 'Edoyfjuki^e di 6 Sevo(pdvri^ Tiaqä xa4 xcbv äXXo)v
avdqdimav TCQoXijtpei^ iv elvai xd näv, xal xdv Oedv ivfJLtpvfj
xoig Ttäaiv, elvai di atpaigoeidfj xal änaOrj xal ä/iexdßXtjxov
xal Xoyixdv. Sextus P. H. I 225. Hier sind die Worte ivfjtq>vfj
xoiQ Ttäai nur ein ungenauer Ersatz für das sonst allgemein
_ überlieferte xal xovxo 'öndgxeiv (elvai) xdv deöv. Wer aus dem
Worte Sv/jupvfj auf Immanenz des Xenophanischen Gottes
schlösse, bewiese damit nur, daß er von recensio keine Ahnung
hätte. — Sevotpdvfi^ . . iv elvai xd Tiäv Stprjae acpaiQoeiäi^ xal
TteTieQaa/Lidvov, oi yevijxdv dXX' dldiov xal Ttd/Linav dxlvriftov,
Theodoret IV 5. — 3. de 6 KoXotptoviog Idlav xivä oddv
TienoQevfjiivo^ xal naqfjXXaxviav ndvxa^ xovc TtQoeiQTj/Jihovg
oOxe yiveaiv oihe (pOoqäv änoXelTiei äXX' elvai Xiyei xd näv äel
öfwiov ' et yoQ ylyvoixo xovxo, (priaiv, dvayxaiov nqd xo'öxov /ui)
elvai ' xd fi'fj 8v dk oix äv yivoixo ovd* äv xd [xii Sv noiijaai xi
ovxe 'ÖTtd xov jj/^ övxoq yivoa^ äv xi* ... dnotpaivexai dk xal
neql %e(bv xxX. [Plut.] Strom. 4. — Aiyei dk 8u ovdev ylvexai
ovdk (pOelgexai ovdk xiveixai xal 8xi iv xd näv iaxiv S^o) (jcexa-
ßoXfJQ. q>fial dk xal xdv Oedv elvai dldiov xxX. Hippol-
Ref. I 14. 'Es läßt sich in der Tat auch nicht ein
einziges Zeugnis beibringen, wonach Xenophanes nicht
von der eleatischen Einheitsformel, d. h. dem Seienden aus-
*
gegangen wäre und dies Seiende oder Eine erst nachträglich
mit Gott gleichgesetzt hätte. Wie die späteren Doxographen
:•.-• •.: ... — 102 —
• ' • .■•■.''
sich mit dieser Auffassung an Theophrast anschließen, so
hat wiederum Theophrast in Aristoteles seinen Vorgänger;
auch Aristoteles erkennt im Xenophanischen Gotte nur eine
Bestimmung und Auslegung des eleatischen All-Einen:
rd Sv elval q>r)ai rdv Oeöv, Das [ist um so merkwürdiger, als
beide, Aristoteles wie Theophrast, zu der Meintmg neigen,
das Allwesen des Xenophanes gehöre weniger in die Physik
als in die Theologie. Wie konnten sie dergleichen überhaupt
noch erst erwägen, wenn Xenophanes ganz offen und un-
zweideutig nur den reinen monotheistischen oder pantheisti-
schen Gottesbegriff entwickelt hatte ? Und zu allem anderen
kommt nun noch die Inhaltsangabe des Anonymus hinzu:
ä&övaröv (prjaiv elvai, et xi San, yevdadai, rovxo Xiycov inl xov
Oeov. Hier hilft kein Sichdrehen und Wenden mehr: wir
müssen anerkennen, daß Xenophanes von etwas anderem
ausging als von Gott, und was das andere war, lehrt die
doxographische Überlieferung in Übereinstimmung mit dem
Anonymus: es war das 8v, Nur auf das Seiende sind die
Beweise zugeschnitten, die Xenophanes ganz äußerlich und
roh für seinen Gott zurechtgestutzt hat, nur auf das Seiende
angewandt hat allein das dichotomische Verfahren einen
Sinn. Das Seiende, so lautete ursprünglich der Beweis,
kann weder entstanden sein noch untergehen, denn alles
Seiende ist entweder gleich oder ungleich; ist es gleich, so
ist ein Werden unmöglich, da das Erzeugende und das Er-
zeugte in demselben gegenseitigen Verhältnis zueinander
stehen müßte; ist es ungleich, so müßte, vorausgesetzt daß
etwas wird, das Ungleiche aus Ungleichem hervorgehen,
d. h. ein Seiendes aus einem Nichtseienden. Folglich, fügt
Xenophanes nun seinerseits hinzu, ist Gott ewig, denn Gott
ist das Seiende. Kann ein Prophet aus seinem inneren Er-
lebnis einen solchen Schluß zu Tage fördern ? Mit ein wenig
mehr Geschick ist der folgende Beweis für den "Gottesbegriff
zurecht gemacht, obwohl auch hier die ursprüngliche Form
noch unter der Umgestaltung zu erkennen ist: das Seiende
muß ein iv sein, denn gäbe es mehrere Svxa nebeneinander,
so müßten diese wiederum gleich oder ungleich sein; wären
— 103 —
sie gleich, so müßte sich die Gleichheit auf Gestalt, Ort, Lage,
kurz auf alle nur möglichen Bestimmungen erstrecken, bis
zuletzt, nach Aufhebung aller Unterschiede, aus der Vielheit
eine Einheit würde; wären sie ungleich, so könnten sie nicht
alle zusammen övta sein. So zwingen die Beweise bei dem
Anonymus uns zu demselben Schlüsse wie die Angaben der
Doxographen : daß für Xenophanes das Seiende im eleatischen
Sinne bereits etwas Gegebenes war. Ging aber schon er von
demselben Worte aus wie Parmenides und häufte auf dies
Wort dieselben Prädikate, in genau derselben Reihenfolge,
immer eine Bestimmung auf der anderen aufbauend, die
Einheit auf der Wesenheit, die Gleichheit auf der Einheit tmd
auf der Gleichheit wiederum die Kuge^estalt, nur mit dem
Unterschiede, daß Parmenides das Seiende nimmt, wie seine
Natur es fordert, ohne Gefühlsinhalt und theologische Aus-
deutung, Xenophanes dagegen dieses einzige in Wahrheit
Seiende mit Gott gleich setzt — wie kann man, angesichts
einer solchen Gleichheit und Verschiedenheit, den Fort-
schritt des Parmenides darin erbUcken wollen, daß er aus
dem reinen Gottesbegriffe des Xenophanes den reinen Seins-
begriff herausgezogen habe ? Wer das behauptet, der wider-
spricht nicht nur dem Pseudo- Aristoteles, sondern der ein-
stimmigen Überlieferung des ganzen Altertums.
Die Zeugnisse selber stellen uns vor die Frage: wer ist
hier der Schüler, wer der Lehrer gewesen ? Wenn wir dabei
zu einer anderen Antwort kommen, als sie sich das Altertum
zum mindesten seit Piatos Zeit gegeben hat, so stürzen wir
damit noch keine Tradition um, sondern machen nur Ge-
brauch von einer Freiheit, die uns gegenüber einer jeden
wahren tmd echten Tradition erlaubt sein muß. Wenn Xeno-
phanes, der ältere und um so viel berühmtere Zeitgenosse,
der gefeierte Dichter und Rhapsode, der im ganzen griechi-
schen Westen und bis in die höchsten Kreise hinauf seine
Hörer und Leser hatte, unter die Denker ging und, schon in
vorgerücktem Alter, ein philosophisches Lehrgedicht heraus-
gab, weim zu gleicher Zeit Parmenides, sein Mitbürger und
jüngerer Zeitgenosse, im abgeschiedenen Elea, nur den aller-
— 104 —
wenigsten bekannt, den tiefsten und umstürzendsten Proble-
men nachging, die es je gegeben hat, und ihre endliche
I^ösung, seine Offenbarung, nur dem eingeweihten Ohr ver-
ständlich, in eine poetische Form brachte — wer wollte da
von femer Stehenden entscheiden oder gar wissen, wer
von beiden der Gebende und wer der Nehmende war ? Eine
Schtdtradition hätte ihr Verhältnis wohl in der Erinnerung
festhalten können, obschon auch die Schule irren kann
— man denke nur an Epikur, der von I/eukipp, dem Be-
gründer des atomistischen Systems, schon nichts mehr
wußte — aber die eleatische Schule ist bald nach der Mitte
des fünften Jahrhunderts erloschen. Nehmen wir also die
Tradition als das, was sie sein konnte, als eine Erinnerung
an den Verkehr der beiden Männer und ihren Altersunter-
schied, so steht uns frei, die beiden Gedichte in die 2feitfolge
zu rücken, die dem Verhältnis ihrer Inhalte entspricht.
Die Beweise lassen bei Xenophanes, trotz ihrer theologi-
schen Überfärbimg, eine reichere, entwickeltere dialektische
Kunst erkennen, als sie bei Parmenides zu finden ist. Wenn
dieser die Dichotomie ausschüeßhch auf den Seinsbegriff
beschränkt, so zeigt er das begriffliche Beweisverfahren
noch in seiner urtümlichsten Form; denn es ist klar, daß sich
der zweigeteilte dialektische Beweis erst aus der Unterschei-
dung zwischen Seiendem und Nichtseiendem entwickelt hat.
Von den drei Wegen der Forschung abgesehen, gibt es bei
Parmenides nur einen einzigen Beweis von dieser Art; er ist
so einfach, daß er sich lange genug dem Verständnis hat ent-
ziehen können (Fr. 8, 5ff. Siehe S. 40 ff.). Wieviel mehr Be-
weislust und Vertrautheit mit dialektischen Prozeduren ist
dagegen bei Xenophanes zu spüren, wo er dieselbe These zu
beweisen sucht! Für ihn ist bereits die dialektische Ver-
wendbarkeit des Sfioiov ävöfioiov entdeckt, imd wie er mit
dieser Unterscheidung den Begriff der Vielheit ad absurdum
führt, so bedient er sich auch ihrer dazu, die MögUchkeit des
Werdens und Vergehens zu bestreiten. Mit diesem dialekti-
schen Mittel hat es aber seine besondere Bewandtnis. Bei
Simpücius lesen wir im Kommentar zur Aristotelischen
— 105 —
Physik S. 116 Diek: üoQqydQU}^ di xal ainoQ xä fjtiv ix rdw
Ila^/ievidelcov hmvy a< oliJUUy rd bk ix rcDv 'AQunoriXovg xal
&v öv X14 TiiOavög ixOiaOai Ti)y IlaQfAevldov dö^av ßovXö/ASvog
slnoi yQd(pei xama' 'et xi TtoQa x6 levxöv iativ, ixeivo o'ö
Xbvx6v iaxif xcd el xi naqä xd öv iaxiv, ixeivo ovx öv
iaxi' xd di oix 6v oidiv' xd Sv äga /lövov iaxl ' Iv äga xd
dv. xcd yäQ el //i) Iv iaxtv AXkd TtXeio) xä dvxa, ijxoi X(p elvai
diolaei äXXi^Xcav ij x(o fjbii elvai ' äXX^ oüxe t4> /^i) elvai diatpigoi
dv (xaxä yäg avxd xd elvai öfjioid iaxiy xal xä Sfioia fi Sfioia
ädidq>OQa xal oix ^^cga xvyxdvei dvxa, xä di ^1) IxeQa Iv icxiv)
oike t4> /ui) elvcu ' xä yäg dwapiQovxa nQÖxeqov elvai del, xä di
fxil övxa oidiv diafpigei dXXi^Xov' el xolwv nXelco, (pfjalv,
vTtoxtBi/jieva fju/ße x(^ elvai fiiffte xtp piij elvcu duKpiqeiv otöv xe
xal Sxega elvcu äXXijX(ov, dfjXov &g iv ndvxa laxai ' xal xovxo
dyiwrftov xal Ä^^Oogrov*. Wie überall, so hat auch hier Porphyrius
seine Weisheit aus den erlesensten Quellen geschöpft. Den
ersten der beiden Beweise gibt er nach Theophrast : Simpl.
phys. 115, 11 : xdv IlaQ/ievidov Xdyov (Fr. A28), &g 6 ""AXiSavdQog
iaxoQei, d fiiv Se6q)Qaaxog o^oyg ixxlOexai iv xcp Tigcincp xfjg q)vatx^g
iaxoQia; (Dox. 483) : xd Ttaqä xd öv oix 6v ' xd ovx Sv oidiv ' iv äga
xd öv. Der zweite Beweis kann f reiHch von Parmenides selbst
unmögHch herrühren, doch daß zum mindesten das Ähnlich-
keitsproblem, so wie es hier gefaßt ist, in die vorsokratische
Zeit gehört, ergibt sich aus Diogenes von Apollonia Fr. B
5, 10: ov fjidvxoi ye axQexdcog ye öfxoiov ovdiv olöv xe yeviadai
xwv ixeQoiovfiivcov ixeqov x(p ixiQqp, tiqIv xd aix6 yivtjxai.
ErsichtUch hat Diogenes mit diesen Worten sich auf ein
Axiom berufen wollen. Wo aber Axiome in der vorsokrati-
schen Philosophie auftauchen, hat sich allemal unser Blick
zuerst den Kleaten zuzukehren. Und es läßt sich auch noch
zeigen, daß die dialektische Verwendung der Begriffe öfwiov
dvdfwiov zur festen eleatischen Schultradition gehört hat.
Bei 2^no muß dasselbe Begriffspaar neben den Begriffen der
l^nheit und der Vielheit, der Bewegtheit und der Ruhe
als ein dialektisches Mittel ersten Rangs benutzt gewesen
sein, um die Unmöglichkeit der sinnlichen Erscheinung zu
beweisen: Plat. Phaedr. 261 D xdv oUv "^EXeaxvxdv IlaXa/njöriv
— 106 —
iiyovra ovx lofiev xixvri &me (paiveaOai roi^ axoiovai xä avrä
öfjLOia xal avofjLOiay xal Sv xal TtoXXd, /levovrd xe xal a^
(peQÖfieva; Und noch deutlicher Plato Parm. 128 i) avziXiyei
öij oiv xomo x6 ygäfi/bia (sc. xd xov Zrfvuovo^) tiqo^ xoi>^ xä JtoXXä
Xiyovxa^ xal ävxojtodldcoai xavxä xal nXeio), xovxo ßovXöfjievov
ÖTjXovv, c&g' hl yeXoioxeQa Ttdaxoi äv [avxibv rj vn6Beai4 ei
noXkd iaxiv fj ij xov Sv elvcu, el xi^- Ixavaf^ iTce^ioi, und daran
anschließend: ov vofjU^ei^ elvai avxo xad' avxo eldö^xi o/üloiöttj-
xo^ xal xcp xoioüxq) a'5 dXXo xi ivavxiov 8 iaxiv ävöfxoiov; dann
kommen die Begriffe der Einheit und der Vielheit an die
Reihe und zum Schluß folgt die Zusammenfassimg S. 129 D :
iäv dd Ti^, d>v vvv öri iyd) SXeyov, TtQokov /jiev duuQtjxcu xcoqI^
avxä xaff avtd xä eidtj, olov öfioiöxrjxd xe xal ävo/jioiötrjta
xal nXfjOo^ xal xd Sv xal axdaiv xal xivrjaiv xal ndvxa xä
xoiavxa ... Es wäre danach nicht ausgeschlossen, daß der zweite
Beweis bei Porphyrius, der sich gegen die Vielheit richtet, auf
Zeno selbst zurückginge. Denn bei einer so engen Gedanken-
gemeinschaft zwischen Schüler und lychrer, wie sie der Plato-
nische Dialog geschildert hatte, mochte sich Porphyrius oder
sein Gewährsmann wohl berechtigt glauben, einen Satz des
I^ehrers auch durch einen Beweis des Schülers zu erläutern^.
Aber wie dem auch sei, jedenfalls ist der Begriff der o/btotöxri^
und seine dialektische Anwendung echt eleatisch,wennauch un-
verkennbar jüngerenUrsprungs als das Parmenideische Gedicht.
Der Fortschritt, den die Dialektik seit Parmenides ge-
macht hatte zur Zeit, als Xenophanes sein Epos schrieb.
^ Wie ich nachträglich sehe, wird diese Vermutung zur Gewiß-
heit durch Simplic. Phys. S. 139 : 6 fjUvxoi IJoQqfÖQiog xal xdv ix ttjg
öixoto/jUoq Xöyov IlaQfjteviöov tptialv dvai iv xd dv ix xaikris neigd^fispov
öeixvihcu. Bs folgt der Beweis über die Unmöglichkeit der endlichen
wie unendlichen Teüung, darauf fährt SimpHdus fort (S. 140) :
iq>i<ndveiv di äStov, el HoQfAevtdov xal fiij Zi^tovög iaiiv 6 Xöyog, dtg xal
T$ *AXe(dvÖQq> öoxeZ, oike yäq iv rolg UaQfieviSeloig Xiyetal xi xo^vro
xal i} Tckelatri laxogta x^v ix xrjg dixoxo/jUas djtOQiav eig x6v Zi^wva dva-
Tzifutei. Das Problem ist in der Tat Zenonisch, vgl. Zeno Fr. A 22.
Was für das Problem der Teüung gut, wird auch für das Problem
der Ähnlichkeit zu gelten haben; wir dürfen die oben angeführte
Stelle unter die Fragmente Zenos einreihen.
— 107 —
muß als um so größer eingeschätzt werden, als der Satz von
der Unmöglichkeit des Werdens, sofern er durch die Begriffe
der Gleichheit und Ungleichheit erwiesen wird, nur erst die
eine Hälfte des gesamten Xenophanischen Beweises aus-
macht; denn aus dem Anonymus geht klar hervor, daß noch
em anderer Schluß als GHed einer umfassenderen Dichoto-
mie voranging : el yoQ ylyvoao iS iaOevearigov xd laxVQÖreQov
. . fj xovvavTiov Tct x^^Q^ ^^ ^^ TCQecrvöyatv, xd <Sv iS oix
Sn% fl> xd oix dv iS övxo^ äv yeviaOai. Da der Begriff der
•t
Ähnlichkeit oder UnähnUchkeit sich nur auf das 8v anwenden
läßt, so muß das odx 8v schon zuvor bedacht gewesen sein.
Und daß in der Tat Xenophanes auch über das Nichtseiende
und seine Unfähigkeit zur Zeugung irgendwie gehandelt hat
— und zwar auch hier wieder ausführlicher als Parmenides — ,
steht klar zu lesen in Pseudo-Plutarchs Strom. 4 : oOxe yiveaiv
o{fr6 (pOoQav anoXelneiy äkV elvai XSyei xd Tcäv äel SfjLoiov ' el
yoQ ylyvoixo xoiko, q)Tjalv, ivayxdlov ngo x(y&tov fj/fj elvai * xd
fjiil Sv di o'bx äv ydvoixo ovo' äv xd fxij Sv Ttoii^aat xi oüxe
ind xov fii) 8vxo^ yivotx' äv xl Der vollständige Beweis
bestand demnach aus einer doppelten Dichotomie: i^ ävxo^,
ix firi 8vxo^' a öfiolov, ü ävo/wlov.
Richtet man sein' Augenmerk auf die Entwicklung der
eleatischen Hauptbegriffe, so gerät man hinter eine selt-
same Erscheinung: sie alle haben ihren Ursprung in der
knappen Charakteristik, die Parmenides Fr. 8 vom Seienden
entwirft, aber während sie hier nur um des Seienden willen da
sind, um es gegen die Welt des Scheines abzugrenzen und bei
seiner Ungreifbarkeit nicht ohne Bestimmung zu belassen,
lockert sich allmähHch das ursprüngUche Gefüge; was nur
Prädikat war, neigt dahin, Subjekt zu werden, immer stärker
lenkt es die Aufmerksamkeit auf sich selbst und erweckt zu-
gleich damit das Bedürfnis nach besonderen Beweisen, bis end-
lich, in der Dialektik Zenos, das ursprüngUche Subjekt, der
Träger aller Prädikate, das, worauf allein ein dialektisches
Verfahren anwendbar erschien, das 8v, ganz in Vergessenheit
geraten ist, und nur die einstigen Prädikate des Seienden
noch Problem sind. So begegnet der Begriff der Gleichheit
— 108 —
bei Parmenides noch fast wie zufällig inmitten der Masse der
Bestimmungen über das Seiende :
oidi öujUQexöv imiv, ijtel Tzäv iaxiv ö/wlov. (Fr. 8, 22)
Welche dialektischen Kräfte in diesem Begriffe schlummern,
ist so wenig noch erkannt, daß er zu weiter nichts als
einer rein intuitiven Begründtmg der Unteilbarkeit ver-
wandt wird. Bei Xenophanes erscheint derselbe Begriff
zusammen mit seinem Gegenteil ganz unverkennbar nach
dem Muster des 8v und oihe 6v als dialektisches Beweismittel
benutzt. Bei Melissos ist er schon so selbständig geworden,
daß ihm ein besonderer Beweis gewidmet wird ([Arist.]
de Melisso 1, 4): h dk 6v Sfwuov elvai Ttdvxri * el yäq ävöfioiov,
jtXelco dvta ovx äv hi iv elvai äXXä 7zoU,d. Für Zeno ist er
eines der drei Hauptprobleme. Dieselbe Entwicklung ergibt
sich für den Begriff der Einheit. Auch dieser Begriff ver-
schwindet bei Parmenides tmter den übrigen Prädikaten, ja
er wird, als etwas durchaus NebensächHches und Akzessori-
sches, inmitten des Beweises über die Ewigkeit des Seienden
nur ein einziges Mal, wie zufällig, erwähnt, geschweige denn,
daß ihm ein eigener Abschnitt und Beweisgang wie den Be-
griffen der Ewigkeit, Unteilbarkeit, UnbewegtheitJ und Be-
grenztheit zustände :
oidi nox* ^vJo^iJ' loxoxy iTtel vvv iaxiv öfiov näv,
Iv, (Tvvexd^ ' Tlva yäg yiwav d^ijaeat airtov; (Fr. 8, 5)
Bei Xenophanes wird er mit einem umständlichen Beweist
bedacht, indem sein Gegenteil, der Begriff der Vielheit,
durch das geschilderte dichotomische Verfahren ad absurdum
geführt wird. Ähnlich bei Melissos I, 3: näv dk xal äjieiQov
dv <h> elvai ' et yäg &6o ij nXeloi elti, niqax* äv elvai ravta nqd^
äUfila. Wiederum wird für Zeno der Begriff der Vielheit, los-
gelöst vom Seienden, zum selbständigen Problem. Hätte sich
umgekehrt die eleatische Seinslehre aus der Einheitslehre, d. h.
die Dialektik aus dem Monotheismus entwickelt, so wäre die
gänzliche Vernachlässigung des Hauptbegriffes bei Parme-
nides auf keinerlei Weise zu erklären. — Nicht anders steht
es mit dem Begriffe der Bewegung. Die Art wie Parmenides
die Unbewegtheit des Seienden begründet, läßt von dialek-
— 109 —
tischen Erwägungen noch nicht die leiseste Spur erkennen:
ctitäQ ixlvr{iov fieyAlcop h Tulgaai dea/jUbv
iaxw SvoQXOv äjuxvaxovy ijiel yivsatc xal SXedqoq
tfjXe fidX' inidyxßrjoav, djt&as di TÜmic äXtjO^* (Fr. 8, 26)
Bei Melissos tritt auch hier an Stelle des einfachen, aus
der Negation entsprungenen Prädikates der Beweis, in diesem
Falle ein Beweis von unschätzbarem Werte, weil er uns zeigt,
wie viel Vorarbeit schon innerhalb der eleatischen Schule
für die kommend^ Atomistik geleistet war : I 5 dldiov di 8v
äfiergöv xe xal 8/iO$ov Ttäwri dxlvrjtov slvcu xd iv * o'ö yäq äv
Htnfifjvm fiii elc xi inoxcoQTJaav * vnoxcoß^aai^di ävd/Tcriv elvai
ijftoi ek TtX^gec liv fj elc xevöv * xfyheov di xd /iiv <yix äv
ii^aaOai [xd TcXfjgec secl. Diels], xd di oix elvcu ovdiv [fj xd xevdv].
Endlich wird bei Zeno wiederum das Prädikat des Seienden,
die Bewegtmg, selber zum Problem. Wie man Xenophanes in
dieser Entwicklungsreihe unterbringen will, wird davon ab-
hängen, ob man den zweiten Teil des anonymen Auszuges für
echt hält oder nicht. Ich sehe, wie gesagt, keinen hinreichen-
den Grund, der gegen die Echtheit spräche. Aber wie man
skh auch entscheidet, jedenfalls wird man soviel zugeben
daß ein dialektischer Beweis über die Unmöglichkeit der Be-
wegung, wie er hier geliefert wird, sich in die allgemeine
dialektische Entwicklung, wie wir sie an anderen Begriffen
nachwiesen, ohne Schwierigkeit einfügen würde. — Endlich
die Begrenztheit. Daß das Seiende begrenzt sein müsse,
konnte für Parmenides schon darum keinem Zweifel unter-
liegen, weil es in allen Stücken das genaue Gegenteil der
sinnlichen Erscheinung, das heißt der physikalischen Welt
darstellte, deren restlose Erklärung die alte ionische Wissen-
schaft für sich in Anspruch nahm. . Hatten Anaximenes und
Anaximander das ewig bewegte Universum für ein äneiqov
erklärt, so folgte daraus für Parmenides notwendig, daß sein
unbewegtes, ewig sich gleichbleibendes Seiende nicht anders
als begrenzt zu denken sei. Aber mit dieser Frage sollte die
Schtde bald in eine unüberwindliche Schwierigkeit geraten:
durch die Begrenztheit mußte die Einheit wie die Ewigkeit
des Seienden gefährdet scheinen; omnis determinatio est
— 110 —
negatio, sagt Spinoza. Offenbar waren es solche Gründe der
Dialektik, die Melissos oder schon seinen unbekannten
I/ehrer (denn ich halte Melissos für einen Dilettanten) be-
wogen, die Begrenztheit aufzugeben und das alte Unbegrenzte
wieder an ihre Stelle zu setzen : äldiov di dv äneigov elvaiy Sri o'öx
SxBi &Qxip^ 86ev iyiveto, oiöi reXetnijv el^ 8 yiyvöfievov heXeÖTTjad
nore. Und wiederum würde es vortrefflich mit der Mittel-
stellung, die Xenophanes allenthalben zwischen Parmenides und
MeUssos einnimmt, übereinstimmen, was der Anonymus ihn
zu derselben Frage äußern läßt: das Eine, GöttUche könne
weder grenzenlos noch auch begrenzt sein, denn die Unbe-
grenztheit schließe eine Verneinung in sich, während der
Begriff der Grenze nur bei einer Mehrheit möglich sei.
Zugegeben, daß die Straffheit und Gedruiigenheit des
Ausdrucks, welche die religiöse und poetische Form der
Offenbarung und ihr aufs Höchste gesteigerter Charakter
des Ewigen mit sich brachte, von sich aus ein allzu reichliches
Detail an dialektischen Erörterungen ausschloß: zugegeben
also, daß Parmenides sein dialektisches Beweisverfahren
ein Stück weiter ausgebildet haben konnte, als er es in seinem
Gedichte zu zeigen in der Lage war — wogegen ich freilich
unter keinen Umständen zugeben kann, daß er ein pädagogi-
sches Experiment, eine Art Übungsbuch für Fortgeschrittene
habe liefern wollen und die Beweise etwa aus diesem Grunde
könnte fortgelassen haben — : aber all das zugegeben, bleibt
die Tatsache doch nicht wegzuleugnen, daß Xenophanes ein
fortgeschritteneres Stadium in der Geschichte der Begriffe
darstellt als Parmenides, zum mindesten der Parmenides
des I/chrgedichtes. Hätte die Nachprüfung der Prädikate,
die Verdrängung der intuitiven Elemente durch die Dialek-
tik, die Ausdehnung der Dichotomie vom Seienden auf
andere Begriffe, kurzum hätte die Denkarbeit, deren Früchte
wir bei Melissos, Zeno und Xenophanes erkennen, schon vor
der Niederschrift der äXijBeia eingesetzt, so wäre zum min-
desten zu erwarten, daß man wenigstens ihren Spuren hie und
da begegnete. Aber man mag die einzelnen Prädikate des
Seienden hin und herwenden, soviel man will, man mag die
— 111 —
Begründungen, an denen es Parmenides durchaus nicht
fehlen läßt, mit noch so großer Freiheit ausdeuten, nirgends
wird man auf eine Gedankenverbindung stoßen, die sich aus
^er dialektischen Denkgepflogenheit herleiten ließe. Der
deduktive Beweis ist nur erst für das Seiende entdeckt,
das heißt nur für denjenigen Begriff, an dem er sich ent-
wickelt hat, die Dialektik steckt noch in den allerersten An-
fängen, der eigentliche I^hrinhalt, die döSa wie die äXi^Oeui,
sind von ihr noch unberührt geblieben, und beide voneinerAlter-
tümlichkeit , die unverkennbar ist . Das Parmenideische Gedicht
tann nur begriffen werden als erster Anfang einer von Grund
aus neuen Denkrichtung ; als erster Vorstoß in die unerforschte
Region abstrakten Denkens, wobei der Entdecker selber über
^e Richtung, die er einschlug, noch so wenig sich im klaren
war, daß es ihm gar nicht zum Bewußtsein kam, wie weit er
schon die Grenzen physikalischer Erklärungsmöglichkeiten
überschritten hatte; offenbar ein Jugendwerk, und als ein.
solches mit viel Eifer und vieler Mühe in die Sphäre jener
überirdischen Erhabenheit gehoben, die das Erlebnis einer
ungeheuren, plötzlichen Entdeckung brauchte, um mit
dem Anspruch ewiger Gültigkeit sich selber ein Wahrzeichen
und Monument zu setzen. Wir wollen gewiß das Wort nicht
pressen, wenn der Dichter sich einen xovqo^, einen Jüng-
ling nannte (Fr. 1, 24) ; aber soll man glauben, daß ein
Oreis nach lebenslängUcher Beschäftigung mit dialektischen
Problemen seine Himmelfahrt ztmi Lichthause der Wahr-
heit in solch merkwürdig abgerissenen, kühnen und zugleich
konventionellen, überschwenglichen und steifen Bildern hätte
beschreiben können? Ich denke, mit einem solchen Kraft-
gefühl und Glücksgefühl und einem Stolze, der mitunter fast
schon etwas Ungeschicktes an sich hat, konnte nur reden, wer
sich wirklich noch als xovqo^ fühlte, wer noch nicht am Ende
seiner Kraft und seines Nachdenkens angelangt war und wohl
auch noch über sein eigenes Werk hinauskonnte. Und wenn
der ältere Xenophanes die I^hre seines jüngeren Zeitgenossen
übernommen und ins Populäre übertragen hat — denn die
Vergöttlichung des Seienden läuft doch letzten Endes auf
— 112 —
eine Popularisierung hinaus — so ist es nicht mehr das Ge-
dicht gewesen, das er in seine eigene Weise übersetzte,
sondern eine Lehre, die sich über das Gedicht hinaus ent-
wickelt hatte.
Für all diese Schlüsse stehen uns f reiüch nur Exzerpte
zur Verfügung, Zeugnisse, die zwar nicht weniger schlecht
beglaubigt sind als irgendwelche andere allgemeine doxo-
graphische ÜberUeferung, die aber dennoch vielleicht für
feinere Fragen und Unterscheidungen nicht ganz dieselbe
Sicherheit gewähren könnten wie die Originale. Darum
mag zum Schlüsse noch der Nachweis geführt werden, daß
auch der originale Wortlaut der sehr spärUchen Xenophanes-
fragmente zu denselben Folgerungen zwingt wie die Ex-
zerpte:
alel d' iv ravrcp (xI/xvei xivoii/devo^ o'öddv,
ovdi /letigxsoOcU fuv htmqiTiei SXkoxs äXXji,
äXX' ändvevds Jtövoio vöov q)Qsvl ndvxa xqcAaivsi}
[Fr. 26 und 26.]
In diesen Versen sind zweierlei Bestimmungen zu unter-
scheiden. Daß Gott nicht bald hierhin bald dorthin gehen
dürfe, weil das dem Begriffe der göttHchen Allmacht und
Allgegenwart widerspreche, daß er keine Mühe haben dürfe,
daß vielmehr sein bloßer Gedanke hinreiche, das Weltall zu
erschüttern*, das alles sind Vorstellut^en, die sich aus dem
^ Bs macht doch sehr den Bindruck, als habe erst Simplidus
(Ph3n5. 22) seiner eigenen Interpretation zu läebe diese Verse von-
einander getremit; man lese: &(ne xal &tav iv raöt^ [xivBiv Xiyjj xal fbtij
9aveia$<u *del 6' . . . . äXXff oO >catä ti)v ^ge/ilav xi^v dvttxeifjiivrpf rg
xtvijaei fjiiveiv aötö (ptiaw . . Npcdlaog di 6 AafiaaKrjpfÖQ <hg öneiga» Hcd
äxlvfixov Xiyovtog ae&cov rijv dgxfjv ^ xfj Tte^ deSu» dno/jtvri/Mveikt . . . xtü
ndna voeiv di q>riaiv ctötd Hycov 'dXX* . . . xoaöaivei\ Übrigens ist
meine Beweisführtmg von dieser Frage unabhängig.
' KgaöcUvo}, von xQddog, xgddrj (Wüamowitz, Herakl. II, S. 233) doch
wohl „schütteln", „zittern, wanken machen", nicht „schwingen", wie
Diels übersetzt. Ähnlich Aeschyl. Prom. 1045: x^Ahi ö* ix nvSfjiivcop
ccöroSg ff^cuQ nveviw, xqadalvoi (gemeint ist Brdbeben; voraus geht
Donner, Blitz und Sturm; der Dichter scheint eine pneumatische
Theorie zu kennen; vgl. Bpikur an Pythokles Diog. Laert. dtw
— 113 —
Theismtis leicht erklären und sich überall wiederfinden, wo
ein solcher Glaube auftritt. Aber warum in aller Welt soll
dieser Gott ewig an demselben Flecke bleiben und sich nicht
rühren können ? Reimt sich das mit seiner Allmacht ? Und
xQddavüiv tg yß naQaaxsvd(fi [sc. rd Jttfevfjua]; Aßt. m, 15.4 (Ttsgl
aeta/Awv yijg): 'AvaiayÖQOQ digog thtoöiSaet . . . tgöfiiprö Ttegtixo'i^
xQaöaivovxog). Theophrast de vert. 8: ütyyi&ai öi xal ol xä ihprfid
Ttcd xä iieydla xal dndzofia dstoßWtaifxeg öid x6 avßji߀U»ew fiaxgd»
dmn&tpofjihrf» aeieaSai xal XQaöalvBoOai ti)v 6%pw, Aristot. tibqI
o^Qovov S. 290 a 22: ngdg öi xo^ fjiivopxag (datiQOQ) xgaöaivexai
(4 Sy>*g) Sid xd /Jiiffxog, dnovsiifo/jihri nöggto Ua» ' 6 di xgöfiog ctMjg , . .
Auch alxfAij xQodouvopiivi^ bei Homer bedeutet nicht die „geschwungene"
I/anze, sondern. ,,vibrata tela". Daneben xqoMüw iyxog wie aelow
iyxoQ- Aber von der Umschwingung des AUs als einem aeia/jtög
zu reden, wäre doch wohl keinem Griechen eingefallen. Wenn Diels
zur ^läuterung hinzufügt: ,,der immanente Gott ist in allem
geistig r^;sam, ohne körperlicher Organe oder Bewegung dazu zu
bedüiien", so muß ich offen bekennen, daß ich für eine solche Ißr-
klärung in dem Texte keinen genügenden Anhalt zu finden vermag. In
der Hias A 530 braucht Zeus nur zu nicken, um den großen Olymp zu
erschüttern; dem Xenophanischen Gotte genügt der bloße Gedanke,
nm das All vor sich erbeben zu lassen. Dieselbe Vorstellung (um
nur zu geben, was ich gerade bei der Hand habe) bei Aristobul in
dem erschwindelten Xenophonzitat, Qemens AI. Protrept., S. 54
Stählin, Stromat. V S. 399, Stob. Anthol. II, S. 15 W. : 'O yovv tndna
adojfp xal dxQe/jUC(ov, c5g fjiip /jiiyag n^ xotl öwaxög, qxtveQdg, Des-
gleichen in dem gefälschten Aeschylusfragment 464, das auch sonst
lebhaft an Xenophanes erinnert:
;fc6^6 Bvrftcw x6v Oedv xal ^^ ö6xsi
SfjLOuov aavx^ odQxivov xadeardvat ...
xgi/Aei IfÖQVi xal yaUi xal 7ieXd>Qiog
ßvSdg BaXiamfQ xal ögicov (5yfog fJtiya,
indv iTußXi^ yoqydv öi^fia deandzov *
ndvxa ötmnii yäg döSa ^xplaxov Oeov,
D. h. : Ein Blick des Allmächtigen genügt, und es erzittern Erde
imd Meer und die Gebirge. Daß die gleiche kritisch-religidse Propa-
ganda gleiche Ausdrucksformen schafft, ist nicht zu verwundem.
Hier wie wohl überall ist es vorwiegend der Begriff der Allmacht,
der über die Vielgötterei hinaus zum Monotheismus geführt hat. Das
innerste, letzte Wesen auch des Xenophanischen Gottes ist nicht
Weltbeseelung, Wdtvemunft noch überhaupt Geistigkeit, sondern
Allmacht. Das geht deutlich aus dem Pseudo-Aristoteles hervor,
und die Fragmente stimmen damit überein; vgl. Fr. 23 und 14ff.
Reinhardt, Parmenides. o
— 114 —
wo bleiben hier die Parallelen anderer Religionen? Ich
wüßte keine einzige zu nennen, aber wohl weiß ich eine aus
der Spekulation, der eleatischen Seinslehre: denn der Aus-
druck iv ra6x(ü jbiheiv erscheint als regelrechtes Schulwort
bei Parmenides, ja, was noch mehr zu denken gibt, er steht
auch hier wieder verbunden mit dem /jirj xiveiaOcu:^
avräg dHivrjTov fieyalcov iv nelgaai deofjuov
Icxiv ävoQXOv Snavmov, inel yiveat^ xal SXeOqo^
v^Xe fjuiX' iTtXdyxßrjOav, amboe d^ 7tlcxi4 äkriOrj^ '
xavx6v t' iv raör^ji tc fxivov xaff iavxö xe Tcelxcu,
XoikcD^ ifxnBÖov aiOi (xivei. (Fr. 8, 26.)
Daß aber dieser Ausdruck ganz und gar nicht für die Gottes-
idee, sondern ursprünglich für das logisch zu begreifende
Seiende geprägt war, geht allein schon aus dem berühmten
Epicharmfragment hervor, das freiHch, sehr bezeichnender
Weise, allgemein für HerakUtisch gilt und doch so eleatisch
ist, wie überhaupt nur etwas sein kann (Fr. 2 Diels) :
iv fiexaXXayqi di ndvxe^ ivxl ndvxa xdv %q6vov'
S de /letcdXdaaei xaxä <pvaiv xovjtox* iv xavx(p /jiivei,
Ixegov eirj xa xöd' ijdi] xov TtaQs^eaxaxöxog.
Wenn hier von der Welt der dö^a, die nur Übergänge und
Veränderungen aber niemals ein xaöxöv erkennen läßt, ge-
sagt wird, daß sie oünox' iv xavxeo fiivei^ so folgt daraus
für die entgegengesetzte Behauptung alel d' iv xavxco /jU/ivei,
^ Bin zufälliges Zusammentreffen bloßer Worte ist hier au^e-
schlössen, wie gesagt, schon wegen der Verbindung mit dem jui)
xivelaBai) dazu kommt bestätigend Bpicharm Fr. 1 Diels: x6de d*äBl
ndgead' öfwia öid xe x&v aöz&v dei. Damit steht selbstverständlich
nicht im Widerspruch, daß iv xaöx^ /jiiveiv ganz allgemein zum Aus-
druck der Beharrlichkeit und Ruhe diente: Burip. Ion 969 xä
dvTftä xouiGx* * QÖdiv iv xaöx^ juivei, Soph. Aletes Fr. 102 oO ydg not'
aöx^ ovdiv iv xaöx0 fiivei (vom ÖXßoQ ßQox&v gesagt). Aristoph.
Wespen 969 xoööinot* iv xaöx^ pUvei (vom Himde Adßri^, hingegen es
von dem andern heißt: 6 ^hegog olög iaxiv oIhovquv pidvov • aöxov
fjiivcüv . .) ; Vögel 170 ävBQomog ögviq datdQfitfcoq, Jtexd/Msvog, dxdHfiOQxog,
<yödiv (Minat' iv xaöx^ /Liivcov. Fiat. Buth. 288A dWi äoücev . . aikog
fiiv 6 Xöyog iv xa^^ juiveiv, nal Su &<meQ xd naXcudv xaxaßaXdjv Ttinxew.
Herodot I 5, 4 xifv ävOgomtiiffv öv imcftd/jisvog eöScufiovlffv odSa/id iv
xdnn0 fUvovaa».
— 116 —
daß sie ursprünglich jedenfalls nur von dem Gegenteil der
sinnlichen Erscheinung gelten sollte, das heißt von dem
Seienden^. Der Gottesbegriff hat bei dieser Unterscheidui^,
dieser ganzen Fragestellung nicht das mindeste zu suchen.
Dieselbe kritiklose Vereinigung gänzlich verschiedener Vor-
stellungen, die aus den doxographischen Berichten zu er-
schließen war, tritt in den originalen Bruchstücken offen und
unverhüllt zu Tage. Wie aber in dem einzigen mehrzeiligen
Fragment, das uns erhalten ist, auch gleich zwei Aussagen
verschiedenen Ursprungs nebeneinander stehen, so spaltet
sich die ganze Xenophanische Theologie in zwei getrennte
Reihen von Bestimmungen. Daß Gott allmächtig sei, daß er
keine anderen Götter neben sich dulde, daß er von keinem
anderen Wesen, weder stärkeren noch schwächeren habe er-
zeugt werden können, daß er Geist sei, ganz Gesicht, ganz
Gehör und ganz Gedanke, das alles sind Vorstelltmgen, wie
sie jeder echte und natürliche Theismus mit sich bringt;
wenn aber derselbe Gott noch außerdem kugelförmig,
unbewegt und 8/Moto^ ndwri sein soll, so geht das über reli-
giöses Erleben hinaus. Kann es ein Zufall sein, daß gerade
die Eigenschaften, die sich am Xenophanisch^n Gotte nicht
erklären lassen, zugleich Eigenschaften, und zwar sehr er-
klärliche Eigenschaften, des Parmenideischen Seienden sind ?
Und kann es Zufall sein, daß umgekehrt das Seiende auch
nicht eine Spur aus jener anderen Reihe von Bestimmur^en
aufweist, die nur für das GöttHche zutreffen? Wohl gibt es zwei
Bestimmungen, die beiden Reihen gemeinsam sind : Ewigkeit
1 Daher ist B^riff und Wort auch in den Platonischen Parmenides
gelangt, der durchweg die eleatische Lehre, und zwar besonders in
der Gestalt, die sie durch Zeno angenommen hatte, voraussetzt;
S. 139 A: Kaxä näaav äga xlvriaiv rd iv dxlvtftov. "Axlvtftov. *AWl i^ijv
xal ehai yd <pafjbev h xivi ctörd dövvaxov, Oafjih ydg, Qöö* äga Tiotä iv
T(p a^^i^oTi. Tldij; "Ort fjdri dv iv ixetvq> etri, iv ^T(p aöt0 iavi. Ildvv
ixh (yih. *AXk* oiks iv iavr^ oike iv äXkq> olöv re fy ctör^ ivetvai, OO
yäg oiöv, Oööinaie äga iaxi rd iv iv r^ a^^. CHhc ioucev, *A^ iiif» x6
ye fif^Siswte iv r4> a^Q) &» oike i^avxlav äyei oike iarrptev usw. (vgl.
S. 146 A). 33s folgt der Nachweis, daß das iv auch kein twötöv sein
könne: aUes Kritik der Kleaten.
— 116 —
und Einheit; aber selbst diese gemeinsamen Begriffe haben
ein doppeltes Gesicht und schauen bald nach dem Göttlichen,
bald nach dem Seienden aus. Kein Zweifel, sie haben den
Hauptanstoß gegeben zu der ungeheuerlichen Gleichsetzung,
die hier geschehen ist; nun bilden sie den Kitt, der beide
Hälften aneinander bindet.
Ich kann zur Gegenprobe nur empfehlen, den entgegen-
gesetzten Weg zu gehen, also in iv ravrc^ fiheiv und ^ei)
xivetodai aller ihrer Rätselhaftigkeit zum Trotz ursprünglich
für das Göttliche ersonnene Prädikate zu erblicken: welche
Virtuosität im dialektischen Jonglieren wird man dann
nicht an Parmenides bewundem dürfen, daß er jene ihm
zugespielten göttlich-mystischen Prädikate vom Standpunkte
des l>)gikers zu fangen, umzukehren, auf den Kopf zu
stellen, auf ihrer gew^esten und allerspitzesten Spitze zu
balancieren wußte und dabei noch obendrein den Anschein
zu erwecken, als könnten sie gar nicht anders stehen, ja als
hätten sie nie anders als gerade so gestanden!
Über die Tatsache, daß im Gotte des Xenophanes noch
etwas anderes steckt, was nicht Gott ist, hilft man sich all-
gemein auch heute noch mit derselben Auskunft hinweg, zu
der schon Aristoteles seine Zuflucht genommen hat: man er-
klärt seinen Glauben für Pantheismus, seinen Gott für
immanent und letzten Endes mit der Welt identisch^. Aber
lassen sich denn wirkHch jene so rätselhaften Bestimmungen^
wie Gleichheit, Unbewegtheit, Kugelform oder Kugelähn-
lichkeit, aus einer pantheistischen Weltanschauung her-
leiten ? Wollen wir ehrHch sein, so scheitern wir mit diesem
Versuche schon an der Kugelform, obwohl diese an sich noch
das Verständlichste von allem wäre. Denn Xenophanes
dachte sich die Welt durchaus nicht kugelförmig, sondern
den Himmel nach oben und die Erde nach unten ins Unend-
liche sich erstreckend; gab er also Gott die Kugelform, so
konnte das nur heißen, daß er Gott und Welt geschieden
^ Die stoischen Doxographen gehen soweit, daß sie das Göttliche
ohne Umstände mit dem Kosmos gleichsetzen: A6tius 11 4, 11 Sevo-
^pdmig dydvijTOv xal dldujv xal ätpOogrov xdv x6a/i€v.
— 117 —
haben wollte, mithin die volkstümlichen Vorstellungen von
den Göttern nicht zum wenigsten auch gerade ihres panthei-
stischen Elements wegen bekämpfte. Dazu stimmt durchaus,
was uns an Nachrichten über sein I^hrgedicht als Ganzes
überliefert ist. Die Zweiteilung bezeugt ausdrücklich Sextus
adv. math.VII, 14: xG>v bk di/bte^fj rijv <pdoao<piav vjtoarriaafjihcov
Sevo(pdnj^ /liv 6 KoXo<pd>vio^ rd <pvaix6v äfjux xal Xoyixdv (!), &^
(päd rive^y /letiJQxeto} Ebenso unweigerlich ergibt sich die
beabsichtigte strenge Scheidtmg zwischen Theologie — formal
betrachtet Logik — und Physik aus Theodoret IV, 6 (nach
A^tius : Fr. A 36 Diels) : Sevoq^dvrj^ /lev oiv . . Iv elvcu x6 näv
Itpfjae aqxuQoeiSi^ xal neneqaafjiivov, ov yevrjftov dXÜ alöiov xal
Ttdfjuiav äxlvrpcov' TtdXiv di aü rcövde r(öv Xöycov imXadö-
fievo^ ix T^c yn^ (pvvai änavxa elQtjxev ' avrov yäg &fj
xöde rd ino^ iaxiv 'ix yfj^ yäg rdde ndvxa xal el^ yfjv ndvxa
relsm^. So redet, wohlgemerkt, derselbe Gewährsmann, der
die beiden Teile des Parmenideischen Gedichts in ihrem Ver-
hältnis folgendermaßen charakterisiert (Theodoret IV, 7 =
Doxogr. 284) : xal naQfievl&q^ de 6 ü'dqQrixo^ 6 "'EXedzrjQ Ssvo-
(pdvov^ iräiQo^ yevöfxevo^ «arce fjiev rdv tzqcoxov Xöyov
i^jLupcüva t4> diSaaxdXq) $vyySyQa(pev ' avxov yoQ A) xode xä ino^
slvai <paai 'oiXov jbuyvvoyeviQ xe xal äxge/ie^ ri&^ äySvrjxov ' alxlav
de x(üv 8Xo)v ov xijv yfjv fiövov xaBdjieQ ixeivo^ äXXa xal xo nvq
ecQTjxev oixo^. Zusammengefaßt beweisen beide Auszüge (was
übrigens auch aus allen anderen Nachrichten zu folgern wäre),
daß die I^ehre des Xenophanes genau wie die seines Schülers
oder richtiger I^hrers, äußerlich betrachtet, in zwei Teile aus-
einanderfiel ; nur daß hier das Verhältnis beider Teile für die
Alten noch weit schwieriger zu bestimmen war als bei Parme-
nides. Denn ging man, wie man es nicht anders kannte, von
der Aristotelischen Voraussetzung aus, daß Xenophanes sein
* Diese Nachricht stammt aus guter und gelehrter Quelle und ist
durchaus nicht unbrauchbar, wie Zeller behauptet hat (I*, S. 505),
den hier wie überaU der Glaube an den monoüieistischen Pantheis«
mus für die Tatsachen der Überlieferung blind gemacht hat. Leider
fehlt die Stelle auch bei Diels. Und doch hat Diels die Nachricht über
Archelaos aus derselben Quelle ohne Bedenken aufgenommen : 'ÄQxi-
hog Si 6 *AdrpfdloQ x6 q)vaiHÖv xal ^$ix6v (Fr. A 6).
— 118 —
göttliches Prinzip im Hinblick auf das All gewonnen habe, so
mußte in der Tat sein zweiter, physikalischer Teil wie eine
kindliche Vei^eßlichkeit, ein Rückfall in den überwundenen
Materialismus anmuten. Aber so ausgemacht die Sache für
die alten wie die modernen Philosophiehistoriker auch seih
mag, es bleibt doch immer noch die Frage, inwieweit man
überhaupt ein Recht hat, sich in solcher Weise auf die
Naturbeträchtui^ zu berufen, um die Schwier^keiten eines
altertümlichen Denkens wie die größten Selbstverständ-
lichkeiten zu behandeln. Schon bei den alten Milesiem
wirkte das rein Ideelle stärker, als man es zumeist Wort
haben will; und vollends bei Xenophanes begegnet nicht ein
Wort, nicht eine Wendung, die auf pantheistische und
mystische Gefühle und Anschauungen schKeßen ließe. Viel-
mehr deutet alles darauf hin, daß sein Bestreben nicht
darauf ausgii^, Gott und Welt einander anzunähern, also
einen immanenten Gott zu predigen, sondern zwischen
beiden eine möglichst tiefe Kluft zu schaffen. Gott und
die Welt, das sind die beiden Inhalte seines Gedichtes:
xal rd jbisv oiv aaq>i^ oiki4 dw)^ yivex* o'ödi xv^ larou
eldcl}^ d/jiq>l ded}v re xal äaaa Xdyo) Ttegl Tzdvccov. [Fr. 34]^
Und wie Ttdvra hier gemeint ist, lehrt ein Vers wie Fr. 27 :
ix yoUtj^ yoQ Ttdvza xal el^ ytjv Ttdvxa xeXevxq^
oder noch deutlicher Fr. 29:
yf\ xal 'ddcoQ ndvr' iaO' 8aa ylvovz(ai) ^3i (piiovroL
Es ist die Gesamtheit der vergänglichen, veränderlichen
Dinge im Gegensatz zur ewig sich gleich bleibenden Gott-
heit.
Für den ausgesprochenen DuaHsmus, der das wahre
Wesen dieser angeblichen und so oft geschilderten Einheits-
lehre ausmacht, gibt es endlich noch ein Zeugnis von so
hohem Alter und so tmzweideutiger Gewißheit, daß jeder
* Mit diesen Versen formuliert Xenophanes sein Thema wie
Alkmaion, Fr. B 1 : 'Jtegl xojv äqtaviwv, Ttsgl xwv Bvrftwv oatfrfyf&a» [xh
Oeol Sxovti, d>g di dvBgdiJtoig xexfjudgeaBm* xal xä iSrjQ. Auch hier der
Gegensatz des Göttlichen und Sterblichen.
— 119 —
Wideisprach davor verstummen muß: das schon einmal er-
wähnte Bruchstück Epicharms, Fr. 1. 2 Diels. Wenn Diels
die bei Diogenes überlieferte Versreihe zerteilt und zwei
verschiedenen Nummern seiner Sammlung überwiesen hat,
s6 hat er unbestreitbar recht daran getan; denn daß der
eine Teil nicht so sich an den anderen angeschlossen haben
kann, liegt auf der Hand^. Eine andere Frage freiUch ist, ob
beide Stücke überhaupt in keinerlei Beziehung zueinander
standen, d. h. ob sie verschiedenen Dramen angehörten
(denn gehörten sie demselben Drama an, so standen sie auch
in Beziehung zueinander), oder ob zwischen beiden nur ein
Stück Dialog als unwesentfich unterdrückt worden ist.
Fragen wir nach der Absicht des Berichterstatters Alkimos,
so kann kein Zweifel sein, daß er das Ganze wirklich als ein
wahres Ganze und Zusammengehöriges hat hinstellen wollen :
o IIMzayif (prjalv alcfOrj[zdv /lev . . . vorpcdv di , . . xal /Mfjv 8 ye
^EnlxaQfjjo^ Tteql x&v alcOrßcyv xal voijtcov ivagyco^ elqfrixev : es folgt
das Zitat, wobei besonders zu bemerken ist, daß jetzt in um-
gekehrter Reihenfolge die vorpcd vorangehen und die aicOrixd den
zweiten Abschnitt ausmachen. An sich liegt kein Grund vor,
an der Zuverlässigkeit des Alkimos zu zweifeln; die Tatsache,
daß die beiden Teile ausgezeichnet zueinander passen, ist
mit keinem Mittel aus der Welt zu schaffen; beide sind gleich
gut eleatisch, offenbar die einzigen umfangreicheren Partien
dieser Art, die Alkimos auftreiben konnte. Dazu kommt, daß
aUes, was von vermeintlich] HerakHtischer, in Wahrheit
^ [Ich muß gestehen, daß mir selbst das jetzt zweifelhaft geworden
ist. Das xal, das Diels zwischen den beiden Teüen einschieben möcnte,
hat Alkimos schwerlich geschrieben; hätte er die beiden vonein-
ander trennen wollen, so wäre zu erwarten : Tteql fih xwv vwft&nß . . .
sibqI öi x&nß cdaßffiwp. Die ewige Gleichheit des Göttlichen konnte sehr
wohl der Veränderlichkeit des Menschlichen zum Beweise dienen,
unter der stillschweigenden Voraussetzung, daß Gott und Mensch
in allen Stücken einander entgegengesetzt sein müßten. Zudem, was
weiß man denn von Bpicharms Dialogtechnik ? Wer sagt uns, daß
es da nicht mitunter Sprünge gab ? Und zumal, wo man sich über
eine philosophische I^ehre lustig machte, brauchte man die Gedanken
nicht allzu peinlich miteinander zu verknüpfen.]
— 120 —
eleatischer Philosophie und ihrer Anwendung zu allerhand
Prellereien bei Epicharm uns sonst berichtet wird (bei Diels
unter Fr. 2), sich zweifellos auf ein und dasselbe Stück be-
sieht; es ist allein schon ein Gebot der Ökonomie, die inhalt-
lich so nah verwandten Bruchstücke demselben Drama zu-
zuweisen. Und man würde sich diesem Gebote wohl auch
schwerlich widersetzt haben, wäre man nicht so fest davon
überzeugt gewesen, daß im zweiten Teile klipp und klar
der Grundgedanke der • Heraklitischen Philosophie ent-
wickelt sei.
Wie man zu dieser Überzeugung, diesem unerschütter-
lichen Glauben an den „Herakliteer" Epicharm hat ge-
langen können, allgemein und ohne Widerspruch zu finden,
ist mir eins der allei^ößten Rätsel^. Was in jenen Versen
bewiesen wird, und zwar auf dialektisch-induktivem Wege,
ist die Behauptung, daß es [ein Tavröv in dieser Welt
nicht gebe:
al Tiox aqSfxdv ng Ttegiacöv, al de Xfj^, ndx aqxuov,'
noxOifieiv Xfj %päq>ov fj xal xäv ijiaQXovoäv Xaßelv,
ij doxei xd xoi y <iff> covxd^ el/Liev; — ovx ifxlv ya xa , . .
xal xi> Äi) xäyd) xß^^ äXXot xal wv äXXoi xeXiBofjLe^,
xaiBi4 äkXoi xoiSnox' oröxol xaxxov <a'öxdv a'5> Xöyov,
Wenn etwas unherakliteisch ist, so ist es dieser Beweis,
denn Heraklit lehrt das gerade Gegenteil : die Koinzidenz der
Gegensätze, die Identität im Wechsel: odd^ ävco xdtco fua xal
(hvxij (Fr. 60), xavxo t' Svi C(ov xal xedvrjxö^ . . (Fr. 88),^
Ttoxa/biol^ xoi^ avxol^ i/bißaho/Liev xe xal ovx sfißalvofiev, elfiSv
xe xal ovx elfjisv (Fr. 49 a), und wie die Variationen dieses
Themas alle, lauten. Und außerdem, wo hätte jemals Heraklit
etwas bewiesen ? und nun gar auf eine solche Art bewiesen ?
— um von der eleatischen Formel oünox' iv xavxcp f/hsi hier
ganz zu schweigen. Dagegen hätten wir genau dieselbe Art
des dialektischen Beweises als Grundlage der Parmenideischen
i ■
I * Urheber dieses Glaubens ist derselbe, der auch in den Panne-
! nides die Anspielung auf Heraklit hineingelesen hat, Jacob Bemays,
,,Bpicliarmos und der a^Savöfievog Xöyog". Rh. M. 1853 = Ges. Abh. I^
; S. 111.
— 121 —
dö^a selbst dann anzuerkennen, wenn wir ihren Spuren sonst
nicht mehr begegneten. Aber noch deutlicher als die Verse
des Parmenides redet die Prosa des Melissos Fr. 8: doxel 6k
flfüv x6 XB Oeg/Lidv tpvxQdv ylveoOou xal xd tpvxQ^v Bbq^v xal
xo oxXriQov [MilBaxdv xal xd [Mildaxdv axXrjQdv xal x6 ^(pov
moBvfjGTCBiv xal ex /Mfj fdirro^ ylveoBai^ xal xavxa ndvxa
ixeQoiovaOai, xal 8 xi ijv xe xal 8 vvv o'ö8ez 8ijloiov
elvai . . . ov xolwv xavxa äXXijXoi^ 6/jioXoyel' q>ayivoi^ yäg
elvm TtoXXä xal äi8va xal elöt] xe xal laxi>v ^;^c^Ta, ndvxa
sxeQouyvoOai i^/mv 8oxel xal fxexanlTfxeiv ix xov hcdcxoxs 6 gcofiivov
Wie Epicharm nimmt auch Melissos unbesehen Wand-
lungsfähigkeit des Stoffes und Relativität der Begriffe für
dasselbe Phänomen: beide als Fortsetzer der Parmenidei-
schen drffa. Es war ein Ungedanke, Heraklitisches Gut bei
Epicharm aufspüren zu wollen; wie sollten die siziUschen
Komödiendichter oder erst gar ihr Publikum den ephesischen
Einsiedler gekannt oder gelesen haben ? Was da an philoso-
phischen Gedanken vorkommt, ist, soweit es überhaupt
für uns bestimmbar ist, eleatisch oder genauer gesagt Xeno-
phanisch: so Fr. B 4 (= Xenoph. Fr. 16), so Fr. B 15 (=
Aristot. Metaphys. 1010 a 4 atxiov 8i xfj^ 86^rj^ x(y&toi4 (des
Relativismus) 8xi tzbqI xojv 8vxo)v xi^v akriOevav iaxdnovv, xä
y 8na iniXaßov elvai xä alaOrjftä fiövov ' iv 8k xoixoi^ noXlii
yj xov ioQiCxov qröai^ iwTiAQX^^ ^^l ^ "^ov 8vxo^ o'Sxw^ äoTteg
eiTiofjLev ' 8id etxöxco^ /Likv XSyovaiv, ovx äXrjO^ 8k XSyovoiv ' o'Sxo)
yoQ oQfidxxei fiäXXov elnelv i\ &07teQ ^Enlxaqixo^ el^ Sevoq)dvrjv:
vermutlich aus demselben Stück, in dem die philosophischen
Prellereien vorkamen), und so endlich auch Fr. 1, dessen Zu-
sammenhang mit Fr. 2 nun hoffentlich keinem Zweifel mehr
begegnen wird.
Die Zweiteilung des I^ehrvortrags, die Unterscheidung
und Entgegensetzung eines ewig sich gleich bleibenden und
eines in fortwährender Veränderung begriffenen Wesens, ist
der eleatischen Philosophie von Anbeginn eigen; wie die
Lehre des Parmenides in äXijdeui und 86^a zerfällt, so
scheiden sich bei Melissos scharf die Teile, die über das
transzendente Eine und die Vielheit in den Sinnendingen
— 122 —
handeln. Wenn dieselben beiden Themen in genau der-
selben Reihenfolge (und zwar trotz Alkimos, wie wir sahen!)
nun auch noch bei Epicharm begegnen, so wäre es Willkür,
wollten wir uns über diese so offenkundigen Zusammen-
hänge hinwegsetzen. Der einzige Unterschied ist der, daß
Epicharm die beiden Reiche nicht mehr als Erkenntnis-
theoretiker, sondern als Theologe betrachtet: das Verhältnis
zwischen Wahn und Wahrheit ist ihm zum Verhältnis zwi-
schen Gott und Welt geworden; an die Stelle des philosophi-
schen Monismus tritt der populäre Dualismus. Diese Um-
biegung, diese Verdrehung des eleatischen Gedankens kann
nur das Werk des Xenophanes gewesen sein. Was bei dieser
Erkenntnis aus dem Xenophanischen Pantheismus werden
muß, braucht nicht gesagt zu werden. Aber wohl müssen wir
das erste Epicharmfragment, dem eine solche pantheistische
Deuttmg widerfahren ist, von solcher Auffasstmg befreien:
— äXX' äel TOI deol Tiagfjaav x^niXucov ov TKonoxa,
raSe 6* ael Tidgead' öfioia dvd xe xa>v avrcbv äsL
— dXXä Xiyexai fjuav x^o^ nqaxov yeviaOai x(bv 6s(öv.
— 7uo^ dS xa; firj ixov y' oko xlvo^ iir\b^ £^ 8 xi nqaxov jliöXoi
— 0V7C äq* efjfjoXe nqaxov ov6iv; — ovdk /m Ala de^eqov
Xibvdi y &v äfiä^ vvv d>de XSyojbie^, äXX' äel xdd* ijv.
Diels übersetzt den zweiten Vers: „Die Vorgänge hier
(in der Natur) vollziehen sich stets gleich und durch die-
selben Kräfte." Gesetzt, daß xdde wirklich in derselben hin-
weisenden Bedeutung stehen könnte wie der Ausdruck
8de 6 xöofjLOQ bei Diogenes (Fr. 2) und HerakUt (Fr. 30)
— obwohl selbst dieser Vergleich nicht zutrifft, denn wie sich
uns später zeigen wird, ist das Demonstrativpronomen in
dieser Verbindung zeitlich und nicht räumUch aufzufassen —
aber selbst gesetzt, das xdde ginge auf die Natur, so könnte
es doch höchstens nur das GegenständHche in ihr bezeichnen
aber niemals das, was überhaupt nicht zu zeigen ist und auch
in xdde gar nicht liegen kann, die Vorgänge. Und ist es femer
anztmehmen, daß die Dialogperson, die von der Ewigkeit
der Götter redet, sich in einer solchen Weise unterbrechen
sollte, um nach einer bedeutungsvollen Geste gegen den
— 123 —
Himmel plötzlich von deti Naturvoi^ängen anzufangen?
Ks ist doch wohl klar: das tdde bezieht sich auf Oeol, nicht
auf den Himmel, sondern das gesprochene Wort, wie es auch
später wieder aufgenommen wird in den Worten t&vdi y &v
ä/Lie^ vvv &de liyo/jie^.^ Das zweite Hindernis, worüber ich
bei der Dielsschen Übersetzung nicht hinwegkomme, ist die
Wiedergabe des jtoQelvcn: dies Wort heißt „da sein",
„g^enwärtig sein", nicht aber „sich vollziehen". Und
endlich drittens kann ich nicht glauben, daß diä r&v
avrmv das heißen könnte, was Diels übersetzt: „durch
dieselben Kräfte". Nach den Wendungen diä Ttdvrcov,
dia raxicov usw. zu urteilen, kann dtä rojv avtcav nur heißen
„in demselben Zustande verharrend", „sich gleich blei-
bend" — wenn es, wie doch offenbar hier der Fall, in zeit-
licher Ausdehnung gedacht ist. Räumlich zu verstehen ist
es in den Bakchen des Philolaos Fr. 17: 6 xöofio^ elg ian,
fjQ^axo dk ytyveoBm and xov fxiaov\elQxd ävco diä rcbv avröjv
Toi^ xdxo). Hier wie dort bedeutet es — von der Verschieden-
heit der Präposition abgesehen — nicht mehr als xatä ravrd
{TCQd^ yäq r6 fjdaov xaxä ravrd iariv ixätega fährt Philolaos
fort). Denselben Siim erfordert endlich auch, was überall
und so auch hier bei Epicharm den Ausschl^ gibt, der
Satzzusammenhang, in diesem Falle die Gegenüberstelltmg
in V. 11 xßk äkXoi xal wv äUoi oder die wohlbekannte Formel
oünox' h ravrc^ fxiveu So läßt selbst Epicharm noch unter der
Parodie des Xenophanischen Gottes das Parmenideische
Seiende erkennen; die Bestimmungen tavrrfr und dfioiov ver-
raten nur zu deutlich, was als wahres Wesen hinter dieser Gött-
lichkeit verborgen ist : die Logik. Auch der vierte Vers wird erst
verständlich, wenn man den Gedanken seiner theologischenUm-
deutung entkleidet hat. Dazu bedarf es freilich erst noch
einer anderen Prozedur: der Sonderui^ dessen, was erst der
Satiriker Epicharm hinzugetan hat. Man kann die Feinheit, die
der Dichter in diesen Versen gesucht, die Fähigkeit erratenden
^ xdlk auf deo( bezogen: za verstehen ist rä Beta; so steht bei
Hippocr. de victu c. 7 (oben S. 58) xavta auf y>vxij bezogen, wo zu
ergänzen ist xä jäS^ xfjq fpvxfjs»
— 124 —
Verständnisses, die er bei seinem Publikum vorausgesetzt
hat, nicht gründlicher mißverstehen, als wenn man alles,
was er sagt, im wörtlichen Verstände auf Xenophanes über-
trägt und selbst das volkstümliche Chaos mit unter die Be-
griffe eleatischer Theologie rechnet; kurz, wenn man den
Gedanken in die Worte hineininterpretiert, das Chaos als
der Anfang aller Dinge müsse selber ohne Anfang sein. Was
das gebildete Publikum von Syrakus bei dieser Stelle als
besonderen Reiz empfand, war gerade der Kontrast der
volkstümlichen und der philosophischen Auffassung der
Götter, war das MißverständHche und Komisch-Unwahr-
scheinliche, das darin liegt, daß beide Unterredner mit voll-
kommen inkommensurablen Vorstellungen gegeneinander
reden und der I^ehrling schon nach ein paar bloßen Andeu-
tungen über die paradoxe Wahrheit sich für überzeugt
erklärt: „Dieses Wesen (die Götter) bleibt sich ewig gleich
und ewig in demselben Zustande verharrend. — Aber man
redet doch, das Chaos sei der Götter Anfang? — Wieso?
Kann es doch weder von etwas anderem herkommen noch in
ein anderes übergehen". Gälte der letzte Satz allein vom
Chaos als dem Anfang aller Dinge, so wären die Worte
i^ 8x1 TCQÖxov fwXoi ohne Sinn und Verstand. Es ist im
Grunde vielmehr nicht der Volksglaube, worauf sie zielen,
sondern der phüosophische, genauer Xenophanische Begriff
vom Wesen Gottes, und was geleugnet wird, ist schlechthin
jedes Werden und Vergehen, jeder Anfang in der 2feit und
jedes Ende. In den Worten äjcd xlvo^ eXBov kann nur der
Gedanke stecken: „Wie kann ein Seiendes von einem Nichts
herkommen?" In den Worten i^ 8 ri nqaxov fjLÖXoi: „Wie
kann ein Nichts zu einem Seienden werden". Also dasselbe,
was der Doxograph der Pseudo-Plutarchischen Stromateis
mit folgenden Worten ausdrückt (Xenoph. Fr. A 32) : el yäg
yiyvoixo xomo, qyrjalv, ävayxdiov tzqo xo'&tov /Liij elvai * xo //i) Sv
di oi>x äv yivoixo (ovo* äv xd fiij dv noirjoai xi) oüxb ino
xov fjiii 8vxo^ yivoix' äv xi. Hier aber erhebt sich die ent-
scheidende Frage : trifft diese Beweisführung denn auch nur auf
die Gottheit zu? Ist nicht vielmehr die Gottheit selber nur
— 126 —
eine Benennung, eine Ausdeutur^ von etwas anderem ? Diese
Analyse des Begriffes „Werden", seine Zerlegung in zwei zu-
ständliche Momente, ein Vorher und ein Nachher, als in zwei
unvereinbare Gegensätze, dieser Grundgedanke der Parme-
nideischen Philosophie,, gehört er überhaupt noch unter die
natürhchen, auch nur verständHchen Konsequenzen einer rein
religiös gerichteten, pantheistischen Spekulation ? Und wenn
der Philosoph bei Epicharm das Wesen, das er zu bestimmen
sucht, von allen Dingen der Erfahrung trennt und abgrenzt
durch die Einschränkung, die in den Worten liegt: x&vbi
y &v a^ vöv &de Xfyo/jie^, äXX' äel xoS i}^ — ist eine so
bewußte und gewollte Transzendenz des GöttHchen mit
einem Weltgefühle vereinbar, das den immanenten Gott in
allen Dingen regsam sieht? Und selbst gesetzt, das wäre
denkbar: was aber soll die Gegenüberstellung dieses ewig
sich gleich bleibenden Wesens mit der Welt fortwährenden
Wechsels? Epicharm ist in der Tat unschätzbar; was sich
sonst nur erschließen Heß, der ausgesprochene, zielbewußte
Dualismus in der Weltanschautmg des Xenophanes, erhält
durch ihn seine urkundliche Bestätigung. Ebenso wertvoll,
als Bekräftigung der doxographischen ÜberHeferung, ist
sein Zeugnis über die Xenophanische Dialektik; könnte nach
der Tradition ja noch ein Zweifel an dieser so hartnäckig ge-
leugneten Tatsache obwalten, so würde Ejricharm allein
genügen, um auch seinen letzten Rest endgültig aus der Welt
zu schaffen; oder wie wollte man es sonst erklären, daß die
neue Kunst bereits bei ihm in ihrer schönsten Blüte steht?
Bei der Frage, ob wir in Parmenides oder Xenophanes
den originalen Kopf, den schöpferischen Geist, kurz den
Entdecker eines neuen Reiches der Erkenntnis zu erbUcken
haben, hat schließUch noch eine Erwägung ein Wort mitzu-
reden, die sich nicht, wie die übrigen, auf Facta stützen kann.
— 126 -
der man vielleicht, weil sie atif dem Gefühle beruht, die
Überzeugungskraft abstreiten wird, und die doch, für mich
wenigstens, den Ausschlag gibt. Xenophanes war Dichter
und Rhapsode; er besang die Gründung Kolophons und die
Besiedelung Eleas in zweitausend Versen, machte Spott-
gedichte, deren man in späterer Zeit zum mindesten fünf
Bücher zählte, unter anderem auf Homer, Hesiod, Pytha-
goras, Epimenides und andere Berühmtheiten, dazu besaß
man von ihm eine Sammlung Elegien. Die Fragmente sind
zwar im Verhältnis zum Verlorenen von verzweifelter Dürftig-
keit, aber doch immerhin so zahlreich, daß sie eine wirklich
tiefe, mächtige und reiche Geistigkeit, wenn eine solche in
Xenophanes gesteckt hätte, auch heute noch zur Geltung
bringen müßten. Trotzdem zeigen alle in merkwürdiger
Übereinstimmung dieselben wenigen aber scharf ausge-
prägten Züge, und diese Züge wiederum schHeßen sich zu
einem durchaus einheitlichen Gesamtausdruck zusammen;
es gibt wenig Überreste, die zur Analyse so herausforderten
wie diese.
Die erste, wohl vollständig erhaltene Elegie zeigt den
Rhapsoden beim Symposion unter den Gästen eines großen
Herren. Er hat die Ehre, nach der Mahlzeit die sanges-
freudige Geselligkeit des Abends durch ein I/ied, das
selbstverständUch nur ein neues I/ied sein durfte, zu er-
öffnen^. Feierlich, mit einer stimmungsvollen Schilderung
des schönen AugenbHcks, beginnt er, noch mit jedem Worte
die Spannung auf das fönende erhöhend, um zum Schluß
die Pointe, seine yvdifirjy um so wirkungsvoller und des Bei-
falls um so sicherer herauszuheben : „So wäre denn der Estrich
rein und aller Hände und Becher. Gewundene Kränze setzt
ein Diener uns aufs Haupt, ein anderer reicht tms duftende
Salbe dar in einer Schale. Köstlicher Freude voll steht in
der Mitte der Mischkn^, und schon steht anderer Wein, der
nimmer droht auszugehen, bereit in Krügen, lieblich und wie
Blumen duftend. In unserer Mitte sendet der Weihrauch
^ Daß solche Kröffnungsstrophen üblich waren, zeigt z. B. Ion,
Fr. 2, Theognis v. 999.
— 127 —
heiligen Duft empor. Da gibt es kaltes, süßes und lauteres
Wasser, blonde Brote liegen zur Hand, und vor uns steht
ein reicher Tisch mit Käse und fettem Honig beladen. Rings
mit Blumen geschmückt erhebt sich in der Mitte der Altar;
das ganze Haus erfüllt Musik und Festesfreude." Aber so
weihevoll sie ist, die Schilderung bereitet doch nur die Ge-
danken, schonungslos gesagt die Schaustellung der eigenen
Weisheit vor, auf die es dem Dichter ankoramt: „Da ge-
ziemt es sich zuerst für rechtgesonnene Männer Gott zu lob-
preisen mit gottesfürchtigem Rühmen und mit reinen
Worten." Hätte der Dichter nur den Rat erteilen wollen,
die SjÄude für die Götter, ohne die ein Symposion für den
Griechen ganz undenkbar war, nur ja nicht etwa zu vergessen,
so hätte er besser getan zu schweigen. Nur auf das Wie, nicht
auf das Was kann sich sein Rat erstrecken. Aber was heißt
„mit gottesfürchtigen Geschichten und reinen Worten",
evq>rifioi4 fiiMoi^ Tcal xadagolai X6yoi4 ? Wer den Dichter kannte,
kannte auch seine Rügelieder auf die Unvemtmft der Sage
und des volkstümlichen Götterglaubens,| wußte, wie er über
all jene Geschithten dachte, die man selbst im Gebet zu
Preis und Ruhm des Gottes herzuzählen pflegte, und ver-
stand worauf die Mahnung zielte. „Habt ihr aber gespendet
und gebetet um die Kraft das Rechte tun zu können
— denn die zu erbitten ist doch wohl das Wichtigere —
dann soll's keine Sünde sein, zu trinken, so viel einer verträgt,
will er noch ohne Dieners Hilfe sich nach Hause finden,
wenn er nicht ganz altersschwach ist." Wiederum müssen
wir den Gedanken erst von seinem Hintergrunde abheben,
um ihn zu verstehen. Freilich wie die übliche Formel eines
Tischgebets zu lauten hatte, weiß ich nicht zu sagen, aber
mag sie nun, was immerhin recht wahrscheinlich ist, in ihrer
Schlußwendung dem Gebete des Ion an Dionysos geglichen
haben: xal rä dlxawL (pQoveiv^, oder mag ihr Text ein anderer
gewesen sein, auf jeden Fall war es nichts Übliches, Ge-
wohntes, was Xenophanes von den Göttern zu erbitten
* Jedenfalls formelhaft: Hipparch, Fr. 1 <neixe öbtaw, <pQov&v.
— 128 —
mahnt: rä dlxaia divaoOai ngijaaeiv. Mit anderen Worten :
wenn der Mensch auch noch so sehr das Gerechte denkt
und will, es zu vollbringen ist doch nicht in seine Macht
gegeben; er bedarf dazu der göttlichen Hilfe. FreiUch wird
sich diese Hilfe nicht durch innere, seelische Erhebung an-
zeigen — das zu erwarten wäre christUch — sondern durch
die Überwindung der vielfältigen Fährlichkeiten des Lebens,
durch den Segen und das Gedeihen, das eines Menschen Tun
begleitet. Immer noch ist es äQetrj im alten Sinne' des
Worts, um was auch Xenophanes die Götter bittet, aber
ägeti] im alten Sinne nun nicht mehr als Selbstzweck,
sondern als Mittel um die ägerij im neuen und sublimeren
Sinne zu erreichen, um zum äyaßÖQ, oder noch ethischer aus-
gedrückt, zum dixato^ zu werden. Was ist dgerij? %alqEiv re
xaXoiai xal ö'ovaaBai war die Antwort, die ein leider durch die
Überlieferung nicht genannter aber sicher sehr berühmter
Dichter desselben Zeitalters, wahrscheinhch Simonides, ge-
geben hatte ^. Die Gesinnung, das xalqeiv xakolai, ist wohl
Vorbedingung, soll das Ideal erreicht werden, doch ohne
den Erfolg, die Macht, die &6va/ju^, die von den Göttern
abhängt, ist das Streben auch des besten Mannes umsonst.
Der Begriff des äyadö^ war zum Problem geworden ; das besagt :
die tonaiigebende Gesellschaft hatte an der Begrenzung,
Nüancierung, Steigerung und fast Entrückung ihres Ideales
mit derselben schöpferischen Energie gearbeitet wie beispiels-
weise das Zeitalter der Renaissance, der Macchiavells und
Castigliones, am Begriffe des Fürsten und des Höflings, die
gesellschaftHche Kultur Frankreichs im siebzehnten Jahr-
hundert am Begriffe der Größe (das Ideal grandeur geschaffen
durch Potenzierung und Sublimierung der Standeseigen-
schaften des grands), das ästhetisch-literarische achtzehnte
Jahrhundert am Begriffe des „Genies" — um gleich durch
Häufung sehr verschiedener Typen zu verhüten, daß man
etwas Fremdes in das Griechentum hineintrage, vor allem
1 Das Fragment in Piatos Meno 77a; Bergk, lyjrrid Graed. Fragm.
adesp. 130.
— 129 —
aber um jede christlich-moralisierende Perspektive auszu-
schließen. Fragen, wie die über die Möglichkeit der ä^TJ,
über die Umstände und Bedii^ungen, unter denen der äv^g
äyaßö^ als Ausnahme und Glücksfall durch der Götter Gunst
zustande kommt, bedurften, um emporzuschießen, eines
langher und soigfältig vorbereiteten kulturellen Bodens; es
sind Standesfragen, freilich „ethische" Probleme, aber
dennoch in ganz anderer Richtung weisend als dorthin, wo
alles sich in Gut und Böse scheidet, ethisch nur für eine
Gesellschaft, die das, was ihr Ansporn ist und was sie bindet,
ihre „Moral" mit allen Pflichten und Rechten, die sie mit sich
bringt, als ihr ausschließliches Privileg betrachtet; womit
nicht geleugnet werden soll, daß dasselbe Ideal sehr wohl
zugleich seine begeistertsten Wortführer und erhabensten
Verklärer und Verherrlicher bei solchen finden konnte, die
nicht selber, wenigstens doch nicht ganz als voll, in jener
Gesellschaft mitzählten, die sich wohl danach dräi^en
mochten, in jener I^uft auch nur zu atmen, bei den Ver-
schönerem des I/cbens, den Dichtem und bildenden Künstlern.
Die wertvollste weil ziemlich einzige umfangreichere
Probe solcher moralistischeu aber durchaus nicht etwa in
unserem Sinne moralischen Betrachttmgen ist das Skolion
des Simonides an Skopas, für uns um so wichtiger, als sein
Grundgedanke nut dem Gedanken des Xenophanischen Ge-
bets, wie wir ihn glaubten verstehen zu müssen, auf das
Genauste übereinstimmt, somit den Beweis erbringt, daß
dieser Gedanke, so überraschend neu und seltsam er auch auf
den ersten Blick erscheinen mochte, doch nur eine der vielerlei
Ideen widerspiegelt, die für jene Zeit der vorsophistischen
Aufklärung kennzeichnend sind: „Schwer ist es, nach dem
Worte des Pittakos, ein wahrer äyaOÖQ zu werden, Tugenden
des Körpers und des Geistes müssen zusammentreffen, die
sich selten genug beieinander finden — und doch sagte ich
noch viel zu wenig, wenn ich mit Pittakos es nur für schwer
hielt, ein iaOXö^ zu werden: nur ein Gott allein könnte
so hohe Ehre gewinnen, aber ein Mensch kann gar nicht
anders als xaxö^ sein, wenn ihn hoffnungsloses Unglück über-
Reinhardt, Pannenides. " 9
— 130 —
wältigt. So schwankt sein Wert mit seinem Schicksal, er-
geht es ihm gut, so ist er.dyaOo^, ergeht es ihm schlecht, so
ist er xaxöc, am höchsten aber steigen immer noch die I^ieb-
linge der Götter. Darum will ich es aufgeben, das Unmögliche
zu verlangen, einen Menschen ohne jeden Tadel, auch nur
einen einzigen unter allen, die wir der weiten Erde Frucht
genießen; jeden will ich gut heißen, der nur mit Willen keine
Schande auf sich lädt, denn gegen die Not vermögen selbst
die Götter nicht zu kämpfen." Damit ist die Standestugend
ein für alle mal über den Stand hinausgehoben in eine Höhe,
die sie dem Menschen unerreichbar macht: der Mensch hat
nicht die Kraft, ein äyadoi^ zu werden, wenn es den Göttern
nicht gefällt, und deren Gunst wird keinem so zuteil, daß er
sich rühmen dürfte, dauernd im Besitze der äget'/j zu sein.
Das I/ob des guten Willens ist, so gern wir darin eine neue,
höhere Forderung erblicken möchten, in des Dichters Augen
doch nur ein Verzicht: der Wille, die Gesinnung reicht
nicht aus, dem Menschen seinen Wert zu geben, aber der
Dichter will trotz allem sich an ihnen genügen lassen^.
Deutlich spiegelt sich in dieser Überlegung das vielfältige
Nebeneinander widerstrebender Begriffe, die sich mit der
1 Das Verständnis des Simonideischen Gedichts verdankt man
Wilamowitz, Sappho und Simonides, S. 159ff. Nur an den Hintersinn
imd die geheime Brechimg des Gedankens, die er annimmt, kann ich
nicht glauben, sondern verstehe das Gedicht, wie ich auch Theognis
V. 384ff. verstehe:
ijLUirig d'oXßov Sxovoiv djiijfjiova • rot d*ä7i6 öedd/p
iQycov laxovrai dvfjLÖv, SjuLcog Ttevlrf»
/ifftdQ* äfirixovlriQ SXaßov, rä ölxfua (pdevvreg,
rj x*dvÖQCüv Tiagäyei dv/uidv ig äfutkaxlrpf,
ßMjvTova* iv ar^Seaai q>Qivag XQoteQfjg vn* dvdyxrjg •
xoX/x^ d* <yöx idiXcüv alaxea noXlä fpiQsiv,
XQriofwovvij ehccov, Ij dij xaxä TtoXka öidäaxei,
y>e-öÖ6d X* iSanäxag x* aöXofjLdvag t' igiöag,
ävöqa xal ovx idiXovta - xaxdv öd ol aödh Soixev •
1} yäg xal xo^en^ xbctei äfjLtjxavlipf,
Audi was Simonides dem Skopas vorträgt, sind Gedanken seiner
„ZeiV\ d. h. es stehen die geistigen Interessen imd Werturteile einer
Gesellschaft hinter ihm.
— 131 —
Zeit in einem und demselben Worte äyaOöc vereinigt hatten.
Um es schematisch auszudrückep, hatte dies Wort schon
damals eine doppelte Verwandlung durchgemacht: es war
zuerst von der Bedeutung eines allgemeinen Wertbegriffs
zum Namen eines Standes avanciert und war dann zweitens,
als der Inbegriff der Standestugenden, zu einem Typus, einer
scharf umrissenen Idealgestalt geworden, ohne doch daß es
seine Vorstufen hätte verleugnen, noch die Variierung und
fortschreitende Moralisierung des allgemeinen Wertbegriffes
hätte verhindern oder aufhalten können. Daraus mußten
sich Konflikte und Probleme mannigfacher Art ergeben;
es m^ nicht zu den Seltenheiten gehört haben, daß ein aner-
kannter äyaOö^, um seine anerkannte ägerij zu retten, sich
zu einer Handlung hingerissen sah, die anerkanntermaßen ein
alaxQov war. Ein Problem aus dieser Sphäre ist es, worüber
Simonides philosophiert. Was uns sein Skolion wichtig macht,
ist, daß er dabei denselben Standpunkt einnimmt, von dem
aus Xenophanes in seiner Elegie das altgeheiligte Gebet zu
reformieren vorschlägt. Für beide ist die Abhängigkeit des
sittlichen Menschen von den Umständen, dem Willen der
Götter, eine Tatsache, die keinem Zweifel unterliegt. Aber
während der eine ein vollständiges Gedicht dazu benötigt hat,
um seine Gedanken darüber klarzulegen, hat der andere seine
yvco/MT), nur dem Wissenden verständlich, in nur einen ein-
zigen Vers hineingeheimnißt : offenbar doch, weil er sich auf
frühere, ausführlichere Auseinandersetzungen beziehen konnte
und beziehen wollte. Welcher Art diese Betrachtungen
waren, bleibt uns unbekannt, nur soviel läßt sich sagen, daß
der Gedanke, am Gebet Kritik zu üben, jedenfalls der
Zeit nicht allzu fem lag. Unter den Theognideen steht der
Spruch (V. 129) :
Mijr^ äqexiiv eüxov^ IIoXvTtatdrjy i^oxoC elvai
/btrjr' ä<pevo^' /btovvov d' ävdgl ydvoiro x'öxfj^
1 Der Sinn ist: Wenn mir nur die x'öx^ zu teü wird, für ägeiij und
dXßog will ich dann schon selber sorgen. Was diesem Gedanken mit
dem Xenophanischen Gebet wie mit dem Skolion des Simonides
gemeinsam ist, das ist die Abgrenzung der göttlichen Einflußsphäre
— 132 —
Es läßt sich nicht bezweifeln, daß der Dichter dieses
Distichons sich gegen die bekannte Formel wendet: didov
d' ägev^v re xal SXßov (Homer. Hymn. 15. 20 am Ende). Alles
in allem werden wir daher den Xenophanischen Vers, der
über das Beten handelt, wohl nicht anders aufzufassen haben
als den unmittelbar vorangegangenen: evq)'^fwi^ /i'ödoi^ xal
xaOoQolai Xöyoi^: d. h. als leicht verhüllte Andeutung und Probe
derselben aotpia, deren der Dichter sich auch öffentlich und
unverblümt gerühmt hat (vgl. Fr. 2). — Vers 19 ff.: „Loben
aber soll man den, der beim Trünke ernste und edle Proben
ablegt, wie es ihm voit seiner fivrjfwavvri und mit seinem rövo^^
seinem Liederschätze wie mit seiner „Weise", einzig um die
ägerrj zu tun ist, nicht die Kämpfe der Titanen und der
Giganten zu besingen noch der Kentauren — Märchen der
Vorzeit — noch die ungestümen Zwiste — Gegenstände, bei
denen weder Nutz noch Frommen ist, sondern die Götter allzeit
in gutem Gedenken zu behalten."^ Was bisher noch einiger-
maßen tmbestimmt gelassen und hinter Andeutungen zurück-
gehalten war, drängt jetzt zu voller DeutHchkeit hervor,
und was heraustritt, was zum Vorschein kommt — ist der
Rhapsode. Daß die hohen Herren selber sich zum Zeit-
vertreib Gigantomachien und Titanomachien vorgetragen
gegenüber der menschlichen: die Götter wirken nur von außen,
durch die Tt5/iy, an das Innere dringen sie nicht heran, das büdet
einen besonderen, imabhängigen Paktor in der Rechnung dieses
I^bens, einen Paktor allerdings, der, tun in Wirksamkeit zu treten,
unbedingt der äußeren Gunst bedarf, als einer Vorbedingung, ohne
die das rilog ebenso unerreichbar ist wie ohne die inneren Quali-
täten durch die bloße n^XH- lu der Theognissammlung kehrt dieser
Gedanke häufig wieder imd auch Ion steht in seinem Banne, wenn
er in seinem xQiay/jtög den Satz aufstellt (Fr. B 1, Diels) : ivdg ixdcrtov
dger^ rgtäg * awiaig xal XQdvog xal tf^x^»
^ Ich fasse die Infinitive öiinw» und ixeiv als epexegetische oder
als Infinitive im finalen Sinn; sie geben den Inhalt imd die Richtung
der /ivfjfwaihfrj und des rdiioc an. Beispiele siehe bei Bruhn, Anhang
zu Sophokles § 126 f., Stahl, Syntax des griech. Verbums S. 601.
Am Schluß ist dyadi^ überliefert, dyaBöv erst von Hermann herge-
stellt, doch ohne daß ein guter Gedanke noch ein guter Satz zu-
stande käme.
— 188 —
hätten, dieser Gedanke lohnt im Ernste doch wohl nicht
die Widerlegung, vielmehr kann der Hieb, den die letzten
Verse erteilen, nur einem Konkurrenten vom Metier ge-
golten haben. „I/iterarische" Polemik innerhalb der Gelage-
poesie war ja nichts Neues mehr; bei Athenaeus stehen mit
demselben Xenophanischen Gedicht zusammen überliefert
ein paar Verse des Anakreon, die schon genau dasselbe bieten
(Fr. 94 B*) :
ov ipdioD S^ xgtjTfjgi TtaQO, TtXdo) olvonordCcov
velxea xai nöXe/Jov daxQvöevra i^yfj,
äXk' Smi^ Movoioiv re xal äyXaa d&q ^AcpQodlxric
avfjLfjilaymv ioaxf]^ fJLvrjaexai ev(pQooivr]^.
Wie Anakreon für seine eigene Movaa TzcuötHrj den Vorrang
vor dem Kriegslied fordert, so empfiehlt, nur in etwas ge-
wundeneren Ausdrücken, in Wahrheit auch Xenophanes nur
seine eigene Poesie. Oder sollen wir glauben, daß er allen
Ernstes die Zechgesellschaft, die ihn geladen hatte, hätte auf-
fordern dürfen, ihm zu I/iebe auf die altgewohnten Unter-
haltungen zu verzichten, um von nun an nur noch Xenopha-
nische Gespräche, Lieder und Epen unter sich zu dulden?
Er gibt vielmehr ganz einfach eine Probe seiner Kunst, die
ihm in eins zusammenfällt mit seiner „trefflichen" aocpia.
Was Anakreon durch ov (piXiw ausdrückt, das und nichts
anderes bedeutet bei Xenophanes der Vers: ävdqayv d' alvelv
rovror, 8^ iadlä nvüyv ävaqxuvjj, denn jeder mußte spüren, daß zu
denen, die so edle Proben einer ernsten Muse an den Tag
legen, zu allererst der Dichter selber zu gehören beanspruche.
Von hier aus läßt sich erst der folgende Vers verstehen : diese
fivr]fio(r6vi] ist nichts anderes als das Repertoire des fahrenden
Sängers, ist dieselbe Mvrjfjtvo'övri, die personifiziert zur Mutter
der Musen geworden ist; und unter rövo^ ist der musikalische
Teil des Vortrags zu verstehen, gemäß den Wendimgen iv
tQi/i>hQco rövo), iv i^afihga) rönp (Herodot I 47. 174. V 60)
oder auch (worauf Diels hinweist) gemäß dem Pseudo-
Hippokrates de victu 1 8: ijv di /jl^ v6xn rf}^ ägfwvla^ . . jtä^
6 rövo^ fjLÖxavo^, Das Gedicht an sich ist weder neu noch
eigenartig, was es einzig in seiner. Art macht, ist allein der
— 134 —
Anspruch des Rhapsoden auf eine aocpia, die das gerade
Gegenteil von dem war, was man seinem Stande nach von
ihm erwartet hätte.
Daß wir in der Tat dem Dichter ganz und gar kein Un-
recht tun, bei seiner Interpretation auch seine äußeren Um-
stände, Beruf und Rang nicht zu vergessen, diese Gewißheit
nehmen wir vor allem aus der zweiten Elegie, die hinsicht-
lich der Deutlichkeit nichts mehr zu wünschen übrig läßt.
Zeigte ihn uns die erste in Konkurrenz mit seinesgleichen, so
erblicken wir ihn in der zweiten, wie er, auf weit höherer
Warte stehend, die Berühmtheiten des Tages, die Athleten
in die Schranken fordert:
ravrd xe ndvxa Xdxoi
ovx €(bv ä^iog äansQ eyd)' gcb/birj^ yäg äfjLslviov
ävÖQcbv rjS' IjtJtcov i^jLtsriQTj aocpcrj.
dXX' eixfj jbidXa xovxo vo/btlC^aiy ovde dlxaiov
nqoxqlveiv gcb/bLTjv rfj^ äyaO^^ axxpiri^.
Man wird sich, zumal wenn man das Ganze liest, des
Eindrucks kaum erwehren können, daß der Dichter selber
sich in Szene setze. Daß ein guter Staatsmann oder Denker
über einen Athleten gehe, war gewiß für die wahrhaft
führenden, vornehmen Geister jener Zeit nichts Neues mehr,
aber um ihrer eigenen Weisheit willen auch die gleichen
Ehrungen und Sportein wie für die Athleten für sich selber
zu verlangen, wäre ihnen schwerlich in den Sinn gekommen,
denn sich um den Vorrang streiten heißt nicht sich erheben,
sondern sich gleichstellen und unterordnen. In dem An-
spruch des Xenophanes verrät sich der Rhapsode von Beruf,
der aufzutreten, sich bekannt zu machen und nicht anders
als der Ringer und Faustkämpfer von Fest zu Fest, von
Agon zu Agon zu ziehen gewohnt war, und es nicht ver-
winden konnte, bei all seiner Weisheit doch an Rang und
Schätzung so tief unter den gefeierten Athleten stehen zu
müssen. Ja diese Elegie ist selber solch ein Auftreten mxd sich
Verkünden, schwerlich mehr ein I^ied für ein Symposion,
noch viel weniger das heimliche Bekenntnis einer über-
vollen Seele, sondern ein öffentlicher Vortrag, Vorgänger der
— 185 —
späteren Sophistenschaustellungen, wer weiß« am Ende gar
an einem derselben Ägone gehalten, die dem Sänger wie dem
Athleten seine Triumphe brachten?
Die Behauptung der eigenen Würde und damit verbunden
die abschätzigen Seitenblicke auf die Ehre der andern müssen
in der Tat recht wesentliche Züge dieser heftigen Persönlichkeit
gewesen sein. Es kann kaum Zufall sein, daß auch in Frag-
ment 6, einem gereizten Ausfall gegen einen Zunftgenossen,
wiederum Ruhm, I/>hn und Ehre ihre Rolle spielen (nachDiels) :
,,Du sandtest die Keule eines Böckchens und erhieltest dafür
den fetten Schenkel eines Mastochsen, wie sich das als Preis für
einen Mann gebührt, dessen Ruhm über ganz Hellas reichen
und nimmer verklingen wird, solange nur das Geschlecht der
hellenischen Lieder am lieben bleibt." Und zu diesem Tone
stimmt es wiederum, wie er in Fr. 8, kraft seines allerdings
unglaubHchen Alters, als der Nestor von ganz Hellas auftritt,
wie er den Beruf des Mahners in sich fühlt, weil er die alte
ionische Üppigkeit, die zum abschreckenden Exempel ge-
worden war^, noch selbst mit eigenen Augen gesehen und ihre
Folgen erlebt hat (Fr. 3). Ein naiver Altersstolz, zugleich
auch wieder das Vordrängen der eigenen Person, spricht
auch aus Fr. 22: „Solch Gespräch ziemt sich beim Feuer
zur Winterszeit, wenn man auf weichem Lager daliegt, wohl-
gesättigt, süßen Wein trinkt und Kichern dazu knuspert:
Wer und woher bist du der Männer ? Wieviel Jahre zählst
du, Bester? Wie alt warst du, als der Meder kam?" Auch
dieses Bruchstück ist, obwohl den Sillen zugehörig, doch
wieder nur eine Selbstvorstellung wie die erste Elegie, wie
diese beim Gelage vorgetragen, nur daß diesmal an die
Stelle des Gesangs zur Flötenbegleitung bloße .Rezitation
getreten ist. Übereinstimmend beginnen beide Stücke mit
derselben, offenbar konventionellen Ausmalung der Situation,
der köstlichen Behaglichkeit, welche die Zecher umfängt,
beide Male ergibt sich, scheinbar aus der Situation, eine Auf-
^ Theognis v. 603; 1103: T^^^ xal Mdyprjragdjtio^ae xal KoXty
— 136 —
f orderung an die Versammelten, die Eingangsworte der Parodie
Tzäg Ttvgl XQ^ roimka Xiyeiv entsprechen der Mahnung in
der Elegie: XQ^ ^^ nqunov fjiev dedv vfiveiv, beide Male be-
deutet das nicht mehr als eine Form^: so wenig Xenophanes
erwarten durfte, seine theologischen Reformpläne bei einem
Symposion durchgeführt zu sehen, so wenig konnte und wollte
er nach seinem Alter so befrs^ werden, wie das Gedicht es
schildert. Die Wahrheit war, daß er von seinen Erfahrungen
zu reden wünschte; dazu führt er ein Gespräch ein, und mit
der homerischen Wendung r(^ nöOev el^ ävdq&v bringt er
sich selber in die I^age, wie ein homerischer Held von seiner
Vergangenheit erzählen zu müssen. Die Verknüpfung des
Lehrhaften mit der Situation ist beide Male nur zum Schein,
in Wahrheit war das Lehrhafte das Frühere, an sich Gegebene,
das es galt als neuen Stoff des Vortrs^s für den Gebrauch
in der Gelg^epoesie zurechtzumachen.
Man wird gut tun, will man für die Beurteilui^ sowohl der
Persönlichkeit wie ihrer Kunst den rechten Standpunkt
finden, sich des klassischen Rhapsoden-Typus zu erinnern,
der sich im Platonischen Ion darstellt. Denn wenn es sicher-
lich auch verkehrt wäre, die Zustände einer um so viel späteren
Zeit ganz ohne Abstrich auf die ältere zu übertragen, so er-
öffnet doch der Platonische Ion wenigstens die Möglich-
keit, den seltsamen Sophist-Rhapsoden in ein helleres,
schärferes, auch kälteres Licht zu rücken als den weichen,
idealischen, verschwommenen Glanz, womit die Philosophie-
geschichte ihn umhüllt hat. Auch Ion, der Rhapsode
und vnoxQixifi^y hat neben seinem Künstlerehrgeiz noch ein
anderes, höheres Streben, er will nicht nur darstellen
und mimen^ sondern auch die Weisheit seines Dichters
zu Gehör bringen; er rhapsodiert nicht nur, er hält auch
für ein Publikum, das nach mehr Witz und Salz und Neuigkeit
^ Daß solche Aufforderungen zum allgemeinen Pormbestande des
Tischlieds gehörten, das zu zeigen mag hier nur eiu Beispiel stehen für
viele, Phokylides Fr. 9:
Xgii ftiv av/ÄJtoaiq^ hvUkküv TteQiviaao/Aevdcov
ifiia HcmiXkuvra xaMiiJLepw otvoTtatdietv,
— 187 —
verlangt, ganz nach der Art der fahrenden Sophisten Vorträge
erbatilichen und allegorischen Inhalts, freilich diese auch nur
wieder zur ^klärus^ seines Dichters (S. 530 C) : xal olfioi
xaXkuna dvOQd>7W}v Xiyeiv negl 'OfiiJQOv, &^ oihe MtjTQÖdcDQog
6 Aafitpaxfivdg oOte Zxrjalfxßqoxo^ 6 Odovo^ oike rXavxcDv oike
ä}lo^ ovdel^ x(üv 7id>7ioxB yevojiidvcov iaxei> elTcelv oiko) TzoXXä^
xal xaldg duxvola^ negl ^O/iiJQov 8oa^ iy<b. Aber er berührt
sich doch darin ersichtlich mit den Ambitionen eines
Hippias, nur daß dessen Repertoire weit reicher und um-
fassender ist und außer den Homervorträgen Prosareden
aller Art imd über alle möglichen Künste und Wissen-
schaften umfaßt, dazu an Poesie Tragödien, Epen und
Dithyramben. Und wie das Handwerk des Rhapsoden
wesentlich durch die Bedürfnisse der Feste gehalten und
gestützt wird, so steht die gesamte Tätigkeit des Hippias,
wie sie Plato schildert, in so naher, unverkennbarer Bezie-
hung zu den Feiern in Olympia, daß der- Schluß fast unab-
weisbar ist, auch Hippias sei von Haus aus nicht wie Gorgias
Lehrer der Beredsamkeit noch Jugenderzieher gewesen,
sondern Festredner imd Vortragskünstler. Zwischen dem
Novellenerzähler, dem Rhapsoden und Sophisten dieses
Schlages gibt es Unterschiede nur des Grades, nicht der
Gattung.
Freilich ist mit dieser Erkenntnis, was Xenophanes be-
trifft, noch nicht viel gewonnen, solange es nicht gelingt,
die fünfzig, sechzig Jahre Zwischenzeit, die ihn von der
Sophistik trennen, zu überbrücken. Und es reden in der
Tat noch Überlieferungen sehr viel älterer Zeit zu uns: die
Anekdote und die Komödie Epicharms. Ms^ es immerhin
nicht viel Wert haben, was man sich von der Armut des
Xenophanes erzählte, die so groß gewesen sei, daß seine Söhne
ihn mit eigenen Händen hätten begraben müssen, so erweckt
doch folgende bei Plutarch überlieferte Geschichte einen
sehr viel vorteilhafteren Eindruck (reg. apophth. S. 175 C) :
ngog di Sevo(pdvr]v xov KoXotpwvvov elnövxa fiöXi^ olxha^ &6o
xgiipeiv'^dXX' "OfxriQo^ elTtev (Hiero), *5v ai> dtaavgsi^, JtXeiova^ ij
fAvqlov^ xqicpei x^vrjxw^.^ Xenophanes stellt seinem hohen
— 138 —
Gönner vor, daß seine Gage zu gering sei, da sie ihm kaum
zwei Sklaven zu halten erlaube ; Hiero antwortet : „Und dabei
spottest du über Homer, der doch nach seinem Tode noch un-
zählige ernährt?*' NämUch das ganze Rhapsodenvolk mit
allem, was darum und daran hängt. Die Anekdote ist für
Xenophanes durchaus nicht schmeichelhaft, und eben darum
hat sie ihren Weit. Und zu der Anekdote stimmt durchaus,
was sich aus Epicharms Philosophenkomödie über Rang und
Stand der Xenophaneer erraten läßt (Diels Fr. 2): 6 yäg
Xaßcbv ndXai xo xq^oq vvv ovx 6<pelXec ysyovox, hegoQ' 6 di
xXrjdel^ enl delnvov ä^ße^ äxXrjro^ rjxei nj/jisgov ' äXXoQ ydg icni,
— xal ixcofjupörjaev avro im rov ojtaaovfjiivov avfißoXä^ xal
äqvovfiivov rov avrov elvai dia ro rä /üisv JtQoayeyevfjaOaiy rä de
äjteXTjXvOivai, enel de 6 äjtaacov ervTtxriaev avrov xal evexaXelrOy
ndkiv xaxeivov cpdaxovro^ hegov fiev elvai rov rervTrvrjxöra, iregov
de rov eyxaXov/bievov, Hier ist der Philosoph nur allzu deutlich als
der tiefer Stehende,,sozial Verschiedene, mit seinem Erwerb auf
Gönner Angewiesene charakterisiert, als einer, dessen Kunst
nach Brot geht. In seinerVerlegenheit, da er die aufgenommene
Schuld dem Gläubiger nicht zurückerstatten kaim, verfällt
er auf den verzweifelten Ausweg, seine Kunst und Weisheit
auch für dies Geschäft nutzbar zu machen; er erklärt dem
andern, daß er die Schuld nicht zu bezahlen brauche, weil er
bei dem ewigen Wechsel alles Irdischen inzwischen längst ein
anderer geworden sei. Zu unserer Überraschung geht der
Gönner darauf ein, er scheint aufs tiefste überzeugt von der
erhabenen Weisheit, aber nun erst ergeht es dem armen
Teufel schlimm: der Gläubiger hatte ihn zum Abendessen
eingeladen — für den Philosophen offenbar, bei seinen
mageren Umständen, keine geringe Sache — aber da er jetzt
nicht mehr derselbe ist wie ehedem, muß er mit Schimpf
tmd Schande, als ein „Ungeladener" abziehen, ja selbst
Schläge bleiben ihm nicht erspart, und als er sich beschweren
will, muß er zu seiner Betrübnis erfahren, daß sein Beleidiger
in dem Augenblick, da er sich über ihn beschwert, ein anderer
ist, als der ihn schlug. Hat man erkannt (was zu beweisen
hier nicht der Ort ist) bis zu welchem Grade die Komödie
— 139 —
Epicharms sich nach dem Gcschmacke, den Formen und
Wertschätzungen einer vornehmen Gesellschaft richtet, welche
Klasse, um nur ein Beispiel herauszugreifen, an dem so teil-
nahmvoll geschilderten armen Parasiten, der zum Schaden
noch den Spott zu tragen hat, ihren besonderen Gefallen
finden mußte, so kann man sich, was den Charakter des ge-
prellten Philosophen anbetrifft, nicht länger mehr der Täu-
schung hingeben^. Es ist zwar der Komödie unbenommen,
alles, wie es ihr gefällt, ins Maßlose zu übertreiben, aber sie
bedarf dazu des Anhaltes, sie kann, bei aller Freiheit, des
Verständnisses und Einverständnisses bei ihrem Publikum
nicht entraten. Hätte Epicharm die großen, vornehmen
Gestalten eines Heraküt oder Parmenides auf seiner Bühne
karikieren wollen, Männer königlichen Geblüts oder berufen
ihrer Vaterstadt Verfassung und Gesetz zu geben, so hätte
er sich nach sehr anderen Zügen und Erfindungen umsehen
müssen — wenn man ihm das Handwerk nicht gelegt hätte.
Man wende nicht dagegen ein, dem philosophisch ange-
hauchten Dichter sei es nur um das Gedankliche zu tun ge-
wesen: Epicharms Komödie ist so gut wie jede wahrhafte
Komödie noch viel mehr auf die Charakterschilderung ge-
stellt als auf die Handlung; ja es gibt Anzeichen genug, daß
häufig nur die Handlung der Charakterschilderung zum Vor-
wand diente; eine Person der Bühne aber, die ihre Schulden
nicht bezahlen kann, die bei der Gasterei leer ausgeht, die
geohrfeigt wird, ist sattsam schon durch diese Geschehnisse
gekennzeichnet. So stellt sich uns Xenophanes auch in der
Karikatur als Novum dar, als homo novus in der vornehmen
Gesellschaft älterer Philosophen. Und dies ist das Neue an
ihm: er hat ein Publikum, für das er philosophiert, und für
dies Publikum zu philosophieren ist im eigentHchsten Sinne
sein Beruf.
Die aocpia, auf die seit Alters jeder Movacov Oeqdmüv und
^ Zu Grunde liegt das Schwankmotiv des durch die eigene Kunst
geprellten Lehrers wie in der Geschichte von Korax und Tisias und
doch wohl auch in Aristophanes Wolken.
— 140 —
so auch der Rhapsode seinen Anspruch hatte ^, hat sich bei
Xenophanes mit einem neuen Inhalte erfüllt, und dieser
Inhalt überrascht durch seine Mannigfaltigkeit : Politik, Ethik,
Theologie, Naturphilosophie, beinahe alle Fächer, die ein
halbes Jahrhundert später die Sophistik umfaßt, finden
sich in ihr vorgebildet. Trotzdem ist diese aoq)la nach wie
vor nur das Rhapsodentum des Dichters, sie geht auf in
seiner Kunst, sie ruht nicht auf dem Grunde eines tiefen
Geistes als verborgener Schatz, der nur im Widerschiminer
der Dichtung sich erbHcken und erraten ließe, nicht der
Philosoph greift, um zu philosophieren, zum Rhapsoden-
handwerk, sondern der Rhapsode greift, um auf eine gana^
neue Art zu rhapsodieren, zur Philosophie. Das Vortragen
und Schauspielern schafft kein Genügen mehr, der Künstler
strebt nach Höherem, er stellt sich in den Dienst der zeit-
bewegenden Ideen, er wird zum Prediger der Nützlichkeit
und der Vernunft. Durch seine nützliche und tüchtige
Weisheit, deren Erfolg die evvo/jUa ist, erhebt er sich hoch
über die gefeierten Athleten, die der Stadt nichts einbringen,
und höher noch über die Zunftgenossen, deren Kunst durch
ihre sagenhaften Stoffe nicht nur unnütz, sondern auch der
evvo/btia schädlich ist. Es ist kein innerHches, gemütstiefes
Erlebnis, wie bei Aischylos, kein Ringen um eine sittliche
•Weltanschauung, was ihn zur Kritik der M3rthologie geführt
hat — über solche Skrupel war der jonische Vortrg^skünstler,
dem die Sage nur noch Stoff war, längst hinaus — auch ist
es nicht eigentlich die sittliche Entrüstung, sondern das
Emporstreben des Intellekts, die Einsicht in die Unwahrheit
und Schädlichkeit der Göttersage, die sehr einfache Rechnung :
Sage ist überwundener Standpunkt, nXda/jiaza xmv ngorigcovy
xol^ oidev xqrjcxov Iveari, sie ist widersinnig, aller Vemtmft
hohnsprechend, um nichts besser als die Phantasien eines
Ochsen oder Esels, darum fort rait ihr. Und was für die
^ Theognis v. 769: X^ij Movaicov OeQänovza xai äyyelov, et xi
nsQiaadv döeiri, aoq>ltjg fjt/ii (pBweqdv xeXiOeiv, — Selon etq iavxöv v. 51
"AHog 'OXv/iTuddcoP Movaiwv ndga öm^a dtöaxOeig IjiAeQx^g ooipCrig
fiitQcv imard/jiepog.
— 141 —
Sage gilt, gilt für die Religion des Volks und was damit zu-
sanunenhängt : philosophorum vero exquisita quaedam argu-
menta cur esset vera divinatio collecta sunt, e quibus, ut de
antiquissimis loquar, Colophonius Xenophanes, unus qui deos
esse diceret, divinationem funditus sustulit (Cic. de divin. I 3).
Ks muß wie über die Göttersagen so auch über die Mantik und
das Orakelwesen einen besonderen Sillos des Xenophanes
gegeben haben, und wie als Vertreter der Sagendichtung
Hesiod und Homer, so hat als mythischer Theosoph und
Seher Epimenides den Spott des Aufklärers erfahren müssen
(Fr. 20). Daß Pythagoras mit seiner mjrstischen Seelenlehre
gleichfalls der Kritik nicht standhielt (Fr. 7) , kann nicht über-
raschen, wo nichts Anerkennung fand, was der Vernunft,
dem Augenschein und der Hrfahruii^ widersprach: „Und
als einmal ein Hund gestoßen wurde, da er vorüberging, soll
er in Mitleid ausgebrochen sein und dies Wort gesprochen
haben: Hör auf mit deinem Schlagen, denn es ist die Seele
eines gar lieben Freundes, an ihrer Stim^ae habe ich sie er-
kannt." Das Hundegeheul als traute Freundesstimme, das
tiefinnerUche Mitleid und die ganze, so sparsam und doch
so sicher karikierte Erhabenheit des großen Wundermannes
ist unübertrefflich. — So wenig die religiöse Inspiration, so
wenig konnte vollends die Autorität der Vorfahren und jed-
weder Überlieferung auf Schonung rechnen bei diesem Radika-
lismus, der kein Hehl mehr daraus machte, daß die Menschen
nicht durch göttUche Uroffenbarung, sondern erst im Laufe
der Zeit durch eigenes Suchen all ihre Einsichten und Güter
sich errungen hätten und noch weiter sich erringen müßten
(Fr. 18):
oÜToi an' oQxn^ ndvra Oeol Ovrfcola* ijUdeiScLv,
äkXä XQ^"^ ^Tjftovvxe^ iq)evQ(aHOvaiv äfieivov.
Die Frische und der Geist der Freiheit, der durch solche
Äußerungen weht, darf uns jedoch nicht davon abhalten, die
Frage aufzuwerfen, welchen schöpferischen Anteil Xeno-
phanes an den Ideen haben konnte, die er predigte. Im all-
gemeinen treibt man Propaganda nur, wo man kein Schaffen-
der mehr ist. Und vieles spricht in der Tat dafür, daß in den
— 142 —
Versen des Xenophanes nur die Debatten wiederklingen, die
in den aufgeklärten Kreisen allgemein damals geführt wur-
den, von denen nur keine andere Kunde mehr an unser Ohr
dringt. Dahin rechne ich die Ähnlichkeit der ethischen Pro-
bleme bei Simonides und Theognis, dahin vor allem die Darius-
anekdote bei Herodot III 38 : wie überaus dürftig ist es doch
um unser Wissen bestellt, wenn eine einzige, zufällig er-
haltene Anekdote uns darüber Aufschluß geben muß, daß
tatsächlich schon zu Darius oder Xerxes Zeit eine verglei-
chende Betrachtung der verschiedenen Sitten und Rechte
als ein Mittel im Dienste der Aufklärung und Emanzipation
verbreitet war! Aus einer späteren 2^it tritt dann das
Zeugnis des Empedokles hinzu (Aristot. rhet. 1373b 6):
rovTO yäg ov xial jülsv dlxaiov rial ö* ov dixaiov ^dllä ro jbiev
ndvrcov vöfiijbiov did t' evQVfxSdovxoc; aldSgo^ i^vexicog
xixaxai did x' dnlixov avyf}C< Noch später, um 400, hat der
sophistische Verfasser der Dialexeis eine ganze Sammlung
widersprechender Sitten seinen Exerzitien einverleibt (Diels
Vors. Nr. 83, 2). Wir würden das, schlecht und recht, wie so
vieles andere, für „Sophistik" halten, wenn sich hier nicht das-
selbe Beispiel wiederfände, das auch in die Dariusanekdote ein-
gedrungen ist — denn wenn dort Inder, hier Massageten als das
Volk genannt sind, das seine Vorfahren verspeisen soll, so macht
das keinen Unterschied — so aber verbürgt die Überein-
stimmung das hohe Alter des gelehrten Materials, das dem
Verfasser zur Verfügung stand. So viel, nicht miehr ist uns
gebUeben von Belegen einer Geistesrichtung, deren Wirkung
gar nicht abzuschätzen ist. Doch geht das Eine wenigstens
mit Sicherheit aus diesem Wenigen hervor, daß die Methode,
die Xenophanes anwendet, um die anthropomorphen Götter-
vorstellungen zu widerlegen, keinesfalls als seine Erfindung
gelten darf. Und wenn er Äthiopen und Thraker, die für den
Griechen typischen Süd- und Nordländer, einander gegenüber-
stellt und schildert, wie die einen sich die Götter schwarz
und stumpfnasig, die anderen blauäugig und rothaarig
dächten, so erscheint in dieser geographischen Entgegen-
setzung schon das ethnographische Schema vorgebildet, das
— 143 —
wir später in der hippokratischen Schrift negl äSgcov vddtcov
xÖTuov und in den dorischen dicdd^ei^ wiederfinden. Von
der Methode aber läßt sich die Tendenz nicht trennen, der sie
dient: die I^osung äXXä fjuaX elxfj xovxo vofjilCeTai hat schwer-
Hch erst auf den Rhapsoden warten müssen, um sich über
die gärende Gesellschaft loniens zu verbreiten. Selbst der
Xenophanische Theismus, sofern er wirklich nur Theismus
ist und nicht noch etwas ganz anderes, ist etwas viel zu
Allgemeines, durch die religiöse Entwicklung von selbst Ge-
gebenes, als daß er die Schöpfung eines einzelnen und noch
gar eines fahrenden Dichters hätte sein können, zumal in
einer Zeit, in der die großen Denker längst schon über allen
Volksglauben hinweg waren, als dessen letzter, feinster, un-
möglicher Überrest der Theismus in der Geschichte auf-
zutreten pflegt. Auch hierzu Hefert uns Empedokles ein
Beispiel (Fr. 133, 134) :
o'öx Sativ TteMaaaOai iv otpBaXfxoXaiv i(pixT6v
rifieziQoi;^ ij x^Q^^ Xaßeiv, fpiiq re jbieyiatrj
Tteißovc; ävOgcoTtouJiv ä/bui^ad^ el^ (pgdva niTvtei . . .
ovde yäg ävdQOjudrj xetpakfj xaxä yvia xSxacnaiy
ov jjLev anal vcoroio &6o xMöoi ätaoovxai,
ov Ttöde^, ov Ooä yovv(a), ov fjbYjdea XaxvijevTa,
äkXä (pQ^iv IsQTj xal äOia(paToc; enXexo /btovvov,
(pQovxlm xoüjbtov oTtavta xaxataaovoa Oofjaiv,
Hier ist nichts, was nicht auch Xenophanisch sein könnte,
weder in der Bestreitung, daß sich Gott mit menschHchen
Sinnen erfassen lasse, daß er KörperHchkeit oder gar mensch-
liche Gestalt besitze, noch in der Behauptung, daß er Geist
sei und durch den Gedanken allein das All regiere — und doch
würde es von mangelnder Einsicht in die Entwicklung rehgiö-
ser Vorstellungen zeugen, wollte jemand hier die Quellen-
frage stellen. Dazu kommt, daß gerade das hier fehlt, .was
bei Xenophanes als wirklich Eigenartiges hinzutritt: die
besondere spekulative Beimischung, die diesen Gott zum
Rätsel macht. Was bei Empedokles erscheint, ist erst die
Vorstufe der Xenophanischen Theologie, es läßt erraten, wie
der Xenophanische Gott aussah, bevor er die Verbindung
— 144 —
m
mit dem unbekannten oder vielmehr uns nur allzu bekannten
Wesen einging, das ihm seine mysteriösen Prädikate ein-
brachte. Kaum etwas anderes zeigt so deutlich, welche
Gewalt damit dem.Gotte geschah, als der Empedokleische
Vers (pQovtlai 9c6a/iov Sbzqvra xaxataaovaa Oo^aiv verglichen mit
dem Xenophanischen alel 6' iv Tavra> fu/jtvei xivo'6/jsvoc ovdh.
Xenophanes muß erst denselben transzendenten Gott geglaubt
haben, den auch Empedokles verkündet, ehe er auf den Ge-
danken kommen konnte, das transzendente Sv mit diesem
Gotte zu verquicken. • Es ist möglich, daß zur Zeit, da er die
Sillen schrieb, die „eleatische" Spekulation noch nicht auf ihn
gewirkt hatte; doch ist das freilich auch nur eine Möglich-
keit, nicht mehr, denn die Fragmente sind zu spärlich,
ihre Verteilung obendrein zu unsicher, als daß wir hoffen
dürften, den Spuren einer Entwicklung zu begegnen.
Bei aller Verschiedenheit in der Behandlung, aller Man-
nigfaltigkeit der Gegenstände und der Anlässe bekundet sich
doch in den Xenophanischen Fragmenten mit bemerkens-
werter Konsequenz ein und dieselbe Richtung des Geschmacks,
ein und derselbe Grundhang im Erkennen wie im Schildern :
die sehr starke Vorliebe für Realität in jederlei Betracht:
Erfahrung, Augenschein, Detail, Vemünftigkeit, Zweck-
mäßigkeit, — es geht nicht an, hier zwischen dem Dichter
und dem Denker einen Unterschied zu machen. Wie der
Dichter, auch hierin ein ächter lonier, gleich Hipponax und
Archilochos, die Wirklichkeit, ja selbst Alltäglichkeit mit
allen ihren Umständen, sofern sie zum Behagen oder Unbe-
hagen beiträgt, mit in seine Kunst hineinbezieht, wie er zum
Beispiel die Behaglichkeiten beim Symposion nach der
Reihe abschildert und selbst die Knusperei der Kichererbsen
zu notieren nicht verabsäumt, oder wie er die altionische
rQvq)TJ in ihren charakteristischen Erscheinungsformen, Hal-
tung, Klleidimg, Haartracht und Parfüm mit ein paar Strichen
hinzuzeichnen weiß, wie er auf seine Höhe kommt, wo er
Geschichten vorbringt wie die von Pythagoras und dem ge-
schlagenen Hund, dagegen merkUch abflaut, wo er groß,
erhaben und bedeutend wirken will wie in dem Gedichte
— 145 —
über die Athleten — so erscheint uns auch der Denker überall
dort am glücklichsten, wo seine Gedanken, einerlei 6b eigen
oder fremd, am kräftigsten in das reale Leben eingreifen, wo
er Kritik, Polemik üben, spotten oder agitieren kann, wo-
gegen sich bald empfindliche Mängel einstellen, sobald er
darauf ausgeht, selbst aus sich heraus zu spekulieren und auf
eigene Faust sich ein System ziurechtzuÄimmem. Seine
Richttmg auf das Augenscheinliche, Sinnfällige, von selbst
sich Bietende, die ebenso leichte, leicht mit sich befriedigte
wie aggressive, muntere Art zu denken und Kritik zu üben,
wird ihm hier verhängnisvoU. Seine Physik, ein Empirismus
allergröbster Sorte, müßte, verglichen mit der Welterklärung
Anaximanders, für einen schon kaum mehr faßbaren Rück-
schritt gelten, wenn nicht beiden damit Unrecht geschähe,
daß man sie vergliche. In der Welterklärung kommt Xeno-
phanes zum Vorschein als der philosophierende Dilettant^
sich überall an das Nächsterbeste, Gröbste haltend, nirgends
fähig, ein Problem in seine Tiefe zu verfolgen.
Zu Grundstoffen wählt er Wasser und Erde — warum
doch? Weil an ihnen die allmähliche Verä^nderung im Ver-
hältnis zweier Weltkörper dem Auge unmittelbar sichtbar
wird. Wie Wasser sich in Erde und Gestein verwandelt,
zeigen die Tropfsteinhöhlen; das stetige Wachstum festen
I^andes lassen- die Flüsse erkennen, die ihre Mündungen
immer weiter ins Meer hinausschieben; die Versteinerungen
von Muscheln, die im Binnenland auf Bergen vorkommen,
die Abdrücke von Fischen und Robben^, die man im Gestein
bei Syrakus, auf Malta und Paros entdeckt hat, müssen aus
einer 2Jeit stammen, wo alles Land in Meer und Schlamm ver-
sunken war; und wie seitdem allmählich sich die Erde aus
^ Gomperz Gr. D. I S. 437 vermutet für qxoK&v q>vx6)v, weü Ab-
drücke von Robben, nach der Mitteüung eines Kollegen vom Fach,
bei Syrakus nicht vorkämen; aber Sonnenfinsternisse von der Dauer
eines Monats kommen auch in Wirklichkeit nicht vor, und doch will
Xenophanes solche beobachtet haben. So wird man ihm auch seine
Robben lassen müssen. Wo kämen wir schließlich hin, wenn wir die
Texte nach den Mitteüungen der Fachleute berichtigen wollten?
Reinhardt, Farmenides. 10
— 146 —
dem Wasser emporgehoben hat, so wird sie dereinst auch
wieder in Wasser und Schlamm zurücksinken, um dann aufs
neue wieder emporzusteigen und das Menschengeschlecht
von neuem zu erzeugen, und so fort in alle Ewigkeit. So
wenig man ihm selbstverständHch seine bei Syrakus und
Malta gemachten Beobachtungen streitig machen wird, so
darf man doch bezweifeln, ob Xenophanes der erste war,
der auf Versteinerungen acht hatte und ihre Bedeutung
würdigte. Wie wir durch Eratosthenes (bei Strabo I S. 49)
erfahren, hatte der Lyder Xanthos gleichfalls in seiner
Lokalgeschichte erzählt, er habe vielerorts im Innern von
Kleinasien Muschelabdrücke beobachtet; auch Xanthos
schloß daraus, das ganze Land sei einst ein Meer gewesen.
Nun fällt zwar die Zeit des Xanthos etliche Jahrzehnte später
als Xenophanes, doch wenn ein Reisender um diese Zeit
sein Augenmerk auf solche Dinge richten konnte, so beweist
das immerhin, daß die Anteilnahme an dergleichen Fragen
schon damals allgemein war. Dazu kommt, daß der Naturvor-
gang, den man durch solche Beobachtungen bestätigt fand,
läufst schon Anaximandem tief beschäftigt hatte, und kein
Physiker seitdem an dem Phänomen gezweifelt hat. Aber was
diese nur als Grundlage betrachteten, um Schlüsse überUrstoff ,
Weltentstehung und Entwicklung des Organischen darauf
aufzubauen, ebendas bedeutet für Xenophanes des Rätsels
Lösung; Fragen, wie sie in den Worten nvxvcoai^ ägalcoai^
und cöyxQvai/^ duixQUJi^ zum Ausdruck kommen, treten in
seinen Gesichtskreis überhaupt nicht ein, sie sind zu ab-
liegend, zu weit vom Augenschein entfernt, zu fein, zu
schwierig, zu abstrakt, um Einlaß in sein Denken zu ge-
winnen; den Gedanken des didxoofio^ hat er im Grunde
überhaupt nicht konzipiert.
Die Primitivität der Kosmogonie wird überboten durch
die Primitivität des Weltbildes. Hier hat Xenophanes sich
erlaubt, was sich kein griechischer Philosoph seit Thaies
mehr erlauben durfte : er hat es fertig gebracht, die Kugelform
des Himmels tmd der Welt und damit den Zusammenhang
der Stembewegungen rundweg zu leugnen. Damt iwar das
— 147 —
fruclitbarste Problem aller seitherigen Naturerklärung auf
die Seite geräumt, mit einer Unbekümmertheit, die schwerlich
ahnen mochte, was es hier zu fragen und zu lösen gab ; die Erde
schien unendlich, in die Tiefe wie in die Weite gemessen, ebenso
unendlich wie der Himmel, der sich über ihr wölbt. Und
was ihn zu diesem Schritt verführt hat, ist derselbe selbst-
gewisse kritische Geist, derselbe Glaube an den Augenschein
und an die Richtigkeit gesunden Gefühls, gesunden Men-
schenverstands gewesen, die ihm bei der Bekämpfung der
Volksgötter und des Athletenwesens so erfolgreich beige-
standen haben:
yalrjc f^ tode Ttelga^ ävco Ttagä noaalv ögärai
Tjiqi TtQooTiXdCov, rd xdxco d' i^ äjteigov IxvelxaL (Fr. 28)
Ja, wenn man den Worten des Hippolytos, der offenbar
auf Theophrast fußt, Glauben schenken darf, so hat Xeno-
phanes von seinem kritischen Standpunkt aus sich auch
ausdrücklich gegen die Angriffe verwahrt, die seine Vorgänger
auf diesen felsensicheren Augenschein gerichtet hatten:
Ti)v dk yrjv obteiQov elvai xal [xrfte 'bri olSqo^ juijte vno xov
ovQavov TcsQiSxsaOai ( = [Plut.] Strom, äjtoqxxlverai de xal rijv
yfjv äjteiQOv elvai xal fM^ xaxä näv fjdqoc TtsQidxsaOai ind äiQOc) \
denn diese Bestreitung scheint sich doch sehr deutlich gegen
Anaximenes zu richten. Fr. A 7 : tiJv 6e yf\v nXaxeiav elvai xal
en' äigo^ dxovjbiivrjv, und es scheint aus ihr derselbe Geist zu
reden, der zwei Menschenalter später den Empiriker Herodot
die Weltkarte des Anaximander kritisieren heißt. Wie anders
doch Parmenides, der dank derselben Kraft der Abstraktion,
durch die er zum Metaphysiker ward, allen mechanischen
Bedenken seiner Vorgänger zum Trotz zum ersten Male
auch die Kugelform der Erde gelehrt hat!^
1 Sehr mit Vorsicht aufzunehmen sind dagegen die Nachrichten
über die Zonenlehre des Parmenides (Strabo I, S. 94; Achilles, S. 67,
Maaß; Aetius III, 11), weil sie aus Posidonius stammen und man
dem Posidonius, wo er über die Ursprünge der Dogmen berichtet,
gar nicht genug auf die Pinger sehen kann. Ich sage das hier ohne
Begründung, weil ich das Material zu überschauen glaube. Es würde
z. B. für Posidonius schon genügt haben, wenn Parmenides gesagt
hätte, die i^rde sei zur Hälfte bewohnt, zur Hälfte von Feuer ver-
10*
— 148 —
Die Schwierigkeiten, die sich bei diesem Weltbild für die
Erklärung der Gestimsbewegnngen ergaben, machten dem
Xenophanes nur allzuwenig Sorge; er griff auch hier wieder
zum Nächsten, Gröbsten: er erwartete und fand des
Rätsels lyösung in der Beobachtimg der Wolke. Wie die
sengt, um daraus eine verbramite lone von 90® zu machen : äXX' ixeivov
fih axeö&if u ömXaalav dnoq)cUvetv x6 TtXdrog ti}v öicoceTcav/jidvrj» x^g
fiexai'ö tctw x^oTwiiäv Strabo: d. h. also beinahe 2* 48®; wer die
Strabostelle wörtlich nimmt, behauptet damit, daß bereits Parme-
nides die Schiefe der Ekliptik auf dieselbe Zahl berechnet hatte wie
Budemus oder Posidonius mid dann auf den rätselhaften Einfall kam,
die Breite der verbrannten Zone, die von dieser Berechnung gänzlich
unabhängig war, auf beinahe (!) das Doppelte des Raumes zwischen
den Projektionen (!) der Wendekreise anzugeben! Fürwahr,
für das Jahr 500 eine wundervoll exakte Breitenbestimmung; nun
mußte es jeder wissen: beinahe das Doppelte triQ fietai'ö x&v
xQ(mocaiv\ Mag's glauben, wer dazu imstande ist. Mir scheint klar,
daß hier die Wendekreise nur durch Posidonius in die Rechnung
hineingekommen sind, denn dessen Frage war ja: wie verhalten
sich die Wendekreise zu der Ausdehnung der 9cexavfiivrj ? Ganz un-
möglich die Vermutung Bergers Gesch. der wissenschaftl. Erdkunde
der Griechen, 2. Aufl., S. 212. Ich verstehe überhaupt nicht, wie
man verkemien kann, daß die Zoneneinteilung ursprünglich nur
dem Himmel und dem Himmelsglobus galt. Die Tatsache, daß man
auch später noch, als man die Erde in klimatische Zonen teilte, doch
immer noch an dem wandelbaren arktischen Kreise festhielt, bis auf
Posidonius, scheint mir für den Ursprung dieser Einteiltmg be-
weisend. Bewohnbarkeit der Erde imd Einteilung des Himmels
waren ursprimglich Fragen, die sich gar nichts angingen. Eine Erd*
zonenlehre, etwas einem Piaton noch gänzlich Fremdes, begegnet
zuerst bei Eudoxos (Diodor I 40, verglichen mit Aetius IV 1,7; die
Stelle fehlt bei Berger), aber die Beziehung zu den Himmelskreisen
ist auch hier noch nicht vollzogen und die Lehre selbst erscheint
als etwas Neues, als Gedanke der s^yptischen Priester. Und auch
für Aristoteles ist die Gleichtmg zwis<ien Erdzonen und Himmels-
kreisen noch keineswegs als etwas Selbstverständliches gegeben; er
argumentiert: da sich nirgends der Beobachtung ein Schatten, der
nach Süden fiele, gezeigt hat, muß der Strich zwischen den Pro-
jektionen der beiden Wendekreise unbewohnt sein, Meteor. II 510:
xavta 6*olxeiaB(u /xöva dwaxä xal oik* inixeiva x&v XQon&v * oxid yäq
oöx dv iji» ngdg ä^xrov, vvv d* äoUtßoi Ttgöregov ylvovKu ol xÖTioi tiqIv
f\ rkio^Cjteiv ^ /AexaßiüXeiv xifv mciav ngdg fiearj/jißQlav,
TITLE
ie/K/^i^
irr
PMHeViß^
ID NUMBER
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' AGREE TP COMPLY WITH Lli^i^I^TlI^Jn^
linweggleiten und ohne
bis sie am Horizont ver-
a, so laufen auch Sonne,
Erde hin, auch ihr Auf-
ist nur Schein, in Wahr-
nnen, Monde und Sterne
ie tauchen auf im Osten,
aals kehren sie wieder*,
chtende Wolken ; wie die
"len zusammenballen und
bald hier, bald dort, in
ime; sie verlöschen tags-
■3 Abends, wie sich ver-
en^; ebenso die Monde,
aerer Gestalt am Himmel
"m, und ebenso die Sonne,
rfinstert und von neuem
doch Sonnenfinsternisse
ßt währten!' Und nicht
elvai ^Aiovg xal aekijvag xaxd
a Hcugdv ixTtüvteiv xdv öiaxov
'p iq>* 'fifjLWv xaX oihcDg &aneQ
erwartet: ,,so scheine er uns
ihanisdier Ausdruck mißver-
äjtetQov fjikv n^oiivcu, öonetv di
vqmfiivwv (xo'ög daxiQog ylve-
eig iSdipetg ehca xad aßiaeig],
ai Sterne fangen zugleich mit
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1 Grodttott (currMt UCB)
20
90 Foeulty (evrrsnt UCB)
40 W»fwnct(ltbrQfyuMi
21 22 23 24 25 26 37 g. ^ gelehrte Umschreibung für
31 32 33 34 35 30 jy ^ vm 7te7tiXri/jihw (rijv ae^mf»).
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(rijiv ixXeiyjiv iiUov yCveadcu),
THE LIBRARY IS NÖTRSSSSTTSTr-^
i5iLÄ!!OA£ORES8 AB^E^^ Plut. cf. aeomed. S. 16,
■ ' ^"-^ — ^onmuiK^ > Man.) xotg dvaxokug yiveadat •
lov fifffa Hai ndXiv ine^, &<n6
mn ich mir die Konfusion, die
9 8
— 160 —
anders steht es mit den Kometen, Sternschnuppen und dem
Sankt-Elmsfeuer, ja selbst der Regenbogen ist nichts anderes
als eine buntschillernde Wolke ^ :
rjv t' ^Iqiv HoXiovaiy vdq)o^ xal rovro niipvxe,
noQ(pvqeov xal (pomxeov xal %Aco^6r löiaOai, (Fr. 32.)
Man braucht diese Theorie nur gegen die des Anaximenes
zu halten, um sich des abgründlichen Unterschieds sofort
bewußt zu werden, der Xenophanes von jedem strengen, auf
der Höhe seiner Zeit fortschreitenden Philosophieren trennte :
Aetius III 5, 10: 'AvaSifJidvrj^ Igiv yiveoBat xax' avyaa/j>dv rjXiov
nqd^ vi(pei 7tvxv(p xal naxel xal f/skavi nagä x6 (jlyi &6vaa0ai
rä^ äxxlva^ el^ xö jidgav diwcomeiv inuswunafiiva^ amco.
Es wäre ein lycichtes, solche Betrachtungen zu häufen, aber
wozu schließlich Vergleiche, wo die allzu frische, allzu ein-
fache Gedankensprache, die aus allen Bruchstücken des
Lehrgedichtes redet, für sich selber zeugt? Eine Sprache,
die lebhaft schon an jenen Grundsatz Epicharmischer Poeten-
philosophie erinnert : rl tovtcdv ^oiejror; /xrjde h — wie denn
auch beide Lehrgedichte die entschiedene Rücksicht auf ein
philosophisch interessiertes Publikum gemein haben. Wie
populär ist doch z. B. die Beweisführung in diesen Versen
(Fr. 30) :
TiYiyr^ & iarl OdXaaa(a) üdaxo^, Ttrjyij d' ävifjLoio'
oike yoQ h viipeaiv <nvouu x^ ävdfju>io tpiioivro
ix7tve(ovro^>^ iacoOev ävev novxov fieyaXoio
oike ^oal Ttora/Luov oik* aWigo^ öfißgiov vdcoQ,
äXXa jüiiya^ novxo^ yevhcoQ veq)d(ov dvijüuov ze
xal Ttora/dojv,
offenbar hier vorliegt, nur durch die Annahme erklären, der Xeno-
phanische Ausdruck habe es zweifelhaft gelassen, ob Sonnenuntergang
oder Sonnenfinsternis gemeint sei.
^ Aätius II 18. 1 E, TO'ög inl x&v nXolcop <pouvo/jdvovg olov datigag,
odg xad AtooKo^Qovg xaXoval xwsg, veq)iXia elvai xaxä z^ Tioidv iävtiaiv
TtoQoXdpLTiovTa. III 3. 6 3. Jtdvta xd xoiavxa veq)(üv JtenvQiopidvcov
avanflfjuna rj xtvij/juna. — Wir haben auch über den zweiten Teü des
Xenophanischen Gedichts Nachrichten genug, um mit Sicherheit ur-
teüen zu können.
' Nach Diels' Ergänzung.
— IBl —
Die Abneigung und Scheu vor allen Fragen und Gedanken,
die den Av^enschein in andersartige Elemente aufzulösen und
zu zersetzen drohten, die VorHebe für alles Greifbare und
Si nn l i ch-Analoge, die Geringschätzung für Gesetz, Zahl,
kurz für alle Abstraktion — es zeigt sich in alldem nicht
etwa, wie man wohl angenommen hat, die imbeholfene
Schwere und Gebundenheit einer Naturerkenntnis, die erst
flügge wird und unsicher zum ersten Male die unerprobten
Flügel hebt, sondern im Gegenteil ein Denken, das sich schon
ein wenig müde geflogen und geflattert hat und sich nun
niederläßt auf möglichst festem Grund, noch immer freilich
munter und jung genug, doch auch ein wenig jugendlich-
enttäuscht bereits, ein wenig mißtrauisch und angehaucht
von einer zarten Skepsis. Es ist unverkennbar Absicht und
Methode dabei, wenn sich die so verhältnismäßig kurzen
Theorien bei Xenophanes durch ihre Fülle von Belegen aus-
zeichnen, wenn wir von Tropfsteinhöhlen hören, von Ver-
steinerungen mit genauer Angabe der Fundorte, von Beobach-
tungen über Sonnenfinsternisse usw. Er will nichts vor-
bringen, wofür es an Beweisen fehlt ; und dazu mag vielleicht
auch noch der Umstand beitragen, daß er nicht mehr für
einen engen Schülerkreis seine Erkenntnis niederlegt, son-
dern vor einem PubUkum zu reden hat, das von der Wahr-
heit überzeugt zu werden wünscht. Die volle Wahrheit
freilich, wer dürfte behaupten die zu lehren? Es gibt so
viele Möglichkeiten, so Mancherlei haben die Weisen schon
gedacht — und selbst wenn man das Richtige unter dem
Vielen, was zur Wahl steht, trifft, so fehlt doch immer noch
die Gewißheit, daß es das Richtige auch wirklich ist; der
Mensch kann immer nur raten und meinen (Fr. 34) :
xai rd jüiiv odv aa(pi^ oikt^ ävijQ yhex oibi xu^ iaxai
sldd)^ afji(pl Oewv re xal äaoa Xiyoy neql Jtdvxcov'
el yäq xal xä fmkvaxa xixoi xsxeXeafiivov eindiv,
amoQ öfUü^ ovx olde' döxo^ d* enl näoi xetvxraL
Es sind das die berühmten Verse, die ihm seinen Heroen-
kult bei allen Skeptikern verschafft haben. Doch wohlge-
merkt: das, was aus ihnen redet, ist nicht eine Skepsis, die
— 152 —
aus dem Argwohn gegen die Sinneserkenntnis erwächst,
es ist vielmehr die Skepsis des Eklejd;ikers und Empirikers,
der sich die Welt zurechtlegt, wie es ihm wahrscheinlich
dünkt, und dabei doch ein stilles Mißtrauen gegenüber aller
kühneren Spekulation nicht überwinden kann. Will man auch
hier ein Gegenstück ? Nun denn, so stelle man diesen Versen
das Bekenntnis gegenüber, das Parmenides zu Anfang seines
Gedichtes von sich ablegt, so vergleiche man, mit welchen
Empfindungen, mit welchen Farben er den Aufstieg schildert,
der ihn auf den Gipfel aller Erkenntnis führte, wo er die Reiche
beide, der Wahrheit und des Sinnentrugs, zu seinen Füßen
ausgebreitet liegen sah. Und dann trete man von neuem an
die längst von uns erhobene Frage heran, deren Beantwor-
tung, wie wir uns eingestanden, freilich eine Sache des Ge-
fühls ist, die aber darum nicht weniger gebieterisch eine Ent-
scheidung von uns fordert : in welchem von den beiden haben
wir den großen revolutionären Genius zu erkennen, der die
Naturerkenntnis aus den Angeln hob ? Dem es zu danken ist,
daß alle frühere Philosophie in sich zusammenbrach und
aus den Trümmern rätselhaft, gespenstisch, ungeheuerlich,
die große Sphinx, die Metaphysik, zum ersten Male ihr Haupt
erhob ? — Kurzum die Frage : wer von beiden hat den besse-
ren Anspruch, für den Urheber der eleatischen Seinsbestim-
mungen zu gelten?
Für Xenophanes gehörte das Dasein eines ewigen, all-
mächtigen, außerweltlichen Gottes ebenso zu den Tatsachen
der Erfahrung wie die gewordene, veränderliche Welt. Nur zu
deutlich lehrte der Augenschein das Walten eines Wesexis,
dessen bloßer Gedanke genügte, um das All vor sich er-
zittern zu machen. Auch als Theologe war Xenophanes
Empiriker, Rationalist und Realist, wie Herodot. Wenn er
die Einheit, Ewigkeit^ und Allmacht Gottes rational zu
machen und sich zu beweisen suchte, so entsprang auch dieser
Wunsch demselben Bedürfnis, das ihn seine physikalischen
Lehren durch Beweise stützen hieß. Da lernte er in dem
Seienden ein Wesen kennen, das gleichfalls außerweltlich.
— 153 —
ewig und einheitlich war wie seine Gottheit, das sich durch Ver-
standesschlüsse bewies, um die man nicht herumkonnte; das
brachte ihn auf den Gedanken, dieses Seiende mit seinem
Gotte gleichzusetzen : et id esse deum neque natum umquam et
sempitemum. Seine Philosophie wurde dadurch zum Zwitter-
wesen; sie verwandelte sich zur Hälfte in Metaphysik und
Logik, ohne doch vom Empirismus ablassen zu könnend
Noch ein Bedenken gilt es zum Schlüsse hinwegzu-
räumen: das Bedenken der Form. Die Frage, was Xenopha-
nes bewog, statt in der Prosa der Milesier in Hexametern zu
schreiben, ist leicht zu beantworten: er war Rhapsode; seine
Philosophie war dazu da, um rhapsodiert zu werden. So hat
man sich denn nur zu schnell zu schließen gewöhnt, Parme-
nides, sein Schüler, habe in blinder und geistloser Nach-
ahmung des Meisters übersehen, daß die* äußere Bedingui^
und damit alle Berechtigung zu einer poetischen Form für
ihn nicht mehr vorhanden war. Und man findet in der
Hölzemheit und Steifheit seiner versifizierten Prosa einen
neuen Beweis für die verhältnismäßig späte Zeit seines Ge-
dichtes, treu dem alten stoischen Dogma, daß die Sprache
Schritt für Schritt von ihrer alten poetischen Höhe inl tö
loyoevbiaxeqov herabgestiegen sei. Aber das Rätsel, das
Parmenides uns aufgibt, bleibt gleich groß, ob man ihn nun
vor oder nach Xenophanes datiert. Wie hätte der Rhapsode
jemals ihm Vorbild sein können, wo sein Gedicht dem Ein-
geweihten galt, dem Eingeweihten nur verständlich war,
die Form der Offenbarung an der Stirn trug und folglich seiner
Gattung nach von aller Xenophanischen Dichtung himmelweit
entfernt war? Und diese Ungeübtheit in der Handhabung
* Jch kann es mir nicht versagen, um auf einen parallelen Vor-
gang aufmerksam zu machen, auf das jüngst erschienene Buch
Oldenbergs, Die Lehre der Upanishaden und die Anfänge des Bud-
dhismus S. 278 ff. zu verweisen. Auch iu der indischen Philosophie
hat sich die Idee des Absoluten imd All-Binen unabhängig von der
Gottesvorstellung entwickelt, auch hier ist der Theismus erst nach-
träglich von außen in die phüosophische Spekulation gedrungen und
hat durch die Gleichung zwischen Gott und dem All-Einen Misch-
« Vorstellungen imd Kompromisse erzeugt.
— 1B4 —
der Form, das Fehlen der Vergleiche, der gänzliche Mangel
an jener poetischen Routine, die Empedokles so überreichlich
hat, zuletzt die Seltsamkeit der ganzen Konzeption — kann
das nicht alles ebenso sehr, wenn nicht noch mehr, für einen
frühen Ansatz sprechen wie für einen späten ? Es ist wahr :
in diese Verse ist zuviel Gedanke hineingepreßt; sie fließen
nicht, sie bleiben in ihrem eigenen Inhalt stecken, statt sich
über ihn zu erheben und mit ihm zu spielen. Sollte Parmenides
so wenig von Xenophanes gelernt haben? Figuren, wie sie
in den Versen des Xenophanes begegnen :
Ttr^yil d' ioTi ddXaaa* vdaxo^, nriyri d* ävijuoio
lassen sich wohl bei Empedokles nachweisen (Fr. 17, 3) :
doi'^ de ßvrjrcbv yiveai^, dovri d' änöXeiy)!^,
aber fehlen bei Parmenides gänzlich. Und die Behauptung
des Hermippos, daß Empedokles sich in der Form nicht an
Parmenides, sondern an Xenophanes angeschlossen habe, muß
doch wohl auf literarischer Kritik beruhen (Parm. Fr. A 5 :
''EgfUJiTto^ ov IlaqiJievidov, Sevoq>dvov^ de yeyovdvai C^Acor^yv,
(^ Tcai avvdujXQlrpai xal /Mjbti^aaaOai ri^v ijtoTzouav). Und
selbst gesetzt, die Schöpfung des Parmenides müßte als
Form für uns ein Rätsel bleiben: so wäre das doch immer
noch nicht das Rätselhafteste unter dem vielen Rätselhaften,
das uns bei ihm aufstößt. Aber er mochte seine Gründe haben :
die poetische Form hängt mit der Einkleidvmg zusammen,
die doch so viel mehr ist als nur eine Einkleidung, sie hängt
zusammen mit der Einführung der Göttin und der Sterb-
lichen, sie hängt zusammen mit der visionären Zweiteilung,
die wiederum ein Ausdruck seines metaphysischen DuaUs-
mus ist — sie hängt mit allzu vielem zusammen, als daß sie
sich ohne Schaden von den Gedanken trennen ließe. Sie
bedeutet nicht zuletzt auch eine Steigerung des Selbst-
bewußtseins, eine Stärkung des Gefühls der ewigen Gültig-
keit : ein Gespräch unter vier At^en mit der Wahrheit selber —
der abstrakteste, der unerreichteste Gedanke strebte wohl
nicht umsonst nach Einkleidung in die altfeierliche Formen-
sprache orphischer Offenbarung.
III
über das zeitliche Verhältnis zwischen den Systemen
des Xenophanes, Parmenides und Heraklit gab es im Alter-
tum zwei Ansichten; die eine hatte ihre Herkunft aus der
peripatetischen Philosophiegeschichte, sie begegnet in be-
sonderer Fassung bei Eusebios und Hippol3rtos, und geht
in dieser Gestalt zurück auf Sotion; wesentlich ist ihr die zeit-
liche wie inhaltliche Angleichung der Heraklitischen Philo-
sophie an die Empedokleische ; für Sotion waren beide
Schößlinge am Stamme des Pythagoreismus^. Aber diese An-
gleichung an sich ist nicht erst abhängig von Sotions Pytha-
goreerhypothese, sie reicht in erheblich frühere Zeit hinauf,
sie findet sich schon ausgesprochen in Piatons Sophistes
242 T>: ro de nag' i^fubv ^EXeaxvKov SOvo^, äjtd Sevoq)dvov^ re
xal hl JiQÖadev äQ^d/Jsvov, &^ hoc Svto^ xcbv Jtdvtcov xcdovfiivcov
ovrco die^QX^^^ ^^^S" fi''6doi^. ^Idde^ de xal ZixeXai xive^ üaregov
Movaai (Hersudit und Empedokles) ^vvevörjaav, Sri avfjmldxeiv
äaqxxXdaraxov ä/LKpörega xal XSyeiv, &c x6 Sv noXXd xe xal Sv
iariv, ixßQ9 ^^ ^^* q^diq: avvixetai, ^ÖUKpeQÖfievov yäq äel ^v[x-
q)iQevai\ (paalv ai awiovokegai icov Movacbv (Her. Fr. 12 B 10),
al de jbuxXaxdneQai rd fjiev äel rav6' oikox; l^eiv ixdXaaav, iv fidgei di
noxe juev Sv elval q>aai xd Ttav xal (plXov vtz ^AfpQodixri^y xoxe dk
noXkä xal noXdfiiov avxo avxco dia Neixö^ xi (Emped. Fr. 21 B 17)*.
* Die Zeugnisse bei Jacoby, Apollodors Chronik S. 229» Diels
Doxc^aphi Graeci S. 144ff.
* Daß zwischen Hippol3rto8 und Piaton ein Zusammenhang be-
steht, scheint mir gewiß: vgl. Philosophumena H 4, 2 (Diels Dox.
S. 558) : xad opdrdg öi (Heraklit) oxedhf» avfxqxfwa rß *Efi7tedoxlBi ifpdiy-
Saxo, axdatv >cai q>diav <pi^aag xwv äjtdvrcov dgxiiv dvai — xal nvQ voegdv
xdv deöv — avfjiq>iQea6ai xe xä jcdvta xal o^x ^^dvm.
— 156 —
Neben dieser rein auf einer konstrtderenden Betrachtung
der Systeme ruhenden Kombination und gegen sie hat sich
die kritische, gelehrte des Grammatikers ApoUodor behauptet
und behauptet sich noch heute. Apollodor bestimmte, gleich-
viel aus welchen Erwägungen, die „Blüte" des Xenophanes
nach der sechzigsten Olympiade (540/37), setzte folglich seine
Geburt um rund zehn Olympiaden früher (580/77), die Blüte
seines Schülers Parmenides um rund zehn Olympiaden später
(504/1), wie er wiederum dessen Schüler Zeno in einem Ab-
stände von 10 Olympiaden seinem Lehrer folgen ließ (464/0).
Für Heraklit ergab sich, da er den Xenophanes in seiner
Schrift bereits zitierte (Fr. 40), dieselbe Blütezeit wie für
iParmenides, also rund 504/1. Empedokles schied über-
haupt aus dieser Gruppe aus, da sich ein festes Datum für
ihn fand, das ihn in spätere Zeit verwies, sein Aufenthalt
im jüngst gegründeten Thurii; wonach sich eine Gleichung
zwischen seiner Blüte und dem Gründungs jähre der Stadt
(444/3) empfahl. Man sieht, auch das ist alles in allem Kon-
struktion, der einzige Fixpunkt war Xenophanes, und selbst
dessen Lebenszeit war nicht, wie es wohl mögUch gewesen
wäre, aus den chronologischen Angaben in seinen Gedichten
ermittelt, sondern synchronistisch durch die Gleichung seiner
Blüte mit dem Gründungs jähre der Stadt Elea (540 — 39)^.
An Daten besaß Apollodor nicht mehr als wk auch heute
noch besitzen, und so heikle Fragen wie die über Abhängigkeit
und Priorität mied er grundsätzlich. Seine Chronologie wird
wertlos für uns mit dem Augenblick, wo die Fragmente selber
anfangen, uns Aufschlüsse zu bringen.
Heraklit hat den Xenophanes zusammen mit Pythagoras,
Hesiod und Hekataios als ein Beispiel jener noXvfwBiri ange-
führt, die voov ov diSdaxei (Fr. 40). Ein solches Urteil
konnte er erst fällen, als die philosophische Dichtung des
Xenophanes bereits berühmt geworden war, das heißt nicht
allzulange vor der Zeit, da auch Empedokles seiner Ver-
achtung für die Philosophie „der Vielen" Ausdruck gab (Fr. 39)
und damit jedermann verständlich auf Xenophanes hindeutete,
1 Vgl. Bumet, l^arly Greek Philosophy S. 126.
— 167 —
und kaum viel früher als zu der Zeit, da Epicharm zum Gau-
dium seines Publikums den Xenophaneer auf die Bühne
brachte. Denn was auch den Aristokraten Heraklit zum
Widerspruch aufforderte, war nicht zuletzt die volkstümliche
Berühmtheit der vier Mäimer und des Ideals, als dessen Ver-
körperungen sie der Menge erschienen. Für das Ansehen,
dessen sich Pythagoras um dieses Ideals willen erfreute,
bedarf es keiner Belege; wie man über Hekataios dachte,
zeigen die Anekdoten bei Herodot V 36; 125. Aber noch
mehr : ein Urteil, wie es HerakHt in dem genannten Bruch-
stück fällt, ein Urteil, das eine Persönlichkeit samt ihrem
lycbenswerk zum Typus macht, um diesen T5rpus zu. ver-
werfen, scheint kaum anders möglich, jedenfalls nur dann
natürUch und dem Stilgefühl zum mindesten des späteren
Griechentums nicht widersprechend, wenn der Verurteilte
dem allzunahen Anblick schon entrückt war, wenn er nicht
mehr zu den Lebenden gehörte. Nun fallen aber die letzten
Lebensjahre des Xenophanes unter die Regierungszeit des
Hieron, und auch Hekataios hat den ionischen Aufstand
noch bis zu Ende erlebt. Und damit stimmt wiederum über-
ein, daß die poUtischen Zustände, die Heraklit für Ephesus vor-
aussetzt, was man auch darüber geschrieben hat, sich doch
am einfachsten erklären lassen, wenn man annimmt, Heraklit
habe sein Buch erst nach dem Jahre 478 und nicht allzubald
danach geschrieben. Denn sein Urteil über die Ephesier, sie
hätten allsamt durch die Verbannung Hermodors den Strick
verdient, bedeute doch diese Tat, daß sie von nun an keinen
ovYiunov mehr in ihrer Mitte leiden wollten — dieses Urteil
setzt doch eine KonsoUdierung demokratischer Zustände
voraus, die dem Aristokraten keinerlei Hoffnung mehr auf
eine so baldige Veränderung übrig ließ. Wir kommen also auf
diesem Wege zu einer ganz wohl in sich gefestigten äußeren
Chronologie, sobald wir uns nur von zwei alten Irrtümern
befreit haben: dem einen, daß Parmenides als Schüler des
Xenophanes den Schülern Heraküts den Krieg habe er-
klären wollen, und dem anderen, daß Epicharm bei seinem
Publikum Bekanntschaft mit den Gedanken Heraküts vor-
— 158 —
aussetze. Aber damit beginnt erst das Problem der inneren
Chronologie, der Chronologie der Gedanken und der Systeme.
Wenn das seither noch von keinem Zweifel angetastete
Verhältnis der beiden ersten Eleaten auf den Kopf zu
stehen kommt, muß dann nicht notwendig HerakKt Be-
kanntschaft mit dem Seinsproblem verraten? Wiederum
muß ich erst einen Umweg machen, um zum Ziele zu ge-
langen.
Fast ein Sechstel aller Heraklitischen Fragmente ist uns
nur durch einen einzigen Autor überliefert, und dies Sechstel
steht auf einem Räume von kaum drei Seiten beieinander. Es
sind das die Kapitel 9 und 10 des neunten Buches der Philo-
sophumena des Hippolytos, die einzige zusammenhängende
Abhandlung über die Lehre Heraklits, die uns das Altertum
vermacht hat. Die sehr dürftigen Angaben der Doxographen
kommen dagegen nicht in Betracht, die Philosophie des
Dunkeln widerstrebte der Einschachtelung unter doxo-
graphische Rubriken. Aber wie kommt Hippolytos zu solcher
Gelehrsamkeit ? zumal der Anlaß, den er haben mochte, über
HerakUt zu reden, außer allem Verhältnis steht zu der Ausführ-
lichkeit dieser Betrachtung, deren Ziel weit abliegt von dem
Ziele, auf das er selber zustrebt. Was er selber zu erreichen
sucht, und zwar durch jedes Mittel der Verleumdtmg und Ver-
dächtigung, ist die Vernichtung des Noetianertums; um dieses
heiHgen Zweckes willen scheut er selbst vor dem abge-
schmacktesten Einfall nicht zurück, er wirft den Noetia-
nem vor, Erneuerer des Heraklitischen Heidentums zu
sein. Das ist sein großer Einfall, seine Entdeckung und in
seiner Polemik einer seiner letzten Trümpfe. Daß die Noetia-
ner selbst ganz, ahnungslos über die heidnische Gefahr in
ihrem Glauben seien, muß er ihnen zugestehen, IX 10:
(pavBQOv da Ttäai xov^ avorpcov^ Norjrov öuuboxov^ xal rfj^ alqi'
aeco^ TiQoaxaxa^, el xal VQoxXeirov Uybt^ äv avroi>^ /w^ yeyovhcu
axQoaxd^y äkXd ye xä Notjrcp dö^avta cuQOVjbidvov^ äva<pavddv xainä
o/uoXoyeiv. Fragt man ihn aber, wodurch nur eigentlich das
Heraklitische in ihrem Glauben sich bekunde, so weiß er mit
— 159 —
dem besten Willen nichts Gescheiteres zu antworten, als daß
sie dadurch, daß sie Vater, Sohn und Geist für dreierlei Form
desselben Wesens hielten, alle Unterschiede zwischen den
Dingen aufhöben — wie Heraklit (IX 10): XSyovai yäg o'Srco^'
Iva xal xov avxov Oeov elvat Ttdvrcov drj/LtiovQydv xal naxiga,
evdoxfjaavra de 7te(p7jvivai xol^ oQxfjOev dixaloi^, övza äÖQoxov'
Sxe fxh ydg ovx Sgävai, ijv äögoxo^, <8xe ök öqoxcu, 6Qax6^>,
äxcoßtfto^ öiy 8x8 jLiii xcDQslaQat OiXei, xoaqrßd^ di, Sxe ;^ft)ße?Tat*
<ySx(o^ xatä xov avxov Xöyov dxgatrjxo^ <xal XQar7)xö^>, ayivyrpcoc
<xal yewrjx6^>, äOdvaxo^ xal dvrjxö^' 7ta>^ ovx 'HgaxXelxov ol
xoioikoi deixßrjcovxai /wßrjxal; /w^ avxfj xfj Xi^et 8ui(p0ioa^
iqHXoaötprjaev 6 axoxeivö^; 8xi de xal xov axndv viov elvai XSyei
(Noetus) xal naxiga, ovdel^ dyvoet' Xdyei de odxo)^' '8xe fjiiv
oiv jUTj yeyivrjxo 6 TiatiJQ, dtxaico^ TtatrjQ TZQoarjyoQeiexo ' Sxe
di rfvdoxriaev yiveaiv vjzojbieivai, yewrjdel^ o vld^ iyhexo avxo^
eavxov, ovx' ^^^Qo^ higov' oihco^ yaQ doxel fxovaqxlav avvunäv,
iv xal xo avxd (pdaxcov vjidgxsiv naxiqa xal vldv xaXoifxevov usw.
Je gekünstelter, hervorgezerrter dieser Vergleich ist, desto
mehr fällt auf, daß die vorangegangenen Mitteilungen über
HerakHt weit mehr enthalten, als was der Vergleich erfordert.
Und seltsamer Weise haben diese Mitteilungen ebenfalls den
Zweck in Heraklit den Vorläufer und Zeugen einer christ-
lichen lyehre nachzuweisen, nur freilich nicht der noeti-
anischen sondern einer anderen, unbekannten, gnostischen.
Stellen wir, so weit das geht, die Merkmale dieser Doktrin
zusammen, vielleicht daß sich dann auch die Sekte selber
namhaft machen läßt.
Vor allem ist der unbekannte Gnostiker, der HerakUt
zum Zeugen ruft wie Valentinus den Pythagoras, Bekenner
einer ausgeprägten Einheitslehre: 'HgdxXeixo^ fikv oiv q)r)atv
elvai xo jtäv dvaigexdv äduugexov, yevrjxov äyivrjxovy dvrjxov
äßdvaxoVf Xöyov aubva, naxiqa vlöv, Oedv dlxavov. 'ovx i/uov
dXXd xov Xöyov dxo'öaavxa^ öfxoXoyelv ao(pöv^iaxiv Sv
ndvxa elvai^ 6 'HgdxXectö^ (prjou Und zwar umfaßt die Ein-
heit, die er in den Rätselworten HerakUts zu finden glaubt,
die Gegensätze der Materie und des Geistes, des Gewordenen
und Ungewordenen, des Sichtbaren und Unsichtbaren, des
— 160 —
Lichtes und der Finsternis, des Oben und Unten, des Guten
und Bösen, des Sterblichen und Unsterblichen: Sri dd iariv 6
TtaxrjQ ndvxcDV x&v yeyovorcov yevrjxd^ äyhrjro^, xriai^ drjibtiovQyo^,
ixelvov Uyovxoc axo'öoiixev [folgt Fr. 53]. — &ti de iariv .....
^aQ/biovlri öxct)^ neq xöiov xal i.'ÖQrj^.^ "Chi de . . . a<pairfi^
6 äÖQOxo^ äyvcooTO^ ävOgconoi^, ev ro'&toig XSyei' ^aq^iovlri
ätpavrj^ (paveQTJ^ xgeirrcovJ' iTtcuvel xal TtQodavjbidCei TtQo rov
yivwoxofjiivov xo äyvaxnov avtov xal äoqaxov rfj^ dvvdjLiea)^'
Sri de eaxiv ÖQOxd^ ävOgdonoi^ xal ovx äve^evgero^, iv rcy&toi^
Xdyei' 'Sacov öxpi^ äxotj /uddriai^, xavxa eyd) ngoxifiim^
{pfjoiy xomiaxi xä ogarä xa>v dogactcov. — o'Sxco^ 'Hgdxkeixo^ iv
laf] fxoiqq. xiBexai xal xifjuq. xä i/Ufpav^ xoiq äq)aviaiv, d>^ Sv.xi
xo efxq>ave^ xal xo d(pave^ ofxoXoyovfiivo)^ vndqxov,
'eaxi ydg, (prialv, dg/Liovlr) dtpavrj^ fpavegf)^ xQeixxcov' xal' ^Sacov
öxpi^y 6x01], fidOrjai^ (xovxiaxi xä ögyara), xaika, q)i]aiv, Syd)
jiQOXi/jii(o\ ov xä dtpavfj ngoxifiriaa^* xoiyaqovv ovöe axoxo^
oike (pö)^, ovöe novrjQov ovöe äyadov ixegöv q>rjaiv elvai 6
'HgdxXeixo^, älkä Sv xal xo avxö ' inixifm yovv Haiödco, dxi fffAigav
xal vöxra <ovx> olöev* fifjbiqa ydg, <prial, xal vv^ iartiv Iv, Xiycov
&di TtoD^ [folgt Fr. 57]. xal dyaßdv xal xaxov [folgt Fr. 58]. xal
eWi) di, (pi^ai, xal axqeßXdv xo avx6 iaxi [folgt Fr. 59]. xal xo
ävco xal xo xdxcD Iv icni xal xo aino' ^666^ ävco xdxcD /biirj
xal &vxri^, — Xeyei di ofjLoXoyovfxivo}^ xo aOdvaxov elvai dvrjxov
xal xd dvrjxov aßdvatov diä x(bv xoiovxo)v Xoycov [folgt Fr. 62].
Neben diesen Sätzen über die Einheit Gottes mit der
Welt begegnen andere auch allgemein christlichen Inhalts*
Lassen diese auch die Eigenart des Interpreten weniger
scharf hervortreten, so zeigen sie doch immerhin wes
Geistes Kind er ist: Sxi di icni twX^ xo nav xal dC auovo^
alcovio^ ßaaiXevc xcov SXcov o'Öxcd^ Xiyei [folgt Fr. 52]. — Uyei
di xal aagxd^ dvdxnaaiv xa&trjQ <xfi^> (pavegä^ iv fi yeyevififjießa,
xal xov deov olde xavxrj^ xfj^ dvaaxdaeo)^ alxiov ovxcd^ Xiyo>v'
[folgt Fr. 63]. Xiyei di xal xov xoofjuov xglaiv xal ndvxcDV xcov
iv avxco dvä nvgd^ yiveadai Xiycov o'Sxco^ * Td di ndvxa
olaxi^si xegavvo^, xovxiaxi xaxev&övei' xegavvov xo nvg Xiycov
xo alwviov. Aber zuletzt erscheint doch wieder etwas für einen
Christen überaus Seltsames: der Gott, an den er glaubt, ist
— 161 —
Feuer: liyei de xal q>g6vi/jiov xovto elvcu rd nvQ 9cal rfj^ öiotxi^ecDC
xa>v 8Xa)v curiov' xaXei öi avro XQV^M^^'^'^'^ ^^^ xöqoV X6^^'
fjUHrbvfi öi iaxiv rj duvcöa/jii^at^ tcox avröv, ij dk ixTvÖQcoai^
xößoc ' Ttdvia ydQ, q)i]al, rd twq ijtekOdv xQivel xal xaxcdrjyfetcu.
Faßt man diese Merkmale zusammen und vexgleicht, wo
sie sich wiederfinden, so bleibt als die einzige I^hre, die zu-
letzt, alles erwogen, überhaupt in Frage kommt, die Gnosis
übrig, die unter dem Namen des Magiers Simon ging und in
der Meydkrj äjt6q>aai^ auf eine höchst weitschweifige Art er-
klärt war. Auch „Simon" hatte zum Urprinzip das Feuer
erhoben und als Zeugen gleichfalls HerakUt genannt: Hip-
j>olytos VI 9: Xiyei de 6 ZI/luov /jisraq>QdC(ov rov vö/jov Moyvaio}^
avoifßO}^ re xal xaxatdxvco^' Mcoaico^ yäg Xfyovro^, öxt 6 ded^
TtvQ q)Xiyov iarl xal xaxavaXlaxov, de^dfxevo^ xd Xexßiv
vnd Mcoaict}^ ovx oqBq}^, tvüq elvai x&v Sixov Xiyei xijv oQX^f
ov vo'^aa^ xd ei^fjiivovy 8xi Oeo^ ov tivq, äiJA xal nvq (pXiyov
xal xaxavaXlaxov, ovx aviov dioüTmv /iövov xov v6[aov Mcoadco^
äXXä xal xov axoxeivdv ^HqdxXeixov avXayaya>v. Denn
wenn Hippolytos dem Simon vorwirft, daß er nicht nur
den Moses mißverstanden sondern auch den HerakUt ge-
plündert habe, so bleibt uns nur zu schließen übrig, Simon
habe alle beide unter seine Propheten gerechnet. Daß wir
durch Hippolytos von seinem HerakHteertum nicht mehr
erfahren, darf uns nicht beirren, da doch alles, was wir von
Simon lesen, nur in stark verkürztem Auszuge vorliegt. Und
daß Simon in der Tat auf seine Übereinstimmung mit
älteren Philosophen großen Wert legte, zeigt die Gewalt-
samkeit, mit der er selbst Empedokles seinen Zwecken
dienstbar macht, VI 11: xotoikov de 8vxo^,d>^ öC öXlycov eljtelv,
xaxä xov Zl/utyva xov nvqd^, xal ndvxiov x&v Svxcdv öqox&v xal
äoQ6x(üv, (haaf&to)^ ivi]X(ov xal äv7]xcov, aQiß/Mrjx&v xal <äv>aQl6fjuov,
iv xfj 'Ajtofpdaei xfj jbisydXij xaXel xiXeiov voegöv, ovxw^ c&C ixaaxov
x&v äjteiqdxi^ djtelqoiv inivoridfjvai dwafidvcov xal XaXelv xal
öiavoeladai xal heqyeiv, oihco^ &^ (prjolv 'EfuieöoxXfj^ (Fr. 109)'
yalfi jbiiv yäg yaXav ÖTUünafxeVy 'Söaxi d* vdcog,
aWigi d* aidiga <dtov>, äxäg Ttvgl nvg äldtjXov,
xal <axogyf}> axogyi^v, velxo^ di xe velxeX Xvygcp.
Reinhardt, Parmenides. 11
— 162 —
Tidna yoLQ, tpi^aiv, ivö/Litie rä fidorj xov nvQo^ xä oqoxä xai rä
äÖQoxa (pQÖvriaiv ix^iv xal vco/luzvo^ alaav' ydyovev aSv 6 xöc-
fjLO^ 6 yewTjxd^ and xov ayew^ov tzvqö^. Zugleich erscheint
in diesen Worten auch noch eine zweite, noch genauere
Übereinstimmung zwischen dem M^er und demHeraküteer:
das göttliche Urfeuer, von dem der Magier aussagt, daß es
(pQ6vr}öi4 besitze, ist dasselbe Vemunftfeuer, das auch der
Gnostiker bei Heraklit zu finden glaubt: Xiyei de xai (pQÖvifxov
elvai xovxo xo twq. Ebenso gemeinsam haben beide die Be-
griffe yewrjfto^'äyiwrixo^ und oqaxo^'äoQoxo^ oder was dem
gleichkommt, (paveQÖ^'XQVTzxö^ (ä(pav^^): Simon VI 9: xal
xo jLiev q)aveQdv xov tzvqo^ Jtdvxa Sx^i iv iavxcp 8aa äv xi^
ijtivoijö]] ij xal XoByj Tiagakutihv xöjv öqox&v ' xo de xqvttxöv Tiäv
8, XI iwoTJaei xi^ vorjxdv xal 7ieq>evyd(^ xtjv cdoOriaiv fj xal Ttaga-
XeiTtei fjiii diavoTjOei^' xaßöXov di eaxiv elTielv, ndvtcov xcjv
Svxcov alaQrß(bv xe xal vorjxdyv, d>v ixeivo^ xQv<p((ov xal q)aveQmv
TtQoaayoQeiieiy Saxi OriaavQÖ^ xo nvq xo vTteQovgdviov, Ebenso
das Bild des Lichtes und der Finsternis, samt seiner escha-
tologischen Beziehung, deren Sinn ist: wenn das irdische
Prinzip im Menschen sich nicht nach dem überirdischen, das
Dunkel sich nicht nach dem Lichte formt, so wird es unter-
gehen, wenn es sich aber formt, so wird es ewig leben
(VI 12) : nqoaXaßovoa yäq rf d^vafu^ xixvriv <p(b^ x&v yivo/jLdvo)v
ylvexai, fjLij nqoaXaßovaa de äxe/vla xal axöxo^, xal cog' Sxe ovx
^r, oJtoBvifiaxovxi xeo avdqconcp avvdia<pOeiqexaL Und auch für
Simon ist das Bild des Untergangs das Feuer VI 9 : ydyove
jbtiv ydq, q)i]aiv, 6 xaqnö^, Iva el^ xtjv aJtoOTjxrjv xedfj, xo de
äxvqov, Iva naqaSoBfl xq> Tivqi. Ebenso simonisch -gnostisch
ist der symbolische Gegensatz von oben und unten, VI 17:
Saxiv oiv xaxä xdv Zifuova xo juaxdqtov xal ätpOojqxov ixelvo iv
Ttavxl xexqv/u/biivov dvvd/iei, ovx Sveqyeioy öneq iaxlv 6 eaxdi^
axä^ axTjaö/ievo^, iaxd)^ äv(o, iv xfj äyevwjxo} dvvdfxeiy axä^ xdx(o,
iv xfi qofj xd)v vddxoyv iv elxövi yewrjdel^, axrjoöfjievo^ ävco, nouqä
xijv jbuvcaqiav äniqavxov d^va/uiv, iäv i^eücoviaOfj. Und auch
für Simon schließen sich all diese Gegensätze zu derselben
untrennbaren Einheit zusammen wie für den HerakHteer
(VI 17): d'öxrj, (ptjoiv, iaxl d^va/ui^ fila, difiqrjfidvrj ävco xdxco,
— 163 —
avTi^v yewöjaa, avn^ aif^ovaa, avrtjv ^i^rovaa, avf^v eigioKovaa,
avrfj^ fJififjftriQ oüaa, aötfj^ naxiJQ, a&tf\^ ädelipfj, avrfj^ avCvyo^,
oMj^ dvydtrjQ, oförfj^ vlö^, /^ti^TrjQ, nat^Qy Iv, oHaa §iCa rcov
8lo)v. — (VI 18) ix fih X(üV ävco evQlaxevai &6vafii^y ix di rcbv
xdto) inlvoia' iariv oi^v aihco^ xal rd <paviv an' aircbv, iv dv,
&6o evqiaxeoBai, ägaevöOi^Xv^, lx(ov rrjv OrjXeiav iv iavr(p' oikm^
iml vov^ iv imvolq.' ä ;^(üßan:d an' äXXijXtov, iv övxe^ &6o
evqlaxovxau Nach alldem scheint es mir nicht zweifelhaft, daß
Hippolytos seine ganze Weisheit der jjsydhj djrrf9?cKT£^ verdankt.
Denn auch die Interpretationskünste seines Herakliteers
scheinen eines Simons durchaus würdig, der seine Gedanken
gleichfalls allen mögUchen und immögUchen, christlichen wie
heidnischen Autoritäten unterschob: Hippolytos VI 19: ravra
fjiiv otV d Ztfjuov iq)evQ(bv oi) /uövov rä Mcoaico^ xaxorix'^^^
el^ 8 ißovXexo /LieOfjQ/Mijvevaev, oMä xal rd xüjv noirft&v, 8aa
ßji£xdy<a}v el$> xä aöxov xaiväc (conieci: xal xfj^) inivolac
nXacxoXoyel (Roeper: nXelaxov^ Xiyei).
Das System der /Asyäki] än6<paai^ entstammt alexandri-
nischer Religionsphilosophie, wie Waitz in der Realency-
klopädie für prot. Theologie XVIII S. 359 bewiesen hat.
Es wird kein Zufall sein, daß dieser Pseudo- Simon mit dem
Alexandriner Clemens wie in der Verehrung so auch in der
Auffassung der Philosophie des Dunklen, wie sich uns noch
zeigen wird, überraschend übereinstimmt.
Aber was hilft es für die Erklärung Heraküts, zu wissen,
welche Hände ihn uns überliefert haben ? Was kann viel auf
ein solches Wissen ankommen ? Nicht weniger als alles, wie
ich glaube — wenn man zugibt, daß das Verständnis seiner
Lehre an der Frage hängt, was seine Gedanken über Welt-
gericht und Weltverbrennung waren. Wissen wir, daß unser
Gewährsmann Gnostiker ist, so wissen wir auch, daß doppelt
Vorsicht nottut, daß uns nicht am Ende noch Heraklit selbst
unversehens zum Gnostiker werde. Nun ist von den Rätsel-
worten des Dunklen, die dem Interpreten auf ein Weltgericht
zu deuten scheinen, das erste mit ganz offenkundiger Gewalt
mißdeutet: ndvxa olaxtCei xeqavvÖQ: mit einer xoafxov xglat^
— 164 —
hat dies Wort wahrhaftig nichts zu schaffen. Beim zweiten
ist es mindestens vollkommen unerwiesen, daß die Deutung
auch die richtige ist; was überliefert ist, sind einzig und
allein die beiden Worte xqriafjiocvvYi und xöqo^; alles übrige
ist Interpretation^. Aber all unsere Zweifel überwindet
siegreich, wie es scheint, das dritte und letzte Sätzchen:
Tzdvra ydg, (prjot, rd twq ineXddv XQivei xal xaraX^^ercu.
Wenigstens hat man seither diese Worte unbedenklich für
ein wörtUches Zitat genommen. Nimmt man sich jedoch
die Mühe, den Hippolytos einmal genauer auf seine Zitate
durchzusehen, so stößt man auf unzählige Fälle, wo wie hier
direkte Rede vorliegt, eingeführt durch ein fprjaiv, und doch
eine genaue Wiedergabe nicht in Frage kommt. Ja dies
(prjal kann dazu dienen, im geraden Gegensatz zu einer wort-
getreuen Anführung, eine Erklärung einzuleiten, die des
Interpreten unbestrittenes Eigentum ist; es bedeutet dann
nicht mehr als: „damit meint der Autor . . ." Hier ein
Beispiel (Refut. VI 26): 80ev 6 IHdrcov igcori^Oek vjtö xivo^'
Tt iaxi q?doaoq>ia; iq)rj' x^Q^I^^^ W^TCH^ ^^ aco/butto^, IlvOa-
yÖQov xal roikcüv xa>v Xöycov yevöfievo^ fMjßrjftri^y ev olg Xiyei
xal dl* alviyjüidrcDV xal roi(y6r(ov Xöycov ' ex rfj^ iöla^ iäv äno-
drjibtfj^, /btfj kniaxqiipov' eldk fx'/f, ^Eqivvveg Alxri^ inlxov-
Qol ae jbteteXe'öaovraC iditjv xaXcov rd acj/zoy Eqiwvo^ Sä
•
Tct Jidßrj. iäv oiv, q>riaiv, dTtoÖTj/x^g, xovxianv iäv i^iQXfj ix
xov adifMxtOQj fjiii avrov ävxmovov' iäv öi dvtmoiijaij, ndkiv ae
xä Ttößr} xaOelq^ovoiv elg a&fjxi. Der Fall des HerakUtzitats hat in
der Tat mit dieser Stelle eine verzweifelte ÄhnHchkeit ; auch ihm
geht ein Tcakel voraus, und nur zu deutlich ist die Absicht, eine
Erklärung für den HerakHtischen xoqog und die xw^f^^'^'^
beizufügen: Xiyei de xal (pqövifxov xovxo elvaixoTtvqxalxfj^dioi-
* Diese Interpretation ist selbstverständlich stoisch; vgl. Philo
de anim. sacrif. idon. Vol. II Mang. p. 242 (die Unterscheidung
zwischen piigog und ßiiXog weist auf Podisonius; näheres kann ich
hier nicht ausführen) : i} öi elg /jtiXri rov ^qiov ÖusvoiAJi ör^, ijnn c&g
iv xd ndvxa ^ 6frt iS hdq ye xal elg Sv * ÖTteg 61 fjth xöqov xal XQV^ß^'
aiivfiv ixdXeacof, ol 6* ixm^Qcoaiv xal öiaxöafAT^aiv. Aber es fragt
sich eben, ob die Stoiker mit ihrer Deutung recht hatten.
— 165 —
xTJaect)^ xwv dixov alxiov* xaXel dk avrd XQ^<^f^oavvrjv xal xöqov'
XQrjOfjtocfövri di iariv ?} duvcöa/jiriai^ xcaa'öxdv, fj dk ixTvöqmai^
xÖQo^. Tidvxa ydQt q^rjal, x6 nvq ineXOov XQivei xal xaxcdTJyfexoL
Und worauf sollte sich auch das yoQ in diesem Satze be-
ziehen als auf ixTtvQcoat^? Dazu kommt aber, was die Haupt-
sache ist, daß der Begriff der xgiai^ als des Weltgerichts,
verbunden mit der Vorstelltmg des richtenden Feuers, doch
gar zu bedenkHch nah an christUche Lehren streift, als
daß man ihn ohne Verdacht als Herakütisch hingehen lassen
dürfte, zumal die Sprache, ausgenommen vielleicht dasVerbum
xatcdi]y)etaiy auch nicht den geringsten Archaismus oder
Heraklitismus aufweist; xqiveiv nvd „über jemanden rich-
ten" (nicht jt€Q( rivo^ und nicht mit dem Objekt der Sache
wie dlxr]v xglveiv) ist überhaupt erst spät, vom jüngsten
Gericht verstanden durchaus christlich: xgiveiv C^ovra^ xal
vexQ(y6^ 2. Timoth. 4, 1, ti)v olxov[xivriv Act. 17, 31, xöv
xöa/jiov Römer 3, 6, ebenso htiqxofmi vom jüngsten Tage:
and (pößov xal nqoodoxla^ xwv inegxo/xivcDV xfj olxovfjiivji
Lukas, 21, 26. xXaAaaxe öXoX'öCovxe^ inl xal$ xaXautcoQiai^ vjbubv
xaXg ^nsQxofihaui Jacobus 5, 1. Aber nun klammert man sich
um so fester an das xaxakrf^)exm, vergleicht es mit dem Fr. 28 :
dixri xatah^iperai tpevdoyif xixrova^ xal /juiqxvqoj^, sowie mit
dem Sprachgebrauche des Antiphon, nach dem xaxalafxßd-
veiv als das Gegenteil von &TcoX'6eiv und d(piivai und als Aktiv zu
dX&vai einen Terminus der alten Gerichtssprache bedeute^.
Aber mögen wir es hier mit „schuldig sprechen", „verur-
teilen", übersetzen, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß
der Begriff des Urteils oder der Schuld in der eigentlichen
und bei Antiphon sehr klar empfundenen Wortbedeutung
nicht enthalten ist; mit xaxayiyymaxeiv, xaxaxgiveiv, xarafioQ-
xvgelv, xaxatpri<p(C£aOcu hat dieses xaxaXa/jißdveiv nichts gemein,
es heißt „ergreifen", „festnehmen", wie djtoXveiv freigeben
und lösen heißt, und ist entstanden aus derselben Vorstellung,
für die der Kläger der Verfolger, der Angeklagte der Fliehende
1 Vgl. Wilamowitz Hippoljrtos S. 237*; Dittenberger Hermes
XXXn S. 34.
— 166 —
ist^. Dieselbe Vorstellung erklärt es auch, weshalb ursprünglich
als Subjekt der Kläger, nicht der Richter auftritt; so bei Anti-
phon Tetr. 3, 4, 9: rövxe yäg ÖKoxovra ov dlxcuov «araAa^/Jd-
veiv, fxii aa^oj^ diSd^avra öxt ädüceixai' x6v xe (ps'öyovxa ävoaiov
aXa>vai, fxii (pavegw^ iXeyjfiivxa ä iTiixaXeixaiy und ebenso in den
Urkunden, d. h. den Inschrüften: aus Teos (523 b 56 Ditten-
berger) 6 de äXiaxofiBvo^ ixxivexco ömXdaiov,.. xo de ijfuav
xov xaxaXaßövxo^ ioxca; aus Olbia Anfang 4. Jahrh., Ditt.
546, 20: TtQa^ovxat ök xo^ nagä xo \priq>iafjiA xi naQavofjmxa^
61 äv xriv (hvrjv nqlcDvxai xcbv Ttagavo/Lii^adncov dixrji xatcdaßovxe^.
„Verurteilen" heißt xaxala/jLßdveiv streng genommen über-
haupt nicht, grob genommen erst in übertragener und sehr
* Antiph. Tetr. 1, 2, 10: dnoXveaOai öi %^(p* i^fiwv, ei xal
etx&ccDQ /Jiiv SvxwQ öi fiii änisaewa xdv ävöga, noX'ö fwXkov (^ 9«ara-
Xafjbßdveadcu) ölxaiög elfu; .iy(o xe ydg ipaveqdv Sn juieydXa döixo'ö/jLevog
ilfivvofirf» — o^ yd.Q dv ebc&tcog idÖMOW änoKtuvai adx6v -r-
to'ög xe äjioKielvaifXOQ xal od rovg aixlav ixovxag dnoKtelveiv 6q66^
äv HaxaXa/jtßdvoire. 1, 4, 4: dim 6* dfWjQ dnoX'öoavxdq f4s
fiaxaglöcu fjboXkov rj icaxaXaßövxag iXefjacu. 1, 4, 11: xdv dvalxujv xaxa-
Xaßövxag xdv dhuyv dq>eivai, 2, 3, 11: xaxaXaßdvxeg fiev ydga'öxdv. . .^
dnoXvaavreg öi dnahtoi xaSlataaSe, 2, 4, 9: odx oi^ idv dnoX'öarfxe
flfjudg, dXk* idv xataXdßi]T6 ivBi^fjuov i^noXelipexe. 3, 2, 8: 'ö/iäg öi XQ^
xd 'ö/jiixeQOv axonovvxag dnoXvaaC /le ßäXXov ij xaxaXaßeiv ßo'öXeaSai *
dö(xwg fiiv ydg d7toXvde(g. , jubij SgOwg öi xaxaXrigfOelg 'öq>* '^ja&v, «
4, 3, 7: (ydö* oik(o ölxcuog t5^' vpL&p xaxaXapLßdveadal itni, 4, 3, 9:
el öi xig xoiviiv fxiv xifv JigäSiv, xoiv^ öi riyv dxvxtav avx&v ^yoiifjtevog
elvcu /zrjöiv dnoX^aifjLov /idXXjov i) xaxaXi^tpijuLOv ix xcop Xeyo/Jtivwv
yiyvdtaxei a^dp &na, xal aöxcog dnoX'öeiv /jLoXXov rj xaxaXaßßdveiv
ölxaidg iaxi, Subjekt in allen diesen Sätzen sind die Richter; inso-
fern diese im Namen des Gesetzes Recht sprechen, kann auch der
vdfMg deren Stellvertreter sein, wie man auch sagt: t5^6 xov vö/mv
dnoX'öexai. 2, 4, 9: <5 v6fju>g dnoXi5mv tj/Mig xfjg aixktg xdv djioxvelvavxa
xaxaXa/ißdvei, 3, 3, 2: xdv ydg ägiavxa xfjg nXrjy^g xovxov dhujv xwv
jtQaxBivzcov yevö/ievov xaxaXa/ißdveadat 'ÖTzd xov vö/wv. 2, 3, 7: xd
noQdnav öi doyot^fievog fiii djtoxxelvm aöxdv o^' t^^rö xov vd/wv »ara-
XafjbßdveaBai (prjaiv, ög dnayoge'öet firße öixcUcog fAi^e dd(HQ}g djtoxrelveiv.
Man kann freilich angesichts der anderen Stellen bei den letzten
beiden Sätzen schwanken, ob der vd/iog nicht auch als der Klager
vorgestellt seiu könne; wie es scheint, ist auch der Kläger, der Ver-
folger, als Subjekt gedacht in 1, 4, 10: odx idv dno(pf5yo> aöx iaiiv
i( <Jw iXeyxO^oovxai ol xaxovgyovvteg, dXX' idv 9eaX'aXfiq>B(bf o^/jUa
dnoXoyia xoXg Öioyxofiivotg dQXovad iaxiv.
^ 167 —
abgeleiteter Bedeutung. Aber was soll man sagen zu dem
Satze: navta yäg ro tzvq ineiBov XQivel xal xaxdkrixpsxai}
Gesetzt, dies alles wäre Heraklitiscli: soll man glauben, daß
ein Sprachgenie wie Heraklit die Bildlichkeit und Kraft des
Wortes xaxaXijyjezai so ganz und gar verwischen und über-
tünchen, ja bis zur Unkenntlichkeit hätte entstellen
köimen? Welcher Gedanke! Das Feuer, als Richter oder
Kläger gedacht, soll verfolgen und ergreifen! Wen ergreifen ?
^ndvral Doch des Rätsels Lösung läßt nicht auf sich warten,
sobald man nur, anstatt mit Worten und Zufälligkeiten der
einzelnen Autoren sich herumzuschlagen, nach der Über-
lieferung als einem Ganzen fragt, oder, um mit Lachmann zu
reden, sobald man nur die recensio vor die emendatio stellt.
Wenn alles dafür spricht, daß tivq, xqivbI und ndvxa Inter-
pretationen sind, so bleibt als sicher Heraklitisch einzig
xaxaXifirpexcu. Nun trifft es sich, daß noch ein zweiter Zeuge
gleichfalls aus demselben Worte auf die Lehre von der Welt-
verbrennung schließt, Clemens in den Stromata V cap. 1, 7:
dia xoiko xal 6 änöatoXoc nagaxcdei, 'Iva fi nlaxi^ r^fjmv [Mq
fj iv aoiplq. ävOQd)7tQ)v rcov neideiv iTzayyeXXo/Lihcov, 'a}X iv dwa-
fxei deov ' rfj fiovji xal ävev r&v dnodei^etov dia \pikf\^ rrj^ Ttlareco^
acbCetv dvva/iivfj. 'doxiovta yäg 6 doxifjudnaxatoc yivcoaxei (pv-
Xdaaei' xal fxivxoi xal^ 'dixrj xarakijtperai tpevöcov xixrova^
xal fjidQxvga^' (Fr. 28) 6 ^Eq)iai6^ (priotv* oldev yäg xal o'öxo^
ix xf\C ßaqßdqov <pdoao(pia^ /buxOobv- xtjv dua tzvqo^ xädagaiv
x&v xaxa>c ßsßuoxöxcov, ijv vaxegov ixjz'ögcoatv ixdkeaav ol Zxcoi-
xo(' xaß' 8v xal xov idico^ Ttoiov dvaaxijaeadai doyjuiaxlCovai, xom
ixelvo xTjv dvdaxaaiv negthtovxei^. Wie Clemens oder vielmehr
schon sein stoischer Gewährsmann die dlxt} auf das Weltfeuer
deutet, so sind auch bei Hippolytos die Worte ndvxa xo nvg
iTieXOdv xgivel nur Interpretation des Textes dlxfj xaxa-
lijipexai. Ein dritter Zeuge für dieselbe stoische Exegese ist
Themistios Paraphr. Arist., S. 231, 8 Spengel: majteg 'Hgd-
* Die, Worte xal fiivtoi 9<al gehöreu doch wohl dem Clemens selber,
nicht dem Heraklit; Clemens sieht in dem ersten Satze einen Hinweis
auf die aog>Ui dvOgcmcov x&v Jteidetv öwa/jLivcov, in dem zweiten einen
Hinweis auf das Weltgericht. (Nach einer Mitteilung Brinkmanns.)
— 168 —
xXecto^ t6 TtvQ olexm jliövov aroixelov xal ix toikcov yeyovivcu ro
Tzäv. ivxevOev yoQ i^fjiä^ xal deidittetai, avfjupXey^aeadai noxe.
x6 Ttäv dnefX&Vy iTtetd^ dtaXvdi^aexcu el^ tovro, ii oi xal yiyovev.
Auch hier dürfen als Überüeferung nur die Worte gelten
i^jbiäs ^^^ deidlrretai, und diese wollen wiederum nur das
28. Fragment, dasselbe, das bei Clemens überliefert ist, um-
schreiben. Als Tatsache der Überlieferung bleibt nur die
Androhung des künftigen Gerichts: der dixt] nach dem Aus-
druck HerakHts, des Feuers nach der Auffassung der Stoiker
und Christen^. Die Zahl der Belege für die Heraklitische
ixTvÖQcoai^ ist ohnedies im Altertum beschränkt gewesen; es
sind dieselben wenigen Fragmente, die als Unterlage der
antiken Erklärungen beständig wiederkehren. Daß Hip-
polytos einen Beweis beibrächte, der sich sonst nicht wieder-
. fände, ist an sich schon wenig glaublich; und da sich das
xaxaXijipezai in Fr. 66 und in Fr. 28 nun als dasselbe darstellt,
so fällt aller Grund in Zukunft fort, das erste als besonderes
Fragment zu führen.
Scheidet aber diese Stelle aus der Zahl der Heraklitfrag-
mente aus, so fällt damit der einzige Halt, die einzige wirk-
lich sichere Gewähr dafür, daß Heraklit dem stoischen Dogma
von der Weltverbrennung angehangen habe. Ich weiß wohl,
was ich damit behaupte, weiß auch wohl, daß man mir
Aristoteles entgegenhalten wird. Aber ich kaim kein Hehl
mehr daraus machen, daß ich es für einen schweren und ver-
hängnisvollen Fehler der Zellerschen Philosophiegeschichte,
in dieser wie in so vielen anderen Fragen, halte, daß sie es
vorzog, sich die Wahrheit, formuliert und fertig, aus den
Angaben des Aristoteles zu holen, statt sie aus den Frag-
menten selbst durch unbefangene Interpretation heraus-
zuarbeiten. Aristoteles war durchaus Philosoph und stand
als solcher allen älteren Philosophen durchaus anders
^ Auch in Fr. 14 trägt Clemens das Weltfeuer hinein (Protr. 22) :
riai &fi /iovieiktm *HQdxXBnog 6 *E<piaioQ; vvHxm6kiHq, /Jf^yotQ» ß<bex^*
XdjpcuQ, fjL'6atmQ * lotHrofC djiedei tä pietä Bdvcnov, TotHroi; /juxnefktm td
nvQ. xä yäq vo/u^ö/meva xax' dvdQ(&7tovg fivanjgux dnegcoad ßvevvtcu.
Vermutlich standen beide Fropheseiungen bei Heraklit zusammen.
— 169 —
gegenüber als der Philologe oder Historiker; in seinen Augen
gingen die vorsokratischen Philosophien sämtlich auf in
einem einzigen, wohl organisierten, einheitlichen Reiche,
das es seiner eigenen, alles überwältigenden Spekulation
nicht weniger zu unterwerfen galt, als etwa die Naturgeschichte
oder PoHtik; sie waren in seinen Augen nur der Stoff, der
seine Form erst durch die Einsichten erhielt, die sich ihm
selber aufgeschlossen hatten, andererseits als ebensolcher
Stoff zugleich ein Mittel, um die eigenen Fragestellungen und
Lösui^en auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Fast überall, wo
uns noch heute größere Massen von Fragmenten vorliegen,
sind wir vor die Notwendigkeit gestellt, uns über seine Er-
klärungen hinwegzusetzen; sein Fehlgriff in der Beurteilung
der Parmenideischen dö^a ist für sein Verfahren überhaupt
bezeichnend: er uniformiert, er setzt das ihm geläufige OeQ/uöv,
\pvxQ6v für axöro^ und q)d)^, und um in der Angleichtmg
an andere, ihm geläufigere Theorien noch weiter zu gehen,
setzt er wiederum diese beiden Elemente dem Feuer und der
Erde gleich. Um ein Verständnis war es damit ein für allemal
geschehen. Mag er daher auch den Heraklit für einen Physiker
nach Art der anderen Physiker gehalten haben, mag er ihm
noch so sehr, nach Art der andern, eine Weltentstehungs-
und Weltuntergangshypothese beigelegt haben, so erledigt
sich doch damit noch keineswegs für uns die Frage, was die
lyehre HerakUts gewesen ist, zumal die allgemein verbreitete,
antike wie moderne Auffassung, die ihn zum Vater der Fluß-
lehre macht, erwiesenermaßen falsch ist. Und wenn gar erst,
gestützt auf Aristoteles, die Stoiker den HerakHt zu einem
der Ihren machten, so hatten sie beinahe ein gutes Recht
dazu ; war es doch ihr Prinzip, überall sich selbst hineinzuinter-
pretieren. Aber soll' man es für möglich halten, daß selbst
Zeller, ohne Verdacht zu schöpfen, eine Exegese hinnahm,
der zufolge Heraklit zwischen dem ewigen Idlco^ noio^ x6a/io^
und dem vergänglichen xöojbu)^ der dtctKÖa/uTjai^ schulmäßig
wie nur ein orthodoxer Stoiker unterschieden hätte ?^
^ Daß Heraklit den Weltbrand habe lehren wollen, haben von den
älteren Brklärem bekanntlich Schldermadier und Lassalle be-
— 170 —
Clemens Stromata V 104, 1 : aa(pi(naxa 6' 'HgdxXevvo^ 6 Efpi-
aio^, ra&trj^ iari rfj^ do^^, xdv fidv xiva xoofxov äidiov elvai doxifJuA-
aa4 xdv di xiva (pBeiQdfievov xdv xazä xijv duaxdafMqaiv eidd)^ ovx Ixs-
Qov övxa ixeivov jzcoc s^ovxo^' dAX 8xi jbtäv äidiov xdv i^ äjtdarj^ xfj^
ovaia^ Idico^ noiov xöa/btov jjdeiy fpaveqdv noiel kiycov o'Sxo}^' 'xöc-
fiov <x6vde>^ {xdv aöxdv ändvxcDv) oüxe xi^ Oemv oüxe
stritten; von den neueren nur Bumet. Aber Bumet irrt, wenn er
die Theorie des Hippokratikers de victu zur Brklänmg Heraklits
verwenden zu dürfen glaubt. Daß die Welt zwischen zwei Maximal-
zustanden ewig hin und herschwanke, größter Wärmeentwicklung
und größter Feuchtigkeit, tmd durch ihren Pendelschlag sich selber
reguliere, findet sich in der Überlieferung über Heraklit mit kdnem
Worte angedeutet.
1 TövSe fehlt bei Clemens, steht dagegen bei Plutarch de anima c. 5 :
'xöofwv TÖvöe*, qyyjalv ' Hgoxleirog, 'o'örs rig Oewv oihe dvßQdmojv inoiticev*
wie bei Simplidus de cado S. 294 Hdberg : 9ccd ' HgöxXßixog öi 6«' alviy/i&v
rijv iavxov aoq)lav ixq)iQO)v aö zavra, SbieQ doxei xots no^lq, ai]/Kdvei •
6 yovv ixelva ehtcbv ytegl yeviaecDg, cog öoxei, xov xöafwv (vorausgeht die
auf S. 138 Anm. angeführte Stelle: man sieht, Simplidus mißtraut
dem Theophrast) 9«ü rdSe yiygaqje • 'xöa/wp xövöe oike xiq Bs&v oihe
ävBQdmcov ijioiriaev, d}X ^ äeC, TiXiiv dri 6 *AliSavÖQog ßovXö/ASVog xdv
' HqoxXbixov yevrjfiov xal q>daQxdv kiyew xdv x6a/wv äXk(og dxoi5ei xov
xöofwv vvv. 'oö ydg fiaxo/uva, fpr)al, Hyet d>g ä» x(p Ö6((U • xöd/juiv yoQ,
q>r}a(v, ivxavda ofö xi^e Xiyei x^ diax6a/ir}aiv, d^d xadöXov xd övxa xod
xijv xovxiov öidtaiiv, xa&* ijv eig ixätegov iv /ligei ^ /lexaßoXij xov Ttavxög,
noxi fxh elg nvQ, Tioxi öi elg xov xoiövöe xöafiov. ?J ydg xotoörrj xoikoyv
iv fjUgei' fAsraßoXij xai 6 xoioikog xöa/wg odx rJQ(ax6 Jioxe, dJX* i^v del*
Man darf dieser Kontroverse mit Sicherheit entnehmen, daß weder
Simplidus noch Alexander den Zusatz xdv wöxdv dndvxcov kannte.
Ebensowenig kannte ihn Plutarch. - Wenn aber zwd oder gar drei
von einander unabhängige Zeugen gegen einen vierten stehen, so
müßte ein sdtsamer Zufall walten, sollte die Wahrheit nicht auf
ihrer Sdte sein. KonziHatorische Kritik ist schwerlich hier am Platz.
Die Frage ist vielmehr : wie erklärt sich die Variante xdv aindv djidv-
xoyv ? Wie mir scheint, sehr einfach : sie weist' auf die vorangehenden
Worte xdv ii djrdarig xrig aöolag idlmg noidv x6a/wv und bezeichnet die
Weltordnung, die ein imd diesdbe ist für alle xoafwi, zum Unter-
schiede von dem Kosmos der öiaxoüfArioig, Mit dem Gedanken des
Fragmentes selber steht sie in keinerld Zusammenhang, erst von
der stoischen Fragestellung aus wird sie verständlich. So definiert
z. B. Arius Didymus bd Euseb. praep. evang. XV 16 (Dids Doxogr.
S. 464) : SJißv xdv x6ofM>v a'dv xoig iavxov /jidgeai 7tQoaayoQei5ovai deöv *
— 171 —
ävdgmTtcov iTtoirjaev, äkk^'^v äel xai iaxiv xal Sarai'
TtvQ äelCcoov, aTtxofievov fjbixqa xal änoaßEvvifjLEvov
fiixqd (Fr. 30). &xi di xal yevrjxdv xal q>6aQxdv avxov elvai
idoy/bidxiCev, fjLrjvdei xä htupeQd^JLSva' ^nvqo^ xqonal nqojxov
ddXaaaa, dakdaatj^ di xo (xer ij/ziav yfi, x6 de i]fjbiav Ttqtja'
xriq (Fr. 31). dwä/üiei yäq Xiyei, 8xi nvq ino xod diotHovvxo^
Xoyov Tcal Oeov xä avfjmavxa dt äiqo^ xqdTisxcu elg vyqov xo d)^
öTtiqfjua xfj^ duvcoa/jiijaea)^, S xaXet ddXaaaav' ex 6^ xovxov ad-
614 yivexai y^ xal ovqavo^ xal xä ifjmeqiexo^va' öno)^ de ndkiv
ävcdafißdverai xal exjtvqovxaiy aaq)(b^ ötä xovxcov dtjXor ^Oälaaaa
öiaxiexai xal fzexqiexaiei^ xov aixdv Xoyov oxolo^ nqoa-
dev ffp il yevdadai yfj.^ojj^ico^ xalneqlxdyväXlcov crcoix^lcovxäaixd.
TtaqajtXijaux xovxq) xal oi iXkoyifJuHnaxoi X(6v Zxcmxoov öoyfMxxlCovai
Tteql xe ixjivqcoaeco^ öudafißdvovte^ xal xöa/Liov diotXTJaeco^ xal xov
Idiü)^ Jtoiov xoafiov xe xal ävdqcoTtov xal xfj^ xcov i^fxexeqcov y)VX(ov
imbvafjLovfj^. Die säuberliche Trennung, in der hier Text und
Interpretation geboten werden, gibt uns die Möglichkeit,
die Auffassung der Stoiker und ihres Vorgängers Aristo-
teles auch heute noch zu prüfen. Denn auch Aristoteles zog
seine Schlüsse aus denselben Worten, auf denen der Stoiker bei
Clemens seine Erklärung aufbaut. Es ist eine Tatsache von
größter Wichtigkeit, daß Theophrast beim Ausarbeiten der
Entwürfe seines Meisters ebenfalls denselben Text zur
Unterlage nahm und offenbar nehmen mußte, um die
Gedanken Heraklits über Entstehung und Untergang der
Welt zur Darstellung zu bringen: Diogenes Laert. IX 7:
Sva elvm xoofjLov (^^xöa/Liov xörde")' yewäoOai xe avxov
xovxov öi ha fiovov elval tpaoi xal TteneQaafihov xal ^^ov xal äiöiov xal
Oeov. iv ydg w^rqt jidvta JieQiixsaOai xä cdifjuna, (aööevdg äjtXcög ixt 6g
avrov 'ÖTidQxofvxoQ : aus Clieomedes c. 1 statt des sinnlosen xevöv öi firfiiv
lüTtdQxeiv iv a^dr^} . rd yäq ix ndcfr)g xf\g aöaiag noidv nqoaayoqe'öeaBai
<de6v, od suppl. Arnim Stoicor. vet. fragm. II S. 169> xd xaxä xijy
ötaxöajuiriaiv xijfv toiaihrfv öidxaSiv ixov. Demnach haben wir in den
Worten xov a'öx&v ändvxow eine stoische Erklärung zu erblicken, bei-
gefügt, um die venneintliche Zweideutigkeit des Ausdrucks xöa/Mv
xtSvde zu beseitigen. Übrigens würde ein solcher Zusatz auch der
archaischen Wortbedeutung, wie sie sich uns später ergeben wird
widersprechen.
— 172 —
•
ix TtVQÖ^ xal naXiv ixTivQovaOai xaxd nva^ tzbqMov^ ivaXXaS
rov avfjmavta aubva (—'dAA' ijfv ael xal iaxi xal Sarai' nvg
äei^coov, änxöfievov fxixqa xalänoaßevvöfJLevov fjiixQa)^.
xovxo de yiveadai xaff eljbuxQ/jiivi^v' xd}v de ivavtiwv xo fjih htl
xfjv yheaiv äyov TcaXeladai TCÖXe/JLOV xal iqiv (=^*eldivai di XQ"^
xdv TtöXe/Liov iövxa fvvrfr, xal dixrjv iqiv, xal yivö/meva nivxa
xax' iqiv xal xQed>fjLeva [xQecov? Diels] Fr. 80), xo 6' inl
xijv ixTt'ÖQCoacv o/wXoyiav xal elqijvrjv, xal xijv fiexaßoXijfv oöov
ävo) xaxü) {=606^ ävco xdxo) fxla xal (hvxij Fr. 60), x6v xe
x6afiov yiveadai xox axnr\v (dies ist Interpretation), tvox-
voiijbievov yäg xo nvQ i^vygaiveadai avvunafxevöv xe ylveaOax
"ödcoQy Tzrjyvv/jievov di xo üöwq el^ yfjv xgijteadai {=7tv qo^
xQOTtal TtQOJXov OdXaaaa, BaXdaari^ di xo fiev ijfjiiav
y^^) ' xal xa'&trjv odov inl xo x6x(o elvai (auch dies ist
Interpretation). ndXiv xe a5 xijv yrjv xelaBaiy iS ^c xo iSdcoQ
yiveadai (= ^OdXaaaa diaxiexai xal (xexqiexai el^ xdv
avxov Xöyov, oxoio^ nqoaOev ijv ij yeviadai yff), ix de
xo'&tov xd Xotndy axedov ndvxa (seil, xd o'öqdvui) inl xiiv dva-
Ovjbilaaiv dvdycDv ri)v ojtd xfj^ OaXdaarj^ (= 'OaXdaaij^.. xd öi
rifjLiav nQTjaxiJQy aikrj di iaxiv if inl xd' ävco^ ddo^} Auch
^ Daß Theophrast sich ia der Tat auf dieses und kein anderes
Fragment bezog, beweist Simplidus in Aristot. de cael. S. 294 Heib.
xal 'HedxXenog öi Jtotk fAh ixnvQovaßai Xiyei tdv xöofwv, nori öi ix
rov TtVQÖg; awiaiaadai Ttdhv wöröv xard riva/z xQdvoJv 7ieQi6öovg, iv olg
(prjai * 'fjtiiQa djjptöjiievog xal /xhQa aßew^fjtevog*. Simplidus hat das Zitat
zum Teil erhalten, das bd Diogenes ausgefallen ist. Bdde fußen auf
Theophrast.
* Auch bd Aetius I 3, 11 li^ dersdbe Grundtext vor: 'Hgöxlei-
rog xal "Injiaaog 6 MerajiovTivog dgx^ rwv dndvrojv r6 nvg * ix
nvQÖg ydg rä ndvra yivecBai xal elg nvQ Ttövra reXevrav Xiyovai,
roikov öi xaraaßevw/iivov xoöfionoteiaBai rä Tidvra * JtQ^orov fjtiv yäg
t6 JiaxvfJLßqiataxw aföxov dg a6r6 avoreXXdfievw y^ yivevai, ineira dpa-
XaXcD/jLevipf r^v yrjv 'önd rov nvqdg tpiiaei i^Q>Q dnoreXeiadai, övaBvfudy-
fAcvov öi äiga yiveadai. juihv öi rdv xöafwv xal rd a(&fiara Jidvra 'önd
rov JtvQÖg ävaXovaBai iv rff ixnvQ(&aei, Vergldcht man bdde Berichte,
so läßt sich gut beobaditen, wie die Unterschddimg zwischen Text
imd Interpretation allmählidi sich immer mehr verwischt hat. Der
originale Theophrast wird wieder eüi Stück genauer gewesen sein, als
der Auszug, den Diogenes bietet; audi was Qemens an Bdegen an-
führt, wird im Origitiale nidit gefdilt haben.
— 173 —
Theophrast verhehlt nicht, daß man die Worte Heraklits
erst deuten müsse, um mit ihnen etwas anzufangen; und
seine Interpretationsmethode, äußerlich getrennte Aphoris-
men inhaltHch einander gleichzusetzen, um so unter den ver-
schiedenen Hüllen den gemeinsamen Gedanken zu entdecken,
läßt zum mindesten das Eine klar erkennen, daß eine voll-
ständige, ausgeführte Kosmogonie im ganzen Buche des
HerakUt nicht vorkam. Die Deutung Theophrasts stützt sich
hauptsächlich, um von Neben- und Seitenstützen abzu-
sehen, auf zwei Textstellen, das Wort von der ödo^ ävco xdtco
und dasselbe Fragment, das uns durch Clemens überliefert ist.
Zu diesen Stellen hat ein späterer Stoiker, vermutlich Posi-
donius, dem daran noch nicht genug war, eine dritte hinzu-
gefügt, die Worte über den x6qo^ und die xon^f^^'*^ \ über-
liefert ist uns seine Deutung bei Hippolytus und Philo de
anim. sacrif. II, S. 442 Mang. : 'fj dk el^ fdXri xov C4>ov öuxvojLiii dtj-
Xoi, fpcoi c&C h rd ndvxri ^ 8xi ü evo^ re xal el^ Sv' Stisq ol fxh xd-
Qov xal xjgriaiwaivriv bcäleoavy oi d* ixTvÖQoxjiv xal duvc6a/jii]aiv.
Ebenso viel und ebenso wenig hat es endlich zu bedjeuten, wenn
die Stoiker auch noch in einer rätselhaften Prophezeiung
eine Stütze für ihre Auffassung zu finden glaubten und die
Christen, Clemens und Hippolytus, wiederum den stoischen
Weltbrand in das jüngste Gericht umdeuteten. All diese Ver-
suche beweisen schon durch ihre Zahl das gerade Gegenteil
von dem, was sie beweisen sollen. Nur aus dem Fehlen einer
wirklichen Kosmogonie erklärt sich die behutsame Be-
merkung des Theophrast am Anfang seines Berichtes : xal
xä ijtl fiiqov^ &k airti^ (W ixei x&v doyfjuixcov * tzvq elvai axot-
Xeiov xal tzvqö^ ä/jLOißrjv xä ndvxay oQaubaei xal nvxvioaei yi-
vöfieva' aa<pa>^ 6k ovdev ixxldexau Nur bei dem Fehlen
einer Kosmogonie konnte eine Auffassung laut werden, wie
die bei Aetius (Doxogr. 331): 'HqdxXevto^ ov xaxä xQ^'*'ov
elvai yerrpcöv xov xöa/jiov, dXka xax* inlvouav. Und wie hätte
auch anders Piaton im Sophistes die Unwandelbarkeit
und Ewigkeit des Heraklitischen Kosmos dem perio-
dischen Wechsel des Empedokleischen entgegensetzen
können ?
— 174 —
Um die bei Clemens überlieferten Fragmente zu ver-
stehen, muß man vor allen Dingen wissen, welcher Sinn dem
Worte xöajüu)^ in der älteren Sprache zukommt. Melissos
Fr. 7: äXX* o'öSk /LLeraxoaiLiridfjvai äwcfxdv (rd 8v)' 6 yäq HÖOfio^
6 TtQÖaOev icbv ovh äjiöXXvrai oihe 6 fiii ithv ylveroL Es be-
darf keines Worts, daß x6a/w^ hier weder die Welt noch
ihren „Bau" bedeutet, sondern einen bestimmten Zustand,
eine Phase dieser Welt im Gegensatz zu anderen x6a/iot,
anderen Phasen, vergangenen oder zukünftigen. Diogenes
von Apollonia Fr. 2: el yäg xä iv xa>de reo höo/j^ iövra vvv,
yf\ xal üdcoQ xal di)ß xal nvq xai rä äXXa 8aa (patvexai iv tä-
de T(p xöa/bUü iövra, el w&ccov ri "/jv Sregov xov ixiQov . . .
Auch hier ist x6a/ju)^ zeitlich zu verstehen, als Ausdruck für
die gegenwärtige Weltordnung, zum Unterschiede von dem
Urzustand, wo Wasser, Erde und Luft noch ungeschieden
eine gleichförmige, dünne Masse bildeten. Damit stimmt
wiederum Parmenides überein. Fr. 2 : oi yäg änoxfiij^ei xd idv
xov iövxo^ ix^cfOai oike axvbvdfxsvov JtdvTf) ndvxo)^ xaxä xöa/wv
ovxe avviaxdjbievov, denn auch hier wird zwischen zwei kos-
mischen Perioden unterschieden, der unendlichen Zerstreuung
der Materie und ihrer Zusammenziehung und Weltwerdung.
Empedokles Fr. 26: äXXoxe [xiv Odöxrixi avvegxd/jtev ei^ iva
xdafiov, äXXoxe 6* aö 01% Ixaaxa q)oqEvixsva Nelxeoc ijfieu Der
bU xöofjLo^, der Zustand der vollkommenen Einheit, gleichbe-
deutend mit dem aq^aigo^ xvxXoxegijiy tritt der getrennten Er-
scheinungsform der Elemente gegenüber, die in der gegenwär-
tigen Weltgestalt die Herrschaft hat. So hat auch Anaxagoras
zwischen der Welt als einer einheitlichen und vielfältigen Ord-
nung unterschieden. Fr. 8: ov xexd>gujxai dMijXcov xä iv xm hl
xöa/tup ovdi änoxixoTtxai neXixei ovxe xd Oegfxov and xov ywxgov
oihe xd ywxgov änd xov Osgfwv. Auch hier ist 6 el^ xöc/wc;
im Gegensatz gedacht zu einem anderen xöcfw^, kurz das
Wort hat keine dingliche, selbständige Bedeutung, sondern
steht bezogen tmd bedeutet einen Zustand, wie auch tp'öai^
ursprüngHch die natürliche Beschaffenheit, sei es des Men-
schen, sei es der ganzen Welt ausdrückte tmd verhältnis-
mäßig spät erst sich von diesen Beziehungen gelöst und zum
— 175 —
Begriffe , Jf atur" verallgemeinert hat^. Dieselbe Grundbedeu-
tung für xdafwc ist auch aus den Bildui^en öidxoafioc und dta-
xoa/ieiv zu folgern — jede Ableitung, die diesen Zusammen-
hängen gegenüber versagt, spricht sich selbst das Urteil. Aid-
xoafAo^ kann nur die Entwicklung sein, durch die die verschie-
denen xöüfioi auseinander hervorgehen. Auch dies Wort ist
altbezeugt : Pannen. Fr. 8, 60 : röv aoi iyd) dtdxoofiov iotxöta
ndvxa (patlCco; dazu die Titel der Schriften des lycukipp
und Demokrit: Miya^ öidxoofio^, Mtxgo^ dv&xoofjux^. Dasselbe
gilt für duixoafjLeiv: Anaxagoras Fr. 12: xal önola ifieXkev ioe-
aOai xal onola fjv, äaaa vvv /jiij San, xal önola San, ndvxa
diexöafjLTjae vov^, xal rijv neQixiOQrjaiv xaAxriv, fjv vvv neqixoy
giei xd xe äaxqa xal 6 ijXio^ xal i^ aeXijvri xal 6 äi)g xai 6
aldiiQ oi anoxqivöfxevoL Ich muß nach alldem für wahrschein-
lich halten, daß in dem Berichte des Theophrast über die Kos-
mogonie des Anaximander der ursprüngliche Wortlaut wie
aus anderen Wendungen so auch noch aus dieser hervorblickt,
wo es heißt (Fr. 9): q)'6aiv äneigov, i^ ^g" änavxac; ylveadai
xoif^ oiqavoi)^ xal xoi)^ iv axfxol^ xöafwv^; denn verschiedene
xöa/bioi innerhalb desselben Himmels ist für spätere griechi-
sche Begriffe ein Unding (eher schon innerhalb desselben
xdofjLo^ die verschiedenen ovQavoi). Dagegen erweist sich
als vollkommenes Phantasiestück das angebliche Fragment
des Anaximenes, für dessen späten Ursprung übrigens ein
jedes Wort und nicht zuletzt auch der Gedanke selber spricht
(bei Aetius, S. 278 Diels) : olov ^ y^XH, <prialv, yj fifiexiQa ä^Q
oiaa avyxQoxel i^fiä^, xal 8Xov xov xöafwv nvevfia xal aiiq negiixsi.
Und was für Schlüsse und Luftschlösser hat man nicht auf
dieser Vermutung eines Doxographen aufgebaut!
Um zu Heraklit zurückzukehren, so muß jetzt einleuchten,
daß xöa/jov xövöe nicht die Weltordnung, die uns umgibt
imd ims vor Augen liegt, bedeuten kann, sondern nur die Welt
* Bbenso stellt Heraklit dem elg xal xoivdg x6afioq der Wachen-
den den Uuoq xöafAog der Schlafenden gegenüber, Fr. 89; auch hier
bedeutet xöa/jtos nicht die Welt, sondern den Zustand der Zertren-
nimg oder Einigung; Heraklit setzt schon den Sprachgebrauch des
Anaxagoras voraus. Über den Sinn vgl. S. 216 Anm.
— 176 —
in ihrer gegenwärtigen Gestalt zum Unterschied von anderen
denkbaren Gestaltungen. Und diese gegenwärtige Gestalt des
AUs, die hat nach Heraklit weder Gott noch Mensch, d.h. kein
wie auch immer geartetes Wesen^, geschaffen, sondern sie be-
stand allzeit und besteht und wird bestehen : ewig lebendiges
Feuer, nach Maßen erglimmend und nach Maßen verlöschend' :
das heißt, die Welt kann weder ganz in Feuer untergehen noch
ganz zu Wasser und Erde werden, ihr Entflammen und Ver-
löschen ist an ein bestimmtes Maß gebunden, es ist propor-
tional: was sich in ihr entzündet, ist nicht mehr als was in
ihr verlöscht, durch ihren Wechsel hält sie sich im Gleich-
gewicht. Der gang und gäben Auffassung zufolge müßte
äm^jbtevov fihga nal änoaßewii/jsvov fihga heißen, daß eine
jede Weltperiode, von der ixTfÖQCDai^ bis zu der duxxöofjLi^ai^
gemessen, dieselbe Zeit brauche, dieselbe Entwicklung dar-
^ Über die polare Ausdrucksweise vgl. Wflamowitz Kommeutar
zum Herakles v. 1106 u. S. 298.
* Die Worte ijv te xal iazi xal Satcu formelhaft, ein Ausdruck
für die UnveränderHchkeit; ebenso bei Anaxagoras Fr. 48 (Philodem
de piet. p. 66 G.), wo trotz der indirekten Rede das archaische Kolorit
noch durchschimmert: [6e]dv yeyovivm xe xal elvm xal iaeaßm xal TtdvTwv
ägx&v xal XQaxehf. Ursprünglich mag gestanden haben: vovq ^ä ijv
TB xal icti xal iatai xal ndvxwv äqxei xal x^atü. Der Nus bleibt ewig
derselbe, während die anderen Dinge alle sich verändern; darum
ist er auch sich selbst in allen seinen Teilen gleich, während die
andern Dinge alle ungleich sind. Fr. 12: vovq öi jwfe 8pu)i6Q imi
xal 6 /jielCcov xal 6 iMrtcov * heQov öi adöh imw 8pu)u>v o^evL Ähnlich
steht dieselbe Formel bei Anaxagoras Fr. 12: xcd djioia ijuteUev itte-
aOat xal ÖJtota ijv, äaaa vvv /xij Sari, xal önoia iati, ndna duHÖüfjoriae
vovg, Bbenso Melissos Fr. 2 : Sie xolwv o^ iyivexo, iati xe xal diu ijp xal
dsl iazcu. In all solchen Verbindungen dient dvai nie als Copula, sondern
bedeutet Dasein imd Bestehen. Folglich kann der Sinn des HerakUt-
fragments nur sein : die Welt ist nicht geworden, sondern ewig. Der
Zusatz nvQ ddCcoov ist aufzufassen als erklärende Apposition, nach
einer Konstruktion, die sich bei Heraklit als besondere Kunstform
ausgebildet findet; vgl. Fr. 51: od (wiäaiv 8x(oq öiaipeQÖfievov imvx^
öfwXoydei ' TzaXivxovog dqfAOvlri Sxcdojuq xöSov xal Xi5Qr]g. Wie hier das
TtaUvxwoQ (oder jujlUvx^ojwq) aus dem Voraufg^angenen den B^riff
des Widerstreits wieder aufnimmt, so das äelCox)v den der Ewigkeit.
Faßt man dag^en tivq delCcoov als Prädikat, so hat man nichts als
leere Häufungen und einen Satz, der ohne Kola wäre.
— 177 —
stelle wie alle übrigen. Aber um das zu lehren, bedurfte
es niclit 6rst eines Heraklit, das war der Gedanke des
öidxoafwc von Anbeginn, wie ihn die alten Milesier längst
gelehrt hatten. Und wie sollte auch ein solcher Sinn in
solchen Worten stecken ? Mhqa muß vielmehr die Quantität
der durch Verbrennui^ und Verlöschen umgesetzten Stoff-
masse bedeuten, da auch [isxqeIxcu kurz danach in diesem Sinne
steht: ddXaaaa duixiexai oial /xergietai sie xov airtdv Xöyov,
öxolo^ nqoaOev ijfv fl yevdaOou yrj. Wenn das Feuer sich zu
Meer, das Meer zur Hälfte in Erde, zur Hälfte in Glut-
hauch sich verwandelt, so sollte man glauben, daß am Ende
von dem also verwandelten Meere nichts mehr übrig büebe,
aber nein, dasselbe Feuer, das zu Erde wurde, 2^rfUeßt auch
wieder als Meer und nimmt dasselbe Maß, denselben Raum
ein, den es eingenommen hatte, ehe es Erde wurde. Anders aus-
gedrückt : das Maß des Meeres bleibt dasselbe, während der
Stoff fortwährend wechselt: noxafwlc roi^ avrol^ ifißcuvofjiiv re
xal ovH ifißatvo/btev (Fr. 49 a), das Wasser fließt vorüber, aber
der Fluß bleibt stets derselbe: Tiora/Liotai totaiv avroiaiv
ifjißaivovaiv hega xal Sxeqa üdara iTtigget (Fr. 12). Die Sonne ist
mit jedem Tage neu (Fr. 6), und doch wird sie in alle Ewigkeit
ihr Maß nicht überschreiten (Fr. 94) : ifXioc yäq ovx vneqßri'
aeroti fjitqa * ei di fjiij, 'Eqivöe^ /uv Alxrii inlxovqoi iSevqi^aovoiv.
Wie sollte diese Welt in Flammen aufgehen, in der ein Tag ist
wie alle Tage (Fr. 106) : „unus dies par omni est^" ? So sind
auch die nvqd^ xqonat, die Wandltmgen des Feuers, keine ab-
wechselnden Perioden, sondern ein fortwährender Übergang
zwischen den materiellen Gegensätzen, kraft des Gesetzes, das
die Welt, so wie sie jetzt ist, ewig erhält. Das Himmelsfeuer
wird zu Wasser, umgekehrt steigt aus dem Wasser als nqriaxjfiq
die feurige Ausdünstung zum Himmel wieder empor; jedoch
* Wenn Plutarch Camillus 19 schreibt: nsQl d* i^fieg&v änotpqdSoyv
ehe xqh xiBeadalxivaq dxe jülij, ÖQd&g 'Hgcodeitog indnXrjiev *HaM{p rdc fJih .
dyaOäg Tzotovpiivcp, rdc öi (paiiloQ d)g äyvoovvzi q)'6aiv i^/idgag dndarig
fjUav oi^aav, higwOi dirptöqrirai, so hat er sich den Sinn nach eigenem
Geschmack zurecht gemacht, so gut wie Marcus imd wohl jeder
I^eser Heraklits im Altertum zu tun pflegte. Br hat dabei vor allem
wohl an Fr. 67 gedacht.
Reinhardt, Parmenides. 12
— 178. —
nur aus der einen Hälfte alles Wassers, aus der nämlich,
die wieder auf dem „Wege nach oben" ist; die andere, die
von oben kommt, muß erst zu Erde werden, um aus Erde
sich wieder in Wasser zurückzuverwandeln^. Das Feuchte
ist das Durchgangsstadium für die Welt wie für die Seele,
denn auch für die Seele bedeutet es Ergötzen oder Tod,
feucht zu werden, je nachdem sie von oben kommt oder
nach oben geht, ob sie vom Geisterreich ins Leben eintritt
1 Diels erklärt (Herakleitos S. 24) : ,//7e»?<mJe (später Windhose mit
elektrischer Bntladiing) erscheint als Himmel imd Erde, Wasser imd
Feuer verbindender Tjrpus des Wechselzustandes. Da die Erde durch
Austrocknen des Meeres entsteht, so findet dabei durch das Auf-
dampfen des erwärmten Wassers eine nach oben gehende Rückbildung
des Wassers in Gluthauch (nQtjan^Q = nvg) statt. Die Weltzer-
störungsepoche durchläuft umgekehrt die drei Stadien der Welt-
entstehimg. Das zu Erde Gewordene verschwindet zuerst üi der all-
gemeinen Sintflut. Das zu Wasser Gewordene nimmt wieder den-
selben Ratun ein (Xöyog = Gesetz, Proportion, Maßverhältnis) wie
bei der ersten Weltbüdimg, d. h. es umfaßt jetzt auch den früher von
der Erde eingenommenen Teü des Kosmos. Dann dampft es empor
und alles geht üi das Eine Feuer auf." Um mit dem I^etzten
anzufangen, so steht von einem solchen Empordampfen nichts
da, imd hätte etwas dagestanden, so würde es Qemens oder
sein Gewährsmann schwerlich unterdrückt haben, da er doch diesen
Satz nur anführt, um die ixTii^giomg zu belegen. Zweitens ergeben
sich die folgenden Unzuträglichkeiten: das Feuer wird za Wasser:
erstes Zwischenstadium, die Erde ist noch nicht entstanden; das
Wasser wird zur Hälfte zu Erde, zur Hälfte zu JtQi](TTiJQ : erstes End-
stadium, das Wasser ist verschwunden, alles ist Erde imd TtQTitmJQ;
die Erde wird wieder zu Wasser, zweites Zwischenstadium; alles wird
zu Feuer, zweites Endstadium; was unterdessen aus dem ngficnriQ
geworden ist, bleibt ims verschwiegen. Das wäre also eine Kosmo-
gonie, in der die gegenwärtige Weltordmmg, der Kosmos, überhaupt
nicht mitzählte, der doch in allen Kosmogonien, selbst der Empedok-
leischen, als der Endzustand betrachtet wird. Statt dessen verweilt,
nach dieser Erklärung, Heraklit bei einem Zwischenstadium, das
• weder an sich gegeben ist noch Dauer haben kann, er hebt hervor,
das Maß iii beiden Zwischenstadien sei dasselbe, wo sich das doch
von selbst versteht, wenn alle Materie Wasser wird. Und ist es auch
dasselbe ? Ich dächte, es müßte um die Hälfte differieren, da doch
der novioxr^Q in Abzug kommt. Oder soll sich auch der wieder in
Meer verwandelt haben?
— 179 —
oder aus dem lyeben scheidet, Fr. 77: 80ev xal TlqdxXevtov
ipvxfjoi (pdvai tiqxpiv ij ddvatov vygfjai yevdaOaty xiqxpiv de elvcu
a'örcu^ T^v el^ ydveaiv mdbaiv. lyeben und Sterben ist nicht nur
im Gleichnis für den Makrokosmos und Mikrokosmos dasselbe,
sondern in aller Wirklichkeit, ein Übergang aus dem einen Ge-
gensatz in den andern (Fr. 16) : f^ nvq rov yr\^ Odvatov xal äijQ
^f\ xdv TZVQO^ Odvatov ' "Ööcoq Cfj "^ov äigo^ ddvaxov, yfj rov iSdaxo^.
Denn enthalten diese Worte auch nur eine Paraphrase des
Urtextes, erscheint vor allem der aTJg in dieser Reihe als zu
viel, so ist das erste Glied doch darum als echt zu betrachten,
weil es der späteren Elementenlehre widerspricht; ursprüng-
lich mag gestanden haben: CS tivq rdv yfj^ Odvatov xal yfj
Cfj tov TtvQo^ Odvatov. Doch mögen die Worte gelautet haben wie
sie wollen, jedenfalls standen sie in wohlberechneter Beziehung
zu Fr. 62: aßdvatoi Ovtjtol, Ovrjtol äßdvatoi, Ccovte^ tdv ixelvcov Od-
vatov, tov öi ixelvcDv ßlov teOvecote^, wie denn die gesamte Psycho-
logie aufs Kunstvollste, stilistisch wie gedanklich, zur Kosmo-
logie in Parallele gebracht war, nach jenem Kompositionsprin-
zip, das sich uns oben ergeben hat. So wenig daher ein perio-
discher Wechsel zwischen der Gesamtzahl aller Toten und
I/cbendigen stattfindet, so wenig kanji die gesamte Materie auf
einmal zu Feuer oder zu Erde werden, der Übergang zwischen
den Formen, hier wie dort, ist regelmäßig, ununterbrochen,
ewig. Der Satz: 666^ ävco xdtco /btia xal dyvrrj kann gar
nicht wörtlich genug verstanden werden: Erde ist nur
umgewandeltes Feuer, Feuer umgewandelte Erde, wie Tote
nur gestorbene Ivcbendige, Lebendige ins Leben wieder-
erweckte Tote sind; erst mit dem Gegensatz tritt jedes Ding
ins Dasein, und die innere Einheit, das tavtov, die „unsicht-
bare Harmonie" (Fr. 54) wird sichtbar erst durch Zweiheit,
Widerspruch und ewigen Wechsel. Feuer ist der Gegenwert
für alle Dii^e und alle Dinge sind der Gegenwart für Feuer,
wie die Waren gleich dem Golde gelten und das Gold
gleich den Waren (Fr. 90): nvqoc te ävta/uLoißij tä ndvta xal
TtVQ äjzdvtcov Sxcoaneg %qvaov xqifiiMxta xal ;fßiy^ra>r XQvadi^,
Und Heraklit wird nicht müde über diesem Gedanken Varia-
tion auf Variation, Gleichnis auf Gleichnis zu häufen (Fr. 88) :
12*
— 180 —
xavro X Svi Cft>v xal teOvtjxd^ xal ro eyQtjyoQd^ xal ro xaßevdov xal
vdov xal yfjQcuöv ' xdde yoQ /lexajteaövra hcelvd iaxi xäxetva Ttdkiv
fuxajieaovca ravzcL Wie das Meerwasser zugleich süß und
bitter ist, für die Fische trinkbar und lebenerhaltend, für die
Menschen untrinkbar undtödUch (Fr. 61), wie die Ärzte durch
dieselbe Operation den Kranken wohl und wehe tun (Fr. 58),
so steckt in allem Zwiespalt eine unsichtbare Einheit, sei es
Gesetz, sei es Verhältnis, sei es Gott, sei es Slibstanz. Wie das
Opferfeuer, wenn es sich mit Räucherwerk mischt, bald so bald
so benannt wird, je nach dem Gerüche, den es hervorbringt^, so
sind auch Tag und Nacht, Sommer und Winter, Krieg und
Frieden, Sättigung imd Htmger Formen, aber wesentliche und
notwend^e Formen eines und desselben Urwesens (Fr. 67).*
1 'KaO* ifioif^ htdmov : vgl. Anaxagoras P. 4. idioQ naanolaq ixovza
xal XQ<>^ ^^^ i^Sovdg. Hippokr. de victu 29 : dxoij rp6q>ov, Syfig qxwe-
Qwv, ffveg SöjLLfjg, yX&aaa i^öov^g xal drfditjg, Diogenes Fr. 5: xal äAlcu
TtoXlal hegoiibaieg iveim xal i^öov^g xal XQoiriQ äjieiQOL Heraklit kennt
bereits diese Terminologie.
* Einen ähnlichen Sinn hat Fr. 7 : el ndvxa xä ovxa xanvög yivoixo, ffveg
ä» a'örä dtayvoiev. Um die hypothetische Form zu verstehen, muß man
Fr. 15 hinzunehmen : ei fiii ydg Atovöaqi Tzofjmifp htomvvio xal ^fivew ^a/Mz
aldo(oiaiv, dvaiSiaraxa elQyaai\av * (hvzdg Si 'AlSfjg xcd Aiöwaog, Sxeq> ßuävov-
xcu xal XrjvätCovaiv. Wäre nicht das I^ben der Tod, so wäre ihr Treiben
tmerträghch schamlos; mm aber ist Dionysos gleich Hades; folgUch
feiern sie, indem sie Dionysos feiern, ihr eigenes Gericht. So ist in den
Augen Gottes alles gut imd gerecht, imd nur die Menschen vermögen
die Coinzidenz von Gerecht imd Ungerecht nicht zu erkennen" (vgl.
Fr. 102). Ebenso ist auch der Bedingungssatz in Fr. 99 zu verstehen:
d juL^ ijXiog ^, hexa x&v öXkcüv ämqcüv e^fpqövri dv ^. Solche Bedin-
gungssätze .sind verkürzte Beweise: „Tag und Nacht sind
eins; denn fehlte dem Tage die Sonne (imd die Sonne ist do<±L
niu: ein großer, erdennaher Stern) so könnten auch imsere Sinne keinen
Unterschied mehr wahrnehmen." Ebenso Fr. 7: „In aller stofflichen
Verschiedenheit der Dinge steckt eine verborgene Einheit; gesetzt,
es würden alle Dinge zu Rauch, so sähen ^ir mit imseren Augen eine
Einheit, imd doch würde die Nase noch zwischen den Gerüchen
unterscheiden; nun ist aber zwischen dem Geruchsinne und den übri-
gen Sümen kein .Unterschied." Heraklit kennt schon sehr wohl den
hypothetischen Beweis; wir dürfen aus der Besonderheit seines be-
wußten, sehr preziösen Stiles keine Rückschlüsse auf die allgemeine
Entwicklung der philosophischen Rede- und Beweiskunst machen.
— 181 —
Aber sind nicht Sommer tmd Winter, Tag und Nacht
periodische Wechsel, also Störungen des Gleichgewichts
und Überschreitungen der ewig unverrückbaren Grenzen
und Maße, die allen Dingen gesetzt sind ? Heraklit ist sich
der Gefahr, die von dem Wechsel der Naturerscheinungen
her seinem metaphysischen Grundsatze drohten, wohl be-
wußt gewesen; seine gesamte Kosmologie kennt keinen
andern Zweck, als aus dem Einwand, der ihm hier entgegen-
stand, sich eine neue Stütze und Sicherung zu schaffen.
Theophrast, der ihn für einen Physiker nach Art der andern
hielt, mußte mit Verwunderung feststellen, daß er auch nicht
ein einziges Wort für die Gestalt der Erde und des Univer-
sums noch für die Gestimsbewegungen noch die Ursache der
Himmelsdrehung übrig hatte, sondern all sein kosmologisches
Interesse mit der Erklärung der Wechselerscheinungen er-
schöpft war, alles kosmologische Detail nur dazu diente,
Sommer und Winter, Tag und Nacht, Gewitter und Regen
als verschiedene Formen eines und desselben Wesens zu be-
greifen^. Die Atmosphäre, so lehrte Heraklit, besteht aus
zweierlei Ausdünstungen, von denen die eine aufwärts, die
andere abwärts steigt, die eine in Himmelsfeuer übergehend,
die andere in Wasser tmd Erde, imd wie die eine sich im Hohl
des Meeres sammelt, so die andere in den Hohlschalen, den
OTcdqxu der Gestirne. Je näher der Erde, desto dichter und
dunkler sind die Dämpfe, je höher, desto heller und reiner.
^ Der Auszug des Diogenes (IX 9) aus Theophrast ist so ausführ-
lich imd so ausgezeichnet, daß er sichere Schlüsse gestattet; ich
setze ihn zur Kontrolle her: ylveaOcu di dvadv/judaeig dnö te yfjg xai
BaXaxtriq, &q fxh Xa/jutgäg 9ccd xaOaQdg, äg öi axateivdg * ai^Seadai öi td
fjikv 71VQ i5jc6 r&v Xafjmqcav, t6 öi i^yg^v 'önd r&v Mqojv * x6 öi nsqiixov
dTiolöv itniv od öriXol' slvcu fxivxoi iv avx<^ axdqxig ineaxQafjifihag xaxä
xoüov JtQÖg i/jfjiäg, iv alg ddgoiCo/jiivag rdg lajLUtQäg dvadv/judaeig djto-
releiv (pXöyag, äg elvai xd äarga * lajumgordtipf öi elv<u ti)v ^3Uov (pXöya
xal BeQfwtaxtf», xd fikv ydq £Ua äcxga lüzia» djcixeiv dnd yfjg xad öid
tovxo iftTOV Id/Aneiv xaX ddhtew, n^v öi ae^vrpf TtQoayeiaxiQov oi^aav ^i) Öid
xov xadoQov q>iQ€ad(u xdnov, xdv fxivxoi rjXtov iv öuxvyei wü d/juyei 9cei-
aScu xcd ai^/jt/ASXQOV dtp^ ilj/jiwv ixBiv öidtntj/jia * xoiydgxot fAa}Xov OeQ/xalveiv
Mal (pcoxiCeiv, iTdeineiv xe HXwv xcd aekffmp^ övco <nQ6q)o/ii(ov xwv cfxatpöjv,
TotJg X6 wtrd /M^a xtjg aeXrjvrig axi]fKxtiafAOidg ytveaBai mQeq^o/Aivtig iv
— 182 —
Darum leuchtet die Sonne heller als der Mond, den irdische
Dämpfe trüben. Geht aber die Sonne auf, das heißt die
Schale, die nächst dem Monde in größter Erdennähe kreist,
so sammelt sich in ihr wie in den anderen Schalen der auf-
steigende helle Dunst als Sonnenscheibe, bringt die gesamte
hellere Dunstmasse, die unter ihr liegt, zum I^euchten tmd
tiberstrahlt die weiter entfernten Schalen der übrigen Ge-
stirne; das ist der Tag; versinkt die Sonnenschale wieder,
so steigt derselbe Dunst in höhere Femen zu den Sternen auf,
tmd Dunkelheit nimmt wieder um die Erde überhand; das
ist die Nacht: „Wäre die Sonne nicht, der übrigen Gestirne
wegen wäre auch bei Tage Nacht" (Fr. 99 el fjuii ijXio^ "fjv,
ivexa twv äXXcov äaxQojv €vq)Q6vr) äv fjv). Mit andern Worten:
der Tag ist eine erleuchtete Nacht, die Nacht ein verfinsterter
Tag, der Wechsel zwischen beiden und ihr Gegensatz besteht
nur innerhalb der Erdennähe, eine Veränderung des Gleich-
gewichts zwischen den dreierlei Erscheinungsformen der
Materie hat nicht statt. ^ Aus derselben Ursache hat HerakHt,
nach Theophrast, auch den Wechsel von Sommer imd Winter
erklärt, d. h. nicht als periodisches Überwiegen bald des
Feuers über die Nässe, bald der Nässe über das Feuer, son-
a^zfj xcnd /UKgdv xfiq axdq>i]g, 'fjfiiQov xs xal vtjxra ylveoBai 9cal fdijvciQ
Hai &Qag helovq Hol ivuiVTO'öq t3erot;; xe Hol utve^fjund xal xd xoikoig
öfwia xaxd xdg öiaq>6Q0vg dvaOv/udaetg * xijv /ziv ydg XafjLJtqdv dva-
BvfjUaaiv q>Xoy(odeiaav iv t4> xij>cX(p xoO i^Kov ^piiQav mneZv, xifp öi ivap-
xlav inixQoxijaaaav vöxxa djunehtv * xal ix /liv xov XafutQov x6 BeQfiöv
a^iöfjievov OdQog Ttoisiv, ix öi xov axoxeivov x6 i^ygov TiXem^d^ov x^^t*^^
dneQyd^eaOai ' dxoXo^dmq öi xoikoiQ xal Ttegl x&v ä^cov alxtoXoyei, negl
öi x^s y^g aööiv djuxpahetai Jioia xlg iaxiv * d^' ovöi Tteql xwv axaq)6w,
* So verstehe ich auch Fr. 120: ^vg xal ioTtigag xiqfjuna i}
äQxtoq xal dvxtov xfjg ägxxov oi^gog alOglov Ai6g. „Die Grenzen für
Morgen und Abend sind der Bär und gegenüber dem Bären der
Wind des Äther-Zeus." ''ÄQxxog nicht der Pol sondern der Bär,
die nördliche Region des Himmels, und ihr gegenüber der oi^gpg
alOgiov Aiög, der Wind des Äthers, dem homerischen Aidg oi^gog (Od.
6, 176; 15, 296) nachgebildet, die I^uft oder das Pneuma, worauf die
E)rde schwebend ruht. Sie beide büden die Grenzen, an denen
Morgen imd Abend aufhört, denn Tag imd Nacht kreisen nur um
die Brde herum.
— 183 —
dem als wechselnde Gruppierungen der beiden an „Maß"
stets gleichen Ausdünstungen; wenn die Sonne sich im
Winter von der Erde entfernt, nimmt um die Erde die
dunklere, kältere Luft überhand, indessen der hellere Dunst
sich in entferntere Himmelsräume verzieht, während im
Sommer der dunklere Dunstkreis, wenn er auch nach wie
vor bestehen bleibt, so doch an Wirkui^ einbüßt, wie ihn
auch Tag für Tag die Sonne überstrahlt.
Man hat endHch gemeint, im sogenannten „großen
Jahre" des Heraklit, d. h. einer zehntausendachthundert-
jährigen Periode, ein unzweifelhaftes Zeugnis für den Herakli-
tischen Ursprung der ixTi^igcoai^-Theotie zu besitzen. Aber
mit diesem Zeugnis ist es eine eigene Sache. Censorin, nach-
dem er über die ägyptische Sothisperiode gehandelt hat*,
fährt fort 18,11: „est praeterea annus quem Aristoteles
(Fr. 25)2 maximum potius quam magnum appellat, quem
solis et lunae vagarumque quinque stellarum orbes con-
ficiimt, cum ad idem Signum, ubi quondam simul fuerunt,
una referentur; cuius anni hiemps summa est cataclysmos,
quam nostri diluvionem vocant, aestas autem ecpyrosis,
quod est mundi incendium. nam his alternis temporibus mim-
dus tum ignescere tum exaquescere videtur. hunc Aristar-
chus putavit esse annorum vertentium IlGCCCLXXXIIII,
Aretes Dyrrachinus VdTji, Heraclitus et Linus Xdccc, Dion
XdcCCLXXXIIII, Orpheus CXX, Cassandrus tricies sexies
centum milium: alii vero infinitum esse neque umquam in
se reverti existimarunt." Das Erste, was sich in diesen Worten
unterscheiden läßt, ist eine große Konfusion. Das große Jahr
der Astronomen und die Planetenumdrehung, die bald zur
^ Die vorausgehenden Worte Censorins ,,hic annus etiam ^Xuxxög
a quibusdam didtur et ab aliis Oeov iviavtdq'* beziehen sich nur
auf das äg3rptische „große Jahr", und die ägyptische Periode hat mit
den Perioden des Aristarch, Aretes usw. nichts zu tun. Die Vermutung,
Beov ivuxmög sei Ausdruck Heraklits, entbehrt daher der Begründimg.
2 Das Aristoteleszitat stammt wahrscheinlich aus dem Protrep-
tikos des Aristoteles; jedenfalls hat es mit den übrigen Exzerpten
nichts zu tun; vgl. Usener Rh. M. 1873 S. 391ff ; Kl. Sehr. III S. llff.
— 184 —
Sintflut, bald zur Weltverbrennung führen soll, sind die
getrenntesten Dinge, die es auf der Welt nur geben kann;
das eine durch exakte astronomische Berechnungen ge-
wonnen, eine Zeitperiode, welche die Umlauf zeiten aller
Planeten und des Fixstemhimmels auf denselben Nenner
bringen sollte, das andere eine wilde astrologische Phan-
tasterei, aller Berechnung spottend, nicht einmal grie-
chischen Ursprungs, sondern ausgeheckt im fernen Babylon
und ausgegeben für eine Uroffenbarung Bels. Als solche
wenigstens hatte Berossos sie in seiner babylonischen Ge-
schichte vorgetragen: wenn alle sieben Planeten, so war
die Lehre, auf derselben Geraden im Tierzeichen des Stein-
bocks aufeinanderstoßen, so müsse die Welt durch Wasser
untergehen, vereinigen sie sich im Krebs, so breche der
Weltbrand aus (Seneca nat. quaest. III 29). Aber den älteren
Stoikern lag nichts femer als der Gedanke, kosmische und
astronomische Perioden miteinander zu verknüpfen, und
dasselbe, was von den stoischen Schtilhäuptem gilt, gilt
noch viel mehr von aller älteren Naturphilosophie. Auch
im Timaios 39 D, wo das große astronomische Jahr zum
ersten Male uns in der Literatur entgegentritt, erscheint
es lediglich als Rechenexempel, ohne kosmogonische und
eschatologische Bedeutung^. Erst ein Babylonier, der zu-
gleich ein Stoiker war, Diogenes, hat die astronomischen
Perioden des Berossos in die stoische Lehre eingeführt.
Wie aber das große Jahr bei Censorinus doppelter Herkimft
ist, so scheiden sich auch die Autoritäten, die er aufbringt,
deutlich nach zwei Gruppen; Orpheus, Linus und Heraklit
als Zeugen geheimnisvoller Urweisheit sind erst durch
Exzerptoren-Unkritik unter die Forscher geraten, die durch
astronomische Berechnungen das große Jahr zu finden
suchten. Es ist klar, daß die drei Namen zu den
stoischen Weltperioden in Beziehung standen, anders aus-
* Zellers Amiahtne, das Welt jähr Piatons seien die 10000 Jahre,
die die Seele brauche, um ihre große Wanderung zurückzul^en
(Phädr. 248 C E), Rep. X 616 A C, 621 D), entbehrt jeder Begründung
(Phüos. d. Gr. II 3. Aufl. S. 684).
— 18B —
gedrückt, daß eine stoische Exegese vorliegt, die das Dogma
der ixTWQCDOi^ in der • Erwähnung irgendwelcher Zeitmaße
bei Heraklit, Linus und Orpheus wiederzufinden glaubte.
So erhebt sich die Frage nach der wahren Bedeutung dieser
Maße.
Was Orpheus betrifft, so finden wir die Antwort auf
diese Frage gegeben im Kommentare des Servius zu Vergils
EklogenlV 10: „Nigidius de düs Hb. IV. quidam deos et
eorum genera temporibus et aetatibus dispescunt, inter
quos et Orpheus primum Satumi, deinde Jovis, tum Nep-
tuni, inde Plutonis; nonnulli etiam, ut Magi, aiunt Apollinis
fore regnum. in quo videndum, ne ardorem sive illa ecpyrosis
appellanda est, dicant." Also handelte es sich bei Orpheus
lediglich um eine Geschlechterrechntmg. Linus nannte
dieselbe Zahl wie Heraklit, das heißt der Verfasser des Pseudo-
nymen lychrgedichts Tiegl (piiaeo)^ xöc/wv, von dem noch
bei Stobaeus 13 Verse erhalten sind (Eclog. X, I, S. 119
Wachsm.), hatte den Heraklit selber zu Rate gezogen, wie
denn die Anleihen bei diesem und der alten philosophi-
schen Lehrdichtung auch in den erhaltenen Versen recht er-
heblich sind. Was aber war der wahre Sinn der Hera-
klitischen Periode? Er ergibt sich, wie ich glaube, aus
Plutarch de defectu oraculorum 11, S. 415 Dff.
Ich muß, damit man die Bedeutung dieser* Stelle
würdigen könne, vorausschicken, daß ein gelehrtes C^t^jyua
als Quelle vorHegt, nur sehr obenhin und äußerlich in
dialogische Form gebracht und dem Gespräche der pythi-
schen Festteilnehmer eingegliedert. Gebaut war dieses
C^r^yua, wie eben ^rjxrnMixa gebaut zu werden pflegten:
auf die Lösungsversuche der Früheren und deren Wider-
legung folgte die eigene, neue Deutung des Verfassers. Der
strittige Text waren die Hesiodverse über die Lebenszeiten
der Krähe, des Hirsches, des Raben, des Phönix und der
Nymphen (Fr. 171 Rzach): iwia tot !id)Ei yeveä^ kaxigvCa
xoQd>vrj ävdgcbv i^ßcbvriov . Von den früheren Deutungen,
die unter yeved „Geschlecht" verstanden hatten, hatte die
eine sich auf Piaton und die Pythagoreer berufen, die
— 186 —
andere, stoische, auf HerakKt und Orpheus; nach der
neuen Erklärung sollte yeved nicht das Geschlecht sondern
das Jahr bedeuten. Aber nun mögen die Worte für sich
selber sprechen: rovrov xov xQ^'^ov ek noXi) nXfjOo^ äqißfwv
avvdyovaiv ol ^ii xald)^ dexöjuevoi xiiv yevedv ' Sari yäg iviavtö^,
äare yiyveadai x6 aifjmav iwaxiaxtXux hrj xal iTtraxöaux xal
elxoai xri^ x&v daijbtövcov ^orq^. Skaxxov jbiev b'5v vofjUCovaiv oi
TtoXXol xöjv fw&YjfjuaxtKioVy nXiov de ovde IIlvdaQo^ eX^xev ebuhv
xa4 vifjxpa^ ^tjv ^laoddvdgov xixjjuiQ aUbvo^ Xaxolaa^ (Fr. 165 B),
dio xal xaXelv avxä^ äfjujdqvada^ (soweit die Widerlegung). —
exi d^ avxov Xiyovxo^ Ayj^yjxqu)^ vnoXaßoyv ^tuo^, iq>ri, Xiyei^, e5
KXeöjbißQoxe, yeveäv ävögo^ elgfjadai xov hiavxov; oüxe yäg
^rißibvxo^ oike 'yrjQcovxo^^, cog' dvayiyvcbaxovaiv Svioi, XQ^'^^^
dvdQ(07t(vov ßlov xoaovxö^ iaxiv. alX' ol fisv ^ßcbvxcov dva-
yiyvcbaxovxe^ exrj xqvdxovxa Ttoiovai xriv yeveäv xaff 'HqdxXevtov
(Fr. A 19), ev c[> XQ^'^^ yewcovra noQixei xov i^ avxov yeyewrj/jLivov
6 yewijaa^' oi de ^yrjQ(bvx(ov TtdXiv, ovx 'i^ßcovxcov yqdipovxe^
oxxd) xal exaxov exri väfiovai xfj yeveq.' xä yäq nevxijxovxa xal
xiaaaga jbteaoiiarj^ Sqov ävdgaymvov fai^g' elvai, avyxelfxevov ix
xe xf]^ dqxfi^ xal xcbv ngäncov dvelv inuiddcov xal dveiv xergayü>vü>v
xal dvelv Tcößcov, od^ xal üXdxcov dgSfjuoi)^ SXaßev ev xf\ xpvxoyovlq. '
xal 6 Xöyo^ 8X(o^ fjvljfiai doxel xco 'Haiödcp ngo^ xijv ixjtijgcoaiv,
oTiYjvlxa avvexXelneiv xoi^ vygol^ elxö^ iaxi xd^ N'öfKpau^y ^al
t' äXaea- xaXd vifiovxm xal Ttrjyd^ Ttoxa/Lubv xal nlaea noirievxa
(Hom. Y 8). — Kai 6 KXeöjLtßgoxo^ ^ohovco xavxy Sq)i]y noXXcov
xal 6g(b xrjv 2xü)t;xrjv ixTtögcjoiv &aneg xd 'HgaxXeixov xal xd
'Ogq)dco^ änivefJLoixhriv inri ovxo) xal xd 'Haiödov xal avveSdjtxov-
aav ' äXX' ovxe xov xdofJLov xrjv (pOogdv dvdxojbuzi XeyojüLivriv xxX.
Es folgt die grammatische Begründung der zuerst gegebenen
Erklärung, die yeved für ivuivTtö^ nimmt, nach der Regel: xd
TtoXXdxi^ xd fxexgovv xal xd fjbexgoifxevov xol^ avxol^ ovofjuiai ngoca-
yogeveadai.
Plutarch fand also bei seinem gelehrten Gewährsmann
eine stoische Exegese, allem Anschein nach mit großer
Ausführlichkeit berichtet und mit noch größerer widerlegt.
Möglicherweise war auch der Gewährsmann selber Stoiker,
da er, wie sich noch zeigen wird, zum Teil sich das gelehrte
— 187 —
Material des Gegners seinerseits zunutze gemacht hat.
Aber wie kommt Plutarch dazu, die stoische Deutung nicht
nur für Hesiod und Orpheus, sondern auch für Heraklit
mit derselben Schroffheit von der Hand zu weisen, wo
doch kein Mensch bezweifelte, daß Heraklit tatsächlich die
ix7t6Q(üai4 gelehrt habe? Das Unberechtigte der stoischen
Methode konnte für Plutarch nur darin liegen, daß sie mit
Gewalt das Schuldogma auch solchen Stellen aufzwang, die
ihm offenkundig widerstrebten. Was er verhüten wollte,
war nur, daß der stoische Weltbrand zu so vielem, was er
schon verschlungen, nicht auch noch die Heraklitischen
yeveal ergreife. Also hatte der Stoiker die orphische, Hesio-
dische und Heraklitische Geschlechterrechnung in denselben
Topf geworfen und in ihnen allen Hindeutungen auf die
stoische ixmjQcoaic gefimden. Aber Zeiträume von nicht
mehr als dreißig Jahren konnten selbst in dem voreinge-
nommensten Interpreten noch keine Erinnerung an die
kosmischen Perioden wachrufen. FolgHch müssen die yeveai
bei Heraklit zu einer größeren Zahl addiert gewesen sein.
Gab etwa diese Zahl den Anlaß, daß man auch bei Heraklit
ein großes Jahr erwähnt zu finden glaubte ? Es wird wohl
nichts übrig bleiben als die Frage zu bejahen.
Bei Censorintis finden wir zusammen erwähnt 1. das große
Jahr des Orpheus, 2. des Heraklit, 3. den Weltbrand, endHch
eine Reihe der erlesensten und ausgefallensten Astronomen-
namen samteinemVerzeichnisse ihrer Berechnungen des großen
Jahres. Das ist aber genau dasselbe höchst gelehrte Material,
das auch der Stoiker bei Plutarch verwendet: Weltverbren-
nung, Orpheus, Heraklit — und daß auch die astronomischen
Berühmtheiten nicht fehlten, zeigt das Sätzchen: SXartov jülsv
odv vo/xlCovaiv ol Ttoilol xcbv jbujßrubuirixdjv, „weniger" näm-
lich als 9720 Jahre: was kann damit anders als das große
Jahr gemeint sein? Und was sollen wir unter den „Mathe-
matikern" verstehen, wenn nicht die Astronomen, die es be-
rechnet hatten? Wenn dabei die Mehrzahl, wie Plutarch
versichert, über 9720 Sonnenjahre nicht hinausgegangen
war, so hatten also doch einige auch größere Zahlen genannt.
— 188 —
ein Verhältnis, das durchaus zum Kataloge des Censorinus
stimmt. Wenn nun Plutarch und Censorinus oder, was das-
selbe ist, Varro bei so grundverschiedener literarischer Be-
tätigung, der eine aus einem Doxographen, der andere aus
einem Grammatiker, dasselbe stoische Material zutage
fördern, so versteht es sich für jeden, der in der literarischen
Überlieferung Bescheid weiß, daß die Zeit des Stoikers, von
dem sie beide abhängen, kaum später als in den Beginn des
ersten vorchristlichen Jahrhunderts fallen kann, wahrschein-
lich aber noch erheblich höher hinaufzurücken ist. Und dank
Aetiu§ können wir diesen Stoiker auch noch mit Namen
neimen: es war Diogenes aus Babylon, der Schüler des
Chrysippos.
Auch Aetius schaltet mit demselben Material wie Cen-
sorin, wie folgender Vergleich beweist:
Aetius, S. 363 Diels: Censorinus c. 18:
Tdv di fiiyav ivuwrov ol fxev Hoc quoque tempus, quod
iv Tfi dxtaerrjQidi rldevrat, ad solis modo cursum nee ad
lunae congruere videbatur,
duplicatum est et octaeteris
facta . . . hunc circuitum
vere aimum magnum esse
pleraque Graecia existimavit,
quod ex annis vertentibus soli-
dis co'nstaret, ut proprie in
anno magno fieri par est. . hanc
octaeterida vulgo creditum est
ab Eudoxo Cnidio institutam,
sed aliiCleostratumTenedium
primum ferunt composuisse
et postea alios aUter . . .
Praeterea sunt anni magni
complures, ut Metonicus,
quem Meton Atheniensis ex
annis undeviginti constituit,
eoque eimeadecaeteris appel-
latur . . .
Ol
di iv rfj iweaxcudexaexf]'
Qtdi,
— 189 —
ol de iv Tol^ iSrjxovxa ivo^ est et Philolai Pythagorid
diovoiv , • . annus ex annis quiquaginta
novem ...
Est praeterea annus quem
Aristoteles maximum potius
quam magnum appellat . . .
hunc Aristarchus putavit
esse aimorum vertentium
IlCCCCIvXXXnn, Aretes Dyr-
'HQdxXeito^ ix fwgicov öxta- rhachinus VGCn, Heraclitus
xujxdicov fihax&v. et I^inus XBCCC etc.
AuoyivYi^ ix nivxB xal i^rpeovxa
xal XQiwcoal(ov iviavrwv xoaoi-
roDV, 8o(üv 6 xaxä HgdxXeirov
ivuxvtö^.
Es bedarf wohl keines Wortes, daß die Notiz über Heraklit
bei Aetius nur aus Diogenes selbst geschöpft sein kaim; folglich
geht auch Censorinus letzthin auf Diogenes zurück. Das-
selbe Ergebnis läßt sich auch noch auf anderem Wege erreichen.
Wie wir wissen, hatte Heraklit die yeved auf 30 Jahre ange-
setzt; sein sogenanntes großes Jahr umfaßte also 360 ysvecU.
Und offenbar war auch die Summe, die er angab, nicht die
Zahl der Jahre, sondern der Geschlechter, denn nur so läßt
sich die bessernde Bemerkimg des Diogenes verstehen, die
Zahl sei viel zu klein, in Wahrheit möchten es nicht 360,
sondern 360 mal 360 yeveal sein, die das große Jahr aus-
machten. Damit hat Diogenes natürlich keine Berech-
nung aufstellen, sondern nur eine ganz ungefähre Vorstel-
lung der ungeheuren Zeitdauer erwecken wollen. Aber das
setzt doch immerhin voraus, daß er bei seiner Kritik von
einer sehr bestimmten Vorstellung geleitet war. I^assen wir,
da doch nur runde Zahlen überhaupt in Frage kommen, von
den 10800 Jahren HerakHts die letzten 800 Jahre fahren, so
ergibt sich als Produkt äer 360 mal 10000 Jahre 3600000,
eine Zahl, die sich mit keiner der erwähnten, astronomischen
Schätzungen des großen Jahres auf 2484, 5552, 10884
— 190 —
Sonnenjahre auch nur von fem vergleichen ließe, ausgenom-
men die des Kassandros auf ebenfalls genau 3600000 Jahre.
Kein Zweifel, Diogenes hat den Kassandros gekannt, und alle
Kenntnis, die wir von dem sonst verschollenen Manne be-
sitzen, ist uns einzig und allein durch ihn vermittelt. Folglich
hat dem unbekannten Doxographen, aus dem Varro-Cen-
sorinus und Aetius gleichermaßen ihre Weisheit schöpften,
eine Schrift des Babyloniers vorgelegen, und ein anderer,
sehr verschiedener Weg muß auch den stoischen Grammatiker
Plutarchs zu demselben Urquell hingeführt haben. Das
Verhältnis der drei 2^ugen läßt sich also kurz durch folgende
Zeichnung wiedergeben:
Diogenes
Plutarch Aetius Censorinus
Auch von der Beschaffenheit der Quelle können wir
uns jetzt ein ungefähres Bild machen: eine weit ausge-
sponnene Untersuchung über die Dauer der Weltperiode,
reich beladen mit gelehrtem Material und „Angleichungen"
{avvovaeuhoei^) aller Art, zu Anfang paradierend die naXavol
q)vaioX6yoi, Orpheus, Hesiod und Heraklit als die erlauchten
Vorverkünder stoischer Doktrin, mit umschweifigen, wunder-
lichen Deutungen bedacht, es folgten die Berechnungen
der Astronomen, kosmische und astronomische Periode
wurde nach dem Muster des Berossos miteinander gleich-
gesetzt, kurzum es war ein Werk, so abenteuerlich, so ver-
stiegen und barock in seinen Aufstellungen, daß es sich
würdig der phantastischen Schrift desselben Babyloniers Ttegl
zfj^ 'AOrfvä^ zur Seite stellt. FUeßt unser ganzes Wissen über
das große Jahr des Heraklit allein aus dieser trüben Quelle,
so taugt dieses unser Wissen herzUch wenig. Woher kommt
es doch, daß von den anderen Zeugen, die doch alle mit
dem größten Eifer nach einwandfreien Belegen für die
ixTvÖQoai^ bei Heraklit gesucht haben, auch nicht ein ein-
— 191 —
ziger an das große Jahr gedacht hat?^ Offenbar doch, weil
dergleichen überhaupt bei HerakHt nicht vorkam und die
Zeitperiode, die genannt war, mit der Weltverbrennung
nichts zu tun hatte. Ist es doch eben die Verquickung
und Vermischung beider Vorstellungen gewesen, die den
Widerspruch Plutarchs hervorgerufen hat. Aber wenn es
falsch ist, mit Diogenes die 360 Geschlechter als Hinweis auf
die Weltverbreimung aufzufassen, welche Auffassung bleibt
als die wahre übrig ? Oder, um dasselbe besser und bündiger
zu fragen, was bezweckte Heraklit mit seiner ganzen I^ehre
von den yeveal ? Denn schwerlich war doch über denselben
Gegenstand in einem so weni^ umfangreichen Buche doppelt
und verschiedenen Orts gehandelt; beide Fragen müssen,
bis nicht das Gegenteil erwiesen ist, in eine einzige für uns
zusammenfallen.
Darüber nun, was er sich unter einer yeved ge-
dacht hat, sind wir durch verschiedene Zeugen wohl
berichtet: Plutarch an der angeführten Stelle: oi ^h ^fjßAv'
xoyv ävayiyvcbaxovxe^ ht] rgtaxorca noiovai t^v yeveäv xoff
HQotxXeiTov, h ^ XQ^'^ yewwvxa naq^x^i rdv i^ aöxov yeyewrj-
fjtivov 6 yewriaaj^. Philo Fr. Harris (Cambr. 1886) S. 20:
dvvaxov iv XQvaxoar& hei aö zov ävOgconov ndjinov yeväoBai, rjßäv
fikv Tzegl rriv TsaaeQeaxaiSexaexfj rjXvKlaVy iv fj aneigei, rd de
amxqkv eviavrov yevöfxevov ndXiv Ttevxexavdexdtc^ hei zo S/uioiov
iofvx^ yewäv. Aötius V 23 : HqaxXeixo^ xal ol Zxcotxoi äqxeadai
xoi>^ ävOqdiTtov^ xr}^ xeXeiöxrjxo^ neql xijv devxigav ißdojüuida,
negl '^v 6 OTteg/buxtiKd^ xivelxai öqqö^, Censorinus 17, 2:
„quare qui annos triginta saeculum putarunt multum
1 Die Worte des Simplicius in Aristot. phys. S. 24, 4, Diels noiei
öi 9cai tdiiv tivd xal xq6vo» mqiaiAivov xfig xov xöofiov /jtexaßoXfjg xaxd
xiva el/jMQfjUvrpf ävdyxrjv beziehen sich nicht auf das große Jahr, son-
dern auf Fr. 30, wie sich aus Simplic. in Aristot. de cad. S. 294,
Heiberg ergibt : xcu 'HoSc^snog öi Jioti fih kaivQovoBcu Myei xdv x6a/iov,
Tiaii öi ix xov nvgdg awlaraoBcu JtäXiv a^6v xaxd xivag XQ^c^ JceQiööovg,
iv otg tpriai ■ '/ihga dstxdfievog xcd fihqa aßew^fjLevog*. Des Simplicius
Quelle ist an beiden Stellen Theophrast (siehe oben S. 172). Aber
hätte wohl Theophrast sich so ausgedrückt, wenn Heraklit die
Dauer einer Wellperiode bis auf Jahr und Tag" berechnet hätte ?
— 192 —
videnttir errasse. hoc enim tempus genean vocari Hera-
clitus auctor est, quia orbis aetatis in eo sit spatio;
orbem autem vocat aetatis, dum tiattira ab sementi
humana ad sementim revertitur." Also verstand Hera-
klit unter einer yeved den denkbar kürzesten Kreislauf von
Geburten, durch die sich der Ring eines Geschlechtes, die
Periode zwischen Großvater und Enkel, schließt. Mit zwei-
mal sieben Jahren wird der Knabe zeugungsfähig, ein Jahr
geht auf das Reifen der erzeugten Frucht, so kann ein Mensch
nach frühestens einunddreißig Jahren Urgroßvater werden^.
Wenn Heraklit diese Rechnung so ausführlich vortrug, so
ist selbstverständlich, daß er das nicht der bloßen Kuriosität
wegen getan hat, sondern um ein Gleichnis anzudeuten, ein
Rätsel aufzugeben: wie das ganze Leben in seinen Augen nur
ein Gleichnis ist des Todes, wie der Schlafende zum Wachenden
nicht anders sich verhält als der Verstorbene zum Schlafen-
den und in eben diesem Verhältnis eine Bürgschaft für die
Fortdauer der Seele nach dem Tode liegt, so kaim auch der
orbis aetatis als der denkbar kleinste Kreislauf der Geburten
für ihn nur ein Gleichnis, eine geheimnisvolle Hindeutimg
gewesen sein auf einen unendlich viel mal größeren, Leben
und Tod umfassenden Ring des Werdens, auf die große
Wanderschaft der Seele zur Verdammnis oder zur Seligkeit.
Heraklits Psychologie ist ihrem innersten Wesen, ihrer
letzten, geheimsten Absicht nach eine Rechtfertigimg und
philosophisch möglichst einwandfreie Ausgestaltung religiö-
ser Hoffnungen, die sich mit den pythagoreisch-orphischen
auf das Engste berühren, ein Versuch, die Fortdauer der Seele
nach dem Tode und zugleich damit das Walten einer aus-
gleichenden Gerechtigkeit aus den Gesetzen der Physik
und nach der allgemeinen Weltordnung als notwendig zu
erweisen. Diese Einsicht springt sofort heraus, sobald man
nur die allemötigste und allernächste Frage aufwirft, die
1 Der Kreislauf läuft also vom Zeugungsakte des Großvaters bis
zum Zeugungsakt des Dinkels; über den Volksglauben, der dem zu-
grunde liegt, die Vorstellung, daß der Großvater im Bnkd wieder-
kehre, vgl. A. Diet^rich, Mutter Erde, 2. Aufl. S. 23ff.
— 193 —
man bei einem jeden Philosophen aufzuwerfen hätte und die
doch so oft verabsäumt wird: was will der Philosoph nur
eigentlich? „Größerer Tod empfängt größere Belohnung."
„Im Kriege Gefallene ehren Götter und Menschen." „Die
Menschen erwartet nach dem Tode, was sie nicht erwarten
noch glauben." „Wach werden Wächter über die Lebendigen
und Toten^." „Strafe wird die I^ügenschmiede und falschen
Zeugen ereüen." Das sind Worte, deren Absicht auf die
Rettung göttlicher Gerechtigkeit und deren Zusammenhang
mit religiösen Strömungen nicht wohl bezweifelt werden kann,
so wenig, wie daß überhaupt die Philosophie Heraklits im
Gegensatz zur Parmenideischen auf einen religiösen End-
zweck abzielt. Für die Psychologie wird dieser Zweck er-
reicht durch den Vergleich des Mikrokosmos mit dem Makro-
kosmos, der uns hier zum ersten Male als Methode, als Prin-
zip begegnet: als bewußtes Mittel, um die Bedürfnisse des
^ Fr. 63 aus Hippolytos: Xiyei öi xai aagxdg dvdaraaiv raiktig (xfjgx
qxipeQäg iv ij yeyevijjbieBa, xcd xdv dedv olöe Tavrrjg xfiQ dvaardaecDg ahtov,
oihcog Xdyojv ' 'ivOa öiovxi inaviaxaaQaC xcd '(föXaxag yiveaQai
iyegrl f cövtcov xai vexQ&v*. Hier scheint ddovn korrupt; und ich
werde mich wohl hüten, irgend etwas zu konjizieren. Aber um der
These des Hippolytos willen die Krwähnung eines mysteriösen Gottes
aus den unverständlichen Buchstaben herauszulesen, muß ich für
bedenkUch halten. Was Hippolytos in seinen Heraklit hineininter-
pretiert, sind zwei verschiedene und sehr deutlich von einander ge-
trennte Dinge, erstens die Auferstehung des Fleisches, zweitens der
Gedanke, daß Gott selbst diese Auferstehimg bewirken werde. Den
ersten Gedanken findet er in den Worten: evSa ddovti imxviaraadai,
denn in dem Worte iTwvlaxaaBai erkennt er die dvdaxaaig, nüt wel-
chem Rechte, können wir nicht entscheiden, den zweiten Gedanken
in den Worten q>vku<aQ ylveadai iyegftl f d/vrow xai vexQCov, denn diese
(pv^Dceg sind ihm doch offenbar die Gottheit, die den Gläubigen zur Auf-
erstehung erweckt, während der Unbekehrte, in dem das göttliche
Prinzip nicht obgesiegt hat, dem ewigen Tode verfällt (siehe des Ma-
giers Simon Eschatologie) . D.aß er beide Zitate durch ein bloßes xai
verbindet, ist durchaus nach seiner Art: 'eaxi ydQ, (priaiv, ägfiovCrj
d<paviig qniveQfjg xgehraw' xcU ' 'oawv ötpig, dxoij, /jidStjaig (tovrdan rd ögyava)
raika, q^alv, iyd> TtQOTifjiica, Daß die beiden Sätze miteinander zu-
sanunengehangen hätten, ist mir nicht wahrscheinlich; das Sub-
jekt in beiden ist ein anderes, die Auferstandenen sind jedenfalls ver-
schieden von den q>'öXa9ceg : das sagt genug.
Reinhardt, Parmenides. 13
— 194 —
Herzens, seinen tiefsten Wunsch nach Göttlichkeit, durch
Wissenschaft und Forschung zu erfüllen — denn das angeb-
liche Anaximenesfragment kann, wie wir sahen, unmöglich
echt sein. Wie im Kosmos alle Dinge nur vergehen, um in
anderer Erscheinung und Gestalt ein neues Dasein zu be-
ginnen, wie im Kosmos jeder Tod zugleich Geburt ist (Fr. 76),
so, schließt Heraklit, muß auch die Seele mit dem Tode in
ein neues Leben eingehen; wie das Wasser nur als Gegensatz
des Feuers Existenz hat, so könnte es keine Seelen der Leben-
digen geben, wären nicht auch die Seelen der Toten. In beiden,
in der Welt wie in der Seele, waltet einerlei Gesetz. Auch die
Seele ist eine stoffliche Erscheinung, aber wie alles, was
Dauer und Maß hat, hat auch sie Bestand nur durch den
Wechsel; wie der Fluß nicht dauern könnte, wenn nicht neue
und immer neue Wasser durch sein Bett strömten, so strömen
auch der Seele ewig neue Stoffe als ihre Nahrung zu (Fr. 12),
und ewig gibt sie die verbrauchten ab, weü ihre Sättigung
zugleich ihr Hunger ist, und aller Stoff im ewigen Welten-
kreislauf umgetrieben wird. So hält sie sich im Gleichgewicht
und so erhält sie sich, als eine ävadvfiiouji^, ein ewiger
Übergang, ein Hauch, der aufsteigt aus der Feuchtigkeit:
tpvxfjoiv Odvazo^ vdcoq yeveadaiy ü^dari de ddvazo^ yfjv yeviaOcu,
ix yfj^ de ado)Q ylvexaiy i^ vdaro^ yjvxrj (Fr. 36)^. Aber damit
wird sie mit nichten selbst zu Wasser oder Erde noch
verliert sie sich im Weltfeuer, so wenig die Erde aufhört,
Erde zu sein, und Sonne und Meer ihr Maß überschreiten.
Wird sie ihres Daseins müde, so erholt sie sich von ihrer
Müdigkeit in einem anderen Dasein, einem Jenseits — so
wie der Schlafende des Wachens müde geworden ist und der
Aufwachende des Schlafens, und wie auch die Welt sich
wandelt, u m sich auszuruhen*. So schafft die religiöse
1 Gdvaxog in übertragöier Bedeutung, nicht im eigentlichen
Sinne von dem Tode des Menschen, sondern von dem Wandel der
Materie wie in Fr. 76L Ist vielleicht auch Fr. 77 so zu verstehen : SOev
xai 'HQoxXeiTov fpvx^ai <pdvcu xiQfpiv ij Odvatov 'öyqfjai yeviaScu ?
2 'AvoTta'öeadcu vom Makrokosmos Fr. 84 (Plotiti Enn. IV 8, 1):
6 fihf yd.Q 'HgdbdBixog, 8q ^füv naQoxeXeiiexai Cv^elv rovro (wie die Seele
in den Körper kommt), dfMHßdg re dvayxcUag Tidif4,evog ixxwv hamicov
— 196 —
•
Forderung sich eine philosophische Begründung. Wie für
die Psychologie des Volksglaubens, schwebt auch für Heraklit
die Seele nach dem Tode unsichtbar im unsichtbaren I^uft-
reich, im ^Aidtj^, körperlos, als bloßer Hauch; Gesicht, Gehör
sind ihr genommen, da sie Hauch ist, nimmt sie wahr durch
Wittern (Fr. 98): ou (pvxai dafjubvxai xaff äidrjv; aber sie
bleibt, sie zerfließt nicht, denn es gibt nichts Sterbliches,
was nicht zugleich unsterbUch wäre. Aller Tod ist Gegensatz
und darum kein Ansich der Dinge, sondern nur eine andere
Form der Ewigkeit, wie umgekehrt das Ewige nur eine andere
Erscheinung des Vergänglichen ist, ein jedes durch das andere
bedingt, nicht wechselnd, sondern gleichzeitig, und mehr
noch, gleichen Wesens, wenn auch dem gemeinen Verstände
nur als Gegensatz erkeimbar. So verhalten sich Vergänglich-
keit tmd Ewigkeit zueinander wie lieben und Tod: dOdvaxoi
6d(5v re ävco xal xdxo> bItiojv xal 'fAetaß6Xkov ävana'dejaC, xal 'xdfiarög
iati rolg a&voiQ /wx^siv xal äQXßoBai* elxdCeiv SdcMcev äfieliiaag aa<pf} i/jfilv
noifjaoi xdv Xöyov. 'AvoTtaijeaOai vom Mikrokosmus Fr. 20: yevöfievoi
(^(heiv iOiXovai fiÖQOvg t' ix^iv, /jiaiUov 6i ävana^eodat, xal Ttalöag xaxa-
Xehiovat /4,6^vg yeviaßai. ,,Smd sie geboren, so wollen sie leben imd
— den Tod haben, d. h. sich wieder ausruhen, und Kinder hinter-
lassen sie, damit — der Tod nicht aussterbe." Jtaidag und fiögovg ist ein
wohlberechneter Kontrast, ebenso C^^tv imd fiÖQovg ix^iv ; das Ganze
überaus pointiert. Vgl. Fr. 111: vovaog ^yteiav ijiolriaev i}(5v, xaxdv
äyaOiSv, Xifidg x6qov, xdfiaxog ävdnavaiv. Bbendahin beziehe ich Fr. 75 :
TO'dg xadei^Sovrag ägyärag elvai, denn den Zusatz xal awsQyo%>Q t&v iv
t4> x6a/jL<p yivofjLitKov kann ich nicht für Heraklitisch halten. Man lese das
Fragment in seinem Zusammenhang bei Marcus Anton. VC 42: ndv-
reg dg iv dJtozdlBapia avvegyovfiev, ol [xh etSdicog xal JtaQaxolov-
OfjTix&g, ol öi ävematdxcog * &<mBQ xal Tot)g xaOe^öovtagt olfjuai, 6
'Hgdxlenog ägyätag elvai Xdyei, xal aweQyoi>g r&v iv tcp xöafit^
ytvo/jtivajv ' Ö^iXog di xax* äXlo awegyel' ix negiovalag öi xal 6
/isfAq)6fievog, x€d 6 ävxißaiveiv 7ieiQ(hfievog xal dvcugelv rä yivöfAeva * xal
ydg xo'&tov ixQV^ev 6 xöofiog. Dieser Begriff des awegyeiv und die-
ser Begriff des xöc/iog sind doch gar zu ausgesprochen stoisch, vol-
lends die Verbindung rd iv r^ x6a/4,(fi yivöfjieva doch gar zu un-
archaisch, um für etwas anderes als eine Interpretation des Marcus
selbst zu gelten (vgl. S. 237). Und wozu hätte Marcus auch ein
oljbuu zuzusetzen brauchen, wenn er die Worte awegya^g t&v iv x^
x6afA(p yivojbiivcüv in dem Texte seines Heraklit gefunden hätte?
13*
— 196 —
Bvrixoiy dvrjxoi aßdvaxoi, C^vre^ xov ixelvwv ddvarov, rov de ixelvcDV
ßlov xeBveayte^} Und wieder finden wir das Endergebnis aus halb
begrifflichen, halb physiologischen Spekulationen in Überein-
stimmung mit religiösen Glaubenssätzen, denn auch für die
Orphik sind die Seelen göttlich und unsterblich, Empedokles
in den Katharmen (Fr. 115) redet von ihnen als den daifjLove^y
olxe fjuDCQcdcDVO^ XeXdxoLOi ßlovo}
Aber der Vergleich des Mikrokosmos mit dem Makro-
kosmos leistet noch weit mehr als eine Bürgschaft für die
bloße Fortdauer der Seele nach dem Tode, er bestätigt
zugleich auch den Glauben an einen Kreislauf der Geburten,
an eine Verflechtung jeder Seele in ihre eigene Kette von
* Diels versteht dies nicht nur von den Menschen: ,, Überall in
der Welt wird das unsterbliche Feuer zeitweilig in die Sterblichkeit
gebamit und durch den Tod wieder daraus erlöst." Aber Heraklits
Vorliebe geht gerade dahin, die Seele als parallele Krscheinung
•zum Weltganzen aufzufassen; zudem scheint mir der Gedanke der
Zeitweiligkeit imd eines Wechsels in der Zeit im Sinne der Worte
nicht zu liegen. Und endlich spielte, wie ich glaube, überhaupt das
Weltfeuer bei Heraklit eine viel untergeordnetere Rolle, als man ge-
wöhnlich annimmt.
* Es ist sehr schwer zu sagen, welcher Sinn in einem Worte wie
ijöoc dvdqdmf^ öcUjäcüv (Fr. 119) liege; aber mir scheint, daß auch
dies Wort Heraklits auf seine Jenseitshoffnungen Bezug hatte, daß
er auch hier wie so oft einen religiösen Glauben phüosophisch umge-
deutet hat; vgl. Plat. Phäd. 107 D Xiyerca di oikcog, c&g äga teXetm/j-
acavxa hcaazov 6 ixdazov öaifAwv, Stmeg l^unna eUa^x^^ • • • Dagegen
Piaton Rep. 10, 617 D ovx ^fjtäg öcUfiow ^Sevai, <UA' ^fxeig ötUfjiova
alQijaeade, Vgl. Rhode Psyche^ 607; Vergil VI 743 ,,quisque suos
patimur manes" und dazu Norden in der Kinleitung zu seinem
Kommentare S. 32. Zur Personifikation des ijdog vgl. Fr. 85 „Mit der
Begierde kämpfen ist schwer, denn was sie will, dafür gibt sie zmn
Preis — die Seele." Der dyjnög als Seelenverkäufer: wohl absichtlich
doppelsinnig, jedenfalls sehr preziös. V'^^^^ dipeiadal ri muß im üblichen
Sinne bedeutet haben : ,sein Leben für etwas einsetzen*. Dieser Sinn
wird imigedeutet: darum ist der öv/ioc als Gegner so unwidersteh-
lich, weÜ er überall das Leben, d. h. die Seele einsetzt — indem er sie
verdirbt. Also dasselbe Spiel mit den verschiedenen Bedeutungen der
Worte wie in Fr. 124 mit xöofwg, in Fr. 114 mit v6/iog. — In dem
Epigramm auf die in Potidäa Gefallenen heißt es : yfvxäg ö*&vxlQQ07ta
— 197 —
Geburt und Tod, und schafft dadurch die Möglichkeit,
die sittliche Forderung eines Ausgleichs zwischen Schuld
und Sühne, Tugend und Belohnung in der Welt auf speku-
lativem Wege zu befriedigen. Überall, wo uns die I^ehre
von der Seelenwanderung in einiger Ausführlichkeit ent-
gegentritt, begegnen wir auch Angaben über die Dauer des
Weges, den die Seele zu durchwandern habe, um an den-
selben Ort zurückzukehren, von dem sie einst ausging. Bei
Empedokles (Fr. 115) sind es tqI^ fWQiai d>Qai„ 30000 Jahre,
offenbar für große Zeitperioden eine herkömmHche Zahl,
da auch die Fesselung des Prometheus in der Trilogie des
Äschylus so lange dauert. Nach Piaton währt die Reise
{jioQeia) jeder Seele von je einem Erdendasein zum anderen
1000 Jahre, ihre gesamte Wanderschaft, die sie an ihren
Ausgangspunkt zurückbringt, das Zehnfache einer solchen
Reise (Phaidr. S. 248 Cff.; Staat 614Bff.). Bei Vergil, VI 745,
erlangen die Auserwählten im Kreislauf eines „großen Jahres"
(donec longa dies perfecto temporis orbe!) ihre ur-
sprüngliche Reinheit wieder, während die übrigen nach
1000 Jahren wieder in irdische Geburten eingehen^. Auch
Plutarch, De facie in orbe lunae, S. 943c, spricht von einem
XQovo^ xexayfiivoc^.
Der Gedanke einer Zeitrechnung war demnach in der
orphischen Psychologie seit alters ebenso heimisch, wie
er der Physik von Anbeginn an fremd war. Und nur folge-
richtig war es, wenn man, um das einmal erwachte
zahlenmystische Bedürfnis noch besser zu befriedigen, die
typische Dauer oder Reife eines Menschenlebens mit einer
heiligen Zahl multiplizierte. Eine solche Berechnung liegt
z. B. vor bei Augustin de civitate dei XXII c. 28, der nach
Varro berichtet: Genethliaci quidam scripserunt, inquit, esse
in renascendis hominibus quam appelant naXiyyevealav Graeci ;
hac scripserunt confici in annis numero quadringentis qua-
draginta, ut idem corpus et eadem anima, quae fuerint con-
iuncta in homine aliquando, eadem rursus redeant in con-
iunctionem. 440 = 11 ' 40. Das elfte Geschlecht entspricht,
^ Vgl. Norden, Kommentar, S. 19.
— 198 —
als die Vollendung der Wiedergeburt, dem ersten, die Periode
zählt demnach zehen I^ebensblüten oder yeveal, die yeved zu
40 Jahren gerechnet. Auf dieselbe Weise ist das Resultat
gewonnen in den Commenta Bernensia zu Lucan S. 289
Usener: AHi (dicunt animam) ire per corpora multorum
animalium, quadringentesimo sexagesimo et altero anno rur-
sus in corpora reverti humana; huius opinionis conditor Py-
thagoras. 462 Jahre gleich 7 mal je zwei yeveal, wenn man mit
Herodot (2, 142) die yeved zu 33 Jahren rechnet. Dazu kommt
drittens ein Zitatennest von ausgesuchtester Gelehrsamkeit
in den Theologumena Arithmeticae S. 40 Ast: ^Avdgoxiidr]^
de o IIvOayoQüid^ 6 neql xm avjLLßoXaicov yqdtpa^ xai EvßovXidi]^
6 ÜvOayoQtxoQ xat Agiarö^evo^ xal 'iTtnößoro^ xal NedvQtj^y
oi<xä>xaxd xov ävöqa dvaygdyjavxe^, ai^ heai xd^ /nsxefjiyjvxcoaei^
xd^ avxco av/bißeßrjxvia^ etpaaav yeyovdvai, fiexd xoaavxa
yovv hrj el^ naXiyyeveaiav iXOeiv ÜvOayÖQav xal dvaCfjaaL
216 = 2 . 108 = 4 . 54. Dieselben Zahlen 108 und 54
werden bei Plutarch dazu verwandt, um die Dauer {yeved)
und Blütezeit des menschlichen I^ebens zu bestimmen (siehe
oben S. 186); und der Name des Aristoxenus, zusammen
mit den übrigen Autoren, bürgt dafür, daß solche Berech-
nungen schon im vierten Jahrhundert gang und gäbe waren.
Aber der Gedanke selbst muß noch viel älter sein: trügt
nicht alles, so hat schon HerakHt ihn aus der Orphik
übernommen und versucht, ihn philosophisch zu begründen.
Auch Heraklit glaubt an einen Kreislauf, einen orbis aetatis,
wie der Orphiker an den Kreislauf der Geburten. Und das
Symbol der Schicksalsmacht, durch die der Makrokosmos
wie der Mikrokosmos in den Ring rastloser Veränderung ge-
bannt sind, ist für ihn dasselbe Zeichen, in dem auch der
gläubige Orphiker die Macht erblickt, die seine göttliche Seele
aus dem Himmel, ihrer Heimat, auf die Erde geschleudert imd
dem Fluche der Geburten preisgegeben hat, der Blitz: xd
de Tidvxa oiaxiCei xeqavvoi^ (Fr. 64) ; denn so spricht die Seele
des Mysten, wenn sie vor die Richter der Unterwelt tritt
(Goldplättchen aus einem Grabe bei Thurioi, Diels, Vors.
66 B 19):
— 199 —
xal yäo iydiv Vfjubv yhoc evxojbuii dXßiov elvat,
Tzoivav d* ävxajtheia(a) egycov ivexfa) oiki dtxalcov,
ehe fjte Molgfa) idd/jiaa<a'> äro<^>^ areQon'^n xegavvip.
Aber durch die Entdeckung der Zusammenhänge zwischen
Welt und Seele wird ihm, was bei den Orphikem nur frommes
Ahnen war, zur spekulativen Gewißheit. Wie der Glaube an
die Schicksalsmacht des Blitzes sich aus der Physik bewahr-
heitet, durch die Erkenntnis, daß das Feuer die Urform der
Materie und die Seele des Universums ist, so wird die dunkel
dem Geweihten geoffenbarte Lehre von dem Kreislauf der
Geburten hell, durchsichtig und mit dem Verstände erkenn-
bar dem, der in Mikrokosmos und Makrokosmos das ,, ge-
meinsame Gesetz" zu lesen weiß und in den regelmäßigen
Wechseln der Natur ein Gleichnis auf die wechselnden Daseins-
formen der Seele erblickt. Wie der Tag in der Natur die kür-
zeste Periode darstellt, deren Ende gleich dem Anfang ist, ein
Jahr die längste, so muß auch die Seele ihren kürzesten und
längsten Kreislauf haben; wie die yeved im Mikrokosmos
einem Tage gleicht, so muß auch das Jahr der Seele, ihre
Wanderung durch den Kreislauf der Geburten, 360 solcher
Tg^e, folglich 30 mal 360 Sonnenjahre währen. So tritt an
die Stelle bloßer Zahlenspielerei, der wir bei Piaton und
Empedokles- begegneten, eine Berechnung, aufgestellt mit
Hilfe derselben Entdeckung, durch die Heraklit den Schlüssel
zum Geheimnis aller Geheimnisse in seine Hand gegeben
glaubte. Erst Diogenes der Babylonier hat diese Rechnimg
mit dem großen Jahre und dann alles beides mit den stoischen
Weltperioden konfundiert.
Um endlich noch einen letzten Grund gegen die Gleich-
setzung der Heraklitischen und Stoischen Physik ins Feld
zu führen: wohl niemand wird leugnen wollen, daß die
1 cEtoc von mir hergestellt. Daß ein zweiter Satz mit ehe ausge-
fallen wäre, ist mir darum unwahrscheinlich, weil die Frage, die
der Myste offen läßt, doch offenbar die ist, ob er durch eigene Schuld
oder das Schicksal der Geburt verfallen sei. — Kegawög als Schick-
salsmacht, soviel ich weiß, nur orphisch; die bei üsener Rh. Mus.
60, 3 verzeichneten Stellen reichen, wie ich glaube, zur Krklänmg
Heraklits nicht ^ganz hin.
— 200 —
Äußerungen Heraklits über das Leben nach dem Tode mit
der Ivehre von der Weltverbrennung unvereinbar sind. Sollen
z. B. die Seelen der Tapferen dereinst zu Heroen und Wächtern
über die Lebendigen und Toten werden, so ist unerläßliche
Voraussetzung für solchen Glauben, daß weder an Toten
noch Lebendigen in alle Ewigkeit ein Mangel sein wird.
Nun liebt man es freilich, wo es sich um Fragen des System-
zusammenhanges handelt, in der Beurteilung der alten Philo-
sophen eine Milde und Toleranz zu üben, die fast Zweifel
und Verdacht erwecken könnte, ob man sich auch gegen-
wärtig halte, was für ein unbändiger Trieb und Ehrgeiz
diese alten Denker und Weltüberwältiger beseelen mußte,
daß sie so reden konnten, wie sie zu uns reden — was das
war, das sie befähigte, so schnell mit immer höheren Forde-
rungen, immer feineren Lösungen einander abzulösen und zu
überbieten. Aber man will nun einmal, daß Xenophanes den
offenen Widerspruch seiner Gedanken über das All-Eine
zu seiner Elementenlehre nicht gewahr geworden sei, man
will nun einmal, daß Parmenides in einem und demselben
Gedichte zwei Lehren vorgetragen habe, die einander aus-
schlössen — und so ist man denn nur zu geneigt zu glauben,
daß es vollends einen so großen Geist wie HerakUt kaum
überhaupt zu kümmern brauchte, wenn seine Gedanken über
das Jenseits sich mit seiner Naturerklärung nicht vertrugen.
Was jeder obskure Hippokratiker als Mindestmaß von
Konsequenz von sich verlangt, das hält man noch für viel zu
viel, sobald man es mit Namen wie Parmenides und Heraklit
zu tun hat. Lieber noch läßt man die Folgerung aus Worten
wie den Fragmenten BO und 41 {Sv to aotpov enlmcaai
yvcbfjLtjv hefj' xvßsQvfjaai ndvxa diä Ttdvxcov^) ungezogen,
^ Das Fr. ist bei Diogenes überliefert imd lautet : dvcu yäg h tö
aoq)dv iTdaraadoLi yvwfiriv ötirj xvßeQvrjaai Ttdvza öiA nävtcov. Die Ver-
derbnis muß in dem athj stecken, weil es als Form doch wohl immöglich
ist; sollte nicht exeß zu lesen sein wie in Demokrits Fr. 6 itefjcvdiv lafuv ?
Ferner kann inlazaadat yvdifirf» doch kaum heißen, ,die Vemimft er-
kennen', sondern muß bedeuten ,die Vemimft besitzen*. Endlich
macht es der ParalleUsmus mit Fr. 32 doch sehr wahrscheinlich, daß
h t6 üoq>6v auch hier die göttliche und nicht die menschUche Vernunft
— 201 —
als daß man an die Stelle des genialischen Wirrwarrs ein
System und einen Gedanken setzte. Und doch ist es
eine Tatsache, die, einmal erkannt, ihre Wirkung nicht
verfehlen kann: daß Heraklit genau so viel Natur- ,
erklärung bietet, als für den Vergleich des Mikrokosmos
mit dem Makrokosmos in Betracht kommt; der Rest ist für
ihn wertlos. Und was gleichfalls zu denken gibt, ist, daß
uns überhaupt bei ihm zum ersten Male eine Psychologie
begegnet, die des Namens wert ist. Den Milesiem hatte sich
die Seele als Problem noch nicht gezeigt, Parmenides bekam
nur die Erkenntnisfrage zu Gesicht; erst Heraklit „durch-
forschte sich selbst", erst er entdeckte die Seele für die Er-
kenntnis; er durchzog ihr unbekanntes -Reich in allen Rich-
tungen und konnte an kein Ende gelangen, so unergründlich
fand er ihren Logos. Daß es so kam, erklärt sich nur daraus,
daß hier ein neuer Trieb, zum ersten Male ein religiöser Trieb
zur Herrschaft in der Philosophie gelangt war. Brauche ich
noch weiter zu erklären, weshalb mir gerade bei Heraklit
ein Widerspruch zwischen der religiösen Forderung und dem
Systeme, zwischen seinen Jenseitshoffnungen und seiner
übrigen Philosophie nicht wahrscheinlich scheinen will?
Wenn Heraklits Physik in Wahrheit nicht eine Er-
neuerung, wie man geglaubt hat, sondern eine Widerlegung
bedeutet, daß es auch hier Subjekt, nicht Prädikat ist. Aber dann
muß das Prädikat in dem inlataaBai gesucht werden. Diogenes hat
offenbar die indirekte Rede, die er in seiner Quelle vorfand, falsch
gedeutet; er hat das Fragment auch in einen anderen als den ursprüng-
Hchen Zusammenhang gerückt; er bringt ja auch noch an anderer
Stelle eine Auslese von Heraklitworten. In direkter Rede lautete der
Satz : iv x6 oo(p6v ejäaraxai yvAixrpf hefj • xvßeQvfjaca Tzdvxa dua ndvrcüv :
,, Wahre Einsicht hat allein das Eine, das Allweise, als die da ist: alles
diurch alles zu regieren." So liebt es Heraklit auch sonst, die mensch-
liche und göttlidie Vernunft einander gegenüber zu stellen: Fr. 78
ijBog ycLQ dvOgcoTteiov fikv ovx ixei yvco/uiag, Oeiov Sä ix^^' Oder Fr. 102 t^)
fihf Oe(p xaXä ndvra xcd dyaOd xai dixaia, ävdQcoJtoi öi & fjihf äötxa
^neiXij<paaiv, ä öi öixcua. Zur Form der Apposition vgl. Fr. 29, 30,
34, 51, 52.
— 202 —
und Verurteilung des kosmogonischen Gedankens war, so
hat sie aus der milesischen lyehrentwicklung ein für allemal
für uns auszuscheiden. Mag uns die Gestalt des einsam
schreitenden, tiefsinnigen Wanderers, dem sich in der Natur
auf Schritt und Tritt, in Donner und Blitz, im Wellenschlage
des Meeres, im Dahingleiten der Ströme und im Segen der
Wolke die Gottheit offenbart, mag dieses Bild uns lieb ge-
worden sein, so kann uns doch keine I^iebe auf die Dauer vor
der Entdeckung schützen, daß die Wurzeln seines Denkens,
die Bedingungen zu seiner Fragestellung und Methode nicht
in ahndevoller Naturanschauung lagen, sondern im Probleme
des Parmenides. 'Es bezeichnet die Hilflosigkeit, mit der die
Philosophiegeschichte auch heute noch mitunter den Vor-
sokratikern gegenübersteht, daß man nach Übergängen von der
Flußlehre zur Lehre von der Relativität der Eigenschaften und
von dieser wiederum zum Satze von der Koinzidenz der Gegen-
sätze sucht, gleich als ob Begriff und Stoff für Denker wie Par-
menides imdHeraklit etwaswesentlichVerschiedeneswäre. Wie
die Aö^a des Parmenides darum nicht weniger als eine Ausein-
andersetzung mit dem Probleme desWiderspruchs zu gelten hat ,
weil sie Physik ist, so will auch Heraklits Physik nur eine andere
Ivösung desselben Problems darstellen; sie ist bedingt durch
dies logische Problem, nicht umgekehrt das logische Problem
durch die Physik; kurz gesagt: die Lehre von den Gegen-
sätzen ist kein Beiwerk, das dem Denker neben der Haupt-
arbeit gelungen wäre, dem er, um nichts umkommen zu
lassen, in seinem Buche nebenbei noch einen Platz verschafft
hätte, sondern sie ist die innere Bindung, durch die erst die
Teile seiner Gedankenwelt zur Einheit werden, der Grund,
auf dem das Ganze steht; es ist derselbe Grund, auf dem
Parmenides gebaut hat.
Wie das Problem des Widerspruchs die Eleaten trieb, die
Welt der Sinne zu verwerfen, zeigt am deutlichsten Melissos
als der beste Kommentar zur Ao^a des Parmenides. Melissos
folgert: „Wenn die Welt, die uns die Sinne zeigen, wahr
wäre, wenn das Wasser und das Feuer imd die Luft und das
Lebendige und Tote wäre und wir richtig sähen und hörten,
— 203 —
so müßte jedes Ding so sein und bleiben, wie es sich uns ein-
mal dargestellt hätte, und dürfte nicht in sein Gegenteil
umschlagen {ßxeraninreiv) noch sich verändern {hegoiovadai).
Nun aber behaupten wir zwar recht zu sehen und zu hören
und zu begreifen, und doch scheint uns das Warme kalt und
das Kalte warm zu werden und das Lebendige zu sterben
und aus Unlebendigem lyebendiges zu werden . . . und all
dies fortwährend sich zu verändern und nichts Gegenwärtiges
Vergangenem gleich zu sein, so daß wir die Dinge weder
sehen noch überhaupt erkennen können. Also liegt hier ein
Widerspruch: wir behaupten zwar, es gebe eine Vielheit
ewiger, bestimmter, standhaltender Dinge, und doch scheint
uns, bei jeder neuen Wahrnehmung, sich alles zu verändern
und in sein Gegenteil umzuschlagen {jueraninreiv). Daraus
folgt, daß unser Sehen und jener Schein der Vielheit falsch
war." Alles was diese Sätze negieren, bejaht Heraklit, und
zwar nicht etwa nebenbei und zufällig, sondern mit einem
Nachdruck, der uns zwingt, die Frage auf zuwerfen: muß er
nicht, um so bejahen zu können, die Negationen gekannt
haben? Melissos: xal xo l^tbov änoBvijaxeiv xal ix fzrj ^(bvxo^
yiveadai. Heraklit Fr. 88: xavxo r hi C(ov xal teOvrjxö^ . . rdde yäg
fXBxaTteaovTa (!) exelvd eatixaxeXvandkiv ixetaTteoovxaxavxcL
Melissos: x6 xe deg/bidv tpvxQov yiveaOat xal xo yfvxQov deg/biöv,
Heraklit Fr. 126: xä xpvxqä Oegerai, Oeg/btov tpvxetaij vygov
avalvsxai, xaqqxdiov voxiC^xai, MeHssos: ndvxa exegoiovcOai
rjfxiv doxel xal jbtexaTtiJtxeiv ix xov exdaxoxe oQCo/btdvov, Heraklit
Fr. 67: äkXoiovxai de SxcocTtsQ <71vq>, onoxav cv/jt/bLiyfj Ovcbfiaaiv,
övo/bidCexai xaO' i^dovrjv ixdaxov. Der letzte Satz scheint freilich
auf den ersten Blick die Relativität, wenn nicht gar Subjek-
tivität der Eigenschaften aussprechen zu sollen, aber nur auf
den ersten Blick : sein wahrer Sinn will auf das gerade Gegenteil
hinaus: so wie es in der Natur des Opferfeuers liegt, als dieser
und jener Wohlgeruch empfunden zu werden, so kann auch die
Einheit in der Welt, Gott, IvOgos oder, ins Materielle übersetzt,
das Weltfeuer, als Einheit, nur in gegensätzlicher Gestalt sich
offenbaren : sei es als Sommer und Winter, Tag und Nacht,
sei es als Krieg und Frieden oder Sättigung und Hunger. Die
— 204 —
Arzte heilen, indem sie brennen und schneiden (Fr. 58)*; so
ist Krankheit und Gesundheit (Fr. 111), Gut und Übel ein
und dasselbe^. ,,Das Meerwasser ist das reinste und ver-
dorbenste: für Fische trinkbar und lebenerhaltend, für
Menschen untrinkbar und tödlich." Es liegt ganz und gar
nicht in der Absicht solcher Beispiele, die Eigenschaften und
Wirkungen als etwas Äußerliches, Relatives von den Dingen
loszulösen, sondern im Gegenteil die Kraft des Widerspruchs
als etwas Wesenhaftes, aller Einheit Inhärentes zu beweisen.
Die Wahrheit ist eine Paradoxie: das predigt, sollte man
meinen, HerakUt wahrhaftig eindringHch genug ; und doch gibt
es noch immer Erklärer, die versuchen, gerade dieses Para-
doxe von seinen Gedanken abzustreifen. Zwischen der be-
griffUchen und materiellen Welt gibt es für ihn so wenig
eine Grenzscheide wie für- Parmenides; und auch Meüssos
könnte sich genau derselben Beispiele bedient haben, es ist
ein bloßer Zufall, wenn sie bei ihm fehlen; um so unzweideuti-
ger erscheint dieselbe uns so befremdliche Verschmelzung
des BegriffHchen und Stoff üchen als eleatische, d. h. Xenopha-
nische lychre in der Parodie des Epicharm (vgl. S. 120).
Der Schluß, der sich aus diesen Tatsachen ergibt, liegt
klar: die Heraklitische Naturphilosophie beansprucht gleich-
sam eine physikalische Losung des Problems des Wider-
spruchs zu sein; erst unter diesem Gesichtspunkt läßt sie
1 Bei der Bedeutung, die dem xamov in Heraklits Philosophie
zukommt, kann kein Zweifel sein, wie das ravrd egyctiö/uLevoi in Fr. 58
zu verstehen ist. Ebenso unverkennbar ist der Sinn in Fr. 23: „Ge-
recht und Ungerecht ist dasselbe, denn wäre es nicht dasselbe
(ei Tavrd ytii) ^v), so wüßten sie den Namen der Dike nicht."
* Wenn in Fr. 111 (Stob.) Krankheit und Gesundheit neben Gut
und Übel genannt sind (vovaog ijyieitjv eTioCtjaev ^ij, xaxdv dyaddv:
d. h. das eine wäre nicht ohne das andere), so beweist das,
daß Hippolytos das Beispiel von den Ärzten recht verstanden hat;
es ist keine Polemik gegen die Ärzte, sondern ein Beweis dafür, daß
Gut und Übel, als Gegensätze, einerlei Wesens sind. Wenn der Ver-
fasser der Heraklitischen Briefe aus denselben Heraklitworten auf
schlimme persönliche Erfahrungen des Autors schloß, so tat er das
nach einer allgemein im Altertum verbreiteten Methode; aber diese
Methode ist für uns nicht verbindlich.
— 20B —
sich verstehen. Nichts liegt ihr femer als der Versuch, die
Welt aus einem Urzustände durch mechanische Prozesse
stufenweise in ihre jetzige Gestalt zu überführen. Welcher
innere Vorgang hinter dem Phänomen verborgen sei. daß
Feuer zu Wasser und Erde werde, wie es komme, daß die
Erde in der Mitte, der Himmel um sie her sei, kurz die alte
Frage der Milesier, die erst mit Anaxagoras und lyeukippos
wieder ihre Auferstehung feiern sollte, machte ihm kein
Kopfzerbrechen, oder vielmehr, sie war für ihn, nach semer
Art, die Dinge anzusehen, gar nicht vorhanden. Theophrast,
sein Interpret, geriet, als er die I^ücke bemerkte, in eine nur zu
begreifliche Verlegenheit; er mußte zu Vermutungen und
Auslegungen seine Zuflucht nehmen, um die Aristotelische
Auffassung der Heraklitischen lychre vor sich selbst zu retten
tmd zu rechtfertigen. Die Wahrheit war, daß er die Philoso-
phie des Dunkeln nicht verstand, weil ihm entgangen war,
nach welcher Frage hin sie orientiert war; der Stoffwechsel
geschieht nach Heraklit nicht, wie er annehmen zu müssen
glaubte, durch dgcUcoai^ und Jtvxvcoai^, sondern kraft des
Gesetzes, das die Gegensätze zur innern Einheit, zum Tavröv,
zur Harmonie zusammenzwingt.
Heraklits Prinzip, das, was bei ihm dem dbieigov
des Anaximander und dem ov des Parmenides entspricht,
ist nicht das Feuer, sondern ro ooq>6v oder noch deut-
licher h xo aoq>6v. *Das Weise' ist keine Bestimmung,
kein Prädikat das Feuers, sondern umgekehrt das Feuer
gleichsam eine Erscheinungsform, ein Ausdrucksmittel
der Weltvemunft, die Form, durch die sie sich in der
materiellen Welt manifestiert: oxöoiov Xöyov^ ijxovaoy ovdel^
ajpvKvelxai i^xoiho, &(ne yivd>oxeiv, 8xi aoq)6v eoxi ndvxcov xexcoQio-
/ihov (Fr. 108) : „So vieler Rede ich hörte, keiner kommt dahin
zu erkennen, daß es eine Vernunft gibt jenseits aller Dinge."
Mit denen, deren Wort er hörte, können doch nur die Philo-
sophen gemeint sein. Das Bewußtsein, die Welt nicht nur
aus einem andern, sondern auch andersartigen Prinzip
erklärt zu haben als alle seine Vorgänger, ließ sich kaum
stärker ausdrücken. Es ist dieselbe Weltvemunft, die Zeus
— 206 —
genannt sein will, weil sie alles regiert — so hat auch Anaxi-
mander von seinem äjtsiQov behauptet : Jtdvra Kvßeqvq. — und
doch nicht Zeus genannt sein will, weil alles PersönHche ihr
fehlt, weil sie Prinzip ist (Fr. 32) : „Wahre Einsicht hat allein
das Eine, das Allweise, als die da ist: alles durch alles zu
regieren" (Fr. 41; vgl. S. 200 Anm.). Inhaltlich bestimmt,
ist dies Prinzip die Einheit aller Gegensätze, so wie das Feuer,
seine sichtbare Erscheinungsform, die Einheit aller materiellen
Gegensätze ist: 6 Oso^ Vf^QV ^vtpQÖvrjy ;^etjBta>v Oigo^, nöXe/bLO^
m
elgijvrj, xogo^ Xi^o^ [zaravTia SjtavTa). (Fr. 67.) Doch um die
letzte Einheit aller Dinge nicht nur zu ahnen und zu er-
schließen, sondern zu verstehen, dazu reicht die mensch-
liche Vernunft nicht hin: „Denn des Menschen Sinn hat
keine Einsichten, wohl aber der göttliche" (Fr. 78). Oder
dasselbe mit anderen Worten : ,,Für Gott ist alles schön und
gut und gerecht, die Menschen nur halten das eine für unge-
recht, das andere für gerecht" (Fr. 102).- Auch das Wissen
des Weisesten bleibt subjektiv, bleibt dö^a: doxiovra yäg 6
doxijbubraxo^ yivcoGxei, (pvXdoöSL (Fr. 28). Wahres Wissen hat
allein das Wesen, das es versteht, die Welt geheimnisvoll
zugleich in Widerspruch und Harmonie und in Zwietracht
und doch in Eintracht zu regieren. Alle Dinge sind eins,
so lehrt der X6yo^ (Fr. 50) ; und doch ist aller Dinge Vater
der Krieg (Fr. 53; 80) : das ist das Rätsel, an dem der weise
Homer zugrunde ging — Knaben gaben's ihm auf; es lautet:
was wir sahen und griffen, das Heßenwir, doch was wir weder
sahen noch griffen, das bringen wir — ja das bringe ich
euch, die ihr's nie versteht (Fr. 56).
Braucht es endUch noch gesagt zu werden, daß auch die
Flußlehre als Lehre Heraklits nur ein Mißverständnis ist, her-
vorgesponnen aus dem immer wiederkehrenden Gleichnis von
dem Strome, der derselbe bleibt, während das Wasser in
ihm fortwährend zu- und abströmt ? Nicht ein einziges Frag-
ment drückt den Gedanken aus, daß alle Dinge sich im
Flusse befänden, überall nur Übergang und Wechsel, nirgends
Dauer und Beharrlichkeit zu finden sei — es wird sich uns
noch zeigen, wo in Wahrheit das ndvxa gel zu Hause ist —
— 207 —
der Grundgedanke Heraklits ist vielmehr das denkbar ge-
nauste Gegenteil zur Flußlebre: Beharren im Wechsel,
Konstanz in der Veränderung, ravröv im /bteraTzlTtreiv, fihQov
im jLtexaßükXeiv, Einheit im Zwiespalt, Ewigkeit in der Ver-
gänglichkeit^. Wie stellt sich, nach dieser Klarlegung, die
lychre Heraklits zu der der Eleaten ?
* Auch Pr. 91 darf keineswegs im Sinne des ndvta ^et verstanden
werden; die hier auftretende Form des Gleichnisses vom Strome
n€ftafA,(p yäg ovx iaxiv ifi,ßfjvm Si^ r(p a'ör^ gehört nicht Heraklit,
sondern den Herakliteem (über deren Unterschied von Heraklit
siehe S. 245) : Aristot. Metaph. 1010 a 13 KQdivlog . . 'HQcodehq)
ijierlfia ebtövri, 6u dlg T(p ot&t^ Tiorafitp ovx imiv ifjißfjvcu • acördg yäg
4>CT0 ovo* daiai. Plato Krat. 402 A Uyei tiov 'H^ditXuToq. ort navta
X(OQ6i xai ovdh fAevei, xai noräfiov ^ofj dneixäCcov xd &vxa Hyei c&c Sig
ig x6v avrdv Ttora/idv ovx äv ifxßcUrig. Auf Aristoteles oder Plato,
jedenfalls auf indirektem Wege letzthin auf die Herakliteer gehen
^ Simphkios imd Plutarch zurück: Simplik. in Ar. Phys. S. 77. 88
Diels; Plut. Qu. nat. 2 S. 912 A: Tunafwlg yäq ölg xoig avxolg ovx äv
ifißali]g, Sg qyrjaiv 'Hgoodeixog • irega yäg iniggel 'Ööara (hier ist die
Verschmelzung der Platonischen Fassung mit dem Originale evident :
TimafJLoloi xoiaiv aöxolaiv i/j>ßaivovaiv ixega xai heqa 'öSaza iniggeX.
Fr. 12). Ebenso Plut. de B S. 392. Doch um an dieser letzten Stelle
das Plutarchische vom Heraklitischen zu scheiden, bedarf es erst einer
Betrachtung des Zusammenhangs: ^/mv fih yog ovxcog xov elvcu ixi-
xeaxiv ovSdv, (LUd näaa Bvrjxii q)'6atg iv juLdaq) yeviaemg xai <pdoQäg yevofiivri
qniofjui nagixBi xai ööxriaw dfAVÖgav Tcai dßdßcuov a'öxijg ' äv öi xijv dtd-
votav inegelofig Xaßiadai ßovXö/jevog, &ajt€Q ij aqjoögd Tiegldga^ig 'ßSaxog
x& nti^eiv dg xa'öxd xai awdyeiv öiaggdov dndXkvoi x6 TteQthxfAßavdfievov,
ovxo) xcüv JtaBrjxcüv xai fjLexaßXrfi(üv hcdmov tj^ äyav ivdgyeiav 6 Xöyog
du&xcüv dnoatpdXkEzai xfj fih elg x6 yiyvdfievov airtov xfj ö* elg x6 (pBeiQÖ-
jLtevov, oööevdg laßiadai fiivovxog ovo* övxog ovrwg öwdfxevog • 7wxafi,0 ydg
ovx ioTiv ifißrjvai dig X(p avx^ xaG* 'HgdxXeixov oööä Svrjxfjg o^alag öig
ätpaaBai xaxd i^iv * dXX* divxrfti xai xdx^i juexaßoX'^g axldvrjai xai ndhv
awdyei, fxäXXov ö* oödi ndXw odd' i^axegov dXk* ä/ia ovviaxaxai xai
dnoXelnei xai jigöaBiai xai äneioi * SSev oöö* elg xd elvai TtegaCvei
xd yiyvofievov a'öxfjg . . . dXX* '^fieig iva (poßovfieBa yeXolojg Odvaxov, rjdrj
xoao'6xovg xedvtjxdxBg xai dvijaxovxeg. Man hat bisher für Heraklitisch
nur die Worte axldvrjoi xai ndXiv awdyei xai jigöaeiai xai äjutm er-
klärt und das Dazwischenstehende in Klammem gesetzt. Ich halte
diese Lösung für unmöglich, nicht nur wegen ihrer 5501 taktischen
Gewaltsamkeit : ax(dvrjai xai ndXiv awdyei, von der övt/n) oöola gesagt,
entspricht durchaus der Ausdrucksweise kaiserzeitlicher Moralphiloso-
phie ; da war axeödwvadai in diesem Sinne LiebHngswort : Marcus VII 32
— 208 —
Auf ihre kürzeste Formel gebracht, besagt die lyehre der
Eleaten: alles in der Welt ist Gegensatz; die Gegensätze
schließen einander aus; folglich ist diese Welt der Gegensätze
falsch, und wahr ist nur das ewig unveränderliche ^Ov. Die
Lehre Heraklits: alles in der Welt ist Gegensatz, aber die
Gegensätze bedingen einander; das ist das große Geheimnis,
das vor aller Augen liegt und doch allen verborgen bleibt,
daß Widerstrebung Einheit ist und alles miteinander har-
moniert, indem es sich widerstreitet; folgUch ist der Gegen-
satz das Wesen aller Dinge, und die Welt der Gegensätze
ist die einzig wahre Welt. Wer ist hier der Abhängige ? Denn
jede Möglichkeit, sie beide als von einander unabhängig zu
betrachten, entschwindet angesichts der Gleichheit in den
obersten Problemen, in den Formulierungen und Zuspitzun-
gen der Gedanken, endlich angesichts der gemeinsamen
Kluft, die beide von den Milesiern trennt.
Das Problem, das sich Parmenides gestellt hatte, war
dies: wie kann etwas nicht widersprechend sein, was nicht
Ttegi Bavaxov * ^ axedaafidq, eiäiofwi. X 18 Siakvö/xevov xai iv juetaßoXg xal
ohv oifjtpei xai axeödaei yivö/ÄSvov, VI 4 ndwa xä ^Jt09ce£fA£va xdxifJta
/üLexaßaXei, xai tfroi exdvfuaBrjaexai, ehteg rjvanai ^ aöala, i] axeöa-
ad^aetm, VIII 25 ort öeijaei ijxoi oxeöaaBfjyai xö avyxQtjjAxtdv aov ^
aßeaSfjvai. Dagegen kann ich aus archaischer Zeit oxidvdvai in dem-
selben Sinne nicht belegen : Pannen. Fr. 2 oike oTodvd/jievov Jidvxfi
jtdvxcDQ xaxd xöofiov oike awioxdfievov bedeutet etwas ganz anderes;
Plutarch denkt an die Auflösung des I^eiblichen (vgl. xfi [xh elg x6
yiyvdfjLevov a!^ov, xfi ö*eig x6 q^deiQÖjbievov) , Parmenides an kosmische
Perioden. Formen von axiövdvai hat Plutarch auch sonst : de fade in
erbe lunae. 933 D axlövrjai ydg ?} deQ/j,(ktjg xai öiaxet. 939 B 6 dijQ oxidvriat
xai diaxel xijv a'öyijv. Qu. conv. VI 688 B Bq'öntovxa xijv iUtyv ötaq>OQei
xai axldvriaiv. Für O'wdyeiv, das bei den Vorsokratikem ebenfalls fehlt,
bedarf es aus späterer I^iteratur keiner Belege. Nim hat man sich freilich
auf den sechsten Heraklitischen Brief berufen: ovx Xaaaiv &ti Osog
iv x6a/j>q> fxeydXa ad>fiara latgevet inaviaajv a'öxcov xd äjuexQov * xd dgvn-
xöfxeva hofAOiei, xd dhadijaavxa i57toq>6dQ nii^ei, avvdyei xd axiÖvdfieva,
q>aiSQ'6vei xd dngenfj usw. Aber auch das ist alles stoisch, nichts in dem
ganzen Briefe Heraklitisch, und man könnte mit demselben Rechte
daraus^ daß Plutarch wie der Verfasser der Briefe beide juiCeiv
neben ox)vdyeiv, gebrauchen (x0 miCeiv elg xavxd xai awdyeiv), schließen,
auch die Worte niiCet, awdyet hätten bei Heraklit gestanden. Oder
- 2ÖÖ -
ein Ganzes, Einheitliches, o'öXov ßjtovvoyevi^ ist? Wie kann
aus der Vielheit, die uns die Sinne zeigen, eine Einheit
werden ? Die Frage war für ihn unlösbar, die Erfahrung mit
den Begriffen unvereinbar, das machte ihn zum Metaphysiker.
Empedokles glaubt sie gelöst zu haben (Fr. 1 7) :
dlnX" igio)' xore fiev yäq h rjvSi]Ori fxovov elvai
ex nXeövoiVy xoxe d' ai 6Uq)v nXlov ef ho^ elvai.
Es ist nur eine andere Antwort auf dieselbe Frage, was
im zehnten Heraklitfragment zu lesen steht: awdtpie^ 8Xa
Hat ovx 8Xa, avßjtq>eQ6ibLevov duzqjSQÖjbtevov, avvqjbov diqdov,xal
ix TtdvTiov iv Kai ef evo^ navTa. — Für Parmenides be-
ruhte jeder Gegensatz und jede Veränderung letzthin auf
dem Gegensatze des Seins zum Nichtsein:
yiyveaOal re xai dXXvaOm, elvai re xai ovxi,
xal TOTtov äkXdaaeiv did re XQ^^ q?av6v dfieißeiv (Fr. 8, 40).
Melissos Fr. 8: ijv de jLterojticfj, x6 juev iov äjzdyXero, ro
de ovx iov yiyovev usw. Dagegen Heraklit Fr. 49 a: noxa-
fwlc toi^ avrol^ ifißaivofiiv xe xai ovx ifxßalvofxevy elfxiv xe
xai ovx elßjtev. Wie hängt das Seinsproblem mit der Kon-
man könnte z. B. mit genau demselben Rechte aus Nemesios
c. 2 S. 70 Matthaei eine Anspielung auf Heraklit herauslesen: rd
od>fAaxa rfj ohceiq (pvaei r genta övxa Kai OHedaard . . Sehai xov avvri-
OivTog xai avvdyovroQ. Dagegen ist awlatarai xai o^oXeljiei im Sinne
von Entstehen und Vergehen tadellos archaisch: Kmpedokl. Fr. 17, 3
öoiij öi BvtjTCüv yiveaiQ, öoiij 6* äji6XeitpiQ', Diogenes Fr. 7 xal airzd fiiv
xovio xai äldu3v xai dddvaxov a&ixa, xwv öi xä fiiv ylvezai, xä öi dJcoXehtei.
Empedokl. Fr. 35, 6 awiaxafxev* äXloOev äXXa, Diog. Fr. 2 oike fakw
o^jöi öXlo yevdaOai <yööiv, el fiii oöxco awCniaxo &axe xavxd elvai. Also
behalten wir als Heraklitisch nur die Worte äfia awlaxaxai xai ojco-
Xeljiet xai ngöaetai xai äneiai. Subjekt wird wohl der Strom gewesen
sein, der späteren Zeiten als das Sinnbild der Bvtftij aöaia galt.
Doch kommt im Grunde wenig darauf an, ob der Naturvorgang bei
Namen genannt oder durch sein Sjmibol bezeichnet war, ob wir die
Seele oder den Körper oder den Fluß uns als Subjekt denken. Zur
Bedeutung von ngöaeim xai äneiai vgl. Plato Tim. S. 42 A: onöxe dij
acbfjLaaiv ifKpvxevBeiev {al xpvxal) ii dvdyxrjg, xal xo fxkv TiQoaloi, x6
ö* dnloi xov Ofbfiaxog a'öxdw, S. 33 B (vom Kosmos, der weder der
Nahrung noch der Ausscheidung bedarf) dnfjei xe ydg ofdöh odöi
JtQoafjeiv a^4> JtoOcv — aööi yäg i^v -— a'öxö ydg iavx^ xQO<pijv x^
iavxov q)Blaiv naqixw usw.
Reinhardt, Parmrnide«.
14
— 210 —
stanz im Stoffwechsel zusammen? Wie das Gleichnis mit
der These ? Es ist klar, es sollte die I^ösung des Problems
enthalten ; aber dann mußte das Problem zuvor gegeben sein.
— Die Zurückführung des Werdens imd Vergehens auf Sein
und Nichtsein ist der Angelpunkt des Parmenideischen
Systems. Heraklit behauptet, wie die Coinzidenz des Seins
und Nichtseins, so auch die des Werdens und Vergehens, er
gebraucht dieselben Gleichnisse, um beides zu veranschau-
lichen: <noxafJL6^> äfjua avvloxaxax xal anoXelnei xal ngöoeiai
xai äneioi (Fr. 91; s. S. 207 Anm.). zw oiv x6^ifi övofm ßlo^,
Iqyov de Bdvarö^ (Fr. 48) usw. ; aber die beiden Gegensätze
sind nun von einander unabhängig, beide nur ein Beispiel
mehr für das Gemeinsame, das alle Dinge und alle
Gedanken lenkt nach seinem Willen. — Die Eleaten lehren :
es gibt in der Welt der Sinne kein ravröv, da das Warme
kalt und das Kalte warm wird usw. ; wie könnte Ein Dit^
nicht zweierlei sein, das von einem Gegensatz in den andern
übergeht? Heraklit lehrt: es ist alles in der Welt ravzöv,
da das Warme kalt und das Kalte warm wird usw.; wie
könnten zwei Gegensätze nicht Ein Ding sein, die fortwährend
miteinander wechseln? tamö r^evi C(ov xal TeBvtixd^ xal ro
iyQTjyoQo^ xal ro xaOevdov xal viov xal yrjQaiöv' rdde yäg fjLSxa-
neoövra ixeivd iarL xäxeiva ndkiv fjLsxojteoövxa ravra (Fr. 88).
rä tpvxQa Odgercu, OsQfidv tpvxetai, vyQov avalvezai, xaqxpaXiov
vonCerai (Ff. 126). — Die Eleaten hatten alle Verwandlung
{hegoicoai^, äXXoiiooi^) als Entstehen und Vergehen erklärt
und diese Begriffe zurückgeführt auf Sein und Nichtsein:
Melissos Fr. 7: el yäg heqoiovxai, ävdyxrj ro iov fxrj öjnolov
elvaiy äXXd änöXXvadai ro ngoadev iöv, ro de ovx iov yiveaOaL
el roiwv rgixl jbufj ßjtvgioi^ ereaiv hegolov yivoiro, olelrat näv
iv r(p Ttavrl XQ^'^^* Ebenso Parmenides Fr. 8,40 f. Vom
Probleme des Seins aus kamen sie dazu, die Frage aufzu-
werfen: Ist Verwandlung eines Seienden möglich? Sie
konnten die Frage nur verneinen. Dem 67. Fragmente
Heraklits läßt sich ein eigentlicher Sinn erst abgewinnen,
wenn man von derselben Frage an es herantritt: 6 Oeo^
i^fjUgr) evfpQÖvrj, x^^f^'^ Oiqo^y nöXe/uo^ ^Iq^v^, xÖQog XlfAjo^*
— au —
äXXoiovrai di ÖHoycTieq <nvQ>, onörav avfifUy^ Bvco/üuiatv'
dvofm^ezca Koff i^dovijv ixdarov. Darin steckt an Gedanken :
1. Gott ist die Einheit aller Gegensätze. 2. Als die Einheit
aller Gegensätze muß Gott sich verwandeln, denn Verwand-
lung ist das Auseinandertreten einer Einheit in zwei Gegen-
sätze. 3. Aber wie ist das zu verstehen, daß die Einheit
in zwei Gegensätze auseinandertritt, daß sie zu Sommer und
Winter, Ts^ und Nacht, zu Krieg . und Frieden und zu
Sättigung und Hunger wird ? Oder um dieselben Beispiele
verständlicher in eleatischer Terminologie zu geben (denn
Heraklit liebt es, die Ausdrücke der Schule zu umschreiben
oder durch, konkretere, geheimnisvollere Begriffe zu ersetzen;
vgl. z. B. Fr. 126), wie kann das Sv xal dv zu axöxö^ und
(pa>^, OeqfJLov und ywxQdv, iqo)^ und iqi^y JiXfjqe^ und xevov
werden? Wiederum muß ein Gleichnis helfen. Wie das
Bild des Stromes die Einheit und den Zusammenfall von
Sein und Nichtsein, Werden und Vergehen erklärt, so das
Bild des Räucherwerks das Problem der Verwandlui]^. Wenn
das Feuer mit Räucherwerk gemischt wird, so verschwindet
scheinbar seine Einheit und an ihre Stelle treten die ver-
schiedenen und einander entgegengesetzten Düfte ; und doch
könnte es keine Verschiedenheit der Düfte geben ohne die sie
bedingende Einheit, das Feuer. — Die Eleaten lehren: was einen
Anfang und ein Ende hat, kann nicht ein und dasselbe sein und
bleiben ; folglich kann es überhaupt nicht sein ; Melissos Fr. 2 :
Sre xolwv ovx fyivero, San te xal äel fjv xal äel Scrtai, xal äqx^v
ovx Sxei ovdk TeXew/jVy du* äneiqöv icrtiv, el fxev yäq iyhero,
äqx'^v äv elxev {ijq^axo yäq äv Ttote yevöfievov) xal xeXevxrjv [he-
Xe&tTjoe yäq äv noxe yevöfxevov), öxe de /jf^xe ijq^axo fJLTjxe he-
Xevxrjaev äel xe fjv xal äel iaxal, ovx Ix^i dßX^^ ^^*^^ xeXernijv,
ov yäq äel elvai äwcfxöv, 3 xi juij näv laxi, Parmenides Fr. 8,3:
d>^ äyivTjxov iov xal ävd)Xe0q6v icfxiv, odXov ßxovvoyevi^ xe xal
äxqe/jte^ iqd\äxiXeoxov' o'idi no'f ^v ov^ iaxaiy ijtel vvv laxiv
ojbiov näv: d. h. es hat weder äqx'^ noch xeXevxi]; und ähnlich
Epicharm in Fr. 1. Heraklit lehrt die Coinzidenz des An-
fangs mit dem Endet ^wdv yäq äqx'^ ^o-l niqa^ inl xvxXov
7teqi<peqeia^ (Fr. 103). Daß der Kreis ihm nur als Gleichnis
. 14*
^ 212 —
und Symbol diente, und welche Tragweite dies Gleichnis
für ihn hatte, darüber belehrt, wenn es denn der Belehrung
noch bedarf, die Hippokratische Schrift de locis in hom. 1
(VI 276 lyittre : ijbtoi doxei aqxv A^^ ^^ ovdeßxia elvai xov
oco/biaTo^j äkXä ndvxa 6/jtoi(o^ ^QXTi ^^* Ttdvra TsXevnj' xvxXov
yaQ yQaq)ivTo^ rj clqxyi ovx evgiOrj, Meine Frage ist: mußte
nicht erst der Gegensatz als Gegensatz entdeckt sein,
ehe man sich auf die Suche nach Sinnbildern machen konnte,
um seine Vereinigung zu veranschaulichen ? — Für Parmenides
kann diese Welt die wahre Welt nicht sein, weil sie
entstanden ist und sich fortwährend noch verändert; was
in Wahrheit ist, muß sich ewig gleich bleiben, es darf
weder Vergangenheit noch Zukunft haben, es muß ewig
gegenwärtig sein: el yäg Syevr' ovx ßanv ovo' ♦ el noxe
fiiXkei eaeadai (Fr. 8, 20); d yäg xöofxo^ 6 Ttqoodev id)v ovx
änoXXvxai ovre 6 /lly} icbv yivexai (Melissos Fr. 7). Dagegen
Heraklit: xoc/llov xövde oike xi4 Oecbv oike dvOgconcDv inoirjaevf
aXX* fjv äei xai laxiv xal iaxai . . (Fr. 30) — : die Welt in
ihrem jetzigen Zustand bleibt sich ewig gleich, weil
sie in unaufhörlicher Veränderung begriffen ist. — Parmenides
folgert: soll das Seiende mangellos sein, ein und dasselbe,
ungeworden und unvergänglich, so muß es unbewegt sein:
avxäg äxivrjxov fieyalcov iv neiqaai dea/bubv eaxiv ävagxöv Smavcnov
(Fr. 8,26). Heraklit dagegen: xal 6 xvxethv duavoxai <firi>
xivövfxevog (Fr. 125) : Ruhe wäre Zerfall, nur durch Bewegung
ist Bestand, xadxöv, Identität der Dinge möglich. — Bei
Parmenides ist das Problem des Werdens und die I^ehre
von den Gegensätzen mit Notwendigkeit aus dem Probleme
des Seins hervorgegangen; Heraklit verwendet das Problem
des Werdens und die Lehre von den Gegensätzen zur Be-
gründung einer sittlich-religiösen Weltanschauimg ; er geht
aus von diesen Fragen — aber sein Blick ist auf ein anderes
Ziel gerichtet. — Parmenides schließt aus dem Widerspruche
der Sinnenwelt, die Sinneserkenntnis müsse fälsch sein:
vcofjäv äaxojtov ö(jLfjui xal rix^iecoav äxovi]v (Fr. I 35) ; vov^ oQfj
xal vov^ äxovei' xdlXa x(o(pä xal x\)q)Xd (Epicharm Fr. 12 Diels);
vvv dd (pafiev oqBco^ oQäv xal dxoxfeiv xal ovvUvai (Melissos Fr. 7 ;
— 213 —
man beachte die drei Glieder!). Dagegen Heraklit: dacov
8\pi4 axoii jbuißrfai^, ravra iytb Ttqoxt^o} (Fr. 55). „Was man
sehen, hören, lernen kann, Symbol und Gleichnis ziehe
ich abstrakter Logik vor."^ Das Fragment ist echt,
Hippolytos bürgt für seine Echtheit; an seiner erkennt-
nistheoretischen Bedeutung kann kein Zweifel sein. Aber
wie konnte es einem Philosophen einfallen, die Sinne
in Schutz zu nehmen, wenn niemand sie zuvor ver-
dächtigt und »verworfen hatte? Ja, wie konnte überhaupt
die sinnliche Erkenntnis zum Problem werden, wenn nicht
durch die Entdeckung einer übersinnlichen Erkenntnis?
Welche Nötigung lag für den Physiker vor, eine Erkenntnis-
theorie zu erfinden ? Wo dagegen gibt es einen Metaphysiker,
der nicht zugleich Erkenntnistheoretiker sein müßte? Ist
aber Heraklit ein Metaphysiker ? Kennt er zwei Welten wie
Parmenides, von denen die eine falsch, die andere wahr ist ?
Seine Philosophie will vielmehr auf das Gegenteil hinaus,
auf die Versöhnung zwischen den a^'crö^Jaet^ und dem iöyo^;
sie entdeckt auch hier, wie überall, die Harmonie im Wider-
spruch, die Eintracht im Zwiespalt. Wohl sind auch seiner
Überzeugung nach die Sinne trügerisch, doch nur für den,
der ihre Sprache nicht zu deuten weiß: „Schlechte Zeugen
sind Augen und Ohren für Menschen mit kauderwelschen
Seelen" (Fr. 107). Wohl ist auch seine Erkenntnis Logos-
Erkenntnis, aber sein Logos ist ^vvö^, er wohnt allem und
jedem inne, ja selbst den Gedanken derer, die ihn nicht be-
greifen. Das ,, Gemeinsame", ^vvov, gibt keine Richtschnur
für das Handeln, sondern für das Erkennen, und insofern erst,
als. das Erkennen auf das Handeln rückwirkt, auch für die
Moral, Fr. 2 dio del ineadai x(o ^v(p (was vorausging, war
gleichfalls Erkenntnistheorie, da es sich an das erste Bruch-
stück anschloß: öllya TtQoadieldwv sagt Sextus). rov loyov
1 In demselben Sinne hat Heraklit wohl auch das Sprichwort
angewandt (Fr. 101a): 6q>dakfjioi yäg xmv &to)v dxQißdaTeQoi fidg-'
rvQSQ. ,,Die Wahrheit ist etwas kaum Glaubliches (Fr. 86) ; sie läßt
sich nicht durch Hörensagen begreifen, man muß sie schon mit eigenen
Augen sehen." Vgl. auch das auf S. 63 über Fr. 93 Gesagte.
— 214 —
de iövTo^ {vvov ^(oovaiv ol noilol &^ Ibtav i^ovre^ (pgövrjaiv:
„die meisten leben, als ob sie ihre eigene Einsicht hätten,
während sie in Wahrheit mit ihren Gedanken nur ein Teil
des Gemeinsamen sind; darum muß man dem Gemeinsamen
folgen, denn es führt allein zur Wahrheit."
Derselbe Gedanke, nur mit anderen Worten ausgedrückt,
kehrt wieder in Fr. 72 : <5 jbidXuna dirjvexo)^ 6/jtdovai I6yq> {reo rä 8Xa
dioixovvxi) TO'&tq) dtaq^igovrai, xal ol^ xaff i^fidgav iyxvQOvai, xaiha
avxol^ Sdva qxxiv.exai. Oder in Fr. 17: ov yäq q>Qovdovai rotavxa
[7toXXol]\ 6x0001 iyxvQsvai, ovöe fjuiBovre^ yivwaxovaiv, ecovroiaide
doxdovai^: all ihr Reden und Tun zeugt von dem I/Ogos, ja sie
kennen ihn, sie wissen um ihn sehr wohl {juavOdvovai) , aber ihr
eigenes Wissen bleibt ihnen verborgen; so scheint ihnen das All-
tägHche fremd, das Offenbare dtmkel: iSrjndxTjvrai oi ävOgconoi
TtQo^ rijv yvcbaiv rwv (pavegcov 7taQa7ti.rjol(o^ 'OfiiJQ(p usw. (Fr. 56).
Derselbe Gedanke kann so paradoxe Form annehmen,
daß er das delphische Gebot: „Erkenne dich selbst", die
schwerste Aufgabe, welche die alte Sieben- Weisen- Weisheit
dem Menschen zu stellen gewußt hatte, für erfüllt erklärt,
und zwar erfüllt von allen Menschen ohne Ausnahme: äv-
BQiüTtovai Ttäci fiheaxi yivcoaxeiv iavtov^ xal q)Qovelv (Fr. 116).
^vvov iari jzäai ro q)Qoveiv (Fr. 113): womit selbstverständlich
nicht gesagt sein sollte, daß jeder Dummkopf, wenn er nur stre-
bend sich bemühe, es noch zum Weisen bringen könne — wenn
Einer an eine natürliche Rangordnimg der Geister glaubte, so
war es Heraklit, er, dem jedwede Ordnung, von der größten bis
zur kleinsten, in der Natur wie in der Gesellschaft, und der
Gegensatz von Herren und Sklaven ebenso gut wie der von
Göttern und Menschen, als geschaffen galt durch das allen ge-
meinsame Gesetz, den Krieg, den Vater aller Dinge (Fr. 53) —
sondern auch diese Sätze sind erkenntnistheoretisch zu ver-
^ Ich halte noXXo( für eine alte Erklärung, beigefügt aus Stellen
wie Fr. 2, 29 oder 104; daß wir mit solchen Erklärungen im Texte des
Clemens zu rechnen haben, zeigt Fr. 26, worüber die übernächste
^Anm.
> Übersetzt: ,,Denn sie denken an solches nicht, so viel ihrer auch
darauf stoßen, und wenn sie es auch erfahren, so verstehen sie es nicht,
büden siqh'§ aber ein/* ♦
— ai5 —
stehen: sie alle haben Teil (/jdxean) am I/Ogos, aber, so müssen
wir ergänzen, sie merken 's nicht, mit hörenden Ohren sind sie
taub: ä^veroi äxo'öaavTe^ >c(oq)oiaiv io/naül' qxxri^ avroiaiv fjuiQ-
rvQel' TtoLQeövra^ djieivai (Fr. 34).
Hiemach ergibt sich endlich auch der Sinn von Fr. 114: ^v
v6(p UyovToc laxyQiC^oOai xQ^fj r(5 ^v&jzdvrcov, 8x(oc7ieQ vö/up 716X14,
xal noli> loxvQOxiqm^. xqi(povx(u yäq ndvxe^ 01 dvOgfoneioi v6/joi
ino evdc rov Oeiov ' xQotel yäg xoaoihov öxöcov iOiXei xal i^agxel
Ttäai xal neqiylvexaju „Um mit Verstand (fi)r v6(fi) zu reden, muß
man sich stützen auf das fvvrfr." Das ist zunächst ein Wortspiel
derselben Art wie Fr. 25: fJLÖQoiyäq fiil^ove^ fxii^ova^ fxoiqa^Xay
XdvovcL Und weil es ein Wortspiel ist, wird man es lassen müssen,
wie es überliefert ist: wollte man, dem Sinne zu I^iebe, hinter
Xiyovta^ ein xal notovvta^ einschieben, so würde das Übergewicht
des doppelten Ausdrucks die wohl abgewogene, sehr gewählte
Fassung des Gedankens aus den Fugen bringen: während doch
jede HerakHterklärung, die zum Ziele kommen will, vom Satz-
bau ausgehen muß^. FolgUch kann es sich auch hier nur
wieder um das Prinzip der wahren Erkenntnis, nicht des rechten
Handelns handeln. Zu demselben Ergebnis führt noch sicherer
eine zweite Überlegung : der politische vöjllo^, auf den der Staat
sich gründet, soll ersichtlich hier nur zumVergleiche dienen;
folglich m^üssen die dvOgionetoi vofjoi von den staatlichen
Gesetzen und Sitten wesentlich verschieden sein: es sind
die Satzungen der ganzen Menschheit, vöfioi in demselben
erkeimtnistheoretischen Sinne, den wir bei Parmenides ent-
deckten, und ihr Gegenteil, der 6eio^ vößjto^, ist das Ding
an sich, die q/dai^, die über alles obsiegt und deren Macht
sich selbst bis in die Menschensatzungen hinein erstreckt.
Also auch hier wieder ein Wortspiel, nur diesmal mit ver-
schiedenen^ Bedeutungen desselben Wortes, ähnlich wie
* Darum halte ich auch Wüamowitz Erklärung von Fr. 26 für
die einzig mögliche: SvOgtoTtog h eöq>Q6vfi q>Qog äntexca iavt<l> [djro-
Oaofd^] äjtoaßeaOelg dyfeig * C&v öi äjttercu xeBve&toc eiiöcov [dnoaßsaOelQ
^V^eic] iygriyoQ^ äntexca e{)öovTos, „Der Mensch zündet in der Nacht
ein Licht sich selber an, wenn seiner Augen Licht erloschen; im
Leben aber ist er im Schlafe wie im Tode imd im Wachen wie im
Schlafe."
— 216 —
in Fr. 124: adg/ua elnfj xexvfxevov 6 HakXusTo^ HÖOfjio^. Im Ge-
danken stimmt mit Heraklit genau der Hippokratiker nsgl
diaitrj^ überein, c. 11: ndvxa yäq ofjxywL ävofioia iovra, xal
av^(poqa ndvxa didq)OQa iovra (Herakl. Fr. 10), öudeyojueva
ov ötaXeyöjbieva (alles redet, indem es stumm ist), yvfojüirjv
Sxovra äyvco/btova (alles hat Vernunft, indem es dumm ist),
vnevavxlo^ 6 rqoTco^ exdaxcav öfA^XoyeöfJievo^' vofio^ yäq xal
(px>OK^y oloi ndvxa öiaTtqrjoaöfjieday ov% ofioXoyelxai öjbboXoyeö/uLeva
(all unser Tun und Denken ist (pvai^ und vöjülo^ zugleich,
vojLio^ sofern wir dabei unseren falschen und beschränkten
Vorstellungen folgen, (pvöi^, sofern dieselben falschen Vor-
stellungen sich in Übereinstimmung befinden mit dem gött-
lichen Gesetz), vö/liov /btev ävßqonoi edeaav avxoi eoyoxolaiVy oi
yivcoaxovxe^ neql d>v edeaav, (piiaiv de ndvxcDV deol dtexoafiijaav '
xd jLiev ovv ävdqwTioi dddeaav, ovöinoxe «arct xcdvxo exei ovxe
öqdcb^ ovxe jültj öqdco^ (die menschHchen Gedanken sind in
einem Betrachte richtig, im anderen falsch, so sind sie niemals
xaxd xcdvxo) oaa de Oeol öiedeaav, dei öqdcb^ ixei xal xd d^Öct
xal xd piTj öqdd (das göttliche Gesetz ist richtig, selbst da,
wo es falsch ist : im menschlichen Erkennen) * xoaovxov
duKpdqei^,
1 Ebenso verstehe ich auch Fr. 89 6 'HQoxXeitdg <priai xolg iyqri'
yoQÖaiv iva xal xoivov xdofjiov elvaij xwv öi xoi/jLcofjUcov ixacrcov
elg tdi'pv dJto(JTQi(peadca, Die Wachenden befinden sich im Zustande
des elg xoofjioq, die Schlafenden im Zustande der Büizelexistenz
(über xdajxoq siehe S. 174). So ist der Mensch zugleich ein lÖwv und
Iwov. Aber auch sein Idiov, seine Absonderung, sein ,, Schlaf", sein
Mißverständnis über sich selbst und über die Welt ist wiederum doch
nur ein Teü des Ganzen und Gemeinsamen. Wie der Schlafende sich
zur mngebenden Welt verhält, verhält sich der gewöhnliche Verstand
zum Wesen alles Seins : Tot)g ök äUovg ävBqdiTiovQ Xavddvei 6x6aa iyeqOivxeQ
Twtovmv, SxcoojtsQ öxöaa eööovreg indavSavaircai (Fr. 1). Und das ist
wiederum derselbe Gedanke wie in Fr. 2: rov Xoyov öi idvrog iwov
Xfoovaiv oi no^Xol d>g iölav ixovreg (pqdvriaiv. In dieselbe Gedanken-
reihe gehört Fr. 21: 6dvax6g iariv öxöoa eyeQßdvreg öqiofAev, öxöaa Si
eööovteg <j7tvog. So wie Schlaf das ist, was wir im Schlafen sehen (d. i.
ein subjektives Trugbild, töiog xöa/wg), so ist das, was wir im Wachen
sehen, in WirkHchkeit nicht Leben, sondern der Tod. Wer weise sein
will, darf nicht handeln wie im Schlafe (Fr. 73) : cw öel SoTteg xaSev-
öovTog Ttoielv xal XdyeiVj er darf nicht leben, als ob er eine löla (pQÖvrjatg
— 217 —
Auch das berühmte Rätsel, das der Anfang des Heraklit-
schen Buches aufgibt, läßt sich, wie ich glaube, restlos dann
erst lösen, wenn man ihm von dem erkenntnistheoretischen
Grundgedanken Heraklits aus beizukommen sucht. Tov
Xoyov rovde iövro^ äst ä^'övsroi ylvövrcu ävOgcoTtöi^. .Die merk-
würdige Prägnanz und Spannung Heraklitischer Sätze be-
ruht zum nicht geringen Teile darauf, daß die Satzglieder
als weit stärkere, selbständigere Kräfte wirken, als es die
spätere, rhetorisch durchgebildete Sprache verträgt; man
muß, um solchen Satzbau zu verstehen, imstande sein, im
Subjekte die Antithese seines Prädikats, im Attribute die
Antithese seines Verbums zu empfinden. Die Gedanken-
striche, die ich hie und da in meinen Übersetzungen ange-
wandt habe, um diese Eigentümlichkeit hervortreten zu
lassen, sind freilich ein nur sehr unvollkommenes Ausdrucks-
mittel, lassen aber vielleicht doch wenigstens verstehen, wie
sie gemeint sind. In späterer, verständlicherer Stilisierung
würde der erste Satz ungefähr lauten: <5 /llsv Xöyog öde iaxiv,
ävdqoinöi d^ovddnore ^vvtäaiv airtov. ,,Dies Denkgesetz besteht,
ist wahr, und doch begreifen es die Menschen nie.*' Es ge-
hört fast schon Bekanntschaft mit dem eleatischen Problem
dazu, um den doppelten Gegensatz zwischen dem elvm und
dem fxri ^vUvai, zwischen Xoyo^ und ävOqoynot und die sich
überkreuzende Entsprechung der vier Glieder, diese von
Heraklit so überaus beliebte Figur, als archaische Kunst-
besäße, sondern muß dem Gemeinsamen folgen, denn Weisheit ist: das
Wahre sagen und tun in richtiger ^Erkenntnis (Fr. 112, erklärt auf
S. 223 Anm. 1). Danach ist kaum daran zu zweifeln, daß auch Fr. 26
im erkenntnistheoretischen und nicht im physikalischen Sinne zu
deuten ist; vgl. S. 215 Anm.
^ Diels und Bywater schreiben tov de X6yov rovSe. Aber das öi
beruht nur auf der Gewährschaft des Hippolytos; tov Xoyov tovös
Aristoteles, Xoyov xovöe Sextus. Nun wäre freilich nichts dagegen
einzuwenden, wenn nach der archaischen Überschrift mit einem de
fortgefahren würde. Aber dann kommt man kamn darum herum,
unter dem Logq^s Heraklits eigene Rede oder I^ehre zu verstehen.
Dem aber scheint mir Fr. 50 imd 72 und besonders Fr. 2 und 45
zu widersprechen.
^ 21Ö —
form nachzufühlen. Und wieder echt archaisch, wird nun
der Begriff ael geteilt, das heißt erklärt und ausgeführt:
xal TtQoadev fj äxovaai xal dxo'öaavie^ x6 TtQ&tov. Im Grunde
bleibt der köyö^ immer unbegreiflich, auch wenn ihn der
Mensch vernommen und selbst wenn er ihn hat einsehen
lernen. Aber inwiefern besteht dies Denkgesetz und inwie-
fern begreifen es die Menschen nie ? Die erste Antithese
wird erklärt und aufgenommen durch die zweite : den Worten
rov X6yöv xo'öd^iovxo^ entspricht: yivofjUvcov yäg ndvxöv xaxä
rov Xoyov rövde. Das Denkgesetz besteht, denn alles in der
Welt geschieht danach. Das zweite Glied äel äSiivetoi ylvovrcu
ävdQconoi erklärt der Nachsatz: ojceiQOujiv iolxaai. Wie ist
es mögHchr daß die Menschen ihre eigene Denknotwendigkeit
nicht einsehen? Antwort: Sie gleichen den Unerfahrenen,
scheinen wie die Unerfahrenen (denn im Gnmde sind sie
wohl erfahren, wenn auch unbewußt erfahren; Fr. 116), so-
oft sie sich versuchen in Worten und Taten, iTtrj xal igya . . .
Die Absicht des doppelten Ausdrucks kann nur sein, das
ganze menschliche Gebahren ^u umschreiben, nicht be-
stimmte Einzelphänomene aus dem Gebiete der Erkenntnis
und Moral herauszugreifen, die allein für sich zu deuten
wären. Aber da das menschliche Gebahren vom Standpunkte
des wahrhaft Erkennenden aus betrachtet wird und über-
dies der Gedanke sich einstellt: ebendies sich selber miß-
verstehende Gebahren will ich jetzt nach seiner wahren
Beschaffenheit {xaxä qyöaiv) erklären, so hat der ganze Satz
die Form gewonnen: arteiQoioiv ioixaai, tzsiqcoijsvoi xal inicov
xal igyoDV xoiovxcov, öxoicov iyd) dirjyevjbuu duuQkov äxaaxov xaxä
(piiaiv xal (pQd^cov Sxco^ ixei\ ,,So oft sie sich versuchen in
Worten und Werken solcher Art, wie ich sie erkläre ein
jedes nach seiner wahren Natur zerlegend und zeigend, wie
es sich damit verhält. " Endlich der letzte Satz, der wiederum
den vorangegangenen präzisiert: xoi)^ de äXlov^ ävOgtinovc
XavOdvet öxöaa iysQddvxe^ noiovaiv, öxcooneQ öxöaa eödovze^
ijtiXavddvovxcu. Tov^ äXkovQ ävBqihnov^ im stärksten Gegen-
satze zu dem hervorgehobenen iyd}. Wie ist eS möglich, daß
ein einzelner, daß Heraklit das Tun der Menschen deuten
— 219 —
kann und alle übrigen es mißverstehen ? Die Antwort ist :
die Menschen sind im Wachen wie im Schlafe; so wie der
Schlafende seinen physischen Zustand vergessen hat und
falsch interpretiert, so der gewöhnliche Erkennende und
Handelnde das Wesen alles Seins und seiner selbst. — Der
lyOgös Heraklits ist, wie ich glaube, nicht Weltgesetz noch
Weltvemunft noch überhaupt göttliches Prinzip — dafür ge-
braucht er ro aocpov, — sondern die Denknotwendigkeit, das
logische Gesetz, die philosophische Einstellung, die er ge-
funden, ioyo^ in demselben erkenntnistheoretischen Sinne
wie bei Parmenides Fr. 1,36: XQivai de köycp nokiidrjQiv eXeyxov,
und wie auch noch bei Sokrates und Plato : Phaedo S. Vd9 E :
iöeufOy fxii Ttavrdnaoi rrjv xpvxfiv W(pXoDdelriv ßUTuov nqo^ rct
TtQayjüuna xol^ S/btjbtaai xal exdatfj xcbv aiadijaecov imxeiQojv
&TvteoBcu avTcov. ido^e dij fwi ;fe?yvat elg roix^ köyov^ Haratpvyovra
iv ixeivot^ axönelv xa>v övxcav rrjv älijdsiav . . . xal VTcodijütevo^
ixdarore köyov Sv äv xqIvco iggco/bteviavatöv elvai, ä [abv äv fwi
doxfj xövxq> av/J'(p(oveiv, xlOrifu d)^ äXrjd^ övxa, xal tzbqI ätxia^
xal TteQi xcov äXkcov äjidvxcov xcov dvxcov, ä d^äv fjuiq, d)^ ovx dXrjdfj.
Faßt man den I^ogos Heraklits als Weltgesetz, so gerät man
zumal mit dem zweiten Satze in einen kaum mehr verständ-
lichen Gedankengang: „Denn obwohl alles nach dem Welt-
gesetze geschieht, so gleichen sie doch den Unerfahrenen, so-
oft sie sich versuchen in solchen Worten und Werken, wie
ich sie nach ihrer wahren Natur erkläre.'* Heraklit beginnt
vielmehr sein Buch damit, daß er in Rätseln von dem rätsel-
haften und doch zwingenden Denkgesetze redet, gleichwie
Parmenides und Empedokles die Darstellung ihrer Systeme
mit methodischen, erkenntnistheoretischen I^ehrsätzen er-
öffnen. Das 50. Fragment, welches, vielleicht zum ersten
Male, die neue lyOgoserkenntnis inhaltlich bestimmt, setzt
die erkenntnistheoretischen Bestimmungen der Einleitung
voraus, nicht umgekehrt diese erkenntnistheoretische Be-
stimmung den I^ehrinhalt: „Nicht mir, sondern dem lyOgos
in euch selber müßt ihr Recht geben und eingestehen, daß
alles eins ist (Fr. 60) ; wird doch ein jeder bis in seine kleinsten
und alltäglichsten Gedanken hinein bestimmt durch das Ge-
— 220 —
meinsame, das eben dieser Logos ist (Fr. 2) ; es gibt keinen
Augenblick, wo er nicht mit ihm verkehrte (Fr. 72), denn
nur durch ihn denkt und handelt er; darum muß, wer ihn
verstehen will, damit anfangen, daß er sich selbst erforscht,
gleich mir (Fr. 101)."
Meine Frage, angesichts all dieser Beziehungen, ist diese:
mußten nicht erst die Gegensätze als Gegensätze entdeckt,
als etwas mit sich selbst im' Widerspruche BefindHches
empfunden und gelehrt werden, bevor die Entdeckung ihrer
Vereinigung wie eine neue Offenbarung wirken konnte?
Mußten nicht erst die beiden Erkenntnisarten, die sinnliche
und die geistige, für unvereinbar miteinander gegolten haben^
bevor man danach trachten konnte, beide miteinander zu
versöhnen ? Mußte nicht erst das Werden, als der Gegensatz
zum wahren Sein, für etwas Unwahres, Unwirkliches, Un-
mögliches angesehen werden, ehe man sich die Mühe nehmen
konnte, seine MögHchkeit mit allen nur verfügbaren Mitteln
zu beweisen? Und bekanntlich dreht sich Heraklits Philo-
sophie um die Behauptung, daß ein Werden wirklich möglich
sei, ja daß das Sein nur durch das Werden möglich sei. Aber
wo wäre einem Anaximander eingefallen, eine UnmögHch-
keit darin zu finden, daß Eins aus dem andern wird? daß
td tpvxQä Biqezaiy deqfidv xpixBxcUy vyqöv avaivetai, xagqxxXdov
voriCerai ? Man sagt, Heraklit habe die unbewußte Grundlage
der älteren Systeme sich zum ersten Male bewußt gemacht und
das Gesetz der Abwandlung in allen Erscheinungen als wirk-
sam nachgewiesen. Aber damit setzt man voraus, daß Heraklit
den Fluß der Dinge, das ewige Werden schlechthin hätte lehren
wollen — was erwiesenermaßen falsch ist — davon abzu-
sehen, daß dies nicht die Art ist, wie Systeme auseinander
hervorgehen. Die Geschichte der Philosophie ist die Ge-
schichte ihrer Probleme; will man Heraklit erklären, so
zeige man zuerst, wo sein Problem lag. — Und endlich fallen
auch die Parallelen aus dem Indischen für die Entscheidung
ins Gewicht, daß das Problem des Werdens vom Probleme
des Seins untrennbar sein müsse: Mändükya-Kärikä 4, 3f.
(nach Deussen Upanishads des Veda S. 593) :
— 221 —
„Ein Werden ist nur des, was ist",
So sagen manche Denker uns; —
„Nein des, was nicht ist", so andre.
Gegenseitig im Widerspruch.
„Was ist, das kann doch nicht werden!"
„Was nicht ist, kann auch werden nicht!" —
So streitend, für das Nichtwerden,
Gleich Nichtzweiheitlern, zeugen sie.
Wenn so die philosophische Entwicklung auf dem Wege
über Parmenides zu HerakHt auf glatterer, natürlicherer
Bahn zu schreiten kommt als auf dem umgekehrten Wege
zu den Eleaten über Heraklit, so bestätigt sich dadurch nur
ein Ergebnis, das für jeden, der sich nicht vor Konsequenzen
fürchtete, auch ohnedies durch die gegebenen äußeren
Daten feststehen mußte: wenn es wahr ist, was die Über-
lieferung einstimmig bezeugt, daß schon Xenophanes die
fertige, voll ausgebildete „eleatische" Spekulation seiner-
seits voraussetzt, so muß HerakUt, der den Xenophanes mit
Namen nennt, erst recht auch ihit Parmenides bekannt ge-
wesen sein. Piaton behält recht damit, daß er ihn mit Em-
pedokles zusammenstellte und beider lychren als gleich-
strebende Bemühtmgen auffaßte, die eleatische Negation
zu überwinden, über sie hinaus zu einer neuen Welterklä-
ruug zu gelangen; äußere und innere Indizien kommen
überein, um der Platonischen Konstruktion gegen die jetzt
herrschende Recht zu geben. Jahrzehnte mußten nach der
Entstehimg des Parmenideischen Gedichtes vergangen sein,
ehe die eleatische Frage alt und reif genug geworden war, um
neue Lösungen und Systeme aus sich aufkeimen zu lassen.
So stehen wir vor zweiMögHchkeiten : entweder Parmenides
soweit hinaufzurücken, bis der nötige Abstand erreicht ist,
oder Heraklit soweit hinabzurücken; ohne Zweifel hat das
zweite die weit größere Wahrscheinlichkeit für sich. Er-
innern wir uns all dessen, was bei HerakHt als spät und der
Sophistik nächst verwandt erscheint, der Wortspiele, Anti-
these.n, Gorgianischen Figuren, die er mit bewußter Kunst,
als Schmuckmittel der Prosarede handhabt, und bereits mit
— 222 —
einer Übertreibung handhabt, daß ihm auch kein Wort vom
Munde fällt, das nicht durch die Kunst der Form Aufsehen er-
regte ; erinnern wir uns, daß sein Stil noch unter den Hippo-
kratikem I/iebhaber und Nachahmer findet, folglich zur Zeit
der entwickelten Rhetorik noch empfunden werden konnte;
halten wir uns klar, daß Heraklit zum Ausdruck geist^er
Beziehungen und Gesetze im Naturgeschehen nicht mehr, wie
Parmenides, die Sprache der Mythologie zu reden sich ge-
zwungen sieht, daß er, um vom Weltgesetz als einer Ordnung
über imd außer dem selbstschöpferischen. Urstoff der Milesier
zu reden, weder Götter noch Göttinnen, weder Aixr] noch ^'Eqi^
noch "E^cüC zu zitieren braucht, sondern ein rein geistiges Ver-
mögen zum. Prinzip erhebt, das Weise, ro aoq>6v, gleichwie
Anaxagoras den. rov^, daß ihm erst recht also dasselbe
Wort als Ausdruck für ein menschliches Vemunftideal ge-
läufig sein mußte, demnach ro aotpöv schon ihm bereits in der
entwickelten Bedeutung vorlag, die es bei Euripides gewonnen
hat^ — mir scheint unzweifelhaft, daß auch für Heraklit Wort
und Begriff etwas Gegebenes war, so. gut wie für den
syrakusanischen Komödiendichter, dem das vierte Epicharm-
fragment gehört — man hat ihn, wie ich glaube, zu Unrecht,
wegen eben dieser Übereinstimmung zum Herakliteer machen
wollen^ — ; vergessen wir ferner nicht, daß <fy6ai^, allbereits
absolut und ohne Genetivbestimmung, von der wahren Be-
schaffenheit der Dinge ausgesagt, bei Heraklit erscheint:
^ Bakchen 395 td ao<p6v d* (rö ao<pla x6 re fiii Qvrjtä <pQoveiv. 897
r/ xö ao<pdv tj xl x6 xdUiov Ttagd Bediv ydgag iv ßgcioig ij x^^Q' ^^6
xoQVipäg x(bv ixOgcöv xQelaam xaxixeiv,
* Bpicharm Fr. 4 : E'öjbKue, xö aoq>6v iaxiv od xaß* h ix6vov,
äXk* Saaa tibq lifj, ndvza xal yvfhixav ixei.
xcd ydg xd Bfjkv xäv dhcrjfxoQlöcDv yhog,
al Xfjg xarafjiaßeiv dxevig, <rö xlxrei xhcva
l^ünrtip), äXk* in^^ei xal noiel y>vxov ixßi'V»
xd öi ao(pdv ä <pijaig xoö' olöep d>g ixei'
fji6va • Jtenalöevxai yäg aöxaihag ^no.
Hier ist von oo<p6v im Sinne eines göttlichen Gesetzes wie bei Heraklit
überhaupt nicht die Rede ; die Natur weiß xd üoq>6v. Und im übrigen
scheint mir alles so unheraklitisch wie nur möglich.
— 223 —
qp'öai^ xgiJTrteadcu q>iXel (Fr. 123)^, daß sogar vofio^ in er-
kenntnistheoretischer Bedeutung bei ihm vorkommt, endlich
daß auch xöojbu)^ seiner späteren Bedeutung schon sehr nahe
kommt in jenem schillernden und spielerischen Rätselworte:
aaQfia elxfl xexvfihov 6 xaXXujxo^ xöc/lio^ (Fr. 124): ,,es ist
nichts als lauter Zufall und doch der allerschönste xocfjux^*'
(die Entdeckung der unsichtbaren Harmonie hat ihm
wohl auch über diesen tiefsten aller Widersprüche hinweg-
geholfen): halten wir uns diese Erscheinungen alle gegen-
wärtig, so werden wir uns zum mindesten soviel eingestehen
müssen, daß sie einer späteren Datierung Heraküts viel eher
günstig als ungünstig zu sein scheinen, mögen sie immerhin
an sich allein und ohne zwingendere Beweise nicht Gewicht
genug besitzen, um eine Datierung, sei es welche es wolle, zu
begründen.
Doch soll es uns, über Möglichkeiten und WahrscheinKch-
keiten hinaus, auch noch gelingen, wenigstens an einer Stelle
zu einem wirklich festen Anhalt zu gelangen: HerakHt kennt
bereits die in der späteren Physik kanonischen vier QuaH-
täten: OeQ/ütöv, tpvxQov, SrjQÖv, vyqov (Fr. 126): xä xpvxqä
Biqexaiy deg/btov xpvxsrai, vygov avaivetat, xoQcpcdiov vouCerai^.
^ Auch in Fr. 112: ro <pQoveiv ägerij fiByiaxri, xal aoiplri äXrißia U-
yeiv xal noielv xavä q>'öaiv incäovrag heißt xarä <p'6aiv nicht ,, gemäß
der Natur" in unserem und im stoischen Sinne, sondern ,,nach
der wahren Beschaffenheit der Dinge". Ebenso Fr. 1 öuagionf ixaaxov
xard (p'öaiv xal <pQd^o)v öxcog Sx^i. Vgl. Piaton Theait. 157b (in dem
Berichte über die Lehre der ^iovteg) ; ro ö* aö Set, (hg 6 tüjv ao<p6)v
Xdyog, oike xi avyxfOQsTv oike xovxo oike xode oik' hteXvo oike öXko ovdhf
ÖvofjLa 8 XI äv larfj, dXlä xaxä tpija^v <p6dyyea6<u yiyvöjULeva xal jwtoij-
fxeva xal äiuMöfieva xal d^ioiJfAeva. Kaxä q>'öaiv inateiv heißt dem-
nach : etwas nach seiner wahren Beschaffenheit wahrnehmen und ver-
stehen. Das ganze Fragment übersetzt: ,,Die größte Tugend ist die
Vernunft; und Weisheit ist, das Wahre sagen und tun (durch Tat
und Wort der Wahrheit dienen) in richtiger Erkenntnis." — Die
Titel der philosophischen Schriften negl tp'öaemg sind, wie bekannt,
erst späten Ursprungs.
* Vgl. Diels, Elementum S. 15, Anm. 2. Über die ältere Lehre von
den Qualitäten handelt C. Fredrich, Hippokratische Forschimgen
S. 31 ff., 134ff.; über die spätere vgl. W. W. Jaeger, Nemesios von
Emesa S. 76 ff.
— 224 —
Angesichts der I^eere, die sich überall auftut, wo man in der
späteren vorsokratischen Physik nach Heraklitischen Ein-
flüssen sucht, und angesichts der unverhohlenen Gering-
sdiätzung, die HerakHt, als erklärter Anti-Physiker, für
physikaHsche Fragen an den Tag legt, fällt es schwer zu
glauben, daß die Theorie der vier Stoffqualitäten sich aus
einer absichtslosen, nur zufällig hingeworfenen Aufzählung
im Buche Heraklits auf eine rein Hterarische Art entwickelt
hätte, vielmehr muß die typische Vereinigung der vier
Qualitäten schon vor HerakUt vollzogen worden sein, er
selber erweist sich wiederum als abhängig von einer fremden
und in diesem Falle uns unbekannten Schule. Es wird viel
damit geholfen sein, wenn es gelingen sollte, diese Schule
zu benennen. Die Milesier scheiden bei dieser Frage aus; nach
ihrer Lehre gab der Stoff sich selber seine Form, indem er
das mit sich vollbrachte, was am meisten seiner Stoffnatur
entsprach und gleichsam sein angeborener Trieb war: sich
verdickte und verdünnte, durch ägalcoai^ und nvxvoxjic]
so waren Wärme und Kälte, wie laicht tmd Finsternis, nur
Folgeerscheinungen, nur Begleitzustände, nichts Primäres,
Ursächliches, Wirkendes. Und was für die Milesier gilt, gilt,
wie sich von selbst versteht, auch für die Eleaten: auch
sie kennen als Prinzipien physikalischer Welterklärung nur
Tzvxvöv und aqaiov oder axXrjQov und /Ltcddaxöv, und beides
fällt für sie zusammen mit xpvxQov und Oeq/ülöv (Melissos
Fr. 7: tzvxvöv de xal ägaiöv ovx äv eXrj). l^yqov und ^riQov
in Aufzählungen materieller Gegensätze begegnen weder
bei Parmenides noch bei Melissos. Merkwürdig erscheint,
als Glied in der Geschichte dieser Begriffspaare betrachtet,
Anaxagoras. Wohl ist ihm der Gegensatz zwischen dem
Feuchten und Trocknen bereits ebenso geläufig wie der
zwischen dem Warmen und Kalten, aber trotzdem hat er es,
wenigstens in der Mehrzahl der Fragmente, noch vermieden,
diese Begriffe zur typischen Vierzahl zu vereinigen, offenbar
in der Absicht, sie den Grundbegriffen der milesischeu Physik,
TZVXVÖV und äqaiov, zu unterwerfen und anzugliedern. So
steht bei ihm iriQov auf Seiten des oqoiov, Oeqfidv, hxfjuiqov,
— -^ ü
— 226 —
vyqov auf selten des nvxvöv, yjvxQov und lioq)BQ6v, I^r. 16:
TÖ (MV Tcvxvdv xal öieQov xal y)VXQdv xal ro Co<peg6v ivddde
avv€X(Oß^oev, äv6a vvv <i5 yi]>, ro de ägatov xal xo OsQfidv xal
TÖ ^QÖv i^exdygrjoev el^ x6 ngöaco rov alBiqo^. Fr. 12: xal
änoxQlvszai ojtö xe xov ägaiov xo nvxvdv xal djto xov y^vxQov
xo deQfiov xal and xov l^otpeqov xd Xa/ümQdv xal änd xov öiegov
xd ^Qov. Doch erscheinen an einer Stelle bei ihm auch schon
die Qualitäten in der Vierzahl ; also muß er sie gekannt haben :
Fr. 4: dnsxcoXve yoQ tj O'ifXfii^i^ Tcdvxcov ;^^?y//dTö>v, xov xe öie-
Qov xal xov ^Qov xal xov dsQ/btov xal xov xpvxQOv xal xov
Xafjmqov xal xov Co<peQov. Es mag damit zusammenhängen, daß
in seinen Augen auch schon die Kälte eine Kraft darstellt,
nicht mehr, wie bei den Milesiem, eine Begleiterscheinung
der Verdichtung und Zusammenziehung, vielmehr deren
Ursache, Fr. 16: I« /ixiv yäg xcöv ve(peX(öv vdcog äjtoxglvexai, ix de
xov 'Sdaxo^ yfj, ix di xfj^ yfj^ XlOoi ovfjmr^ywvxai vno xov tpvxQov.
So zeigt sich, wie die !Lehre von den vier Qualitäten als etwas
Neues und nach Ausgleich Suchendes zur alten I^ehre von
den Aggregatzuständen sich hinzugesellt. Aber die alte An-
schauung bleibt herrschend, wie bei Anaxagoras so auch
noch bei Archelaos und Diogenes von Apollonia^; und doch
zählten, wenigstens für diesen letzten, die vier Qualitäten
zu den allergangbarsten Begriffen: um zu erklären, wie die
^ Diogenes Fr. A 5 (aus Theophrast) : ddgog , ,i^o^ nvxvovjuiivov xdi
fiavovfihfov xal jÄeraßdXXovtog roig nadeai t?)v töw äkkoyv ylveaßca fwg^ijv.
Bei Archelaos scheint die Überlieferung sich selbst zu widersprechen :
Aetius: A, äiga äneigov xal nji» tisqI a'öxdv Jtvxvikrfta xal /lävcDOiv ,
Toikcov di t6 fjiiv elvai nvg rd ö' ^coq. Dagegen Hippel, ref. dvat <5'
äQxf/v xiv^aeoDg <x6> änoxqlveaBai dn' d^ijXcov z6 6eQfj,6v xai xo yfvxQ<^v,
xal TÖ fjiiv BsQfiöv xiveioßai, ro öi y>vxQ^ rjQefielv, xrix6fievov öi rd i^ScoQ
elg fiiaov ^eiv, h ^ xal xaxaxaiöjbtevov äiga yiyeaOai xai yfjv, c5v rd fikv
ävco (pigeaSm, rd öi 'ö(plaraaBai xdrw. Aber auch hier bedeutet rd
y}vxQdv deii Teil des Stoffes, der in geschmolzenem Zustande zu
Wasser, getrocknet und gebrannt zu Luft und Erde wird, kurz rd
nvxvdv. Der Unterschied ist nur, daß nach Hippolytos das Warme
und das Kalte, das Lockere und das Feste in dem Urzustände
miteinander gemischt und folglich zwei verschiedene Stoffe waren,
während Aetius beides für die Aggregatzustände eines und des-
selben luftartigen Urstoffes erklärt. Hippolytos mag recht haben.
Reinhardt, Parmenides. 15
— 226 —
Luft, als allgemeiner Seelenstoff, in den verschiedenen Or-
ganismen die verschiedenartigsten Beseelungen bewirke,
weist er auf ihre Wandlungsfähigkeit (Fr. 5): San yäg
TtokikQOTto^y xai BeQfi6xeqo(^ xal xpvxQoxeqo^ xal ^qoxsqo^ xal
vyqoxeqo^ xal cxaaifuSneQo^ xal o^igriv xivrjaiv ixoiv xal
SXkai TtoXlal heQOuooie^ Sveun xal i^dovfj^ xal XQ^^V^ öjieiqou
Die QuaUtäten sind Eindringlinge in der Physik; daran kann
kein Zweifel sein. Das zeigen schon die mancherlei ver-
geblichen Versuche, ihre Vierzahl mit den vier Elementen
in Übereinstimmung zu bringen. Axistoteles band sie zu
diesem Zwecke paarweise zusammen und erhielt so für den
Äther die Bestimmungen ^q6v und BeQ/möv, für die Luft deg/biöv
und vyQÖv, das Wasser vyQÖv und xpvxQov, die Erde \pvxQ6v und
^q6v (de gener. et corr. II c. 3 — 4). Aber die Stoiker wider-
sprachen; sie beharrten dabei, daß die Luft ein tpvxQov sein
müsse, und verschafften einer einfacheren Gleichung wieder
Geltui^, wonach Feuer gleich deQ/jtöv, Luft gleich ywxQov,
Wasser gleich vygov, Erde gleich SrjQÖv war (Chrysipp Fr. 249 f.
Arnim; Plutarch de Stoicor. repugn. c. 43). Sie griffen
damit auf eine ältere, voraristoteHsche Theorie zurück,
die nach dem Londoner Anonymus schon Philistion von
Lokroi, der Arzt, gelehrt hatte (Pap. Lond. XX 25) : Oikunioyy
di otsxai ix d' Idewv avveoxdvai i^fiäCy tovt loxiv ix d' axoix^iiov*
TcvQÖ^y ddQO^, vdaxo^y yfjC- elvai de xal ixdaxov dvvdfietc, xov
fiev nvqd^ xo OsQjbiöv, xov di &iQOC xd y^vxQov, xov öe üdaxo^
x6 vyqovy xf\(^ öe yij^ xo ^q6v. Ja, nach Theophrast hatte schon
Anaxagoras zwischen Äther und Luft in der Weise zu scheiden
gesucht, daß er den Äther für ein deg/btöv, die Luft für ein y^vx'
QÖv erklärte, de sensu 59: Sxt xo fikv fwvov xal Xejtxov Beqfidv,
xo dk Twxvdv xal naxv xpvxQov" äaneg ^Ava^ayöga^ öiaiget xov
äiqa xal xov aldiqa. Das Ursprüngliche kann aber auch in
dieser Gleichung nicht enthalten sein; denn wie sollte die Luft,
der zweitleichteste Körper, auf natürlichem Wege dazu kom-
men, als der stärkste Gegensatz zum leichtesten, dem Feuer
und Äther, zu gelten ? Und wie schwankend und ungeregelt in
früherer Zeit die Beziehungen zwischen den QuaUtäten und
Elementen waren, dafür Hefert die Hippokratische Schrift neql
— 227 —
aaqxiov ein recht lelnreiches Beispiel, c. 2: doxiei di fwt, S
xaXiofjLev OeQ/növ, dddvaxöv re elvcu xal voieiv ndvza xal ÖQtjv
xal äxo'öeiv, xal eldhai ndvxa iövza re xal iaöfieva. rovro o'öv
rd nXelaxoVy dre haqdjfiri ndna, i^excoQijaev el^ xi^v ävotndxco
7i€QUpoQijv. xal dvojbtfjvcä jbiot a^o öoxdovatv ol naXaioi alBiga, i^
<de>devxiQa /Ltoiga xdxcjOev oiJti)^ xaXiexai /mev yfj, ywxQov xal ^qov
xal novXi) xivovv. xal iv ro'&cq> Ivi dij novXv rov deq^v. tJ dk
xqIti] fwlqa, 1} xov i^dQo^, fxiaov x^qIov etkrjqps, Oegfidv xal iyQÖv.
1} di xexdgxYj rj xov iyyvxdxo) ngd^ xf} yfj, vyqoxaxov xal Ttax&taxov*
Gent^, man hat es im ganzen Altertum nicht dahin bringen
können, die vier Qualitäten einwandfrei mit den vier Ele-
menten zu vereinigen. So fremd und unverträglich aber all-
zeit die Qualitäten im Makrokosmos waren, so untrennbar
waren sie von jeher von der .antiken Theorie des Mikrokosmos.
Alle Hippokratiker, soweit sie einem Systeme folgen, kennen
sie und bauen auf ihnen als einer gemeinsamen und uner-
Schütterüchen Grundls^e. Es ist schon eine chronologische
Unmöglichkeit, die Stammbäume so vieler verschiedener
Schulen, wie sie im Hippokratischen Corpus vereinigt sind,
um dieser Gemeinsamkeit willen sämtlich auf den einzigen
Empedokles zurückzuführen, vielmehr wird Empedokles,
als Arzt, die Vierzahl aus der Medizin gekannt und erst vom
Mikrokosmos auf den Makrokosmos übertragen haben.
Dazu kommt, daß auch Sinn und Funktion der Qualitäten
oder dvvd/jLei^, wie sie medizinisch heißen, erst aus dem
Mikrokosmos zu verstehen sind, denn im menschlichen
Körper sind allerdings Hitze und Kälte nicht mehr Eigen-
schaften, wie im Makrokosmos, sondern Kräfte, von denen
Krankheit und Gesundheit, I^ben und Tod abhängt, und
bilden, zusammen mit dem Trocknen und dem Feuchten,
eine Art Koordinatensystem, dergestalt, daß jedes ^qöv
und jedes 'öyQÖv sowohl tpvxQÖv als auch Oeqfidv sein
kann. Und das war wohl doch auch der lychre ursprüngHchster
Sinn. In dieser Gestalt gehörte sie zum festen und erblichen
Besitz der unteritalischen und siziHschen Ärzteschulen von
Alkmaion b is auf Philistion: Aetius V 30 "Ahcfmiurv xfj^ /xev
* Korrupt.
15*
— 228 —
"vyBla^ elvai avveTcrtxrjv xfjv loovo/uav rcov dvvdjuecov, vyQov
SrjQov, ywxQOV deg/Mv, tcihqov yXvxdo^ xal rwv Xomcbv, n)v d*
iv aixol^ ^voQxlav vdaov TtoitiTuHijv. (pdoQOJtoidv yäg ixaxdgov
fWvoQxioLV, xal vöaov av/jm(m:eiv a>c Aii> ^99' oi vjtegßoXfj
0eg(i6tYjfto^ ij ywxQÖrtjxo^ usw.^ In dem Maße, wie die Rück-
sicht auf den Mikrokosmos an Bedeutung für die Theorie
des Makrokosmos zunahm, drangen die Qualitäten tiefer
und. tiefer ein in die Physik, bis sie am Ende die alten
physikalischen Grundbegriffe ganz aus ihr verdrängten»
Der Verfasser nagt ißbo^iMoyv hält es noch für nötig, darauf
aufmerksam zu machen, daß er die Qualitäten von dem
Mikrokosmos atif den Makrokosmos übertrage, c. 13: „übt
ergo dico hominis animam, illic me dicere originale calidum (x6
(TÖfjLfpmov Oeg/LLÖv) /rigidum concretum . . . et qtcando <dicam>
aerem (L virum A aerum P) frigidum aut aridum spriritum,
non originale aut ipsius animae hominis frigidum dico, sed totius
mundi animae"^ ; bei Aristoteles haben sich dieselben Quali-
täten bereits so fest im Makrokosmos eingenistet, daß sie schon
anfangen, dem Verständnisse der vorsokratischen Physik im
Wege zu stehen.
* Kbenso Hippon von Rhegion, Anom. I/>nd. Col. XI 32 : iv ä^<o di
ßvßXifp (i&tdg dv^Q (Hippon) Xiyei tipf Hoxojvofjuaafiivrjiv i^ygöttira fiexaßdXXeiv
öt* vnegßoXfjv 6€Q/j.6ttßog xai ÖC vjteQßoki^ y>vxQ(kriTog xal oihcog vöaovg
inKpigeiv * /jLetaßdXXeiv di (priaiv athn)v ij im rö nXetov gov tj ijtl x6
SfjQoveQöv ij ini t6 naxvfUQioteQov rj inl ro XenroiMegiaiegov fj elg evega.
Und ebenso auch Petron, An. Lond. Col. XX, 1 : 6öi A[lyivi^r)g] Ilhgcov
cweaidvai tprjaiv xä ijfjJxega aco/mata ix öiaawv moix^l(f)v, \pvxQOv xe xcu
ßeQfwv, i<p* ixigqt öi xo^kcüv äjcoXeinsi xi dvxloxoixov, x^ fjiiv Bagfiip x6
(fiQdv, x(p öi ^vxQ^ x6 löygdv, xal iy fiiv <5i) xovxojv aweaxdvai xd adkfiaxa,
* ISbenso in c. 15 (VIII S. 641 Littre): calidum quidem solis
parte; liquore autem omnem aque; quod autem frigidum flatimi erit;
quod autem ossosiun et camosum (d. i. x6 SvQ^) terre. Der Ver-
fasser stellt also ossosum und camosum in !Eine Reihe mit ßegfidv
vygdp yfvxQdV' Das konnte er nur dann, weim er als den ursprüng-
lichen Bereich der Quahtäten ausschließlich den Mikrokosmos be-
trachtete. Daß im Körper Fleisch und Klnochen gleich (rigdv sei,
ist ihm selbstverständlich ; daß im Makrokosmos das SVQ^ die Erde
sei. erst ein Ergebnis der Spekulation. (Ich brauche wohl nicht zu
sagen, daß mir Roschers Beurteilung der Schrift verfehlt scheint.)
— 229 —
Ziehen wir die Konsequenz aus dieser Entwicklung für
die Stellung Heraklits in der Geschichte der Philosophie,
so muß der Abstand, der ihn ohnedies von den Milesiem
trennte, durch seine Bekanntschaft mit den Qualitäten noch
um ein gutes Stück vergrößert erscheinen. Um so dringender
wird die Frage nach dem Verhältnis Heraklits zum Kreise
des Alkmaion. Es sind ja nicht nur die QuaHtäten, was beide
miteinander gemeinsam haben, es ist noch viel mehr die ver-
änderte Gesamtauffassung der Welt als eines Gegenübers zu
der Seele, die entschiedene Abkehr von der Physik, die reli-
giöse Grundstimmung, die alle beide nach Gesetzen, nach
geheimnisvollen Beziehungen zwischen Mikrokosmos und
Makrokosmos zu forschen antreibt. Wenn Alkmaion das
Sterbliche mit einer geraden lyinie, das Unsterbliche mit
einem Kreise vergleicht und den Grund des Sterbens darin
findet, daß dem Vergänglichen die Fähigkeit abgehe, das
Ende mit dem Anfang zu verknüpfen, wie es bei den Ge-
stirnen der Fall, wenn er die Göttlichkeit und Unvergäng-
lichkeit der Seele wie der Gestirne lehrt und damit zugleich
die Unvergänglichkeit und Göttlichkeit der ganzen Welt,
wenn er die Phasen und Finsternisse des Mondes aus den
Drehungen seiner mit laicht gefüllten Hohlschale erklärt
(Fr. A 4: xaxä xriv xov cxatpoeviov^ aTQO(pijv), so drängen
sich die ÄhnHchkeiten mit Methode, Anschauungen und
Sätzen HerakHts so stark hervor, daß man nicht zögern
sollte, beide auch in der Philosophiegeschichte zu einer
besonderen, von den Milesiem unabhängigen, westHchen
Gruppe zu vereinigen. Ein dritter, der in denselben Kreis
gehört, ist Hippasos aus Kroton oder Metapont, dem sich,
gleich Heraklit, der Grund der Seele wie der Welt im gött-
Hchen, beseelten Feuer geoffenbart hat; denn nur um der
Seele willen hat auch Heraklit im Feuer das Urwesen der
Welt erkannt. Und daß Heraklit durchaus nicht nur der
Gebende in dieser Gesellschaft war, beweist seine Bekannt-
schaft mit den Qualitäten, die er gewiß nicht selbst er-
funden hat ; und irre ich nicht, so spricht auch seine Vertraut-
heit mit der Theorie der Hohlschalen für seine Abhängigkeit
— 230 —
vom Westen: war diese I^ehre doch, nach Theophrasts Ver-
sicherung, das Einzige von Astronomie, dem Heraklit den
Einlaß in seine Gedanken nicht verwehrt hatte, und auch
dies Einzige hatte er nur darum nicht verbannt, weil er es
zum Beweise für sein Weltgesetz benötigte. So ragt es
mitten hinein in seinen eng umgrenzten Tiefsinn wie ein
Teil aus einer anderen, helleren, regeren Welt, als käme es
von jener noXv/uuidirj und oo(piri her, auf die er selber sonst
so erhaben blickte, darum, weil sie für das Eine und Ein-
zige, was ihm alle Weisheit in sich zu schließen schien, kein
At^e hatte.
IV
Aber vielleicht hat man schon allzu lange sich im stillen
gewundert, bei diesen Versuchen, eine neue Entwicklungs-
reihe herzustellen, nicht längst schon einem Namen begegnet
zu sein, der uns gewiß im Sinne und öfters auf der Zunge
lag: Pythagoras. Waren nicht Hippasos und Alkmaion
Pythagoreer ? Und muß folglich nicht auch Heraklit pytha-
goreische Einflüsse erfahren haben? Und ist es nicht ein
Hauptziel in der Geschichte der vorsokratischen Philosophie,
die wahre und ächte I^ehre des Pythagoras aus ihren Nach-
wirkungen zurückzugewinnen? Ich muß gestehen, für all
solche Fragen und Hoffnungen am Ende nichts als Skepsis
übrig behalten zu haben. Woher soll man die Beweise neh-
men dafür, daß Pythagoras ein Philosoph war? Etwa aus
dem Pythagoreer-Kataloge des Jamblichos? Darin strotzt
es allerdings von Namen wissenschaftlicher Berühmtheiten,
von Namen wie Hippasos, Alkmaion und denen Alkmaions
Schrift gewidmet war, Brontinos, I^eon und Bathyllos
(denn der Bathylaos aus Poseidonia soll doch wohl die-
selbe Person vorstellen), aber, was bedenklich macht, da
stehen .auch Namen wie Parmenides, Melissos, Hippon,
Heraklit, daneben Förderer der Mathematik aus aller Welt,
und nur allzu deutlich verrät sich in der ganzen Zusammen-
stellung die Absicht, dem erwiesenen Mangel an jeder festen
und zusammenhängenden I^hkradition. k von dem alten
Pythagoreertum bis auf die Zeit des Philolaos und Archytas
reichte, durch die Willkür philosophiegeschichtlicher Kon-
struktion nach Kräften abzuhelfen. Den Alkmaion nennen
— 232 _
wir wohl heute einen Pythagoreer; aber mit welchem Rechte ?
Aristoteles stellt ihn geradeswegs den Pythagoreem gegen-
über (Metaph. I 986 a 22). Was für Daumenschrauben wir
auch der Überlieferung anlegen, wir vermögen ihr doch kein
Zeugnis über eine altpjrthagoreische Philosophie zu ent-
pressen; alle Aussagen, zu denen sie sich herbeiläßt, gelten
nur für die Bewegung einer pythagoreischen Romantik,
die gegen Ende des 5. und im Anfang des 4. Jahrhunderts in
den aristokratischen und zugleich spekulativ und religiös er-
griffenen Kreisen Unteritaliens und Siziliens sich ausgebreitet
hatte. Und es gibt kein Mittel, die Schlußfolgerung zu ent-
kräften, daß der Philosoph Pjrthagoras erst eine Schöpfung
dieser Zeit und dieser Kreise sei. Mag noch so viel von
ächter Pythagoreer-Moralität und -Religiosität, das wie unter
der Asche eines großen Brandes fortgeglommen hatte, da-
mals sich aufs neue wieder entzündet haben — Wissen-
schaft, zumal in diesem so erfindungssüchtigen Zeitalter,
war etwas viel zu Regsames und Wechselndes, als daß es
sich wie religiöse Vorstellungen über hundert Jahre auf dem-
selben Punkte hätte festhalten lassen. Wenn unter den zehn
Pjrthagoreischen Gegensätzen unter anderm auch xtvovfJLEvov
äxlvrjtov, axöxoc und (p(b^ erscheinen, so empfiehlt es sich
immer noch mehr an eleatische Einflüsse zu glauben, als
an eine alte Pythagoreer- Weisheit, die schon auf Parmenides
gewirkt hätte. Es hilft erst recht nichts, das unzweifelhaft
Gemeinsame, das Männer wie Heraklit, Alkmaion und
Hippasos in ihrem Denken aufweisen, synthetisch zu ver-
einigen, um aus dieser Mischung die geklärte, lautere I^ehre
des Pjrthagoräs herauszudestiUieren; denn man kann die
Quellen geistiger Strömungen nicht „rekonstruieren", wie
man die Quellen von Exzerptensammlungen rekonstruiert;
und es ist nicht im geringsten ausgemacht, daß, wo geistige
Gemeinsamkeiten auftreten, auch immer ein großer und be-
rühmter auctor an der Spitze stehen müsse. Der Pythagoras,
den uns die älteste Überlieferung zeigt, von dem Empedokles,
Ion, Heraklit und Xenophanes zu erzählen wissen, der
erhob freilich den Anspruch, mehr als alle andern ein oo(p6^
— 233 —
zu sein, doch seine cotpia war nicht Wissenschaft und For-
schung, sondern Offenbarung und Erleuchtung. Alle Dinge
im Himmel und auf Erden wollte er wissen, alles Zukünftige
und Vergangene, jedem Menschen seine Vorexistenzen sagen,
über alle Strafen und Belohnungen im Jenseits Auskunft
geben können. Aber davon, daß derselbe Mann ein großer
Mathematiker und Philosoph gewesen wäre, scheinen diese
ältesten Zeugen jedenfalls noch nichts gehört zu haben.
Auch Heraklit macht keine Ausnahme; sein Urteil über
Pythagoras gilt nicht dem wissenschaftlichen, nach Er-
kenntnis dürstenden, der Menge unbekannten „wahren"
Menschen, sondern gehört in die Reihe seiner Proteste gegen
das volkstümliche Ideal des Weisen. ,,Zum Lehrer haben die
meisten den Hesiod ; ihm legen sie das größte Wissen bei, der
doch selbst Tag und Nacht nicht einmal kannte; sind sie
doch eins" (Fr. 57). „Sie halten den Homer für weiser als
alle anderen Hellenen (Fr. 56), und doch hat Homer den
Wunsch getan, es möge der Streit aus der Welt verschwinden,
derselbe Streit, der doch der Vater aller Dinge ist" (Fr. A 22).
„Pythagoras gilt ihnen für weise — in Wahrheit war er ein
Betrüger, ein Erzscharlatan, xonldwv äqxrjyo^^ ; er sammelte
1 Schul. Buripid. Hek. 131 H6niQ\ 6 Adiog • SBev xal (Srifjioxönog
X€U} xößaXog, 6 xofjApdg . . feorUöaiQ te rd^ t&v Xöyatv xexyct; <iXeyov>
öXkoi te xai 6 Ti/Acuog oiktog yQd<po)v [FHG IV S. 640] '&(ne xcu q>al-
veaOai /ii) rov IJvSayoQov eöqdfAevov {äq^dfjLsvcv Diels Arch. f. Gesch.
d. Philos. III S. 454) t&v äXr^Biv&v xonldwv ö}X avtdv ndv} 'Hgobdei-
Tov dvat rdv aXa^ovevdfievov , Philodem Rhetorik I S. 361 u. 354 Sud-
haus: rd fikv yäq oöOkv edq>viQ nQoaq>iQei<u tcqöq djidxrjv fie-
^flX^vYifiivov, ij öä xwv ^rßÖQCDv elaaycoyij Ttdvta rä BewgijfMxza jiqoq
rovt' ixet, xeivovra xal xcad rov 'HQaxXeixov *xonlöo>v iarlv 'dgxijyog'.
Daß Heraklit rhetorische Kunstgriffe oder dialektische Rabuliste-
reien mit xonideg habe bezeichnen können, davon kann selbstver-
ständlich, keine Rede sein ; auch geht aus Philodem zur Genüge hervor,
daß für den Stoiker Diogenes xonldwv dgxnydg soviel bedeutete
wie „Erzbetrüger'*; es entspricht den Worten ^göc dmkriv fie/jLfjx^^-
fjLivov. Wenn Timaios, wie es den Anschein hat (d. h. wenn nicht
der Unsinn erst durch einen Grammatiker hereingekommen ist),
den Vorwurf des Betruges auf Rhetorik, Rabulistereien, Adyow rdx'^i
deutete, so beweist das nur, daß er den Vorwurf mißverstand, und
zwar darum, weil xdmg allerdings in späterer Zeit m einem Schimpf-
-^ 234 —
die Traditionen und das Wissen seines Volkes wie kein ande-
rer, las alle Urkunden und Schriften, deren er habhaft werden
konnte, und machte sich seine Weisheit aus Vielwisserei
und Betrug": üvdayÖQrjC MvrjadQxov laroQlrjv ijaxtjaev dvOgco-
Ttcov [juakiaxa ndvxwv xal hcXe^dfievo^ TOf&ca^ rä^ avyyQdtpä^
werte für Rhetoren geworden war: Schol. zu Lykophr. Alex. 763
u. 1464 H67tiQ 6 4^(0Q nagd td xdjtzeiv roi^g Xöyovg, fj 6 i/jineigog.
Und so auch schon Buripides Hek. 130 von Odysseus:
ajtovöal Sä X6ywv TcaxaxuvojbUpcov
^aav laai jicdq, tiqIv 6 7iotxtX6(pQ(av
k6juq ^dvXöyog dtifioxagioziig
AaeQTiddrjg Jielßei mgoxidv xxX.
Daß Heraklit den Vorwurf des Betruges gegen P3rt}iagoras erhoben
haben könne, das zu bezweifeln Hegt nicht der geringste Grund vor,
zumal diese Beschtildigung vortrefflich mit der Anklage wegen
xaxütexvla übereinstimmt; Fr. 81 imd 129 stützen sich gegenseitig.
Und endlich scheint mir die Beziehung auf P3rt}iagoras schon da-
rum festzustehen, weil es in späterer Zeit ein auf Pythagoras Na-
men gefälschtes Buch mit dem Titel xonldeg gab (vgl. Diels Arch.
f. Gesch. d. Philos. III 455) : Diog. VIII 8 ctörov Xiyovai xal xäg xonlöag
(Diels : 9cai toi^g xaxaaxoJudSag), o-ö ^ dQXH ' f^^ dvaÖlöev [Diels : dvaidev]
firfievL — Ich verstehe übrigens unter xoTddeg nicht, wie Diels,
Schlachtmesser sondern ,, Streiche", Ränke, Betrügereien; vgl.
Athen. IV, S. 173 c: 'Axcudg d' 6 'Egergieiög iv 'AXh/juiIcovi rcp aarvQix^
xaXei roi^g AeXipoi^g öid tovtcdv (S. 749 N). 'xaQtwxoTtotot^g nQoaßkhtoy»
ßöeXihTO/jUu, naQÖaov xd legeta JteQiti/ivovreg öfjXov d>g i/iayelgsvw ctötd
xal ixagvxevov . . xdv totg iS^g ö* 6 'Axcuög fpriaiv 'xlg 'ÖJioxexQVfifjihog
jüiivei aoQaßaxwv xonldcov awofidwvjLie'' iniaxdmtovai ydg ol ZdxvQoi
xo'dg AeX(po'dg <bg negi xdg 6va£ag xal Oolvag diaxglßovxag. Hier kann von
Schlachtmessem wohl ebensowenig die Rede sein wie von dem spar-
tanischen Volksfeste xonlg, mag Athenaeus immerhin die Stelle so
verstanden haben. Vielmehr sind die ZoQaßixai xoniöeg doch wohl
Schwindeleien wie die des berühmten platäischen Weinhändlers
Zdqafißog oder JSdgaßog; vgl. Pollux 7, 193: xänriloi öi od fidvov oi
fietaßoXeXg, dXXd xal ol xdv olvov xsQowihfxeg • ößev xal Zagdßcwa 6 UXöxiOV
(Gorg. 518 b) 'xdnriXov' dwöfiaaev, inatvwv o'dxdv in* olvovgylq. Der An-
geredete bei Achaios könnte z. B. Gineus sein. Aber wie dem auch
sei, an der Stammesbedeutmig von xdnig, xonig, xoTtlCeiv, dem Vor-
. würfe des Betrugs imd Schwindels lassen die zahlreichen Zu-
sammensetzungen desselben Stammes keinen Zweifel: dfjfwxönog,
^ifpLOxoniöeg, neben a:^oaxedld€g als Schuhwerk eines feinen Volks-
helden, etwa des Alkibiades, genannt in den Demoten des Hermippos
(Pollux 7,89); ifioixonelv Polybios, Pollux, Septuag.; iXJitpfoxoneüf
— 23B —
inonjaccto iavrov aoq?irjv noXyjuadelrjv, xaxorexvitjv (Fr. 129).^
Man kann sich doch darüber nicht täuschen wollen, was
xaxorexyirj nach ionischem Sprachgebrauche heißen muß:
xaxorexveiv bei Antiphon Tetral. 1, 22 und Herodot VI 74
heißt intrigieren und betrügen, xaxörexvo^ „betrügerisch" in
Polyb. 20, 10, 7; Soio9€6nog] dx^Mc67ioq, dx^ioxoneiv; aTrjloHÖnas 'In-
schriftenschwindler', Spitzname des Periegeten Polemon; xoTÜ^eiv
yfevöeaSai Hesych; ngay/AoroxonBiv 'intrigieren* Polyb. 29, 30, 10; 38,
11, 8; nQaSt9con€tv 'überrumpeln* bei demselben 1, 18, 9; 1, 55, 6 u.
öfter. Die betrügerischen Freunde des Selon hießen x6£09tfo^/i3ai (Plut.
Solon c. 15) nicht, wie die Lexica erklären, weü sie die Schulden ab-
gehauen, sondern weü sie ihre Gläubiger beschwindelt hatten. Die-
selbe Bedeutung hat auch später xQ^f''^9eo7tetv, z. B. bei Plutarch de
vitando aere alieno c. 5: adtoi öi nagcwöficDg davelCovai teXcovoimeg,
fiak^ d*, d öel xdkfjBig elneiv, ipx^ öavelCeiv xQ^^f^^^onovrieg , 6 yaQ o'ö
yQdq>€i Xajütßdvwv iXarrov, x^^^^^^^ojceiToi ; dasselbe Wort in der Bedeutung
'unterschlagen* bei Herakht Quaest. Hom. S. 14, 10. Auch Wen-
dungen wie Aeschyl. Agam. 479 (pQev(bv HsxofjLfihog 'mn den Verstand
gebracht' und Herondas 6, 84 Sxa>g xdv oyöxfjg fi^ terQcoßökov xöfpjj
mögen hierher gehören. Die ältesten Zeugnisse, verbunden mit den
Belegen aus der Koine, lassen darauf sdiließen, daß xöjug, xojtk,
xoJtiCeiv in der Bedeutung des Betrügens und als Schimpfwörter
dem altionischen Sprachschatze angehört haben. Denn auch Achaios
ist lonier, seine Heimat ist Eretria.
1 Gesetzt, daß Fr. 129 (bei Diogenes VIII 6) gefälscht wäre zu
dem Zwecke, eine Fälschung auf den Namen des Pythagoras zu
akkreditieren, so müßte jedenfalls der Fälscher sich die Sache selber
imbegreifHch schwer gemacht haben, denn aus den Worten ixXe"
idfievoQ Toörag tag avyygaqxig folgt noch nicht im mindesten, daß
Pythagoras die Aufzeichnungen {avyyodcpsiv = literis mandare),
die er sammelte oder auswählte (nämlich für seine Zwecke : so wie ein
XonofwXdyoq einer ist, der sich aufs Sammeln von Orakelsprüchen
gelegt hat; und auch dessen Kunst bestand nicht nur im Sammeln,
sondern auch im Auswählen, IxUyeaBai: vgl. Herodot VII 6) selbst
geschrieben haben müsse, viel eher noch das gerade Gegenteü;
und die Gewißheit, mit der der Interpret den Worten eine solche
Bedeutung unterschiebt (HQdxXevrog yovv 6 (pvaixdg fwvovovxi xixQaye
xal qftiaiv), spricht doch entschieden sehr dafür, daß er tatsächlich
nur der Interpret imd nicht zugleich noch im Geheimen der Ver-
fasser ist/ Wenn taikag tag avyygaqxig auf lazoglrj bezogen steht
und solche Schriften bedeutet, die auf latoglrj Bezug haben, so ist
das eine Härte, die man nur in archaischer Sprache vertragen kann ;
vgl. Demokrit Ft. 182: tä fxh xaXä x&iß<^<^ ""^««C ^«^oi^ j} /iddtiaig
— 236 —
der Ilias 15, 1^ (fj fwXa dij xaxörexvo^, afirixave, ao^ döXo^y '^Qv)f
xaxorexvla^ öiTcri im Attischen die Klage wegen Stellung falscher
Zeugen, Heraklit beschuldigt den Pythagoras, das Volk durch
scheinbare Beweise übermenschlichen Wissens hinters laicht
geführt zu haben, wie z. B. dadurch, daß er den Schild des
Euphorbos wiederzuerkennen vorgab, daß er den Myllias
zum Grabe des Midas schickte, daß er Erdbeben und Todes-
fälle voraussagte, und was man sich dergleichen mehr von
ihm erzählte; er setzt ebenso die populäre Tradition voraus,
die in Pythagoras einen Albertus Magnus sah, wie Ion und
Empedokles, und er brandmarkt, ähnHch wie Xenophanes
in seinen Sillen, diesen Wundermann Pythagoras als Arche-
geten aller %pEvö(bv xixxove^ xal fjuiqxvQE^ (Fr. 28), die ihre
Sünden im Jenseits würden zu büßen haben.
Die Lehre von den Gegensätzen ist entsprungen auf den
Höhen der Logik und der Metaphysik, nicht in den Tiefen
und dem Dämmer der Mystik und der Theosophie. An diesem
Ergebnis kann auch die Aufzählung der Gegensätze in dem
Sühnegedichte des Empedokles nichts ändern. Fr. 122:
iSegya^etat, rd ö* cUaxQä ävev növcav whö/jtaxa xagnovrai. xal yaq o6v
ovx iSiXovia noXkdxu; iSelQyei roiovxov elvai, wo toioihov auf rä cdaxQd
bezogen werden muß. Wie hätte ein Fälscher auf dergleichen ver-
fallen können ? Und endlich müßte in diesem Falle die Fälschung auf
den Namen des Pythagoras das Frühere, die auf den Namen HerakUts
das Spätere und Abgeleitete sein; aber das Umgekehrte ist der Fall,
die pythagoreische Fälschung hat den Tadel Heraklits genau so
zur Voraussetzung wie das unter dem Titel xonlöeg gefälschte Pytha-
gorasbuch das Heraklitwort von den xonideg : o^frca di ehtev inetöi^neg
ivoQxof^tevog 6 üvSayögag xov (pvaixov avyyQd/A/AOzog liyei dids* ov
/id t6v diga xov dvajtvio), od fm x6 {^cdq xd Ttlvoy, oihun' olaco (Diels:
aö xaxolao}) tpöyov negi xov Xöyov xovde: so begimit auch Heraklit:
wv Xöyov xovde . . . Und man braucht die beiden Fragmente nur
g^^einander am halten, um in dem einen alle Spuren der Echtheit,
in dem anderen alle Spuren des ungeschicktesten Fälschertums zu
entdecken. Wie soll demselben Manne der Betrug das eine Mal so
schlecht, das andere Mal so täuschend gut gelungen sein ?
— 237 —
ivO" fjöav XOovlrj re xai ^HXiÖTtrj ravacont^,
AtjqI^ 0* alfÄoröeaaa xat ^Aq/mövit] de/ji€Q<07ti4,
KaXXioxd} X AloxQij te, 06a}ad re Arjvalrj re,
Nrifieqrrj^ t' igöeaaa (xeXdyxovqd^ r ^Aadq)eta.
Fr. 123: .<h^ yaQ ^E/inedoxirjc (pvaixojg i^agißfuirai
Ovao) re Oifiivri re, xai ^Evvalrj xai "EyeQai^,
Kivd> r ^AorefjKprj^ re, noXv<ni(pavo^ re Meyiard) . .
xai OoQ^v xai ZwTti^v re xai ^OjLi(pa(rjv xai noXXä^ Öila^.
Dunkel und laicht oder, um genauer zu sein, nvxv6v und
äQOidv, der Gegensatz des dichten, dunklen Erdstoffs zu
dem dünnen, hellen'Feuerstoff , Streit und Eintracht, Werden
und Vergehen (oder Wachstum und Tod), Wachen und
Schlafen, Bewegung und Ruhe, Schnell und I^angsam, Groß
und Klein — denn der Megisto, als der Personifikation des
Großen muß die Personifikation des Kleinen gegenüber-
gestanden haben; Comutus, unser Gewährsmann, hat die
Reihe mit dem zweiten Verse abgebrochen und nur noch
drei Namen aus der Fülle der übrigen herausgegriffen —
Schön und Häßlich, Ordnung und Zufall [<poQvr6^ heißt
Kehricht), Wahrheit und Ungewißheit, Rede und Schweigen:
es sind dieselben Begriffe, die uns aus Heraklit undParmenides
bekannt sind. In der Bildersprache des Dunklen nehmen
sie sich freilich wohl ein wenig dunkler und prächtiger aus:
„Tag und Nacht sind eins" (Fr. 57). „Der schönste Affe ist
häßlich, mit dem Menschen verglichen" (Fr. 82). ,,Per
weiseste und schönste Mensch ist nur ein Affe gegen Gott"
(Fr. 82). „Der schönste xöc/ülo^ — ein Kehrichthaufe" (Fr.
124). „Die unendliche Sonne — eines Menschen Fuß breit"
(Fr. 3)^: d. h. schön und häßlich und groß und klein sind
ein und dasselbe, da uns das HäßHche schön und das Große
klein erscheint. ,,Als ein und dasselbe wohnt den Wesen
die Kraft des Lebens und des Todes inne und des Wachens
und des Schlafens und des Jungseins und des Alterns"
(Fr. 88). Der Gegensatz der Ruhe und der Bewegung kehrt
wieder in den Fragmenten 125, 84, 111, 75, und daß auch
* Epikur muß seine übereinstimmende Schätzmig der schein-
baren Somiengröße aus der Vprsokratik haben.
— 238 —
der Gegensatz der Rede und des Schweigens dem Heraklit
oder doch dem Kreise, aus dem die Philosophie des Heraklit
hervorgegangen ist, nicht unbekannt war, dürfen wir wohl
aus der Schrift de victu c. 11 schließen: diaXeyöfjisva ov diale-
yö/xeva, yvm^riv ^;jövra ayvio^ova, insvavxlo^ 6 xqdnq^ ixdaKov
ö^oXoyedfxevo^.
Die Übereinstimmung mag überraschen, aber es geht
nicht an, sie dadurch zu erklären, daß man den Empedokles
von Heraklit abhängig sein läßt — von der Verschieden-
heit der Fassungen abgesehen, schon darum nicht, weil Hera-
klit im Zwiespalt ein Problem erblicktT ihn zu versöhnen
trachtet und über ihn hinaus zur Harmonie und Einheit strebt,
während für Empedokles wie für Parmenides die Gegensätze
schlechtweg Gegensätze sind, von einer Einfachheit und
Offenheit, die nichts an ihnen zu deuteln läßt. So
bleibt nur Eine Erklärung: beide als Repräsentanten Einer
Tradition und abhängig von einer und derselben Frage-
stellung zu betrachten. In der Tat begegneten wir denn
auch schon in der eleatischen Ableitung der Gegensätze, in
der öo^a des Parmenides, dem Dreiverein Tod, Schlaf und
Altern, der als sein Komplement die Kräfte des I^ebens, des
Erwachens und der Jugend erfordert. Und daß auch schon
bei Parmenides die Zuonri, zusammen mit dem Tode, der
Finsternis, der Kälte und dem Vergessen, auf der Seite der
Verneinung stand, als Gegensatz zur Macht des Lautbaren,
ergibt sich aus den Angaben des Theophrast über die Sinnes-
wahrnehmungen : 8x1 6k xai TCO ivavxlq) xaß' avro noiel xiiv
aladTjaLv, (paveqov iv ol^ (prjai rov vexQov qxoro^ fiev xal deg/iov
xai q?(ovr}^ ovx alaßdvecfdcu dta Trfv exXeiyfiv rov tzvqö^, tpvxQov de
xal auoTtfj^ xal twv ivavcicov alaOdveaOaL Überhaupt mag
die Aufzählung der Mächte bei Parmenides, die mit Eros
und Eris begann, von der Empedokleischen nicht allzu
verschieden gewesen sein. Der Gegensatz der Ruhe und
Bewegung ist ein eleatischer Hauptbegriff und wenn nicht
aus Parmenides, so ist doch aus Epicharm (Fr. 2) . auch
der Gegensatz des Großen und Kleinen als eleatisch hin-
reichend gesichert. Für die Gegensätze xaXöv aiaxqdv, aya-
— 239 —
66v xaxöv (Herakl. Fr. 58) sind allerdings eleatischj& Parallelen
nicht vorhanden, doch daß auch die Heimat dieser Begriffe
der Westen ist, darf aus Alkmaions Schrift geschlossen
werden, Fr. A 3 : q?rjol yäg elvcu &6o rä jtoXXä rcov dvOgcoTtivcov,
XiycDV rä^ ivaimörrftag ovx &oneQ (ySroi (die Pythagoreer),
öwiQiafxiva^ akXa xä^ wxoiaa^, olov Xevxdv juiXav, yXvxi> Tttxgöv
dyaOov xaxöv, [xiya fxvxQov, Hier sind eleatisch die Begriffe
Xsvxov jbidXaVy fifya fitxQÖv] und yXvxif TttxQÖv kehrt wieder in
dem Heraklitischen Gleichnisse vom Meerwasser, Fr. 61. Als
einen Absenker derselben Entwicklung haben wir endlich
auch die Kategorientafel der Pythagoreer zu betrachten
(Arist. Metaph. S. 986 a) : ndga^ xat äjteiQov, negirrdv xal ägnov,
Sv xal TtXfjdo^, deSiov xal aQiaxeQov, äqqev xal df]Xv, rjQefiovv xal
xivovfxsvov, €vdi> xal xajUTt'öXov, (pcö^ xal axöro^, äyaßov xal
xaxöv, TSTQaycovov xal hegofjifjxe^. Davon sind eleatisch ndga^
xal änsiQoVy iv xal nX'^dog, äggev xal OfjXv (Parmenides Fr. 12
Tiifjmova ' ÖQaevi dfjXv fjuyrjv x6 x ivavxiov ahi^ äqaev OrjXvxdQq)),
riQSfwvv xal xivovjüLevov, <p(b^ xal ax6xo^\ in den Kreis des
Heraklit und Alkmaion weisend ayaQov xal xaxöv und ev6i>
xal xafjmvXov, denn um die Koinzidenz auch dieses Gegen-
satzes zu beweisen, hat Heraklit das Gleichnis von der
Walkerschraube doch wohl recht an den Haaren herbei-
gezogen (Fr. 59) : yvaq?e((p odöc evdeta xal oxoXiii fjila iaxl xal
ij avxTJ. Wie denn auch der HerakHtische Gegensatz des
oben und unten zugleich pythagoreisch ist: Simplicius zu
Arist. phys. S. 386, 20 (Diels Vors. 45 B 30) xo yovv deiiov
xal äv(o xal SjUTtQoadev xal äyadov ixdXovv, x6 de ägtaxegov xal
xdxo) xal ÖTtiadev xal xaxov SXeyov, ct>^ avxo^ ^AgUfxoxdXrj^
laxÖQrjaev iv xfj xcov üvOayoqeloi^ äqeaxövxtov avvayayyfj. So
bleiben, nach der einfachsten Regel der recensio, als rein
pythagoreische Bestandteile der Kategorientafel nur die
mathematischen Begriffe übrig, und selbst von diesen haben
den Gegensatz des Geraden und Ungeraden die Eleaten den
Pythagoreem gleichfalls schon vorweggenommen: „Wenn
man zu einer geraden oder ungeraden Zahl eins zufügt oder
von ihr wegnimmt, bleibt dann noch dieselbe Zahl?" fragt
schon der Xenophaneer bei Epicharm. Nur ist freilich bei
— 240 —
Epicharm der Gegensatz noch ohne geheimnisvolle Be-
deutung, nur eines der beliebig vielen Beispiele für die
Unmöglichkeit des Werdens oder, entsprechend der Xeno-
phanischen Umdeutung des eleatischen Gedankens, für den
Wechsel und die Zwiespältigkeit des Irdischen im Gegensatze
zur Gottheit. Die Mystik hat sich all dieser Begriffe erst
bemächtigen können, nachdem die Philosophie des Seins das
Denken aus dem Banne der Physik befreit und auf die
geistigen Phänomene gelenkt hatte. Zum ersten Male er-
wachen sehen wir diesen Trieb zur religiösen Deutung bei
Xenophanes, er steigert sich alsdann ins Mystisch-Erhabene
bei Alkmaion, in der Lehre von dem irdischen Dualismus,
der als tieferer Sinn der medizinischen Theorie der Qualitäten
erkannt wird, und — wie wir ergänzen dürfen — der gött-
liehen Harmonie, um seinen stärksten Ausdruck zu erreichen
im Symbolismus Heraklits, des Priesters, der in das Problem
des Widerspruchs sein übervolles Herz ausschüttet und es,
wie Piaton die Ideen, mit dem Tiefsten erfüllt, was des
Menschen Brust bewegt, gleich einem Tonkünstler, der uns
mit der einfachsten Melodie durch alle Tiefen und Höhen
der Seele führt. Und so ist denn schließlich die I^ehre von
den Gegensätzen auch in die Orphik eii^edrungen und hat
die Gestalten hervorgebracht, die bei Empedokles die Seele
bei ihrem Eintritt in den irdischen Leib umringen. Der
Gedanke freilich, daß das Werden und der Zwiespalt Ur-
sache des Leidens sei, daß die Erkenntnis des All-Einen und
des Sinnentruges die Seele auf den Weg führe, sich von dem
Leiden zu befreien — um diesen Gedanken zu erfassen und
durchzuführen, dazu waren, wie es scheint, die Griechen
doch nicht Inder genug. Der Pessimismus hat in ihrem philo-
sophischen Denken wohl hie und da den Ausdruck bestimmt,
doch hat er kein Problem erzeugt, er hat wohl Nebengedanken
erregt, wie bei Parmenides in den trüben Worten: Ttdvta yäg
fj Gxvyeqolo xoxov xal fxl^io^ ^QX^^ oder in den noXvxXavxoi
yvvalxBQ bei Empedokles oder in der Behauptimg des
Melissos, das All-Eine kenne weder Schmerz noch Krankheit,
doch solche Ansätze und Möglichkeiten sind nur Möglich-
— 241 —
keiten und Ansätze geblieben — hat es vielleicht nur an
einem Buddha gefehlt, um eine ReUgion daraus zu machen ?
Aber nicht gründHcher könnte man jedenfalls die Tatsachen
der Überlieferung auf den Kopf stellen, als wenn man die
willkürUche Verwendung der Gegensätze in der Orphik für
ihre ursprüngliche Bestimmung halten und die eleatische
Logik aus einer orphisch-pythagoreischen Mystik ableiten
wollte. Auch die Lehre von den Gegensätzen, auch die
Kategorientafel eröffnet keinen Weg, der von den P3rtha-
goreern hinauf zu Pythagoras fährte.
Daß eine Philosophenschule sich aus freier Wahl nach
einem Manne benennt, der auf die Entwicklung ihrer Lehre
nicht den geringsten Einfluß hatte, dieser Fall steht nicht
vereinzelt da in der Geschichte der Philosophie des aus-
gehenden fünften Jahrhunderts: in noch befremdlicherer
Lage als die Pjrthagoreer befinden sich, was ihren Namen an-
langt, ihre herakliteischen Zeitgenossen. Freilich ist es bis
jetzt, soviel ich weiß, noch keinem Philosophiehistoriker in
den Sinn gekommen, an der UrkundHchkeit und historischen
Berechtigung des Herakliteemamens einen Zweifel laut
werden zu lassen, ja man hat nicht einmal eine Schwierigkeit
dabei gefunden, dem Einsiedler eine Schule anzuhängen, die
sich bis in Piatons Jugendzeit gehalten und es sogar in dem
Athen der Sophisten zu einigem Erfolge gebracht hätte ;
noch mehr, man hat den Ursprung der etymologischen
Forschungen eines Kratylos bei Heraklit selbst zu entdecken
geglaubt, und daß vollends die Flußlehre, zu der sich diese
Männer bekannten, von dem Ephesier herstamme, schien
über allen Zweifel erhaben. Nun begibt sich das Erstaunliche,
daß Piaton im Theätet dieselben Herakliteer mit Prota-
goras zusammenwirft, und was noch seltsamer berührt, daß
in der Tat kein wesentlicher Unterschied in ihren Theorien
aufzuspüren ist. Folglich ist auch Protagoras ein Herakliteer ?
Reinhardt, Parmenides. 16
— 242 —
So hat man allerdings geschlossen. Aber wäre da nicht eine
andere Frage ebenso am Platze : ob auch diese HerakHteer —
wirklich HerakHteer sind ?
Mir steht fest, daß auch Protagoras vor allem Schüler der
Eleaten war, daß auch sein Relativismus aus der eleatischen
dö^a entwickelt ist. Hatte das Problem der GegensätzUch-
keit Parmenides dazu verführt, die Sinnenwelt als leeres
Wahngebilde zu betrachten, so sucht Protagoras dasselbe
Problem dadurch zu lösen, daß er die Widersprüche und
Wechsel der Erscheinungen aus den Beziehungen des
Menschen zu dem „Dinge an sich" erklärt. Was den Eleaten
gleichsam auf dieselbe Fläche projiziert und darum als
Trugbild, als ein Bild des inneren Widerspruches erscheinen
mußte, teilt sich in seinen Augen, rückt auseinander und
schiebt sich zu einer Perspektive zurecht. Die Widersprüche
bestehen, so lehrt er, weder in den Dingen selbst, noch in
dem Menschen selbst, sie finden ihre Lösung weder in einer
mystischen Vereinigung von Dissonanz und Harmonie,
der Lehre Heraklits, noch in der Unterscheidung eines
reinen, wahren Seins von einer trügerischen Welt der Sinne.
Sie erklären sich vielmehr aus dem wechselnden Verhält-
nis* des Erkennenden zu seinem Gegenstande. So wird der
Erkennende selbst, der Mensch, zum Maße für alles Sein und
Nichtsein; einzig und allein von seinem Zustande hängt es
ab, ob eine Wahrnehmung in ihm entsteht oder ausbleibt,
ob sie so oder so beschaffen ist, ob die Benennungen, die er
den Dingen beilegt, möglich oder unmöglich, wahr oder
falsch, ob sie Swa oder ovx övxa sind. Hatten die Eleaten
aus dem Wechsel zwischen Sein und Nichtsein auf die Falsch-
heit aller Benennungen und Wahrnehmungen geschlossen:
ov yäq äv fieriTtiTtzev, ei äXridrj ijv . . rjv da /bierajiiarj, rd fxkv
idv äjKoXeTo, rd di ovx iov yiyovev (Mel. Fr. 9), so zieht
Protagoras den entgegengesetzten Schluß: ndvicov ;fß?y//dTCüv
fihqov laxlv ävOgcoTto^, Td)v /llev Svtcov c&C Sari, T(bv de ovx dvrcov c&c
ovx ioTiv. Es läßt sich schwerlich daran zweifeln, daß „der
Mensch" in diesem Satze zunächst und ursprünglich, wie auch
bei den Eleaten, generell gedacht war, aber der generelle Sinn
J
— 243 —
des Wortes schloß zugleich den individuellen in sich. Schon
um des Problemes willen durfte hier Protagoras nicht scheiden,
selbst gesetzt, daß er es überhaupt gekonnt hätte; schon
um des Problemes willen mußte er davon ausgehen, daß der
Erkennende, als Genus, etwas durchaus Schwankendes, Viel-
fältiges und in fortwährendem Übergange und Flusse Be-
griffenes sei, und daß der generellen Wandelbarkeit des
Menschen eine unendHche Vielfältigkeit des individuellen
Erkennenden entsprechen müsse. So schien sich ihm die
Relativität aller Erkenntnis ebenso sehr durch das Genus
Mensch wie durch das Individuum zu beweisen. Der Ge-
danke an eine Subjektivierung und Kritik der Erkenntnis
im modernen Sinne lag ihm ebenso fem wie der Wunsch,
die Wirklichkeit der äußeren Welt zu leugnen oder den
Skeptizismus als die einzig mögliche Denkart zu empfehlen.
So ist es nicht verwunderlich, sondern im Gegenteil nur
in der Ordnung, daß er, wiederum als getreuer Schüler
der Eleaten, als Grundlage und Komplement zu seiner Er-
kenntnislehre einer Stofflehre bedurfte, daß er sich selbst
seinen Relativismus nur durch metaphysische Voraus-
setzungen zu erklären wußte. Waren die Wahrnehmungen,
die Begriffe und alle Erkenntnis etwas Schwankendes und
Fließendes, so konnte das nur daran hegen, daß der Mensch,
als Stoff betrachtet, etwas FUeßendes und Übergehendes,
niemals in derselben Form Beharrendes war; und da nach
altem Eleatengrundsatz das Erkennende seiner Struktur
nach dem Erkannten gleich sein mußte, so ergab sich gleich-
falls für das Ding an sich, daß es aller Bestimmtheit bar in
ewigem Flusse begriffen war, zwar alle Möglichkeiten der
Gestaltung und Prädizierung in sich trug, doch niemals
selbst Gestaltungen hervorbrachte. Nur wo zwischen den
beiden Strömen eine Verbindung stattfand, wo von beiden
Gleiches sich mit Gleichem traf, entstand ein Sein, Erkennt-
nis, Urteil, Wahrnehmung und Form, Wenn daher dasselbe
Ding bald groß, bald klein, bald warm, bald kalt, bald süß,
bald bitter erscheint, so folgt daraus nicht, wie die Eleaten
geschlossen hatten, daß alle empirische Erkenntnis falsch
16*
— 244 —
r
sein müsse, sondern im Gegenteil, daß jede Erkenntnis
wahr sein, ja daß der Begriff der falschen Erkenntnis eine
contradictio in adiecto sein müsse. Erinnern wir uns der Mi-
schungen von Dunkel und Licht, die nach Parmenides nicht
nur im Menschen, sondern in allen Dingen ohne Ausnahme,
wo sich zwei gleiche Mischungen begegnen, auch Erkeimtnis
hervorrufen, bedenken wir dazu, daß auch Parmenides nicht
anders konnte als sich zu jedem Stoffe einen Begriff, zu
jedem Begriffe einen Stoff hinzuzudenken, in der dö^a wie in
der cdijOeta, daß sich auch ihm jede begriffliche Operation
als materieller Vorgang, jeder materielle Vorgang als begriff-
liches Phänomen darstellte, so werden wir nicht zweifeln,
wo wir die historische Anknüpfung für die Erkenntnis-
lehre des Protagoras, sofern sie zugleich Stofflehre ist, zu
suchen haben. Der einzige wesentliche Unterschied zwi-
schen ihr und der dö^a ist, daß an die Stelle der Mischungen
der „Fluß" getreten ist; und daß dieser Ersatz der Theorie
an sich nicht eben sehr zum Vorteil war, liegt auf der Hand^.
Die Herakliteer des ausgehenden fünften Jahrhunderts
haben mit Protagoras Problem wie Lösung gemein; auch sie
sind Anhänger der Flußlehre lediglich, weil sie Erkenntnis-
theoretiker und als solche Relativisten sind; i^gaxXeaiCeiv
und Relativist sein ist für Aristoteles dasselbe. Ich glaube,
es versteht sich und bedarf nicht erst der Auseinander-
setzung, daß dieser Relativismus ganz und gar nicht sich als
1 Daß der Bericht des Sextus (Pyrrh. Hyp. I 216) durchaus
zuverlässig ist und nicht etwa von Piatons Theätet abhängt, be-
weisen, von allem anderen abgesehen, die eleatischen Begriffe,
die sich in ihm vorfinden: tprialv oihf 6 dvi^Q Ti)f i^Xfjv ^svarifv elvai,
^so'6ariQ di avr^g awexQ)g ngoaSdaeig ävxl r&v ämxpoQriaeow ylyveadcu
(vgl. Hippokr. de victu I 6 oike ngoaddaicg oike ägjaigiaiog öeofihri
twv fjLBQiwv) Kcd rdq aladijaei^ fjiexaxoa fiel a Bai xe xai dXXoiOvaOai
TzoQd xe i^XtKÜis xai nagd xäg äXkoQ xaxaaxeväg xmv aco/juhcw : dieselben
beiden Arten der Veränderung, die räiunliche und die qualitative,
bei Melissos Fr. 7: d yäg ixegoiovxai . . . äXX' <yööi fiexanoa fitiBfjvai
6vvax6v. Zu dem Argumente von den Altersunterschieden vgl. Bpi-
charnis Fr, 1: 6 fih yäq aöSeS' 6 öi ya /judv q>Blvei . . xai rt) A) «dyeb
xBi^ ö}}m xai VW äXkoi teXiOo/ieg.
-- 24B —
eine natürliche und folgerichtige Fortentwicklung aus der
Lehre von dem materiellen Flusse und Werden aller Dinge dar-
stellt, daß durchaus nicht das erkenntnistheoretische Problem
erst durch das Problem der Materie hat gezeitigt werden
müssen, sondern daß umgekehrt die logische und erkenntnis-
theoretische Frage das war, was hier kommandierte und voran-
ging, daß die Flußlehre nur eine Auslegung und Löstmg dieser
Frage, nichts als eine Folge und Konsequenz war aus dem
Relativismus. Nun ist es Tatsache, daß Heraklit weder eine
solche Flußlehre noch einen solchen Relativismus kennt — das
einzige Fragment, das sich in diesem Sinne mißverstehen Ueße,
das Gleichnis von dem Strome hat in Wahrheit, wie wir sahen,
eine ganz andere Bedeutung — geschweige denn, daß jene
für Protagoras wie für die Herakliteer so charakteristische
Verbindung zwischen Erkenntnistheorie" und Flußlehre bei
dem ächten Heraklit in irgendwelcher Weise angedeutet
oder vorbereitet wäre. Wenn er die Sinne schlechte Zeugen
schilt, so tadelt er an ihnen, daß sie die Einheit im Zwiespalt,
die Identität in der Erscheinungen Flucht nicht wahrnehmen,
wogegen die Herakliteer die Vorstellungen für eine Täusch-
ung erklären, weil sie Beharren und Identität vorspiegeln,
wo nur Fluß und Wechsel sei; das eine ist Kritik der Sinne
und nicht wesentlich verschieden von den Betrachtungen
über die Paradoxie des Weltgesetzes wie Fr. 86: änujrifj öta-
q>vyydvei jurj yiyv(oaxea6cu, das andere Kritik des Denkens, die
die Erkenntnis überhaupt in Frage zieht, das eine zugunsten
des ravröv, das andere zugunsten des etsQoiovaOai.. Kann es
noch größere Unterschiede geben ? Dagegen finden wir alle Be-
dingungen, die für die letzte Vorstufe und Vorbereitung dieser
Theorie zu fordern sind, erfüllt in dem Beweise des Melissos
über die Trüglichkeit der Sinnenwelt (Fr. 8) : doxet de i^/uv rö
X€ deg/biov tpvxQov yiveadai xal xo tpvxQov deg/jidv xal xo axXfjQdv
fjuxXOaxdv xal xo fjuxXOaxdv axXrjgdv xal xo ^coov änoOv^cfxeiv xal ix
fjtrj ^(bvxo^ yiveadai, xal xavxa ndvxa hegoiovoOcu, xal S xi ijv xe
xal S vvv ovöev öfioiov elvai, d}X 8 xe alörjQOi axlrigd^ ithv xcp
öaxx'öXq) xataxQißeoBai ofjLov ^icov, xal XQvooi xal Wo^xal SXXo
8 XI laxvQOv doxei elvai nävy i| ^dax6i xe yfj «ai XlOo^ yiveoOai.
— 246 —
Auch das Allerhärteste, Eisen und Stein, ist zugleich^ etwas
Fließendes, wie umgekehrt das Allerflüssigste, das Wasser,
sich in Erde und Stein verwandelt. Und diese Wandelbarkeit
der Materie, die schon hier als Fluß gedacht ist, die Form-
losigkeit des Stoffes, dessen et&r] eitler Schein und Miß-
verständnis sind (§ 4), dienen schon bei Melissos dem er-
kenntnistheoretischen Satze zur Begründung: äme avfjL-
ßcUvei firjfte oqäv fxrfce xä övxa yivibaxeiv. Hätten diese Hera-
kliteer sich nach ihrer wahren Abstammung benennen
wollen, so hätten auch sie sich Eleaten nennen müssen.
Aber daran hinderte sie die Überschätzung dessen, was sie
von den Eleaten trennte, was im Grunde doch nur eine
Negation war: daß sie den charakteristischen und als das
Wesentliche auch heute noch betrachteten Teil der eleatischen
Lehre, die äXi^eia, verwarfen, um dafür sich aus der eleatischen
dö^a eine neue und eigene Wahrheit zu gewinnen*. Und da
sie nebenbei derselbe hie und da bei den Sophisten auch sonst
auftauchende Wunsch beseelte, der sich bei den Stoikern,
den Erben all solcher sophistischen Neigungen, bis zur
Manie gesteigert hat, der Wunsch, die eigenen Ansichten
durch ältere, womöglich allerälteste Autoritäten bezeugt
zu finden, da sie darum den Empedokles und andere Philo-
sophen aber auch den Musaios und Homer in ihrem Sinne
^ Ich muß gestehen, kein genau entsprechendes Beispiel für
einen solchen Gebrauch des 6/xov zur Hand zu haben; aber wie ich
glaube, muß der Sinn entscheiden.
* Auch was Anaxagoras imd mit ihm die Herakliteer an Bei-
spielen für den Wechsel, die ^ aller Erscheinungen anführen, deckt
sich genau mit Sätzen derBleaten; tpvxQÖv degf^öv Theait, S. 152 B,
jjMav hßvx6v S. 153 B: dieselben Beispiele wie bei Melissos. Und
das Rechenexempel mit den Astragalen stimmt doch gar zu auf-
fallend mit Bpicharms aOiavö/Aevog Xöyog überein: Theait. S. 154 C
doTQayd^jovQ ydig tiov i$, äv fiiv xhTOQag atötotg nQoaeviyx^mq, Ji^elovg
q>afiiv elvca x&v xexxdQcov xal '^fAM^lovg, iäv öi dc&öexa, iXdxrovg xal
'f^fdaeiQ' xal (ydö^ dvexxdv dAAcog Xiyeiv ^ av dvi(et; (Wx iycDye. TL
oihf; äv ae UgcoTayögag iQTßca tj xig äXXog' & Bealxrfte, iaB' önoDg xi
jLisiCov rj nXdov yiyvexai öXkmq tj aö(fjBdv; xl djioxQivet; usw. = Bpicharm :
oL nöx dgiB/jidv rtg JteQiaaöv, cd di Xfjg, ndr ägzuiv, TtozSi/jLetv ^ y>ä(pov
ij xai xäv ^noQXOvaäv Xaßeiv, ^ doxet xd xol y* iB* ftw5rdc dfiev;
— 247 —
auslegten^ und mit derselben Erwartung auch den wahren
Sinn der Wörter zu erforschen suchten — denn Etymologie
und Mjrthendeutung haben beide diesen Wunsch zum Vater —
so verfielen sie auf Heraklit, erblickten in ihm, als dem Gegner
der Eleaten, ihren eigenen Propheten, nannten sich stolz
HqaxXeixevoi imd haben damit bewirkt, daß Heraklit
als Vater der Flußlehre, als Verkündiger des ndvxa gel xal
ovdev fjLhei durch die Jahrhunderte gegangen ist*.
Die Lehre von dem Seienden, in der sich alles Denken
der Eleaten zu erschöpfen schien, war doch nur der ver-
gänglichste imd schwächste Teil ihrer Philosophie: was von
ihr fruchtbar wurde und zu immer neuen Lösungen hin-
drängte, das Problem, dessen Erscheinen zum entscheidenden
Ereignis in der Geschichte des abendländischen Denkens
werden sollte, war die do^a oder das Problem des Wider-
spruchs. Aus ihm haben sich, als Triebe einer Wurzel,
Lösimgen so grundverschiedener Art entwickelt, daß darüber
die Gemeinsamkeit des Ursprungs in Vergessenheit geraten ist.
Und dabei dürfen wir nicht einmal hoffen, mit den Namen
Heraklits, der Herakliteer, Demokrits, Empedokles, Prota-
goras alle Erzeugnisse, zu denen dies Problem anregen
mochte, aufgezählt zu haben. Gibt es auch der Lücken in
der Überlieferung der Vorsokratiker weniger als in den
Überlieferungen anderer Literaturgattungen, so enthebt uns
das doch nicht der Pflicht, wenn nicht mit bekannten so doch
möglichen Ausfällen auch in dieser Überlieferung zu rechnen.
1 Theaitet S. 152 E, 153 C D; Kratyl. S. 402 A B.
• Wenn Piaton im Theätet schreibt, S. 179 B: nal ydg, & Zdh
xQozeg, tuqI xoikcDv xtov ' HqoxXbixbIow, rj mansQ av leyeig 'O/jLtfQslwv,
xal hl naXcuoziQwv, a&iolg fikv roig neqi riiv ''Eq>eaov, Stjot nQOOTtoiovvTai
ifATceiQOi dvai, odSiv /läXlov ol6v xe ötctlBx^^voii ^ TOig olatQ&aiv, so darf
man daraus schwerlich schließen, daß es eine Schule der Herakliteer
in Bphesus gegeben hätte. Ol negl xijv ''Eq>eaov imischreibt die sich
von Heraklit selbst ableitenden 'Herakliteer' zum Unterschiede von
ihren Vorläufern. Auch würde ich aus S. 179 D nicht zu schließen
wagen, daß die Schule sich besonders in lonien ausgebreitet hätte;
vgl. das *EXsaxixdv idvog und die *Id5eg xal Zvxehxal xiveg Movaat im
Sophisten S. 242 D.
— 248 —
Wir stoßen auf eleatische Sätze bei Xeniades aus Korinth,
bei Gorgias, bei dem Sophisten Antiphon^ bei Philolaos^,
bei Diogenes, bei dem Megariker Herakleides, bei den „Ideen-
freunden", die der Fremdling aus Elea in Piatons Sophisten
zusammen mit den Eleaten nennt und deren Lehre ihm aus
seiner Heimat, wie er sagt, vertraut sei^, und wir treffen in
Piatons eigenen Lehren, die er im Sophisten und Theätet
entwickelt, so lebendige Nachwirkungen eleatischer Ge-
danken, daß man mehr darin zu spüren glaubt als bloß ge-
lehrtes Studium des Parmenideischen Gedichts; es wird auch
hier an Interpreten, Weiterbildnem und Vermittlem sehr
verschiedenen Ranges nicht gefehlt haben. Aber die Be-
ziehungen Piatons zu den Eleaten fordern ihre eigene Unter-
suchung; nur zum besseren Verständnis dessen, was Parme-
nides gewollt, und um uns klar zu werden, was es heißen will,
daß ihm die hundert Jahre dialektischer Entwicklung ab-
gingen, die einem Piaton zu statten kamen, sei hier an die Art
erinnert, wie Piaton im Sophisten die Parmenideischen Gegen-
satzpaare ov, ovx öv, xavxov, Oaxeqov (ov xavxov), 0x6.014 xivr}-
0(4 kritisiert, umbildet und sich zu eigen macht. Mag die
do^a noch so sehr im anschaulichen, urstofflichen Denken
1 Fr. 1 &aneQ xal 6 'Avn<p&v iv tq> ngotiQtp ztjg ä^Selas oßto) U-
yojv (Diels: iv z0 Xdyov)* ramd ök yvo'ÖQ taov re aödiv aör^ oike öw
Sfpei ÖQgi [fMotQdtata] oike dw yvcbjj*; ywdxncei 6 /juvegöraxa yivtbaxmv
(so von mir hergestellt; überliefert ist xov xd5e yvo'dg dg h xe oödh
a'dtib) : es gibt in der Welt kein xadiöv und laov, alles ist in besten- [
digem Wechsel; derselbe Gedanke in Fr. 15: e? t*c xaxoQvieie xXtwjv
xal 1} atjJteödjv xov ft;Aov ijüißiog yivoixo, o^« äv yivoixo xUvri dJUct (i5Aof.
* Vgl. oben S. 65 und Fr. 20: ioxi yäg '^ye/zcbv xai ägxfov dnäv-
xcov Bedg elg, äel &v, fjiövifjiog, öxivrjtog, aöxög iavr^ ö/junog, hegog x&v
äXXo)v. Das Fragment scheint mir gut und echt; Subjekt ist selbstver-
ständlich nicht die Siebenzahl, sondern Öedg; auch mit dexTaigOevog
dfMJxcDQ hat es nichts zu tun; I^ydus hängt ab von Phüo, das
Verhältnis ist dasselbe wie bei dem Heraklitfragment A 19.
• Soph. S. 248b: xdx' oihf, & Beahrjte, aföxüiv xifv jcQdg xama änd-
xQiaiv aö /ih ad xaxaxo^eig, iyd> d' taoK diä ovpijBeiav, Ganz anders,
wo Antisthenes in Frage kommt, S. 261 c: invyxdofetg ydq, e5 öeo^
xrjtB, c5g iyq^/uu, noXkdoag xä xotaüta ioTtovdoocöaiv, ivioxe nQeaßvxiQoig
äv$Q<¬g. Hinter der ersten Wendung scheint Platon sich selber
zu verstecken.
J
I
l
— 249 —
t
festgehalten und befangen sein, in ihrem Leitsatze von den
beiden Urstoffen, von denen jeder iü>vra> Tidvroas tcovröv, tq>
& hioq) firi tcovröv ist, steckt doch im Keime schon der-
selbe Gedanke, der den Platonischen Kategorien zugrunde
liegt, Sophistes S. 255 d: nifjmxov &rj rfjv daxdgov qyvaiv Xe-
xvdov iv xol^ eldeaiv o^aav, iv ol^ Ttgoatgov/bieda, NaL Kai dia
TtdvrcDV ye avrrjv avrcbv q)riaofjLev elvai dieXrjXvdvIav (vgl. das
Parmenideische dia nano^ ndvra jieQwvra Fr. ^ 1 |,,,3|L. i bin "* ^akt
ist xä doxovvra, aber das ist nureJLa-^"***^ n:dv
xai ov xavxoVy^fiU^'^ * Ivai
x&v ^^^ xf\^
"VCU
\X
(O
V
V
Lehnten wir es ab, die Seinslehre, wie bisher geschehen,
als Frucht monotheistischer oder pantheistischer Spekula-
tionen zu betrachten, glaubten wir erkannt zu haben, daß
Gott mit dem Seienden erst nachträglich geglichen wurde,
zu einer Zeit, als das Seiende an sich längst entdeckt war, so
bleibt uns zuletzt, nach Überwindung aller anderen Hinder-
nisse, noch die Frage nach dem Ursprünge der Seinslehre
zu beantworten als einer reinen und von theologischen Bei-
mischungen freien IvOgik; einer Logik freilich nicht in dem
modernen Sinne einer Wissenschaft von den Gesetzen gültigen
Denkens, sondern im Sinne einer Methode rein begrifflichen,
grundsätzlich von aller Erfahrung und Anschauung ab-
strahierenden Denkens. Diese Frage fällt zuletzt zusammen
mit der Frage, wie überhaupt der spekulierende Verstand
dazu gelangte, seine Aufmerksamkeit von den Gegenständen
seiner Sinnes- und Selbstwahmehmung weg auf allgemeine
und allgemeinste, abstrakteste Begriffe zu richten und diese
so lange zu fixieren, bis sie ihm unabhängig und zu seinen
]5rfahrungen im Widerspruche zu stehen schienen. Abstrak-
tion ist allerdings Bedingung alles, auch des primitivsten
Sprechens und Denkens. Aber je weiter Sprache und Denken
sich entwickelt, desto mehr verdichten sich, verdinglichen
und potenzieren sich die Abstraktionen, zumal die aus Eigen-
schafts- und Zustandsbegriffen abgeleiteten, desto stärker
neigen diese dahin, sich von den Vorstellungen, aus denen sie
durch Reihenbildung und Zusammenfassung gleicher Merk-
male entstanden sind, abzulösen und zu unabhängigen, rein
— 2B1 —
geistigen Symbolen zu erstarren. Hand in Hand mit ihrer
Hypostasierung geht ihre Ausbildung zur Übernahme kausaler
Funktionen; sie werden Subjekte, sie werden als Kräfte und
Mächte gedacht, sie werden im weitesten Umfange personi-
fiziert, sie werden imter die Götter versetzt. Die Kategorien
des Subjekts und Prädikats, ursprünglich nur für die Wahr-
nehmufigsinhalte ausgebildet, werden auf Abstrakta zweiten
und dritten Grades übertragen. Damit entstehen im formu-
lierten Denken neue Arten der Verknüpfung, die im intui-
tiven, wenigstens im primitiven intuitiven Denken kein
unmittelbar einleuchtendes Gegenbild mehr finden; es bedarf
erst einer Übertragung und Zergliederui^, um einen solchen
in abstracto formtilierten Gedanken in seine intuitiven
Elemente aufzulösen. Und je lebendiger und selbständiger
die Abstrakta werden, desto stärker das Bewußtsein, in ihnen
die größere und der Erfahrung gegenüber unabhängigere
Wahrheit zu besitzen. Endlich kann die Spannung zwischen
dem abstrakten Denken und den Wahmehmungsvorstellun-
gen, auf die sich alles Denken letzthin zurückbezieht, so
groß werden, daß ein Riß entsteht, daß den Abstrakten,
dank der Eigentümlichkeit ihrer Verknüpfung, die Zusammen-
hänge mit den Inhalten, aus denen sie gewonnen sind, ab-
handen kommen, daß sie losgerissen von ihrer empirischen
Verankerung den Boden unter sich verlieren, jede Fessel
der Kontrolle von sich abwerfen, bald mit der Erfahrung
in Konflikt geraten, um nach leichtem Kampfe über sie
den Sieg davonzutragen. So entsteht die Dialektik, welche
immer eine Feindin der Erfahrung und der Sinne ist und nur
durch diese Feindschaft groß wird.
Es liegt in der Natur dieser Entwicklung, daß sich Dialektik
nur da bilden kann, wo die Aufmerksamkeit sich auf solche
Abstrakta hinlenkt, die nicht in Gefahr sind, mit den konkre-
ten Gegenständen, aus denen sie sich herau^ehoben haben,
so bald wieder zu verschmelzen. Solche Abstrakta besitzt
das Griechische in den substantivierten Neutren der Ad-
jektiva und Partizipia: rö xodöv, ro alaxQÖv, ro deg/LLÖv. Wir
mögen sie mit Schönheit, Wärme usw. übersetzen, aber
— 2B2 —
die alten, durch besondere Wortbildung geschaffenen
Prädikatsbegriffe xdXlo^, Oigfirj, aloxo^ werden doch immer
zu leicht noch als gebunden an konkrete Träger vor-
gestellt, als daß sie für das spekulative Denken in Betracht
kämen. Merkwürdig ist dagegen die Anziehungskraft, der
gute wie der böse Zauber, den jene substantivierten Neutra
von jeher auf das Denken ausgeübt haben; es gibt kaum eine
Prinzipienfrage in der älteren griechischen Philosophie, die
nicht, grammatisch betfachtet, sich um eines jener Neutra
drehte: das öjtecQov des Anaximander, das m)xv6v und äQcuöv
des Anaximenes, das eleatische Sv, iv, ßfiotov, ravtöv, das aoq>6v
HerakHts, die QuaUtäten vygöv, StjQdv, Oegfjuiv, tpvxQov usw.^
Was man sich z. B. unter den Qualitäten vorstellte, war frei-
Hch Stoff, aber es war zugleich noch mehr als Stoff. Der Name
dvvdjbiei^, den sie bei den Medizinern führen, besagt an sich
allein schon, daß sie zugleich als hinter und über den
stofflichen Erscheinungen, als höhere Wesenheiten gedacht
wurden, kraft ihrer Allgemeinheit, ihres Rätselwesens, ihres
wechselnden Auftauchens und Verschwindens, kurz kraft
ihrer prädikativen Grundbedeutung. Aber daß man sie nicht
mehr als Eigenschaften, sondern als Subjekte und Mächte
empfand, dafür sorgte der Geist der Sprache, der -sie ge-
schaffen hatte, der Drang zur Subjektivienmg. Konnten
sie es trotzdem zu keinen losgelösten logischen Gebilden
bringen, so lag das an dem zu geringen, auf das Stoffliche
beschränkten Umfange ihrer Bedeutungen. Günstigere Be-
dingungen boten die ethischen Abstrakta dyaßövy xaxöv,
TtaXoVy an denen sich die sokratische Dialektik entwickelt
hat, noch günstigere die tmiversalsten Abstraktionen, zu
denen das ionische Denken schon bei seinem ersten kühnen
Fluge sich erhoben hat, das aneiqov des Anaximander, das
öv des Parmenides.
* Das geht so weit, daß Heraklit Formen wie JcSf xal xeSvrpedg xai
x6 iyQfiyoQÖg xal rd xaBevöov bildet (Fr. 88): ,,Als ein und dasselbe
wohnt den Wesen das Prinzip (oder die Kraft) des Lebens und des
Todes und des Wachens und des Schlafens und des Jungseins und des
Alterns iwie."
*- 263 —
In der Tat beginnt die Logik in dem Sinne, in dem wir sie
faßten, streng genommen schon bei Anaximander. Auch sein
äjteiqov ist freilich Stoff, so gut wie auch das eleatische 8v
noch Stoff ist; aber schon hier wird der abstrakte Begriff,
das Wort, Herr über die Anschauung, indem es sich durch
seine eigene Kraft und ohne Rücksicht auf Vorstellbarkeit
beweist: Aristot. Phys. 7^4 203^ 6 dio xaOdjte^ XiyofjLsv, ov
xomri^ äqxri, akV ccSrt] röjv äXXcov elvai doxsT xal neqiixeiv änavxa
xal ndvra xvßegväv (archaisch), &^ (paaiv daoi fii^ noiovat
Tiagä To ÖJteiQov äXka^ altia^ olov vovv (Anaxagoras) fj q)dlav
(Empedokles), xal xom elvat xo OeioV äddvaxov yag xal
ävcoleßgov, &^ qrrjaiv 6 'AvaSlfiavögö^ xal oi nXeXcxoi xcov
(pvaioXöycDv. Wir wissen zudem aus Theophrast (Fr. 2, aus
Simplicius), daß Anaximander das äneigov als die ägxri xcov
övxiov bezeichnet hat: wobei aqxriy wie sich von selbst versteht,
nicht in dem späteren physikalischen Sinne alsUrstoff , sondern
logisch und begrifflich zu verstehen ist: der Anfang und der
Urgrund aller Dinge ist das Unendliche kraft seiner Unend-
lichkeit, kraft eben seines Begriffs; es ist unsterbHch, unver-
gänglich; da es selber ohne Anfang ist, so müssen alle Dinge,
die einen Anfang haben und endlich sind, aus ihm geboren
sein. Die Art, wie schon hier aus dem Begriffe der Unend-
lichkeit die Prädikate äddvaxov und ävcoXedgov (vermutlich
waren es ihrer noch mehr) entwickelt sind, gemahnt an
die Prädikate des Parmenideischen öv: &^ äydvrjxov iov xal
äv(oXe6g6v( \)i(niv,o'SXov /btovvoyevS^ xe xal äxge/ie^ tjS'axiXeaxo v.
Es ist eine müßige Frage, ob Anaximander an die Unendlich-
keit des Raumes oder der Zeit oder die qualitative Indifferenz
des Urstoffes gedacht habe ; so müßig, wie es ist, zu fragen, ob
Parmenides mit seinem 8v im Grunde die Substanz oder das
logische Sein im Sinne der Marburger gemeint habe. Am
nächsten mag man diesem altertümlichen und uns vielleicht
nie ganz erreichbaren Denken kommen, wenn man dem ,Un-
endHchen* zugleich dynamische Bedeutung gibt; worauf die
angeführten analogen Bildungen wie auch die Überlieferung
am ehesten zu führen scheint. Denn die von Ewigkeit her
zeugende Kraft {xo ix xov aubiov yovifxov degfjiov xe xal tpvxgov
— 254 ^
Fr. 1*), aus der, nach der Wiedergabe Theophrasts, die Welt
in ihrer heutigen Gestalt hervorging {xaxä xriv yheaiv rovde
xov xöajbtov), läßt sich schwerlich anders deuten als auf eben
das »Unendliche*. Und damit übereinstimmend hebt Aristo-
teles seine Kraftnatur hervor, wenn er unter den fünferlei
Erwägungen, woraus dieser Begriff sich habe bilden kön-
nen, anführt: hi reo o'Sx(o^ äv fxövo)^ firi vnoleinew yiveoiv
xai (pdöQav, ei äneigov ett) öOev äq)aiQelTai to yiyvojbievov*
Ebenso Aetius I 3: liyei yovv di^ri ojtiQavxov iariv, ha
fjirjdev iXXsiTtrj ^ ydveoi^ 77 v(punafjLivr}, Parmenides will
Anaximander noch überbieten; er wählt als Prinzip einen
noch höheren, umfassenderen, abstrakteren Begriff als das
Unendliche: das Seiende. Tä Svra, das bedeutete bis
dahin die Gesamtheit aller Dinge, eben das, was man zu
bestimmen, dessen Wesen man zu ergründen suchte: el
Ttdvxa rä 6vxa xcmvo^ yivoixo (Herakl. Fr. 7); xa>v dvrcov Ttdvrcov
Xevaaeaxev Sxacrvov (Empedokl. Fr. 129); ögäv, axoveiv xäövxa
(Melissos Fr. 8); ndvta xä övxa äjid xov avxov exegoiovadcu
(Diogenes Fr. 2); dvdyxa xä eövxa eljLiev Ttdvxa ij neqalvovxa fj
äneiqa (Philolaos Fr. 2). Wenn Parmenides das öv selbst
zum Prinzip erhob und damit die ganze bisherige Frage-
stellung umkehrte, so war ihm auch mit dieser Art der
Umkehr schon Anaximander vorangegangen. Hatte Ana-
ximander geschlossen: die Welt ist unendlich, folglich muß
das Unendliche ihr Ursprung sein, so schließt Parmenides:
die Welt ist — xd iövxa, folglich ist die wahre Welt (denn
auch der Begriff der Wahrheit lag in dem Worte elvai)
— xd iov. Nun aber gab es keine Ableitung, kein Werden
mehr, sollte das Seiende beim Worte genommen werden,
alles mußte aus ihm hinausgetrieben werden, was bisher
darin war, und das war die ganze Welt. Aus dem Unendüchen
konnte das Endliche hervorgehen; aber gab es ein Hervor-
gehen des Nichtseienden aus dem Seienden ? Und gab es in
der Welt ein Ding, das nicht in einer Hinsicht ovx ov war ?
Anaximander hatte in dem Unendlichen den Urgrund alles
Seins erkannt. Ist es nur Zufall, daß die Lehre des Parme-
^ Ich folge der Erklärung Heideis classical Philol. 22, 148.
— 256 —
nides in dem entgegengesetzten Satze gipfelt: daß dem Un-
endlichen ein Mangel, eine Verneinung anhafte, das Seiende
vielmehr begrenzt sein müsse?
oüvexev ovx axeX&ixrixov x6 iov difjii^ elvai'
lern yatQ ovx inidevd^, iov d* äv navxd^ idelro, (Fr. 8,32.)
Ist es nur Zufall, daß Parmenides gerade t^ach. diesem
Satze, wie zu einer letzten Vergewisserung, die Hauptge-
danken seiner- Beweisführung noch einmal rasch durchläuft^,
um dann als letzte Konsequenz aus dem Begriffe der Be-
grenztheit, als all seiner Weisheit höchsten Schluß die
Kugelform zu folgern?
In unserer Zeit, dem Zeitalter der Religionsgeschichte,
mag es eine an sich berechtigte, vielleicht notwendige
Erscheinung sein, wenn man bestrebt ist, auch die Ent-
wicklung der griechischen Philosophie als Wirkimg eines
rehgiösen Triebes, als eine der vielen Formen religiösen
Erlebens zu begreifen und dem Herzen näher zu bringen,
wenn man hinter jedem alten Philosophen einen Mystiker
und Theologen hervorziehen möchte und bei einem
Agrippa von Nettesheim und Jakob Böhme Aufschluß
über das Geheimnis sucht, das in dem Denken eines
Anaximander oder Parmenides für uns verborgen Hegt.
Im Anfange, so argumentiert man, war das religiöse Erleb-
nis; nur aus ihm konnte die Idee des Absoluten entstehen,
die alsbald sich alles wissenschaftHche Denken unterwarf:
des All-Einen, des Unendlichen, des IvOgos oder wie immer
man es nannte ; erst allmähHch habe sich das Erkennen aus der
Totalität der Gemütskräfte, in denen es gebunden lag, be-
freit und sich zum eigenen Zweckzusammenhang herausge-
* V. 36 ff. ist so zu verbinden:
ovöiv yag <fl> iativ ij Sarai
äUo ndgeS rov iovxoQ' inei x6 ye Moiq* ini&riaev
o^Xov dxivrizdv t' ijuevai, t4> ndvz' dvofji(a) iazm,
öaaa ßgorol xaxiBevxo neTtoiBoreg elvai dXriOfj,
T$ im Nachsatz wie z. B. Od. y 224,
— 2B6 —
bildet. So hat man denn aus einer reinen Konstruk-
tion, im wesentlichen Zellers Konstruktion der vorsokrati-
schen Philosophie, Gesetze für die Entwicklung menschlichen
Denkens überhaupt abgeleitet. Mag sein: folgte Parme-
nides, der IvOgiker, auf Heraklit, den Mystiker, war beider
Vorgänger Xenophanes, der radikalste Theologe, den das
Altertum hervorgebracht, und dürfen die Milesier, Anaxi-
mander und Anaximenes, als nächste Geistesverwandte
HerakHts betrachtet werden: mag sein, daß dann der Versuch
verlocken kann, den Ursprung der Philosophie im Geiste
der Mystik zu entdecken. Abei: diese Konstruktion ist in
sich selbst zusammengebrochen und mit ihr die Hoffnungen,
die auf ihr ruhten. Parmenides, der keinen Wunsch kennt
als Erkenntnis, kein^ Fessel fühlt als seine Logik, den Gott
und Gefühl gleichgültig lassen, so sehr, daß es uns befremden
will, erweist sich als Vorgänger Heraklits und nächster
Nachfahr Anaximanders. In der mystisch-rehgiösen Inter-
pretation der Welt kommt keine das Erkennen aus sich selbst
erzeugende noch zur Erkenntnis hindrängende Kraft zum
Vorschein, sondern eine Gegenströmung, die, auf neue Ziele
hinarbeitend, sich derselben geistigen Mittel bedient, die durch
die entgegengesetzte, kritisch-antireligiöse Weltbetrachtung
erst frei und verfügbar geworden waren. Wie im Geiste
Piatons die Begriffsphilosophie, so hat sich im Geiste Hera-
klits die lychre von den Gegensätzen in ein Werkzeug um-
gewandelt, um das Verlangen nach UnsterbUchkeit und Auf-
nahme des Göttlichen im Menschen zu erfüllen, aber weder
die eine noch die andere hat in diesem Verlangen ihren Ur-
sprung. Mit Heraklit beginnend, greift diese Bewegung einer
religiös gerichteten Spekulation, vermittelt durch das Pytha-
goreertum, auf Piaton, Aristoteles und die von diesen ab-
hängigen Schulen über, während der Hauptstrom, jeder reli-
giösen und moraUschen Rücksicht bar, von jedem Argumente
des Gefühlesunabhängig, seinen vorgezeichneten Weg im Geiste
rücksichtslosester Zergliederung verfolgt, den Weg, den ihm
Parmenides und Anaxagoras, Empedokles und Demokrit
gewiesen haben. Die Frage, welcher der beiden Gruppen
— 267 —
Anajdmander und Anaximenes zuzurechnen seien, kann zu
beantworten nicl\t schwer fallen. Die angebliche Moral
im Weltbilde Anaximanders beruht doch nur auf einem Miß-
brauch, den man sich mit Theophrasts Bericht zu treiben
gestattet (Fr. 9) : i^ &v 6k fi yiveal^ iari rol^ oiciy xai r^v
(pOogav fiec ravra ylveoOcu xaxä rd xQSibv * diööval yäg avrd dlxrjv
xal xlaiv dXyjXoi^ rtj^ oAixlac xaxä xfjv xov xqövov xdSiv,
noirixvxmxiQoi4 oikco^ ovöfiaaiv avxä Xiycov. Das sollte, wie uns
Theophrast ausdrücklich selbst versichert, nur im Bilde ge-
sprochen sein; es ist ein Beispiel des erhabenen Stiles, der
Anaximanders Buch auszeichnete. Als Herrschen und gegen-
seitiges Überwältigen stellt sich die Weltwerdung der Stoffe
und Gestaltung aller Einzeldinge dar noch in den Augen des
Empedokles (Fr. 26) :
iv de fjLiqet xqaxeövai mquiXofJiivou) xAxXou) . . .
slaöxev Sv avf/xp'iyxa xd näv inive^e yivtjxaL
So stellt sich das Gesetz der Reziprozität im Werden und
Vergehen aller Einzelexistenzen in Anaximanders Augen
dar im Bilde der Talion, als Ausgleich zwischen Geben und
Empfangen, Schuld und Buße; und wie hätte er es anders
auch ausdrücken sollen ? Aber gibt uns das ein Recht, das-
selbe Bild zugleich auf die Verschuldung aller Kreatur vor Gott
zu deuten und darin das erste Aufdämmern einer sittlichen
Weltanschauung zu begrüßen, nach der alles, was entsteht,
wert ist, daß es zu Grunde geht ? Seltsam dann nur, daß alles
Übrige, was wir von Anaximander wissen, gar so wenig mit
diesem Gefühlston harmoniert. Und sollte man nicht über-
haupt für das Verständnis dieser alten Philosophen mehr da-
mit gewinnen, daß man sie als Zeitgenossen des Hipponax
zu begreifen sucht statt als Zeugen eines Geistes, der die
deutsche Romantik oder die Mystik der Renaissance durch-
weht?
Reinhardt, Pftrmenidas. 17
SACHREGISTER
dyaSög 128 ff.
ÄhnUchkeit 104 ff.
Alexander von Aphrodisias 92 f.,
97. 170.
Alkimos 119.
Alkmaion. Wahmehmungstheo-
rie 76, Qualitäten und Gegen-
sätze 227 f., 239, 240, Verhält-
nis zu Heraklit 229, zu den
P5rtliagoreem 231 f.
Anaxagoras, fxelyfJia 75, Qualitäten
225, vovq 222.
Anaximander, äneigov 74,- 253 f.,
Rückgang des Meeres 146.
Anaximenes 74, 175.
Antiphon der Sophist 428.
äjtoXeljteiv 209.
Apollodors Chronik 156.
dgenj 128.
Aretes, Astronom 183.
Aristobul 113.
Aristophanes Wolken 139.
Aristoteles und die Vorspkratik
98 ff., 102, 168 f., Lehre von
den Quahtäten, Protreptikos 99.
[Aristoteles] de Melisso Xeno-
phane Gorgia: de Gorgia 36 ff.,
de Melisso 90 f., de Xenophane
92 f.
Aristoxenos 198.
Begriff und Stoff 24, 29, 32, 75,
78 ff., 121, 204, 244.
Berossos 184.
Blitz als SdiJcksalsmacht 199.
XQfjv in der Aufforderung 7 f.
XQecoxoneXv 235.
XQBoxoTtldm 235.
öidxoafxoQ 175.
Demokritos, v6/Äog und q>'öatc 85,
Mixgdg öiäxoofjiog 88. 99, Ethik
und Erkenntnistheorie 85 f.
Dialektik, Ursprung und Ent-
wicklung 104 ff., 107 ff.. 250 ff.,
deduktiver Beweis 111, Induk-
tion 120 f.
Dialexeis 142.
Diogenes von Apollonia 105, 225,
248.
Diogenes von Babylon 184, 188 f.,
190.
ÖoxifjiQ>aai 6 ff.
öoioxönog 235.
dwdfjLBiQ, siehe Qualitäten.
Elemente und Quahtäten 223 ff.
Empedokles, Komposition 52 ff.,
poetische Form 154, Streit und
Iviebe 222, Kosmogonie 15 f.,
75, Ivehre von den vier Ele-
menten 227, Gottesidee in den
Katharmen 143, Personifika-
tion der Gegensätze 236 ff.
Epicharm und die Eleaten 48,
118 ff., Philosophenkomödie
120 f., 138 vgl. 48, Charakter
seiner Kunst 139.
Epikurs Schätzung der schein-
baren Sonnengröße 237.
Ethische Probleme bei Xenopha-
nes, Theognis, Simonides 127 ff.
Eudoxos 148.
Euripides, paraphrasiert die Sil-
len des Xenophanes.94 f.
17*
260 —
Farbenlehre 73 f.
rfJQas in der Kosmogonie des Par-
menides 17.
Gorgias, Verhältnis zu den Ele-
aten 36 ff.
Gegensätze 70 f.. 202 ff.. 236 ff..
247 f.
yepeai 191 ff.
Großes Jalir 183 ff.
Hekataios 157.
Herakleides von Megara 248.
Heraklit, Chronologie 155 ff.,
221 ff.. Komposition 60 ff..
göttliches Prinzip 205 f., großes
Jahr 183 ff., yeveal 191 ff. und
Parmenides 64 ff., 201 ff., und
Stoa 169 ff. usw.
Herakhteer 207 f.. 241 ft.
Hippasos 229.
Hippias von Elis 137.
Hippokratesnegl dicärtig (VI 474 L)
19 f., 56 ff., 84, 216, TtegüßSo-
fAÖdcov 228, negi oaQH&v 227,
negl ädgcov i^ddtcov xöntov 143.
Hippolytos Philosophuniena.
Quelle des 9. Buches (c. 9 u. 10)
168 ff.
Hippon 228.
Jamblichos Pythogoreerkatalog
231.
Identität, siehe taötöv,
Inder imd Bleaten 65, 153, 221.
Infinitiv epexegetisch 132.
Ion von Chios 132.
Ion der Rhapsode 136.
xoTtorexp^a 235.
Kassandros, Astronom 190.
xajakifißdveiv .verurteilen' 165 f.
Klemens von Alexandria 48 f.,
163, 170 ff.
xojäg, xdmg, xojäCeiv 233 ff.
Korax und Tisias 139.
xöafAog 50, 170, 174 f.
xQadatvsiv 112J.
Kratyk)S 207, 241 ff.
Lehrgedicht, Komposition 52 ff.
Ai^Bfj in der Kosmogonie des Par-
menides 17, 23.
Leukippos 85.
lyinos 185.
licht und Dunkel in der Kosmo-
gonie des Parmenides 13, 18 ff.,
23. 73.
?.6yog bei Heraklit und den Ble-
aten 62, 217 ff.
Medizin und Philosophie 226 ff.
Melissos, Beweiskunst 42 Teile
seiner Schrift 71 f., Verhältnis
zu Parmenides, 2^non. Xeno-
phanes 107 tf., zu Heraklit 203.
jLietanhrreiv 85, 203.
Monotheismus und Seinslehre
108. 113, 114 ff.. 143, 152 f..
240.
Neanthes 198.
Noetianer 158 ff.
vöfwg und q>vaig, Geschichte der
Begriffe 82 ff., vö/juk bei Par-
menides 27, 30 ff., 87 f., bei
HerakHt 215 ff.
ö/ÄOiov 104 ff.
Orpheus 185.
Orphik 192, 196 ff., 240 f.
Pantheismus 116 ff., 122 f.
Parmenides, Komposition 59 ff.,
poetische Form 154, mytholo-
gische Bittkleidung 67 f., Proö-
mium 27, 111, Verhältnis der
beiden Teile des Gedichts 5 ff.,
69, 78, die drei „Wege der
Forschung" 35 ff.. 78. die
„SterbHchen" 66. die „Doppel-
köpfe" 68 ff., Sinn der Doxa
24 ff., 69 ff., 87 f., Bedeutung
der göttiichen Gestalten in der
Doxa 17 f., 24, 238, Verhältnis
zu Hesiod 17 f., Wahmeh-
mungstheorie 21 ff., 76 ff., Sin-
neserkenntnis und Logoser-
kenntnis 23, Verhältnis zu
— 261 —
Heraklit 64 ff., 208 ff., zu Xe-
nophanes 100 ff., 152, Him-
melskränze 10 ff., 71, Zonen-
lehre 147 f.
Petron von Ägina 228.
Philistion von Lokroi 226.
Philolaos, Datierung 65 f., Ver-
hältnis zu den Bleaten 65, 248.
Piaton und die Bleaten 37 f., 115,
248 f., und die HerakHteer 207,
241 ff., philosophische Ent-
wickhmg 80, 256, Kategorien-
lehre im Sophistes 248 f.
Plutarch de defectu orac. c. 11,
Quelle 185 ff. vgl. S. 198.
Polemon atrßoHdnaig 235.
Porphyrios 105.
Poseidonios 33. 147 f., 165.
ngay/iaroxoneiv 235.
nQaftxojteiv 235.
Protagoras, Homo mensura-Satz
88, 242 ff.
Jtvwöv, dQai6v 15, 224 f.
Pythagoras 141, 157, 231 ff.
Pythagoreer 185, 231 ff., Kate-
gorientafel 239.
Qualitäten 223 ff.
Rhapsoden 136.
vSarambos 234.
Simon Magus, fxeyöXti djzötpaoig
161 ff.
vSimonides an Skopas 129 ff.
vShnplikios 44 f., 170, Quellen 92f.
Uicomj 238.
Sophistik 137, 142.
Sotion 155.
Sprachtheorie 86, 88.
cftfßoH^sioi 235.
Stoiker, Stoffqualitaten 226,
Heraklitinterpretation 164 ff.,
187 ff.
xa^dv Hoi &ö xa^ov 32, 51, 70.
78, 80 f., 114 f.. 210, 204, 207,
iv Tat$r4) fiivBW 114, diä x(ä»
aöxmv 123.
Bdvaxog in der Kosmogonie des
Parmenides 17.
Theismus 143.
Theognis 130 f.
Theophrast als Doxograph 10 f.,
171 f., 191, 208, Quelle des
Simplikios 92 f.
"YTtvog in der Kosmogonie des
Parmenides 17.
Varro 188, 197.
Xanthos 146.
Xenophanes, Rhapsode 134 ff.,
Bedeutimg seiner aog>ia 140,
doxographische Überlieferung
89 ff., Verhältnis zwischen Silr
• len imd Lehrgedicht 94 f., 144,
Ghederung des Lehrgedichtes
117, Physik 145 ff., Ethik
127 ff., Theologie 113 ff., 143,
152 f., Beobachtungen über die
Verschiedenheit der Gottesvor-
stellungen 82, 142, Verhältnis
zu Parmenides 100 ff., zu Ana-
ximenes 147.
Zenon 106, 107 f.
Zonenlehre 147 f.
STELLENREGISTER
Die Buchstaben ABC mit den Zahlen dahinter verweisen auf
Diels Fragmente der Vorsokratiker.
Achaios (S. 749 N) 234.
Aisdiylos (Prom. 1045) 112, (Fr.
464) 113.
Alkmaion A (4) 229, B (1) 118,
(4) 227 f.. 240.
Anakreon (Fr. 94) 133.
Anaximander (9) 257. (15) 253.
Anaximenes B (2) 175.
Anaxagoras A (48) 176, B (4) 225,
(8) 174, (12, 15, 16) 225.
Antiphon der Sophist B (1) 248.
Areios Didymos (S. 464 Diels)
170 f.
Aristoteles (Metaph. A 1074a 38)
99, Meteor. (B 362 b 5 ff.) 148.
Augustin de civ. dei (XXII c. 28)
197.
Censorinus (18, 11) 183 ff.
Demokritos A (1. 58 135) 85, B
(278) 85 f.
Dialexeis (c. 2) 142.
Diogenes von ApoUonia B (5)
105, 226.
Empedokles A (29) 155, B Lehr-
gedicht (9) 86, (17) 53 f.. 209,
(17, 21) 48, (35) 15 f., Kathar-
moi (122, 123) 236 ff., (133, 134)
143, (135) 83, 142, (Pamienides
B 20) 46.
Epicharm B (1) 122 ff., (2) 114,
119 ff., 138. 238 f., 244, (4) 222,
(12) 48, 212, (15) 121.
Kuripides (Hec. 798) 83. (Herc.
1341 ff.) 94.
Gorgias B (3, 67 f.) 37 f.^. (3, 75)
44.
Herakleitos A (1, 7 ff.) 171 ff.,(l,
9 ff.) 181 ff., (5) 172, 191, (10)
191, (13) 183 ff.. (19) 191 ff.
^ (1) 61. 216 ff., (2) 61, 213. 216.
220, (3) 237, (6) 177, (7) 180
(10) 209, (12) 61, 177, (14) 168,
(15) 180. (16) 179, (17) 61, 214,
(18) 62, (20) 195, (21) 216, (23)
204, (26) 215. 217, (28) 9, 167f..
206. 236. (30, 31) 170 ff., (32)
62, 206. (34) 61, 63. 215, (36)
194, (40) 156. (41) 62. 200 f..
206, (48) 210, (49a) 62, 209.
(50) 61, 206, 219, (53) 206. 214.
(54) 179. (55) 213. (56) 206. 214.
233, (57) 233, 237, (58) 204, 239.
(59) 62, 239, (61) 180, 239, (62)
179, 196. (63) 193. (64) 163, 198.
(65) 164, (66) 164 ff., (67) 203.
206, 210 f., (72) 214, 220, (75)
195. 237, (77) 179, 194, (78) 201.
206, (80) 206. (81) 233 ff.. (82)
237. (84) 194, 237, (85) 196, (86)
63. 213, 245, (88) 179 ff., 203.
237. 252, (89) 175, 216, (90) 179.
(91) 207f., 210, (94) 177, (98) 195,
(99) 180, 182. (101) 220. (101a)
213.(102)180. 206. (103) 211 ff.
1 Bei Sextus adv. math. VII 67
ist zu schreiben : el yäg td fiij dv
Satt <fiii Sv>, . . .
263
(106) 177, (107) 213. (108) 63.
205, (111) 195, 204, 237, (112)
217, 223, (113) 214, (114) 215,
(116) 214. (119) 196, (120) 182,
(123) 88, 223, (124) 216, 223,
237, (125) 237, (126) 203, 211,
223 ff.. (129) 233 ff. C 1 [ =Hip-
pokrates de victu I] (c. 6) 57 ff.,
(c 7) 58 f., (c. 11) 84, 216, 238.
Herodot (III 38) 82, 142, (IV 39)
87.
Hippokrates negl aoQx&v (c. 2) 227,
juqI ißö, (c. 13, 15) 228, siehe
Herakleitos C.
Hippolytos Refutationen (I 4, 2)
155, (IX 9, 10) 158 ff.
Ion B (1) 132.
MeHssos A (5) 43, 90 ff. B (2) 211,
,(7) 91, 210, 212, (8) 42, 203, 209,
245 f.
Orpheus B (19) 198 f.
Parmenides A (5) 154, (22) 14,
(37) 10 ff., 14 iL, 17 f., (43) 21,
(44a) 147 f., (46) 21 f., 238, (52,
53) 21. B (1, 28 ff.) 5 ff., 31
(1, 32) 249, (1, 33 ff.) 33 ff., (1,
35) 212, (Verhältnis von 1,
33 ff., 8, 1 und 6) 45, (2) 48 f.,
174, (3) 60, (5, 5 ff.) 64, (6) 59f.,
(6, 8) 87, (8, 3) 211, (8, 5—21)
39 ff., (8, 36 ff.) 255, (8, 40) 209,
(8, 50 ff.) 25 f., 69 ff., (8, 56
Sdiolion) 73, (9) 31 f., (12)
12 ff., (13) 18, 19, (16) 77 ff.,
(20) 46.
PhüoiaosB (2) 65,(17) 123,(20)248.
Pindar (Fr. 169) 83.
Piaton Krat, (402A) 207, Soph.
(242D) 155, Theät. (152 B.
153 B, 154 C) 246, (179 B) 247,
(255 D, 256 A) 249.
Plutarch de def ectu orac. ( 41 5 D f f . )
185 ff., 198.
Protagoras A (14) 244.
Pythagoras (8) 198.
Pythagoreische vSchule B (5, 30)
239.
Servius zu Verg. Bei. (IV 10) 185.
vSextus adv. math. (VII, 67) 37.
262 Anm.
Sinionides (Fr. 5) 129 ff.
Strabo (I 94) 147 f.
Themistios Paraphr. Arist. (231,
8 Sp.) 167 f.
Theognis (129) 131, (384 ff.) 130.
Theologumena Arithmeticae (>S.
40 Ast) 198.
Timon (Fr. 59) 99.
Xenophanes A (11) 137 f., (28)
93 ff., (30) 98 f., (31) 101, (32)
94, 101, 124, (33) 92 f.. 101.
145 f., (34. 35) 101, (36) 101,
117, (38, 40, 41, 41a, 43) 149.
(52) 141. B (1) 126 ff., (2) 134.
(3) 135, (6) 135, (7) 141, (8) 135,
(25, 26) 112, (27) 118, (28) 147,
(29) 118, (30, 32) 150, (34) 118,
151, 154. C (1) 94 f.
Zenon A (13) 105.
BERICHTIGUNGEN
S. 106 Zeile 8 von oben tilge das zweite ijaf{
S. 105 „ 15 ,, ,, lies äyhv[c6f9 xb xal
S. 113 ,, 5 ,, ,, „ nvBvfjM
S. 146 ,, 1 ,, unten „ Damit war
S. 148 Anm. Zeile 4 von unten lies Meteor. B 362 b 5 ff.
S. 155 „ 2 „ 4 ,, ,, ,, Philosophumena I 4. 2
S. 170 „ 1 ., 6 „ oben „ S. 172 Anm.
S. 216 „ 1 „ 2 ,, ,, „ xoijAiofihcov
S. 228 „ 1 ,, 4 „ „ „ 'öygdv
S. 254 ,, 1 lies Proceedings of the Amer. Academy of Arts and
Sciences Voi. XI^VIII vS. 681 ff. (Vgl. Berl. Phil. Wo. 1915
S. 452.)
Verlag von Friedrich Cohen in Bonn
Arbeiten aus dem Akademischen Kunstmuseum in Bonn:
I. Bieber, M., Das Dresdner Schauspielerrelief • Ein Beitrag
zur Geschichte des tragischen Kostüms und der griechi-
schen Kunst. Mit 19 Textabbildungen . . . M. 4. —
II. Heinemann, M., Landschaftliche Elemente in der griech.
Kunst bis Polygnot. Mit 19 Textabbildungen M. 4.—
Buecheler, F., Philologische Kritik M. 1.—
De M. Valerio Probo Berytio capita quattuor accedit reliquiarum
conlectio scripsit Jos. Aistermann M. 6. —
Führer durch das Provinzialmuseum in Bonn:
I. Die antike Abteilung. Von Prof. Dr. Hans Lehner.
Mit 32 Tafeln M. 2.—
II. Die mittelalterliche und neue Abteilung.
Von Dr. Walter Cohen. Mit 34 Tafeln . . M. 1.—
IIL Katalog der Gemäldegalerie. Von Dr. Walter Cohen.
Mit 103 Tafeln M. 2.—
Lehner, H., Das Provinzialmuseum in Bonn. Abbildungen seiner
wichtigsten Denkmäler. I.:Die römischen Skulpturen M. 1.50
Loeschcke, 0., Die Enthauptung der Medusa. Ein Beitrag zur
Geschichte der griechischen Malerei M. 2. —
Petersen, E., Die attische Tragödie als Bild- und Bflhnenkunst.
Mit zwei Tafeln und einem Textbild M. 16. —
Umbrica interpretatus est Fr. Buecheler M. 7. —
Usener, H., Die Sintflutsagen . . M. 8. —
Usener, H., Das Weihnachtsfest, 2. Auflage M. 10.—
gebunden M. 11. —
Wilcken, U., Ober Werden und Vergehen der Universalreiche
M. 1.50
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